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geschrieben 2009 von Susi56.
Veröffentlicht: 28.01.2021. Rubrik: Unsortiert


Armins Schatten

Der Wald war verkehrt. Ohne Unterholz, nur lichte, hohe Bäume mit geraden Stämmen, die keinen Schlupfwinkel boten.
Armin schwitzte und sah sich mit weit aufgerissenen Augen um. Er wusste, die Schatten - seine Schatten lauerten hinter den Bäumen. Versteckten sich und dachten wohl, dass er es nicht bemerken würde.
Sie verfolgten ihn, wie immer. Überall hin. Seit dreißig Jahren.

Der Schweiß lief ihm in warmen Rinnsalen über den ganzen Körper, klebte das dünne Haar an Armins mageren Schädel und ließ die alte Baumwollhose wie eine zweite Haut an ihm haften, während er schnaufend den nächsten Hügel erklomm.
Seit damals verfolgten ihn die Schatten und machten, dass Armins Leben eine einzige Flucht war. Eine Flucht vor den Schatten, die gleichzeitig ein Davonlaufen vor den Menschen war.

Tagsüber entkam er den Schatten immer. Nur nachts, wenn er wehrlos im Bett lag, holten die dunklen, unglückbringenden Gestalten ihn ein.
Aber dann konnten sie ihm nichts tun. Außer ihm schlechte Träume bringen.
Armin wusste, wenn die Dämmerung ihr schwarzes Kleid anzog und die Nacht ihren schützenden Mantel um ihn legte, war er in Sicherheit.
Paranoia nannte der Arzt das und bemerkte nicht einmal, wie bedrohlich die Schatten selbst im Behandlungszimmer lauerten und darauf warteten, dass Armin vor ihnen flüchtete. Warum nur verstand ihn niemand?

Endlich kam ein Waldstück mit Unterholz in Sicht. Dort fühlte Armin sich sicherer, denn das Knacken der kleinen Äste verriet ihm, wie dicht die Schatten ihm auf den Fersen waren. Nicht, dass er einen von ihnen gesehen hätte, wenn er sich umdrehte. Dafür waren sie zu schlau. Wollten ihn mürbe machen, wenn sie sich versteckten und nur eine Ahnung in der Luft vibrierte, die verriet, dass sie vorhanden waren.
Das Unterholz würde ihn retten, ihm die Verschnaufpause verschaffen, die Armin so dringend benötigte.

Es gab eine Zeit, da war Armins Welt noch in Ordnung. Da sprang und klopfte sein Herz noch nicht so rasend, als ob es ihm aus der Brust gesprengt würde. Damals glaubte er noch an Kameradschaft und Ehre.

Unter Armins Füßen raschelte das vertrocknete Laub. Er lief nun etwas langsamer, bemüht, keine Geräusche zu verursachen, obwohl ihm sein Keuchen so laut wie ein Flugzeugtriebwerk vorkam. Nur gelegentlich sah er sich um und lauschte ansonsten, ob die Schatten näher kamen.
Über ihm zwitscherten die Vögel. Ihre Laute waren Armin willkommen. Würden sie doch verstummen, wenn die Schatten allzu rasch aufholten.

Meist waren Armins Schatten gesichtslos. Nur manchmal, zum Beispiel in der Straßenbahn, hatten sie Gesichter. Neugierige, glotzäugige, nichtssagende Antlitze. Fremd. Und doch sah Armin hinter den starrenden Augen die Schatten. Meist taten sie so, als ob sie sich nicht die Bohne für ihn interessierten. Er wusste ganz einfach, dass sie da waren.
Hin und wieder hatten die Schatten aber auch das Gesicht des Verräters.

Mit einem Sprung überquerte Armin ein kleines Bächlein und eilte weiter, wieder einen Hügel bergan. Wenn er dort zwischen den Felsbrocken ein wenig ausruhen könnte…

Andreas hieß er. Kamerad hatte er sich genannt. Damals in Günterode, nahe der innerdeutschen Grenze. Zusammen gedient hatten sie, sich gemeinsam die Ängste vertrieben, die während der Wache im dunklen Wald unweigerlich entstanden. Freund nannte er sich gar, der Kamerad und schimpfte gemeinsam mit ihm, dem Außenseiter, auf das Regime. Anfangs nur zaghaft, später, als Vertrauen gewachsen war, derber. Damals, 1979, als Armins Welt noch nicht aus den Fugen geraten und sein Glaube an Kameradschaft und Freundschaft lebendig und ursprünglich war.

