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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 29.09.2018. Rubrik: Lustiges


Otto

„Jenny, könntest du mich dieses Wochenende mal besuchen?“, fragte Lisa am Telefon. „Ich habe eine tolle Nachricht und möchte dich auch was fragen.“

Neugierig machte Jenny sich auf den Weg zu Lisa. Die beiden wohnten seit ihrer Kindheit in derselben Stadt und hatten zehn Jahre zuvor zusammen Abitur gemacht. Seitdem sahen sie sich seltener, hielten aber immer noch telefonischen Kontakt. Vor vier Jahren war Lisa mit ihrem Freund Alex zusammengezogen, den sie inzwischen geheiratet hatte, und führte gemeinsam mit ihm ein Spiegel-Fachgeschäft im Erdgeschoss des Hauses. Jenny, die sich als eingefleischte Junggesellin bezeichnete, arbeitete bei einer Bank.

Nach der ausgiebigen Begrüßung geleitete Lisa die Freundin ins Wohnzimmer, und beide setzten sich. „Alex ist unten im Laden, aber er kommt nachher rauf, um dich zu sehen.“

„Jetzt bin ich aber gespannt auf deine Nachricht“, sagte Jenny, obwohl sie schon etwas vermutete.

„Wir erwarten im Juli ein Baby!“, strahlte Lisa.

Jenny umarmte sie. „Herzlichen Glückwunsch!“

„Danke! Ja, und da wollte ich dich fragen, ob du Taufpatin werden möchtest. Alex‘ Bruder Ralph ist der eine Pate, und da ich ja keine Geschwister habe, wollte ich stattdessen meine Freundin nehmen. Du kannst es dir gern überlegen, denn es ist ja eine Verantwortung.“

„Nein, da brauche ich nicht zu überlegen“, sagte Jenny gerührt. „Das wäre mir eine Freude! Eigene Kinder will ich ja nicht, aber ein Patenkind hätte ich sehr gern. Meine Schwester hat auch eins. Wisst ihr schon, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird?“

„Ein Junge! Er soll Otto heißen.“

„WIE soll er heißen? OTTO?“ Jenny war schockiert.

„Was hast du denn gegen den Namen?“, fragte Lisa mit beleidigtem Unterton.

„Na hör mal! Otto ist doch sowas von altmodisch! Wie seid ihr denn bloß auf diesen Namen gekommen?“

„Er ist spiegelbildlich! Wenn du ihn mit Großbuchstaben schreibst, sieht er im Spiegel genauso aus. Wir haben ja das ‚Spiegel-Paradies‘, und dazu passt der Name doch super.“

Jenny sah sie fassungslos an. „Ich begreife es nicht! Ihr denkt bei dem Namen eures Sohnes an euren Laden. Womöglich soll er später als lebendes Reklameschild rumlaufen?!?“

*

Der kleine Otto kam zur Welt und wurde kurz darauf getauft. Selbstverständlich hielt Jenny ihre Zusage ein, seine Patentante zu werden, auch wenn sein Name ihr missfiel. Als sie etwa einen Monat später nach Feierabend durch ein Kaufhaus der Innenstadt schlenderte, wurde sie plötzlich angesprochen. „Hallo, da ist ja die Co-Patin!“

Erfreut erblickte sie Ralph und nahm seine Einladung zu einer Tasse Kaffee im Restaurant des Kaufhauses gern an. Sie kannten sich erst seit Ottos Taufe, waren aber – nach Aufforderung von Alex und Lisa – sofort per Du und per Vornamen gewesen.

„Ralph, bist du auch so entsetzt wie ich über den Namen Otto?“

„Nö, wieso? Er ist zwar altmodisch, aber solche Namen sind doch heute gerade modern.“

„Dass Alex und Lisa dem Kind einen spiegelbildlichen Namen geben wollten, finde ich sowieso blöd“, sagte Jenny kopfschüttelnd, „aber wenn es unbedingt so sein musste – gab’s da wirklich keinen anderen?“

„Wohl kaum“, schmunzelte Ralph. „Für echte Spiegelbildlichkeit genügt es ja nicht, dass ein Name vor- und rückwärts gelesen werden kann. Zusätzlich müssen die Buchstaben – zumindest die Großbuchstaben – symmetrisch sein. Das ist nur bei wenigen der Fall. Entsprechend klein ist die Zahl möglicher Vornamen. Für Jungen fällt mir außer OTTO nur noch der friesische Name OMMO ein, für Mädchen AVA oder die sehr exotischen Namen AIA und AMA.“

Jenny staunte. „Wow, was du alles weißt.“

„WOW ist ebenfalls spiegelbildlich“, lachte Ralph.

*

Als Jenny wieder einmal ihr Patenkind besuchte und Alex sich verabschiedet hatte, um hinunter in den Laden zu gehen, beschloss sie, Lisa etwas zu fragen. Der Kleine verstand ja zum Glück noch nichts.

„Lisa, ich fürchte, ich habe mich in deinen Schwager Ralph verliebt. Ist er solo?“

Zu Jennys Erleichterung lachte Lisa nicht, sondern beantwortete die Frage voller Verständnis. „Ja. Aber sei vorsichtig. Seine bisherigen Beziehungen haben alle nicht lange gehalten.“

Doch das hörte Jenny schon nicht mehr. Die Auskunft, dass Ralph noch zu haben war, versetzte sie in einen solchen Glückstaumel, dass Lisa die Freundin nicht wiedererkannte.

„Ich dachte, du wolltest immer Junggesellin bleiben“, bemerkte sie, woraufhin Jenny juchzte: „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?“ Auweia, dachte Lisa voller Mitleid, die Arme ist wirklich höchstgradig verknallt. Hoffentlich erlebt sie keine schlimme Enttäuschung. Naja, vielleicht geht es ja auch gut.

„Merkwürdig“, sagte Lisa, „du warst doch immer so vernunftbetont. Sogar den Namen Otto hast du kritisiert, weil er nicht mehr zeitgemäß sei.“

„Hab ich das? Ralph hat mir die Sache mit den Spiegelbildern erklärt. Eine tolle Idee. Wenn wir Kinder kriegen, soll ein Mädchen AIA heißen und ein Junge OMMO!“

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