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geschrieben von Nordlicht.
Veröffentlicht: 10.09.2020. Rubrik: Unsortiert


Ruhig und sanft (4)

Als sie den Raum betrat blickte er auf. Scheu, wie ein Reh, doch als sie näher kam wandelte sich sein Ausdruck zu dem eines misstrauischen Kettenhundes. Sie blieb stehen, aber er starrte sie weiterhin an und registrierte jede noch so kleine Bewegung, sodass sie sich kaum mehr traute zu atmen. Sie hatten die beiden Jungen vorrübergehend getrennt, in der Hoffnung, sie würden sich nicht immer hintereinander verstecken. Der jüngere war recht neugierig und untersuchte gerne alle neuen Dinge, aber der ältere blieb vorsichtig. Auf die Fingerknöchel gestützt kauerte er an der hinteren Wand. Die Stühle, der Tisch und das Bett wirkten unberührt.
"Ganz ruhig," murmelte sie. "Ich tue dir nichts." Aber die Worte verfehlten ihre Wirkung. Er bleckte die Zäne und knurrte. Also blieb sie wo sie war und wandte den Blick ab. Nachdem er aufgehört hatte, zu knurren, ging sie wieder ein paar Schritte auf ihn zu. Ohne ihn anzusehen, hockte sie sich hin. Nur noch ein Meter trennte sie von einander. Vorsichtig schaute sie wieder zu ihm hin. Er hatte sich etwas abgewandt, registrierte aber dennoch sofort ihren Blick. Seine gesamten Muskeln waren gespannt. Er war bereit zur Flucht, zum Angriff oder bereit zu ertragen, was immer da kommen würde. Vorsichtig hob sie ihm die Hand entgegen. Die Handfläche nach oben gedreht, sodass sie möglichst wenig bedrohlich wirkte. Er rührte sich nicht. Sie verlagerte ihr Gewicht und machte, immer noch in der Hocke, einen kleinen Schritt auf ihn zu. Dabei bemühte sie sich, ihn nicht direkt an zu sehen. Sie konnte alle seine Muskeln und Senen sehen, die zum zerreißen gespannt waren. Auch war sie sich nicht sicher, ob er überhaupt atmete. Vorsichtig berührte sie ihn am Unterarm. Er reagierte nicht.
Ohne die Berührung zu unterbrechen, setzte sie sich in den Schneidersitz und atmete bewusst aus. Sie schaute auf ihr Knie und versuchte sich zu entspannen. Möglichst sanft strich sie seinen Arm hinauf bis zur Schulter. Sie verharrte so eine Weile. Gerade als ihr Arm anfing lahm zu werden, setzte auch er sich entspannt zurück.
Sie nahm die Hand weg und drehte sich, noch im sitzen, um. Langsam erhob sie sich. Beim hinausgehen spürte sie seinen aufmerksamen Blick und murmelte: "Mehr wollte ich garnicht."

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