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3xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 26.01.2019. Rubrik: Lustiges


Das Arbeitszeugnis

Es klingelte. Mit Erstaunen sah die Germanistik-Professorin beim Blick durch den Türspion ihre frühere Haushaltshilfe Marie. Was mochte sie wollen? Sie hatte doch gekündigt, weil sie aus familiären Gründen in eine andere Stadt ziehen musste.

Zögernd öffnete die Professorin die Tür. „Hallo Marie, was für eine Überraschung! Ich dachte, Sie wären gar nicht mehr hier. Kommen Sie herein. Was gibt‘s denn?“

Marie zog aus ihrer Handtasche ein Schreiben, in dem die Professorin stirnrunzelnd das von ihr verfasste Arbeitszeugnis erkannte. „Frau Professor, wieso waren Sie nicht zufrieden mit mir?!?“

Die Angesprochene war völlig verdutzt. „Wie meinen Sie das? Ich habe Ihnen doch das beste Zeugnis ausgestellt!“

„Eben nicht! Sie haben geschrieben, ich hätte alles zu Ihrer vollen Zufriedenheit erledigt. Als eine Cousine von mir das las, sagte sie, das sei nur durchschnittlich. Am besten wäre: ‚stets zu meiner vollsten Zufriedenheit‘!“

Die Professorin war verärgert. „Das Wort ‚vollsten‘ ist ein Unding. ‚Voll‘ kann man nicht steigern!“

„Doch! Meine Cousine hat beruflich mit Zeugnissen zu tun. Sie hat es mir erklärt. Da man in Zeugnissen nichts Negatives schreiben darf, hat man für sie eine besondere Sprache entwickelt. Bitte ändern Sie das Zeugnis!“

„So ein Unsinn. ‚Vollsten‘! Die Leute würden ja glauben, ich als Germanistik-Professorin könne kein richtiges Deutsch. Voll ist voll und leer ist leer, da gibt es keine Steigerungen.“

Das Handy der Professorin klingelte. „Meine Zahnarztpraxis, sie ruft wegen eines Termins zurück“, sagte sie und hob ab. „Montag? Nein, bitte nicht! Dann ist es bei Ihnen doch immer am vollsten!“

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