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geschrieben 2012 von Susi56.
Veröffentlicht: 14.01.2021. Rubrik: Lustiges


Josh will es wissen

Misstrauisch beäugte Josh den Papageien. Fast 60 Zentimeter war das Tier groß. „Ein Gelbbrustara“, sagte der Verkäufer mit Inbrunst. „Sehen Sie sich mal die schöne Türkisfärbung am Kopf und am Nacken an. Und das herrliche Gelb. Sie werden Freude an dem Tier haben!“
„Es hat bisher bei einem alten Mann gelebt, der es jetzt verkauft. Zu einem günstigen Preis.“, fügte er hinzu. 300 Euro sollte Josh dafür auf den Tisch legen. Nur weil er diese blödsinnige Wette verloren hatte.
Der Papagei äugte misstrauisch zurück. Sein linkes Auge erwiderte unverwandt Joshs Blick und sandte ihm eine geheimnisvolle Botschaft. Nur, dass Josh diese Botschaft nicht verstand.
Auf einmal war Josh gar nicht mehr so sicher. So ein Riesenvieh. Ob es nicht ein kleinerer auch tun würde? Andererseits musste es ein richtiger Papagei sein. Noffi hatte darauf bestanden. Sein Wetteinsatz war, einmal nackt über den Markt von Wilmitz zu laufen und sich dabei drei Euro zu erbetteln. Zu dumm, dass Josh verloren hatte. Er grinste bei dem Gedanken, wie Noffis schwabbeliger Hintern über den Platz gezischt wäre. Stattdessen musste Josh morgen Abend mit einem Papageien im „Wilden Hirten“ auftauchen, sonst wäre seine Ehre für immer beschmutzt.
„Also gut…“, setzte Josh an, als der Verkäufer noch sein letztes Verkaufsargument an den Mann brachte. „Und sprechen kann er auch!“
Wie toll, dachte Josh und zückte seine Börse. Sechs rote Scheinchen. Das tat weh!
Immerhin saß der Vogel in einem Käfig und so war wenigstens das Transportproblem gelöst. Der Verkäufer zählte das Geld mit einem Lächeln.

Zu Hause stellte Josh den Käfig auf den Küchentisch, näherte sein Auge dem Papageien und sagte: „Na, Alter, wie heißt du denn?“
Der Vogel guckte starr, knabberte an einer seiner Zehen und sagte nonchalant: „Nichts verraten, verstanden?“
„Blödsinniger Spruch“, entfuhr es Josh. „Was hast du denn noch drauf?“
„Nichts verraten, verstanden?“
„Na, wenn du nur diese eine Platte abspielst, kommen wir nicht weiter. Ich bin Josh.“, versuchte er es noch einmal. Aber der Papagei blieb dabei: „Nichts verraten, verstanden?“

Was soll ich nur mit diesem blöden Vieh anfangen?, rätselte Josh. Vielleicht gab er ihm erst mal Wasser und was zu fressen. Irgendwo musste in seiner Junggesellenbude noch ein schrumpliger Apfel rumdümpeln. Als er die klein geschnittenen Stücke durch die Gitterstäbe steckte, griff der Papagei tatsächlich zu und knabberte elegant daran herum. Das versöhnte Josh fast ein wenig. So doof war der Vogel vielleicht doch nicht. Zumindest schön anzusehen. Und vielleicht konnte er ihm noch andere Sprüche beibringen. Das wäre ein Gaudi!
Im Parterre des Hauses wohnte Opa Willeke schon so lange, wie Josh sich erinnern konnte. Opa Willeke war ein Genie, wenn es darum ging, etwas zu reparieren. Und was noch wichtiger war: Opa Willeke besaß einen Papageien namens Alfred, der sprach. Wenn sich Josh recht erinnerte, sah Alfred fast genau so aus, wie seine eigene Neuerwerbung. Wenn Opa Willeke nicht wusste, wie man Papageien zum sprechen bringen konnte, dann wusste es keiner. Josh schnappte sich den Käfig und grinste den Vogel an, der erstaunt durch die Käfigstäbe zurück illerte. „Jetzt geht´s andersrum, Freundchen!“. Wenn Josh schon mit einem Papageien in der Kneipe erscheinen musste, wollte er auch glänzen. Vielleicht konnte man dem Vieh so etwas beibringen wie: „Noffi ist ein Arsch.“ Oder „Bolle ist blöd.“ Irgend so etwas. Daaas würde den Jungs gefallen.

