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5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2022 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 27.05.2022. Rubrik: Nachdenkliches


Entscheidung eines Lebens

Dies ist die Fortsetzung der Geschichte
"Plötzlich Urenkel"

Als ich meinen Enkel und meinen Vater Mau Mau spielend am Tisch sitzen sehe , nachdem ich mich einem mehrstündigen Weinkrampf ergeben hatte, bricht es mir so sehr das Herz, dass ich weitere Stunden nicht reden kann. Papa lehrte mich Schach und strategisches Denken in vielen weiteren Spielen. Er formte mich in mein Leben. Machte mich zäh und resilient.
Als ich mit Zwölf im Streit ausziehen wollte, schüttelte er mich am Kragen und fragte, ob ich ihnen, also meinen Eltern, das Herz rausreissen will. Brachiale Worte, die mir klar machten, daß ich gar nicht der Erdkern bin. Genau so wenig wie sie, meine Alten. Wir waren dazu da, um für uns da zu sein. Ich verstand es erst viel später. Papa dachte, schrieb, formulierte, fabulierte, nahm sich wichtig, uns auch, er argumentierte, sortierte, war frei im Geist, brilliant im Kopf.
Jetzt gibbelt er mit einem Elfjährigen auf Augenhöhe rum, wer zwei ziehen oder aussetzen muss.
Plötzlich entdeckt er den Bilderrahmen, den ich vorsichtshalber zwischen die Bücher gesteckt hatte. Er schiebt meinen Enkel sanft zur Seite und zieht das gerahmte Foto, auf dem er, Mutter und ich kurz vor seiner Krankheit unbeschwert lachen, aus dem Regal. Vater starrt es lange an. Als er sich zu mir umdreht, sehe ich in die leeren Augen eines Menschen, der gerade begreift, dass er seine Körperheilung mit seinem geistigen Schatz viel zu teuer bezahlt hat.
Am Abend fange ich an mit ihm Schach zu spielen und zu reden. Ihm beizubringen, wer er ist.

Er saugt die halbe Nacht auf, was ich sage, springt immer wieder zum Bücherregal und schlägt in den Werken hastig Dinge nach, die er sofort wissen will. Es ist wie früher, nur dass die beiden Protagonisten ihre Rolle gewechselt haben. Vom Vater zum Sohn. Vom Sohn zum Vater.
Es dauert nur wenige Wochen, bis mein alter Herr sein Gehirn mit soviel Witz und Wissen aufgefüllt hat, dass ich fast glaube, wir können die Rollen wieder zurücktauschen, so wie es einmal vorgesehen war.
Wie dumm von mir. Faktisches Wissen ist nicht dasselbe wie Lebenserfahrung.
Vater wird meinem Enkel ein toller Freund, meinem Jungen ein zuverlässiger Bruder und mir letztendlich ein guter Sohn.
Doch nie mehr bekomme ich den Vater zurück, den ich einst hatte.

Als ich meine Diagnose bekomme und die Option, meinen baldigen Tod durch einen Tiefschlaf in flüssigem Stickstoff aufzuschieben, bis man eine Therapie entwickelt hätte, Forschungs-und Entwicklungszeit unbekannt, zögere ich keinen Moment.

"Nein danke, Herr Professor. Das Leben scheint nicht immer gerecht, es überlisten zu wollen, ist jedoch schwerlich möglich. Der Körper stirbt, der Geist bleibt. Anders herum erweist sich als töricht, glauben sie mir."

5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Ohnelly am 27.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hallo lieber Stephan, was mir an deiner Geschichte so besonders gefällt, ist die Tiefe. Auch wenn meine Reaktion nicht wirklich relevant ist ;-) ... Daumen hoch von Mir! lg Conny




geschrieben von Stephan Heider am 27.05.2022:

Liebe Conny Deine Reaktion ist für mich höchst relevant. Ich danke Dir 🙂.

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