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geschrieben 2017 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 11.09.2017. Rubrik: Unsortiert


Alte Freunde

An jedem ersten Dienstag im März, Juni, September und Dezember trafen die alten Schulfreunde Paul und Lothar sich in der Eckkneipe. Zuerst war auch noch ihr früherer Mitschüler Max dabei gewesen, doch dieser war vor fünf Jahren verstorben. Nach seinem Tod hatten Paul und Lothar – beide schon im Rentenalter – kurz erwogen, die vierteljährlichen Treffen einzustellen, konnten sich dann aber doch nicht dazu entschließen. Es war halt zu nett, beim Bier zusammenzusitzen und „vom Hölzchen aufs Stöckchen“ zu kommen: Erinnerungen, Familie, Fußball, Politik…

Eines Tages betraten drei Männer mit ostasiatischen Gesichtszügen die Kneipe. „Chinesen“, sagte Lothar mit Kennermiene.

„Ach ja, du hast ja mal in China gearbeitet“, erinnerte sich Paul, der keinen Ostasiaten vom anderen unterscheiden konnte. „Du hast ja sogar Chinesisch gelernt. Das soll doch die schwerste Sprache der Welt sein.“

„Naja, einfach ist es nicht. Aber ich war sehr motiviert, Chinesisch zu lernen, und hatte daher Erfolg. Beim Sprachenlernen kommt es immer auf die Motivation an.“

„Stimmt“, sagte Paul. „Nur Kleinkinder lernen Sprachen automatisch. Später muss man sich für eine Sprache regelrecht begeistern, um sie lernen zu können. Sonst klappt das nicht.“

„Weißt du noch, in unserer Klasse? Die Mädels waren besser in Englisch, weil sie für die Beatles schwärmten, und wir Jungs waren besser in Französisch, weil wir für Maryse schwärmten.“

Paul schmunzelte.

„Maryse war damals der Star in unserer Klasse“, fuhr Lothar fort. „Eine echte Pariserin! Wie war sie eigentlich in unsere Stadt gekommen? Ich erinnere mich im Moment nicht mehr.“

„Ihre Mutter stammte von hier und war nach der Scheidung in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Mit der Tochter, die zweisprachig aufgewachsen war und sich daher sprachlich schnell hier einlebte. Trotzdem wirkte sie sehr französisch.“

Lothars Erinnerungen kehrten zurück: „Nach dem Abitur hat Ralf, dieser Draufgänger, sie ja sofort geheiratet. ‚Ehe auf Probe‘ war zu jener Zeit ja noch nicht üblich. Er war damals der einzige von uns gewesen, der sich getraut hatte, ihr einen Antrag zu machen. Ein Jahr später ist er dann mit seinem Motorrad tödlich verunglückt. Das Baby der beiden war erst einen Monat alt.“

„Ja, die kleine Yvonne. Die ist inzwischen selber zweifache Mutter und wird demnächst Oma.“

„Wie die Zeit vergeht!“, sagte Lothar.

Paul sah zur Wanduhr hinüber. „So, ich muss jetzt leider gehen. Du weißt ja, wie meine Frau ist. Um Punkt sieben erwartet sie mich zum Abendessen. Von wegen Laissez-faire! In dieser Hinsicht ist Maryse leider ganz deutsch geworden. Also, alter Freund, mach‘s gut! Bis zum nächsten Mal!“

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