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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 13.09.2021. Rubrik: Unsortiert


John

Hhhmbblhhhaaargg. Der blutige Spuckeschaum drückte sich seitlich an dem durchtränkten Stoffknebel vorbei, als er zu sich kam und vor Wut und Schmerz schrie. Die Ader über seiner Schläfe pochte wild. Sein Körper spannte sich, war aber nicht in der Lage sich zu bewegen.
Eine Gerte pfiff über seine Wange und schnitt einen scharfen Cut in seinen Zorn.
"Halt dein Maul", zischte sein Gegenüber leise aus der Dunkelheit.
John riss sich zusammen. Die kalte LED - Lampe in seinem Gesicht tötete den Rest des Raumes ab in undurchschaubare Schwärze. Er konnte seine Hände nicht sehen, spürte aber, daß sie rechts und links am schweren Lehnstuhl fixiert waren. Genau wie sein Kopf, der mit einem Stirnriemen fest an der hohen Lehne klebte. An der Stelle seines rechten kleinen Fingers befand sich ein brüllender Schmerz und er wusste nicht, ob noch mehr von dem Gliedmaß übrig geblieben ist. Die erste Frage des Unbekannten konnte John nicht beantworten und dafür musste er soeben mit seinem kleinen Finger bezahlen.
Jetzt wartete er auf die nächsten Worte seines Gegenübers, um eventuell eine Stimme zu erkennen.
John war im normalen Leben mehr als rational denkend. Schon fast kaltschnäuzig und immer um seinen Vorteil bedacht. Fuhr nur aus der Haut, wenn ihm die Kontrolle entglitt und das kam äußerst selten vor. An das letzte Mal in seinem erfolgreichen Leben konnte er sich kaum mehr erinnern.
"Weisst du, wer ich bin, John?"
"Hu haami am Ahh heggn" Speichel tropfte aus Johns Knebel.
"Nanana, wer wird denn so unhöflich sein, kleiner John". Die Stimme hinter dem Licht blieb eintönig. Sie kam John bekannt vor, aber er konnte sie erst einmal nicht einordnen.
"Ich habe dich gefragt, ob du schon jemals gegen das fünfte Gebot verstoßen hast. Wie lautet es?
" Hu hollch nich hödnnn, hehamde Scheihe ", grunzte John.
" Richtig John und du konntest mir die Frage nicht korrekt beantworten "
Die Stimme aus der Dunkelheit ließ keinerlei Gefühlsregung erkennen.
"Da du nicht begreifst, weswegen du hier bist, fangen wir einfach von vorn an. Aber glaube mir, John, auf die wichtigste aller Fragen kommen wir später zurück". Die Gerte schnellte treffsicher auf die Stelle herab, an der der unbekannte Rest seines kleinen Fingers lag. Die heisse Schmerzwelle, die sein Rückenmark hochrollte, trieb John sternchenblitzende Tränen in die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde überkam ihn eine wohltuende Ohnmacht.

"1. Ich bin der Herr, Dein Gott! Du sollst nicht andere Götter haben neben mir!

Was bedeutet das für Dich, John?"

John musste taktieren. Den Fremden anzuschnauzen, brachte ihm momentan nichts als Schmerzen. Der Typ saß an einem Machthebel, der länger nicht sein konnte. Außerdem verstand er sowieso nur die Hälfte seiner Flüche.
" Ohay, him mi hen Hnehel haus "
Eine Hand tauchte aus dem Dunkel in dem Lichttrichter vor Johns Gesicht auf. Es war eine rechte und John glaubte zu erkennen, dass der kleine Finger krumm abstand.
Das Klebeband wurde ihm vom Gesicht gerissen. John würgte den nass-blutigen Mullklumpen aus und spuckte ihn seitlich neben den Tisch, der zwischen ihm und seinem Kontrahenten stand.
"Verdammt nochmal, wieso kann ich diese verfluchte Stimme nicht zuordnen", dachte er. "Alles merke ich mir, Gesichter, Namen, Sachverhalte. Gehört zum Business, aber die scheiß Stimme ohne Gesicht und ohne Betonung... wie blind bin ich eigentlich. Der Finger!!
Hier muss der Zusammenhang liegen. Er zerschlägt meinen Finger, weil er selbst verletzt wurde. Aber wann und wen habe ich... "
" JOHN, Deine Antwort "
Die Stimme riss John aus den Gedanken.
" Keine andern Götter ", stammelte er. " Bin nicht religiös. Aber vielleicht im übertragenen Sinn gemeint... NEIN, ich glaube einzig und allein an mich selbst und meine Fähigkeiten. Punkt! "
John spürte, dass etwas an seinem Ringfinger nestelte und drückte. Er geriet in Panik.
"Warte bitteeee!" Aaaaarghh! Fleisch und Knochen knackten.
Der Vernichtungsschmerz seines soeben zerquetschten, verdrehten oder abgetrennten Ringfingers löste die Abschaltfunktion seines Nervensystems aus und ließ ihn das Bewusstsein verlieren.

