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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Doris (Lesestübchen).
Veröffentlicht: 09.01.2019. Rubrik: Persönliches


Mütter kann man sich nicht aussuchen

Das Telefon läutete. Es war schon ziemlich spät am Abend. Meine Mutter. Weinend. 'Oh, mein Gott', dachte ich, 'was ist jetzt wieder passiert?'
Mutter hatte mal wieder eine Glanzleistung vollbracht. Sie erzählte mir unter Tränen, dass sie einen Streit mit ihrem aktuellen Freund hatte, der schließlich eskalierte, und irgendwann versetzte er ihr in seinem Suff einen Stoß, sodass sie bis ins Vorzimmer getaumelt war. Sie bekam Angst und suchte Zuflucht bei meiner jüngsten Schwester und ihrem Freund. Von dort aus rief sie nun mich an und heulte mir etwas vor von wegen, sie wisse nicht, was sie tun solle. Sie habe Angst, nach Hause zu gehen, da sie nicht wisse, wozu er sonst noch fähig wäre.

Es war nicht zu fassen. Seit ich denken konnte, machte meine Mutter immer und immer wieder die gleichen Fehler, ohne auch nur das geringste daraus zu lernen. Sollten nicht eigentlich die Mütter die Verantwortung für ihre Töchter übernehmen, und nicht umgekehrt? Wie kam ich eigentlich dazu, sie immer wieder aus einem Riesenhaufen Scheiße herauszuziehen, in den sie sich nur allzu bereitwillig selbst hineingesetzt hatte? Ich war gerade mal 25 und hatte selbst mit meiner Existenz zu kämpfen, weil ich weder irgendwelche Startmittel noch ansatzweise Unterstützung von meiner Familie bekam. Ich riss mir den Arsch auf bis zum Stehkragen, um mir mein Leben halbwegs so einrichten zu können, wie ich mir das vorstellte. Und dann durfte ich auch noch ständig das Kindermädchen für meine Mutter spielen. Das war nicht fair!

Aber was sollte ich tun? Sie war immerhin meine Mutter. Sie einfach hängen zu lassen brachte ich auch nicht fertig, es schien mir nicht richtig.

Ich war wütend und genervt, aber ich überlegte, was getan werden konnte. Schließlich entschied ich mich dafür, ein paar meiner Freunde anzurufen und vereinbarte mit ihr, dass wir uns alle bei ihrer Wohnung treffen. Es musste wohl mal jemand in die Wohnung gehen und die Lage sondieren; dass ich das nicht im Alleingang machen wollte, lag wohl auf der Hand.

Ich hatte noch nie verstanden, wie man sich auf solche Männer einlassen konnte. War das Verzweiflung? Torschlusspanik? Ich konnte es nicht verstehen. Aber Ich konnte die Handlungen meiner Mutter noch nie nachvollziehen; nichts was diese Frau tat, ergab auch nur annähernd irgendeinen Sinn.

In Situationen wie diesen war ich unendlich dankbar für meine Freunde, die alles stehen und liegen ließen und für mich da waren, wenn ich sie brauchte. Wir trafen uns also alle gemeinsam bei der Wohnung meiner Mutter. Ich wollte mit ihr zur Polizei gehen - die nächste Wachstube war nur ein paar Meter die Straße runter - aber sie weigerte sich. Diese Frau stand nur da wie ein kleines, verheultes Häufchen Elend und verweigerte jegliche Mitarbeit. Schließlich setzte sie sich zu meiner Freundin ins Auto und wollte nicht mehr aussteigen. War das zu fassen? Noch einfacher konnte man es sich gar nicht mehr machen. Einfach jemand anderem die Verantwortung umhängen und sich aus dem Staub machen - es war so typisch!

In Begleitung meines besten Freundes ging ich in die Wohnung, während meine Freundin für meine Mutter die Nanny spielte. Er war im Wohnzimmer auf der Couch bereits ins Saufkoma gefallen und schnarchte, dass die Wände wackelten.

Anschließend gingen wir auf die Polizei und die anderen warteten bei der Wohnung. Ich hatte so etwas noch nie gemacht. Ich selbst hatte ja noch nie einen Vollpfosten zum Freund gehabt, der sich betrank und handgreiflich wurde. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie mit der Polizei zu tun gehabt, und jetzt musste ich dorthin und denen erklären, dass meine Frau Mutter ein Kleinkind im Körper einer erwachsenen Frau war, des Lebens völlig unfähig, und die irgendwelchen dahergelaufenen, versoffenen, unberechenbaren Typen einfach so nach zwei Wochen ihre Wohnungsschlüssel gab! Ich war so wütend! Es gab auf dieser Welt keinen Menschen, der mich so wütend machen konnte wie meine Mutter, der mich so oft enttäuscht und so zutiefst verletzt hatte. Und jedes Mal wieder war ich da um sie aus dem Sumpf zu ziehen, während sie sich in ihrem Selbstmitleid suhlte und das Opferlamm spielte.

Auf der Polizei wurde ich darüber informiert, dass es schwierig sei, jemanden aus einer Wohnung zu werfen, wenn die Mieterin freiwillig ihre Schlüssel hergegeben hatte. Der Polizeibeamte erklärte mir, dass sie den Mann bitten könnten zu gehen, sollte dieser sich jedoch weigern, könnten sie nichts weiter unternehmen. Zwei Polizisten begleiteten uns also zur Wohnung, nahmen die Personalien aller Beteiligten auf, und gingen dann in die Wohnung. Nach einiger Zeit kamen sie wieder zurück und bestätigten uns zu unserer Erleichterung, dass Mutters Freund die Wohnung ohne Murren verlassen hatte und auch den Wohnungsschlüssel zurückgegeben hatte. Nachdem sie meiner Mutter noch den Tipp mit auf den Weg gegeben hatten, beim nächsten Mal vielleicht zweimal zu überlegen, bevor sie jemandem ihre Wohnungsschlüssel gab, verabschiedeten sie sich.

Meine Freundin hatte meiner Mutter in der Zwischenzeit gehörig den Marsch geblasen, weil sie es so unerhört unverschämt fand, was sie da abzog. Sich einfach in ihrer Opferrolle zu wälzen und ihre Kinder die Suppe auslöffeln zu lassen - das machte sie fast noch wütender als mich.
Aber es würde nichts bringen, meine Mutter würde sich nicht ändern, diese Hoffnung hatte ich längst aufgegeben. Sie würde mir noch viele seelische Schmerzen bereiten. Würde ich jemals in der Lage sein, diese Beziehung zu beenden?

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geschrieben von Lesestübchen am 09.01.2019:
Diese Geschichte wurde auch auf meinem Blog veröffentlicht.

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