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3xhab ich gern gelesen
geschrieben von Michael Braun.
Veröffentlicht: 31.08.2020. Rubrik: Unsortiert


Diese Welt dort draußen

Meine nette Nachbarin hat mir gerade die Einkäufe vorbei gebracht, die sie gestern für mich erledigt hat. Ich neide ihr ein wenig ihre Jugend und gewöhne mich langsam an ihre grün-blau gefärbte Haarfrisur mit der kurzgeschorenen, linken Seite. Aber gut, dass es sie gibt.
Vivien studiert Germanistik, und wenn sie Zeit hat, koche ich uns Kaffee und wir unterhalten uns über Bücher. In erster Linie ist sie mein Kontakt nach Draußen, denn ich habe schon seit Monaten nicht mehr das Haus verlassen.
Seit im Herbst letzten Jahres die Unruhen begonnen habe, bin ich nicht mehr vor dir Tür gegangen. Damals hatte mir ein älterer Herr vor dem EDEKA meine Schutzmaske vom Gesicht gerissen, mich wüst beschimpft und geohrfeigt. Völlig verängstigt war ich danach nach Hause geflüchtet und hatte mich dort verbarrikadiert.
In den ersten Wochen verfolgte ich auch noch die Nachrichten, die von blutigen Straßenkämpfen mit den radikalisierten Coronaleugnern oder Reichsbürgern berichteten. Dann gab es in Stuttgart nach einer Anti-Corona-Demo diese bewaffnete Rathausbesetzung bei der es zu mehreren Toten kam.
Oder die Progromnacht von Gera, in der ein Asylheim gestürmt und mehrere Flüchtlinge aufgehängt wurden, bevor eine Spezialeinheiten der Bundespolizei den hasserfüllten, rechten Mob endlich überwältigen konnte.
Danach hatte die Bundesregierung den Ausnahmezustand verhängt. Und seither gibt es Versammlungsverbote, Ausgangssperren, und in den Städten patrouillieren Soldaten.
Als dann noch der Krieg im Mittelmeer los ging, und es im Winter wieder Tausende von Corona-Toten gab, hatte ich endgültig genug. Seither boykottiere ich sämtliche Nachrichten.
Vivien erzählt mir ab und zu, wie die Zustände in unserer Stadt sind. Aber mehr will ich gar nicht wissen. Sie selbst macht sich auch große Sorgen, wie es weiter geht. Sie ist zwar eine furchtlose junge Frau, aber seit dem ihre beste Freundin gemeinsam mit vielen anderen Moscheebesuchern von Rechtsterroristen ermordet wurden, lächelt sie nur noch ganz selten.
Ich bin nur froh, dass meine arme alte Mutter das alles nicht mehr erleben muss. Sie erzählte immer von den schrecklichen Ereignissen während des letzten Weltkriegs und dem Hunger der Nachkriegszeit. Und sie war immer glücklich über die friedvollen Jahre danach. Was jetzt aktuell wieder geschieht, hätte sie in den Wahnsinn getrieben.
Ich selbst bin froh, dass ich diese verrückte Welt noch dort draußen vor meiner Haustür lassen kann. Aber ich habe auch schon vorgesorgt, wenn Vivien mir vielleicht nicht mehr helfen kann, oder - Gott bewahre - diese Fanatiker an die Macht gelangen. In Sachsen-Anhalt stellen sie ja jetzt schon den Ministerpräsidenten.
Sollte es wirklich so weit kommen, werde ich mich dieser Welt auch körperlich entziehen. Dann kann sie von mir aus auch untergehen.

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Nordlicht am 31.08.2020:
Gruselige Vorstellung. Ich hoffe, es wird niemals so weit kommen.




geschrieben von Michael Braun am 31.08.2020:
Ja, eine bitterböse Dystopie die ich bewusst überspitzt habe. Genau, hoffen wir, dass es nie zu sowas kommt.




geschrieben von Dan Prescot am 01.09.2020:
Beängstigend gut resümiert und weiterentwickelt.




geschrieben von Michael Braun am 01.09.2020:
Danke

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