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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Oliver Kästner (Ben Warrik).
Veröffentlicht: 01.03.2021. Rubrik: Lustiges


Der Schwarzmaler

Toni Dieter war ein geborener Worst-Case-Denker. Sobald es Herausforderungen in seinem Leben gab, malte er sich das schlimmstmögliche Szenario aus.
Doch wie kam es zu dieser Neigung? Sehen wir uns die Hintergründe mal genauer an.

Geboren wurde Toni Dieter Hoffmann in der chinesischen Provinz Ma Lochan. Sein Vater hieß zu dem Zeitpunkt Toni Erwin Hoffmann und die Mutter Chu Ften. Schon die Geburt verlief alles andere als einfach, denn Toni Dieter kroch immer wieder zurück in den Bauch. Er wollte partout nicht heraus kommen und wehrte sich. Erst mit Hilfe von weiteren Hebammen und etwas Gewalt konnten sie ihn an Kopf und Armen herausziehen. Seine Mutter spürte dabei eine enorme Erleichterung, denn Toni Dieter war stets ein hungriges Kind und lag ihr schwer im Magen. 90 Prozent der täglichen Nahrung saugte er heimlich durch die Nabelschnur ab und kaum jemand bekam Wind davon. Im ersten Schwangerschaftsmonat wog er dadurch 6 Kilogramm. Nach fünf Monaten schon 12,5 und zur Entbindung brachte Toni Dieter stramme 19 Kilo auf die Waage.
Chu Ften machte sich natürlich Sorgen um den riesigen Bauch während der Schwangerschaft. Sie hatte Angst, dass er platzen könnte und ihre Familie bestätigte sie auch noch in dieser Fantasie. Die Schwester fing sogar an zu erzählen: "Es gab mal eine Frau und ihr ist tatsächlich der Bauch geplatzt. Der Knall war so laut und die Schmerzen so hef...", doch Chu Ften unterbrach sie und wollte sich das nicht länger anhören müssen.

Also notieren wir VARIANTE 1: --- Die Sorgen der Mutter übertrugen sich energetisch auf Toni Dieter. Dadurch bildete sich das Fundament zum negativen Denken. ---

Bevor wir uns Variante 2 anschauen, ein kurzer Überblick zu den Lebensbedingungen.

Mit sieben Jahren wurde Toni Dieter als arbeitsfähig erklärt laut chinesischem Gesetz. Also tat er das, was auch schon sein Vater und seine Mutter machten: Steine zerkloppen.
Der Beruf des 'Steine zerkloppens' hatte eine lange Tradition in beiden Familien und seine Eltern waren unendlich stolz auf ihren tüchtigen Jungen. Von morgens um 7 bis abends um 22 Uhr hatte der Knirps also eine Beschäftigung. Doch in der kleinen Provinz Ma Lochan lief nicht immer alles nach Plan. Viele Unternehmen merkten, dass sie gar keine zerkloppten Steine mehr benötigen und stellten die Aufträge ein.
Toni Dieter, sein Vater, die Mutter und viele andere Arbeiter wurden gezwungen, ab der nächsten Woche nur noch Sand zu schüppen. 'Sand schüppen' war gesellschaftlich nicht hoch angesehen. Solche Arbeiten machten eigentlich nur die einfachen Leute, zu denen sich Toni Dieter ganz sicher nicht zählte. Dunkle Albträume plagten ihn von dieser Minute an, denn Sand schüppen könnte seine hervorragende Stellung in der Gesellschaft gefährden.

Somit stand VARIANTE 2: --- Toni Dieter wurde durch den bevorstehenden Verlust seines gesellschaftlichen Rufes so stark traumatisiert, dass er in die Schwarzmalerei abdriftete. ---

Künstler standen auf der gleichen gesellschaftlichen Stufe wie Steinezerklopper, also machte sich unser Held kurzer Hand selbstständig. Die Idee dazu kam ihm, nachdem er die Dunkelheit um sich herum annehmen konnte, anstatt dagegen anzukämpfen. Die Dunkelheit verwandelte sich zu seiner Überraschung in pures Licht.
Toni Dieter wurde in kürzester Zeit zum größten Schwarzmaler aller Zeiten. Weiße Leinwände tauchte er komplett in schwarze Farbe und stellte sie danach spitzbübisch für 5000 Yuan zum Verkauf.
Die Leute waren verrückt danach und wollten mehr Leinwände, als er je bestellen und in Farbe tauchen könnte. "Diese Bilder sind eine Sensation! Hoch lebe Toni Dieter! Diese tiefe Schwärze, einfach wunderbar!" riefen sie auf dem Marktplatz im Chor wie verrückt Gewordene und warfen Toni Dieter sogar ihre gesamten Geldbeutel entgegen.

Jeder wollte diese schwarzen Kunstwerke zu Hause hängen haben, koste es was es wolle.

4xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Susi56 am 01.03.2021:
Amüsant zu lesen. Mir fehlt nur mal wieder der Runde Schluss (Nach dem langen Intro). Was macht Toni Dieter mit den ganzen Geldbeutel, die ihm da um die Ohren fliegen?




geschrieben von Ben Warrik am 02.03.2021:
Danke für deine Eindrücke Susi. Ja der Schluss ist oft unrund und teils unlogisch in meinen Geschichten. Du legst halt viel Wert auf die korrekte Form und Stimmigkeit eines Textes, mir geht es eher um Ideen, witzige Details oder Herumexperimentieren. Auftauchende Fragen zum Ausgang sind doch super, da sie die eigene Fantasie anregen :) Was er mit dem vielen Geld machte, wäre guter Stoff für eine neue Geschichte.




geschrieben von Susi56 am 02.03.2021:
Du hast völlig recht... 😊 Bin bloß neugierig! 😂 Und ne Fortsetzung... 👍🏻👍🏻👍🏻




geschrieben von Stephan Heider am 03.03.2021:
Ich mag Deine Gedanken. Witzig und kreativ. Chu Ften... einmalig ;-)




geschrieben von Ben Warrik am 03.03.2021:
Freut mich, dass ihr Spass daran habt :) P.S. neugierig sein ist toll

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