Erwartungsvoll klingelte er zwei Etagen tiefer an Willekes Wohnungstür. Opa Willeke wohnte alleine und war meistens zu Hause. Besuch bekam er fast nie. Sicher würde er sich über die Störung sogar freuen.
Als die Tür geöffnet wurde, sah Josh direkt in Willekes Gesicht, das noch faltiger als sonst war. Sein Rücken, ohnehin gekrümmt, beugte sich noch tiefer. Nicht, dass das etwas ausmachen würde. Mit seinen 1,85 Meter guckte der alte Mann ohnehin auf die meisten Leute herunter. Josh hatte ihn jetzt längere Zeit nicht gesehen und ihm fiel der müde Blick des Alten auf.
„Was wollen Sie?“ schnarrte Opa Willeke und Josh stotterte verdutzt: „Ähm. Der Papagei. Ich dachte…“.
„Hab das Vieh gerade erst verkauft. Nehm´s nicht zurück.“ blaffte der Alte ihm entgegen. Josh trat automatisch einen Schritt zurück, als der Papagei auf einmal aus dem Käfig schnarrte: „Nichts verraten, verstanden?“. Und dann würgte er noch ein lang gezogenes „Verrbreeecherr“ hinterher.

Der alte Mann starrte den Papageien zwei Sekunden lang an und fixierte dann Josh.
„Redet nur Unsinn das Vieh. Sie werden keine Freude dran haben.“
Josh schnappte nach Luft, als der Alte ihm die Tür vor der Nase zuschlug.
Verdattert verharrte er auf dem Treppenabsatz. Was war das denn gerade? Und was war nur in Opa Willeke gefahren?
Der Papagei rappelte in seinem Käfig herum und schrie: „Verrbreeecherr!“
Hier stimmte etwas nicht. Wieso siezte Opa Willeke Josh auf einmal? Und wieso sollte er Alfred verkaufen? Josh wusste, wie sehr der alte Mann an seinem Vogel hing und wie viel Zeit er investierte, um dem Tier das Sprechen beizubringen. Und niemals hätte Opa Willeke Josh so abgefertigt. Wenn er keine Zeit gehabt hätte, wäre ihm mindestens ein cooler Spruch eingefallen, wie: „Junge, ich habe jetzt keine Zeit. Habe mir gerade eine Stripperin bestellt. Sie muss jeden Augenblick kommen.“ Oder so etwas in der Art. Aber vielleicht war das vorhin die heutige Variante von Opa Willekes Scherzen.
Oder irrte er sich?
Josh sah zu dem Tier herab, das mit geneigtem Kopf erwartungsvoll zurück starrte.
„Alfred?“
Alfred wippte zustimmend mit seinem Kopf. Vor und zurück, als ob er Josh auf die Sprünge helfen wollte.
In Joshs Gehirn rasteten schwerfällige Zahnräder ein. Bei allem Spaß. Da war was faul.

