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geschrieben 2012 von anschi (anschi).
Veröffentlicht: 23.11.2022. Rubrik: Menschliches


Mit Veuve Clicquot im Schaumbad

Schreiben ist etwas ganz Besonderes; Strom fließt vom Gehirn in die Hand und sagt ihr, was zu tun sei. Das Verhältnis ist dann ein gegenseitiges: Die Schreibbewegungen der Hand stimulieren das Gehirn.

Ich betrachte die letzten Änderungen meines Textes auf dem Bildschirm, dann springe ich auf, drucke aus, ändere wieder. Wie bei dem Kochrezept, das ich dauernd abwandle, verändere ich meine Passagen ein ums andere Mal, suche nach einer Struktur.

Während ich meine Texte ändere, verwandeln sie mich; ich taste mich weiter.

Mit ihm ist alles neu. Die elementarsten Dinge wollen betrachtet werden wie zum allerersten Mal; ich folge meinen Impulsen, brauche nicht mehr gegen mich selbst zu kämpfen. Wo er ist, kann ich sein.

Wir sitzen im Schaumbad, halten jeder unsere gemeinsame Geschichte in der Hand. Gegenseitig lesen wir uns vor, der Geschichtenerzähler liest meine Kapitel, ich die seinen. Wir hören aufeinander, überlegen gemeinsam, akzeptieren oder verwerfen, fügen Handschriftliches ein; er in seinen Kapiteln, ich in den meinen. Das Papier wellt sich, wird fleckig, der Stift geht nicht mehr an. Während er liest, lasse ich mich näher zu ihm gleiten. Es ist heiß; mein Manuskript wird immer feuchter. Ich lege es aus der Hand.


*


Wenn man das offene Wasser gewöhnt ist, haben Badewannen etwas von einem Goldfischglas.

Als ich noch droben an Land arbeitete, gab es zwei Sorten Pferde: solche, die sich brav in die Lohebox führen ließen, und solche, die das nicht wollten. Meine Sympathie galt mehr den Widerspenstigen, nicht den Mitläufern. Die Widerspenstigen musste man überzeugen, überreden, manchmal auch austricksen, und es kostete Mühe und Zeit. Wirklich zu zähmen waren sie nie. Aber ein schnaubender Gaul, der am Ende nicht dort stand, wo er eigentlich hin sollte, gefiel mir tausendmal besser als ein frommes Pferdchen, mit dem man buchstäblich alles anstellen konnte.

Als ich unter den Oberflächen zu hausen begann, blieb es so. Die Unberechenbarkeit der Meeresbewohner war geradeso anziehend wie der Eigenwille der Stuten und Hengste, und es machte mir nie etwas aus, zu spüren, dass in der Tiefe zwischen den Riffen nicht alles beherrschbar ist.

Mit einer Meerjungfrau im Goldfischglas schwebend; allmählich sich auflösende Skripte, wechselseitig vorgelesen; eiskalt perlender Veuve Clicquot im Kristallglas auf weißen Fliesen, dazwischengestreut rosa und rote Rosenblätter, roséfarbene Luftballons. Stille und doch Sturm, der durch die gläserne Landschaft weht; sanfte Berührung und doch Verlust allen Gleichgewichts; ein paar Tropfen Wasser nur und doch Absturz bis zum Marianengraben hinunter. Ich werfe den Bleistift weg, die Blätter hinterher.

Das Meermädchen lacht, doch ich seh seine Wildheit dahinter. Vielleicht, dass ich es einmal berühren darf, gehören will es nur sich allein.

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