Die Felsblöcke, grau und kühl, boten eine vorzügliche Nische für Armin. Hier würden ihn die Schatten nicht so schnell aufspüren, wie sie ihn damals aufgespürt hatten.
Armins Atem ging stoßweise, als er sich zwischen die Steine zwängte und die Arme auf die angewinkelten Knie stützte. In seiner Brust wüteten stechende Schmerzen und sein Kopf war schwer, so unendlich schwer.

Es war Nacht. Die Käuzchen schrien und der Wald duftete nach dem warmen Regen. Andreas war in der Nähe, wollte sich nur mal erleichtern. Bei Armin war das auch manchmal so, dass die Blase vor lauter Aufregung drückte.
Über den Zaun wollten sie. Heute noch, jetzt gleich. Vorher das Niemandsland, den Sechs-Meter-Streifen, durchqueren.

Tief waren Armins klobige Stiefel in die geharkte Fläche eingesunken, die den Wachen verraten sollte, ob jemand im Niemandsland war. Der Zaun ragte hoch vor ihm auf. „Nun komm schon.“, flüsterte er und hoffte, dass Andreas gleich hinter ihm war. Sein Herz klopfte so laut, dass es in seinen Ohren dröhnte.

Streckmetallzaun nannten sie das Metallgebilde, das die Menschen von der Freiheit trennte. Viele glaubten ja, dass gleich dahinter das ersehnte Paradies begann. Aber erst wenn der weiter hinten liegende Grenzpfahl überwunden war, war man wirklich frei. Wenn einen die Aufklärer nicht vorher erwischten. Dann drohten mindestens fünf Jahre Bunker, vielleicht auch Folter, wer weiß?

Sie hatten diese Stelle ausgewählt, weil hier die Entfernung zwischen Zaun und Grenzpfahl nur zwölf Meter betrug. Zwölf Meter.

Das Metall des Zaunes brannte unter Armins Händen. Vom Grenzaufklärer oder seinem Schäferhund war nichts zu sehen, als er das Hindernis endlich überwand. Getrieben von Andreas, der ihm Mut für den Plan gemacht hatte und ihm in dem anderen Deutschland beistehen wollte. Gleichgesinnte, Brüder waren sie. Für immer.

Nur noch wenige Schritte. Und jetzt klopfte Armins Herz nicht nur aus Angst, sondern aus Freude und Erwartung. Gleich war es geschafft!

Hinter ihm das Geräusch, das nicht allein von Andreas stammen konnte. Aufstrahlende Taschenlampen, die ihn blendeten. Ein Gewehrlauf in seinem Genick. Und gleich darauf Andreas höhnisch grinsendes Gesicht. „Schafft ihn weg. Er hat es nicht anders verdient.“

Dieses Grinsen.
Wenig später besuchten die Schatten Armin zum ersten Mal. Taten ihm unablässig weh, quälten ihn, raubten ihm den Schlaf und die Gesundheit, drangen sogar in seine Träume ein.

Bis zuletzt war die Dunkelheit Armins einziger Freund, zu dem er sich flüchtete, wenn die Schatten übermächtig wurden.

Eine Ewigkeit später fanden Wanderer einen verwesenden Leichnam. Eingeklemmt zwischen grauen Felssteinen, mit einer Baumwollhose und einem verwaschenen T-Shirt bekleidet. Die Leiche strahlte keine Friedlichkeit aus, obwohl augenscheinlich niemand Hand angelegt hatte, denn die Kleidung war nicht blutbefleckt. Aber irgendetwas musste dem Toten ganz zuletzt begegnet sein. Mund und die leeren Augenhöhlen dieses armen Menschen waren weit aufgerissen. Wie zu einem letzten Schrei.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Stephan Heider am 17.02.2021:

Klasse Atmosphäre . Ich konnte die Schatten förmlich spüren.




geschrieben von Susi56 am 17.02.2021:

Danke, freut mich. Leider ziemlich dicht an den Tatsachen dran...




geschrieben von Der Mann ohne Brieft am 21.04.2021:

Sehr gut geschrieben. Mehr davon!




geschrieben von Stephan Heider am 18.08.2021:

Liebe Susi, ich würde mich sehr freuen, wieder etwas aus Deiner Feder zu lesen. LG Stephan




geschrieben von Susi56 am 22.08.2021:

Lieber Stephan! Ich sitz grad an meinem ersten Roman, aber ich schau mal in den Speicher... 😀 Liebe Grüße!




geschrieben von Stephan Heider am 23.08.2021:

Hey Susi, dann freue ich mich sehr auf Deinen ersten Roman. Ich wünsche Dir Inspiration und einen guten Fluss Deiner Gedanken.




geschrieben von Susi56 am 25.08.2021:

Danke, lieber Stephan! 🌞🌞🌞

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