Der Papagei schnarrte erneut. „Polizei“ verstand Josh, obwohl der Vogel das „P“ eher pfiff. Unschlüssig verharrte Josh. Auf einmal rüttelte Alfred an den Gitterstäben und röhrte lauthals: „Polizei!!!“.
Das war einfach zuviel. Energisch drückte Josh noch einmal auf die Klingel.
Opa Willeke riss die Tür auf. Ehe er etwas sagen konnte, fragte Josh: „Ich würde ja zu gerne wissen, wieso du mich auf einmal siezt, Opa?“
Der Alte starrte ihn mit großen Augen an, senkte die Lider und brummte mit herunter gesackten Schultern: „Scheiße“.
Im nächsten Moment riss er Josh heftig an der Jacke und knallte ihn so gegen den Türpfosten, dass Josh nur noch Sterne sah. Während er zu Boden sank, hörte Josh Alfred lauthals und ohne Unterlass „Polizei!“ kreischen.

Als er eine zeitlang später aufwachte, hatte Josh das Gefühl, ihm hätte eine Dampframme das rechte Auge ausgestanzt. Es pochte wie wild und er konnte nichts sehen. Eine Hand legte sich beruhigend auf seine.
„Schon gut, Johannes. Das wird wieder.“, sagte eine vertraute Stimme. Opa Willeke. Vorsichtig öffnete Josh das linke Auge, das Gott sei Dank noch heil war. „Was ist passiert?“, murmelte er und sah amüsiert, dass auf Willekes Schulter ein Papagei saß. Alfred.
Der Alte hob die Hände. Man sah blutunterlaufene Stellen, als ob Opa Willeke an irgendwelchen Fesselspielchen teilgenommen hatte. Vielleicht hatte er sich ja tatsächlich jemanden bestellt?

„Mann, das war knapp. Was für ein Zufall, dass du Alfred gekauft hast.“
„Aber wieso …?“, fragte Josh und rappelte sich hoch, die rechte Hand weiter auf dem Eisbeutel haltend, der auf seinem Auge deponiert war.
Der alte Mann grinste sein fast zahnloses Lächeln. „Mein verschollener Zwillingsbruder, dieser Verbrecher. Wollte sich in mein Leben einschleichen, meine Rente und meine Ersparnisse abkassieren und mich heimlich beseitigen. So tun, als ob er ich sei.“ Er holte tief Luft. „Rudolf hat einiges auf dem Kerbholz und dachte, dass er mit diesem billigen Trick ein neues Leben beginnen kann. Mein Leben!“
Er hustete seinen Altmännerhusten.
„Alfred war ihm im Weg. Der hätte es nicht zugelassen, dass Rudolf mich umbringt. Und dann war da noch der junge Mann aus dem Haus, den ich wie einen eigenen Enkel liebe. Ich glaube, Johannes heißt er.“ Wieder das Grinsen. „Rudolf hat mich beobachtet und studiert. Aber dich kannte er nicht mein Junge. Gott sei Dank hat er sich verraten und du hast noch einmal geklingelt. Sonst hätte ich vielleicht bald unter der Erde gelegen. “
„Ja, aber …“, druckste Josh herum und konnte es immer noch nicht fassen.

Der Papagei hob abwechselnd die Füße von Opa Willekes Schulter, als ob es ihm plötzlich zu heiß unter den Zehen wurde. „Nichts verraten, verstanden? Sonst…“ rollte er und drehte vielsagend seinen Hals um fast 180 Grad.
„Er hat Alfred eingeschüchtert und fortgeschafft. Aber es hat ihm nichts genutzt. Nicht wahr, mein Guter? Hat zum Schluss gekreischt, bis die Polizei kam.“ Er tätschelte dem Vogel liebevoll das Gefieder und lächelte Josh dann an.
„Und nun würde mich interessieren, wieso du Alfred gekauft hast …“

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von SyS am 16.01.2021:
Eine wunderbare Geschichte, danke 🙏




geschrieben von Susi56 am 18.01.2021:
Freut mich, danke!




geschrieben von Dan Prescot am 31.01.2021:
Hat mir sehr gefallen.




geschrieben von Weißehex am 01.02.2021:
Echt top! Auf die Lösung bin ich nicht gekommen.




geschrieben von Susi56 am 02.02.2021:
Danke, das freut mich! 😃

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