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geschrieben 2017 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 07.09.2017. Rubrik: Unsortiert


Der Vertrauensbeweis

Als Werner im Alter von achtzig Jahren starb, brach für seine zwei Jahre jüngere Frau Helene eine Welt zusammen. Fünfundfünfzig Jahre lang waren sie glücklich verheiratet gewesen, hatten drei Kinder großgezogen und später das Aufwachsen ihrer Enkel und Urenkel miterlebt. Zum Glück wohnten die jungen Familien allesamt im Umkreis von wenigen Kilometern und kümmerten sich um Helene. Diese wiederum versuchte, sich von der Trauer abzulenken, indem sie regelmäßig die Urenkel beaufsichtigte.
Dennoch vermisste sie ihren Mann schmerzlich. Tatsächlich waren sie das gewesen, was man ein Bilderbuch-Ehepaar nennen könnte. Nur in einem einzigen Punkt waren sie nicht derselben Meinung gewesen, und das war die Politik. Werner bevorzugte eine andere Partei als Helene. „Unsere Ehe ist eine Koalition“, scherzten sie stets.

Ein Jahr nach Werners Tod fand wieder eine Wahl statt. Für Helenes jüngste Enkelin Anna war es die erste, an der sie teilnehmen konnte. Anna wohnte im gleichen Wahlbezirk wie sie. „Sollen wir zusammen zum Wahllokal gehen, Oma?“, fragte die 19-Jährige.
Helene freute sich. „Danke, das ist eine gute Idee! Sonst hätte ich allein hingehen müssen. Letztes Mal war Opa ja noch da. Er nahm das Wahlrecht immer sehr ernst und wollte auch keine Briefwahl machen, sondern mühte sich mit seinem Rollator zum Wahllokal. ‚Solange man es noch kann, sollte man hingehen. Das ist feierlicher, als am Küchentisch einen Zettel auszufüllen‘, sagte er. Zum Glück ist unser Wahllokal barrierefrei, sonst wäre es natürlich nicht möglich gewesen.“
„Cool! Ich bin schon ganz gespannt auf meine erste Wahl.“

Tatsächlich holte Anna ihre Großmutter am Wahltag zur verabredeten Zeit ab, und beide gingen zu dem Schulgebäude, in dessen Erdgeschoss sich das Wahllokal befand. Anna war ihre Aufregung anzumerken, aber alles klappte bestens. Als beide ihre Bürgerpflicht erfüllt hatten und auf dem Heimweg waren, fragte Helene ihre Enkelin: „Kommst du noch zu mir? Ich hab Apfelkuchen gebacken, den magst du doch.“ Freudig sagte Anna zu.

Wenig später saßen die beiden bei Kaffee und Kuchen in dem gemütlichen Wohnzimmer, wo Anna sich schon zu Lebzeiten ihres Opas wohlgefühlt hatte. Viele Fotos an den Wänden erinnerten an ihn. „Ja“, sagte Helene, „ich war froh, dass du mit mir gegangen bist. Es war alles so anders heute…“
„Sicher, die erste Wahl ohne Opa“, nickte Anna mitfühlend.
„Nicht nur, weil er nicht mehr dabei war, sondern auch –“ Helene brach plötzlich ab und biss sich auf die Lippen. Anna schaute sie fragend an.

Verlegen lächelte Helene. „Ich glaube, du bist jetzt neugierig geworden. Da erzähle ich dir lieber alles. Obwohl es eigentlich ein Geheimnis bleiben sollte. Du weißt, dass Opa und ich unterschiedliche politische Ansichten hatten?“
„Ja, und ich fand es immer toll, dass ihr euch trotzdem so supergut verstanden habt.“
„Weil wir uns liebten! Liebe und Vertrauen sind das Wichtigste in einer Ehe. Und weil wir uns so absolut vertrauten, haben wir vor ungefähr zwanzig Jahren als Beweis unseres Vertrauens einen Pakt geschlossen. Bei Wahlen wählte jeder die Partei des anderen.“
„Wow!“, entfuhr es Anna.
„Das war natürlich riskant, denn man konnte ja nicht kontrollieren, ob der andere sich ebenfalls an den Pakt hielt. Einmal, als beide Parteien in den Umfragen gleichauf lagen, war ich tatsächlich versucht, meine eigene anzukreuzen. Aber ich wusste, dass ich meinem Mann dann nie wieder in die Augen hätte sehen können. Später sagte er, ihm sei es genauso ergangen.“
„So etwas habe ich noch nie gehört!“
„Wahrscheinlich ist eine solche Absprache sogar gesetzwidrig. Aber in unserem Fall kam dabei ja dasselbe heraus, wie wenn wir normal gewählt hätten, und für uns war es ein Vertrauens- und Liebesbeweis. Ja, und deshalb war die heutige Wahl so ungewohnt für mich. Zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten kein Stimmentausch… Am liebsten hätte ich zu Opas Gedenken noch einmal seine Partei gewählt, aber das wäre ihm nicht recht gewesen.“
„Danke, Oma, dass du mir das Geheimnis anvertraut hast. Auch ich verrate dir jetzt etwas“, sagte Anna. „ICH habe Opas Partei gewählt.“

Helene war überrascht, denn insgeheim hatte sie gedacht, dass ihre Enkelin eine dritte Partei bevorzugt hätte. Sie lachte erleichtert. „Dann ist stimmenmäßig ja alles beim alten geblieben!“
Anna freute sich, die Großmutter so fröhlich zu sehen. „Und nun“, sagte Helene, „wollen wir nicht mehr über Politik reden. Iss noch ein Stück Apfelkuchen!“

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