"4. Du sollst Vater und Mutter ehren!"

John schlug die Augen auf und stönte:
"Was ist mit 2 und 3, Du Penner?"

"Antiquiert!", antwortete die Stimme. "Hier geht es um Relevanz, nicht um Vollständigkeit. Ich wette, Du kennst diese Gebote noch nicht einmal."
"Wer zum Teufel bist du? Irgendsoein verblendeter Sektenpriester, dem ich als Kind auf die Hand getreten bin? Vielleicht beim Football? Ich kann mich ums verrecken nicht an jemanden erinnern, den ich wissentlich verletzt hätte." John atmete kurz und flach, um die Schmerzen zu beherrschen.
" Es geht hier nicht um mich, John. "
" Aber um wenn geht es dann?
Die Stimme atmete lange aus.
"Gerade geht es um deine Eltern", antwortete sie kalt.
John versank in Gedanken.
"Johnny-Boy", mahnte die Stimme ihn nach einer Minute zur Antwort.
"Fuck, ich habe sie im Stich gelassen. Ist es das, was Du hören willst?"
"Wenn es der Wahrheit entspricht!" Johns Mittelfinger wurde positioniert.
" Die Wahrheit ist..." John hatte in diesem Moment keine Angst um seinen nächsten Finger. Der Verlust wäre wirklich verdient gewesen.
"In Wahrheit habe ich sie im Stich gelassen." John schluchzte.
Die Hand des Fremden kam erneut in den Lichtkegel, diesmal langsam genug, um zu erkennen, dass sowohl kleiner, als auch Ringfinger verkrüppelt waren. Zwischen den restlichen Fingern wurde ein Tuch geführt, das Johns Gesicht sorgsam von Schweiß, Tränen, Blut und Speichel reinigte.
"Sprich weiter, John"
"Meine Eltern haben mich spät bekommen, es gab mehrere Fehlgeburten bis ihr sehnlicher Kinderwunsch sich erfüllte. Da waren sie schon Ende 40. In der Schule habe ich behauptet, sie wären meine Großeltern. Ich habe mich geschämt, wenn sie neben den anderen jugendlichen Eltern, die wie Kumpels für ihre Kids waren, irgendwo auftauchten. Kinder können brutal sein. Sie haben mich wirklich geliebt und ich habe sie verleugnet. Mit Ende 60 wurde Mutter krank und starb. Ich studierte und hatte keine Zeit für meinen Vater, zumal er nicht sonderlich redselig war. Ich machte Karriere und er vereinsamte. Als auch er starb, fühlte ich fast so etwas wie Erleichterung.
Reiss mir den Finger aus, ich habe es verdient. "
Einige Sekunden vergingen, dann löste sich der leichte Druck auf den fixierten Finger.

" Sehr gut, John"! sagte die Stimme fast milde.

"7. Du sollst nicht stehlen!"

"Ach okay, 6 hast du wieder ausgelassen. Du weißt also, dass ich nie verheiratet war."
"Ich weiß es", erwiderte die Stimme.

"Der Typ muss mich also kennen" John dachte schnell und analytisch.
"- Er wollte eine andere Antwort von mir zum ersten Gebot hören.
- Weiß, dass ich nicht verheiratet war und
- Kennt die Geschichte mit meinen Eltern. Zumindest hat er mir geglaubt, sonst wäre ich meinen nächsten Finger losgeworden.
Moment, es gab doch damals diesen Autounfall, wo der Familienvater im anderen Auto sich die Hände beim Aufprall gebrochen hatte. Seine Familie, Frau und ein Kind blieben unverletzt. Wir hatten uns damals verglichen und mit 20000 Dollar Schmerzensgeld war ich aus dem Schneider."

