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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Doris (Lesestübchen).
Veröffentlicht: 10.01.2019. Rubrik: Menschliches


Ich mache keine Dates

Er sah sie sofort, als er das Lokal betrat. Zugegeben, das Lokal war sehr klein und überschaubar, und sie saß direkt an der gegenüberliegenden Wand, also würde jeder sie beim Reinkommen sehen. Aber ihm gefiel auch ihre Ausstrahlung. Sie saß an einem Tisch in einer Nische, die Beine überschlagen, sehr gerade Körperhaltung und tippte mit sehr konzentriertem Gesichtsausdruck auf ihrem Tablet. Sie könnte Lehrerin sein, oder Schriftstellerin. Er konnte sie sich gut beim Unterrichten vorstellen, oder als Vortragende bei einem Seminar. Was aber absolut nichts zur Sache tat. Was zählte, war, dass sie ihm gefiel und er sie kennenlernen wollte. Sein Plan, ein Feiertagsbier auf dem Heimweg zu trinken, wurde umgewandelt in Plan 'Wie erlange ich das Interesse dieser Frau?' - und ein Feiertagsbier.

Er hatte wohl hohe Ansprüche, zumindest behaupteten das seine Freunde, die ihn immer wieder gerne damit neckten, dass eine Mondfinsternis wohl öfter vorkommen würde, als dass eine Frau auftaucht, die ihn interessiert. Das mochte stimmen - aber was war an hohen Ansprüchen auszusetzen? Er fand sogar, dass die meisten Menschen viel zu niedrige Ansprüche hatten. Also blieb er dabei und seine Freunde konnten sich weiter darüber amüsieren - sollten sie auch ihren Spaß haben. Er mochte nun mal Herausforderungen und war sicher, dass die Frau dort in der Nische eine war.

Einer der Kellner ging zu ihrem Tisch und sprach mit ihr. Aus der Art und Weise, wie die beiden sich unterhielten, schloss er, dass sie sich kannten. Sie hatte ein bezauberndes Lächeln. Als der Kellner zurückkam, fragte er ihn, ob er ihm etwas über die Frau sagen könne, da er den Eindruck hatte, dass sie sich kannten. Der Kellner erzählte ihm, dass sie zu den Stammgästen des Lokals gehöre und ca. einmal die Woche hier wäre. Soweit er wisse, wäre sie nicht vergeben, allerdings glaube er, dass sie nicht sonderlich interessiert an Dates wäre, zumindest habe er sie noch nie mit einem gesehen. Sie kam entweder allein und arbeitete am Tablet oder las etwas, oder sie war mit einer ihrer Freundinnen unterwegs.

Er überlegte, wie er sie ansprechen sollte. Er war zwar ein recht selbstbewusster Mensch, aber in so einer Situation ist wohl jeder nervös. Wer wird schon gerne zurückgewiesen? 'Was soll's' dachte er, je länger er hier stünde umso nervöser würde er werden. Also nahm er sein Bier, ging hinüber zu ihrem Tisch, entschuldigte sich für die Störung und fragte sie, ob er sich zu ihr setzen dürfe. Er hatte sie sichtlich aus ihrer Konzentration gerissen, denn sie sagte erst mal einige Sekunden lang gar nichts und sah ihn nur irritiert an. Dann lächelte sie und bat ihn zu seiner Freude, Platz zu nehmen. Die erste Hürde war geschafft.

Sie unterhielten sich einige Stunden lang über alles Mögliche, genau gesagt unterhielten sie sich bis zur Sperrstunde, und auch während ihrer Unterhaltung büßte sie nichts an Interesse ein, ganz im Gegenteil. Sie war intelligent, kultiviert, humorvoll - und überdurchschnittlich unabhängig und freiheitsbedürftig. Sie hatte eine genaue Vorstellung davon, wie sie ihr Leben führen wollte und ging ihren Weg ohne Rücksicht darauf, was irgendjemand anderer davon hielt. Sie war unangepasst und hatte unkonventionelle Ansichten, deswegen eckte sie auch oft an, aber auch das kümmerte sie nicht; das fand er beeindruckend. Allerdings ließ sie während des Gesprächs auch immer wieder mal durchblicken, dass sie sehr gern allein lebte und kein Interesse an Beziehungen hätte; das waren die weniger guten Neuigkeiten - zumindest für ihn.

Als sie das Lokal verließen, wagte er es trotzdem und fragte sie, ob sie sich wiedersehen könnten - ihr Blick sprach leider Bände. Sie bedankte sich für sein Interesse und erklärte ihm, dass sie keine Dates mache. Sie sei gar nicht gut in zwischenmenschlichen Belangen und sogar eine absolute Niete, sobald es um Emotionen ginge. Sie wäre zudem gerade an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sehr viel vorhatte und eine Geschichte mit einem Mann sie nur ablenken würde. Sie habe aber das Gespräch sehr genossen und mochte ihn; und sie würde sich freuen, wenn sie auf freundschaftlicher Ebene in Kontakt bleiben könnten. Sie würde es allerdings verstehen, wenn er dazu keine Lust hätte.

Er wusste nicht, ob er gekränkt sein sollte ob der Zurückweisung, oder ob er sich über so einen höflichen Korb doch freuen sollte. Er wusste nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte. Sein Interesse ging definitiv über das einer Freundschaft hinaus. Sollte er das ganze hier und jetzt abbrechen und einfach einen sehr schönen Abend in Erinnerung behalten? Oder sollte er sich auf eine Freundschaft einlassen mit der dezenten Hoffnung, dass vielleicht doch eines Tages mehr daraus werden könnte? Mit dem Risiko, dass das vielleicht doch nie passieren würde?

Er gab ihr sein Handy und bat sie, ihre Nummer einzutippen.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Lesestübchen am 10.01.2019:
Wurde auch auf meiner Website veröffentlicht.

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