"John, das 7'te Gebot bitte!"
Eine linke Hand kam auf ihn zu, mit einem unorthodox gegriffenen Glas Wasser zwischen mehreren stark deformierten Fingern.
"Trink" Das Glas berührte seine Lippen und John nippte hastig.
"Beide Hände also" , dachte John. "Vielleicht gab es ja Komplikationen im Nachhinein, misslungene Operationen oder so, die 20 Riesen wären schnell verbraucht. Woher weiß er alles über mich. Er könnte lange nachgeforscht haben. Oder es ist doch ein alter Schulkamerad. Vielleicht Teddy Harper, den ich früher gemoppt und vermöbelt habe. Aber so etwas gab es hunderttausendfach. Da wuchs man doch raus"

"Hast du schon einmal gestohlen? " Die Stimme wollte jetzt eine Antwort, es wurde an Johns linker Hand genestelt.
Was sollte John nur antworten, er wusste ja jetzt, dass die Linke seines Entführer ebenso demoliert war. Er würde mit Sicherheit gleiches mit gleichem vergelten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. FINGER UM FINGER.
"Teddy Harper, bist du das? Fuck you", fuhr John den Fremden gallig an. Plötzlich riss es an ihm, John glaubte seinen Arm an einen Alligator in der Todesrolle zu verlieren. Was in den Lichtkegel flog und mit einem dumpfen Plopp auf dem Tisch vor seinen Augen landete, war nur sein ausgerissener kleiner Finger der linken Hand. Dann kam der Schmerz und die Ohnmacht.

John fantasierte im Fieberwahn. Es gab doch einige, die hier in Frage kamen und Grund hätten ihn so zu quälen. Er hatte noch nicht einmal die ganzen Geschäftspartner in Betracht gezogen, die er im Laufe seiner Karriere übers Ohr gehauen hatte, um zu Erfolg zu kommen.
Soviel zu Gebot 7: "Du sollst nicht stehlen" Das hatte er immer sportlich gesehen und es grenzwertig auch getan, solange es legal war. Moralische Abstumpfung ist eine Schlüsselqualifikation im Finanzbuiseness.
Die war ihm angeboren, das hatten auch schon seine Eltern zu spüren bekommen.
Die Gebote 8 und 10
8. Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider Deinen Nächsten!
10. Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus, Hof, Vieh und alles, was sein ist!
würde er auch nicht bestehen können. Falschaussagen, Intrigen und Neid gehörten doch in einem heutigen Geschäftsleben wie selbstverständlich dazu. Wieso hörte sich der Gebotstext so verwerflich an. Man lachte doch über Menschen mit einem solch antiquierten Kodex.

9. Lass Dich nicht gelüsten Deines Nächsten Weibes!

Oh Mann, John hatte alles weggebumst, was ihm vor die Flinte kam. Es war ihm doch scheißegal, ob verheiratet, versprochen oder sonst liiert. Gehören ja auch immer Zwei dazu. Man musste ihm zu Gute halten, dass die Frauen es ihm leicht machten.
Ein Eimer Wasser riß John aus seinen Albträumen. Die Anzahl der Finger auf dem Tisch war um einen Zeigefinger gewachsen. John war dankbar, dass es in seiner Ohnmacht passierte und dass es nur einer mehr war. 3 funktionierende Finger pro Hand waren genug, wenn der Daumen inklusive war.
Die Stimme sprach: "Wir haben es fast geschafft, Johnny-Boy. Es gibt nur noch eine offene Frage zu beantworten."

"Ja, ich weiß", stammelte John völlig entkräftet. "Das fünfte Gebot: DU SOLLST NICHT TÖTEN . " Er atmete tief durch.
"Bei allem was ich weiß und das schwöre ich bei meinen Daumen. Ich habe niemanden getötet. Dennoch es kann so sein, dass aufgrund meines schäbigen Verhaltens eine Person außerhalb meines Kenntnisbereiches sich gegebenenfalls als Spätfolge auch meines Fehlverhaltens etwas angetan hat. Das vermag ich nicht auszuschließen". John weinte bitterlich.
"Ich habe gierig und selbstgerecht nach jeder Gelegenheit gegriffen, um mich zu bereichern oder mich zu vergnügen.

IST ES VERDAMMT NOCHMAL DAS, WAS DU HÖREN WILLST?"

Leise und eiskalt erwiderte die Stimme:
"Nicht ganz John. Du irrst Dich. Du hast versucht zu töten."
"Ja wen denn in Gottes Namen" , schrie John.
Die Stimme erhob sich zum ersten Mal in der Lautstärke: "MIIICH hast du versucht zu töten und dafür gibt es keine Entschuldigung."
Blitzschnell erhob sich die Gestalt hinter der Lampe, riss Johns Arm von der Lehne, biss den rechten Daumen von der Hand und spuckte ihn vor Johns Gesicht auf den Tisch
John schrie in Schmerz und Panik.
Wer zum Teufel bist Du??
Das Gesicht des Fremden huschte dämonisch in den Lichtkegel.

"ICH BIN DU"

John sah sich auf der anderen Seite des Tisches selbst ins Gesicht, bevor eine verkrüppelte Hand seine linke Hand hochriss und ansetzte, den zweiten Daumen abzubeissen.

John kreischte und zappelte immer noch hilflos mit der Stirn fixiert am Stuhl und verlor fast den Verstand.

"Beruhigen sie sich, John. Es ist alles in Ordnung..." Die warme Stimme einer Frau erstarkte in Johns Bewusstsein. Er kam zu sich.
Er tauchte langsam auf in eine weiße Umgebung, scheinbar ein Krankenzimmer.
Die Frauenstimme stand über seinem Bett, lächelte und trug eine Schwesterntracht.
" Was zur Hölle ist passiert", stammelte er. Kopfschmerzen materten ihn stosswellenartig.
"Mein Name ist Schwester Maren. Sie sind in einem Krankenhaus, John."
"Was ist passiert, wie lang bin ich schon hier?
Schwester Maren lächelte sanft." Seit vorgestern John. Aber ihrem Einlieferungszustand nach zu urteilen, haben sie schon mehrere Tage in einem Halbkoma mit einem Toxin gekämpft. Es hat den Anschein, dass sie sich umbringen wollten. Sie waren sehr entschlossen und haben ihre eigenen Finger, wahrscheinlich mit einem Hammer traktiert. Vermutlich, damit sie nicht noch den Notruf wählen konnten, falls sie es sich anders überlegt hätten".
John wollte den Kopf heben, aber Stirn und Handgelenke waren fixiert.
"Das mussten wir tun, John, um sie zu schützen. Das Halluzinogen war so stark, dass sie sich kurz vor ihrer Einlieferung selbst die Daumen abgebissen haben. Wir vermuten, es war ein starkes Schlangengift. Können sie uns sagen, was sie eingenommen haben?"
Maren öffnete seine Fixierung und er hob die Hände, um sie sich anzusehen. Beide waren verbunden wie dicke Ballons.
" Keine Angst, John, wir konnten ihre Daumen wieder annähen und auch ihre zertrümmerten Finger wieder halbwegs richten. Es wird aber ewig dauern, bis sie ihre Hände wieder nutzen können.
" Wie komme ich hierher, ich lebe allein", wollte John wissen.
"Gottlob hat man Freunde", lächelte Maren.
"Ein Freund hat sie gefunden und den Notruf angerufen.
"Was für ein Freund meinen sie , Schwester Maren?"
"Na der die ganze Zeit nicht von ihrer Seite gewichen ist. Er sagte, dass sie sich seit der Schule kennen und er ihnen viel zu verdanken hat. Wunder mich, wo Teddy Harper heute bleibt! Ein wirklich netter Mensch. Nur schade mit seiner Gicht, die ihn in die Erwerbsfähigkeit getrieben hat. Er sagte, es wäre nun Zeit, sich mal um alte Freunde zu kümmern. Gott sei Dank kam er bei ihnen gerade noch rechtzeitig, um sie zu retten, John ".

3xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Winterrose am 14.09.2021:
Brutal... aber sehr fesselnd. :)




geschrieben von Susi56 am 15.09.2021:
Ich stimme Winterrose zu und ergänze... Perfide. Sehr gut geschrieben, Spannung gut aufgebaut und gehalten, Schluss gut aufgelöst. Top! 👍🏻

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