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4xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 09.02.2019. Rubrik: Lustiges


Gesichtserkennung

Vicky hatte ein seltsames Handicap. Sie konnte sich – außer bei sehr nahestehenden Personen – weder Gesichter noch Stimmen merken. Mit allerlei Tricks versuchte sie ihre Schwäche zu überspielen.

Ihr Handicap machte sie ungeeignet für Berufe, bei denen das Erkennen von Gesichtern eine Rolle spielt. Schließlich fand sie einen Job als Schreibkraft in einer kleinen Firma, in der außer dem Chef nur vier Damen – mit ihr zusammen fünf – tätig waren. Lieber hätte sie mit zwei Damen und zwei Herren zusammengearbeitet. Nicht etwa, weil sie auf Männerfang gehen wollte – sie hatte einen Freund –, sondern weil ihr die Unterscheidung dann leichter gefallen wäre. Jetzt musste sie sich also die unveränderlichen Gesichtsmerkmale von vier Geschlechtsgenossinnen einprägen.

Haarfarbe und Frisur gehörten nicht dazu – sie konnten täglich variieren. Selbst auf die Augenfarbe war heutzutage kein Verlass mehr. Die Ohren waren oft unter dem Haar verborgen, und seltsamerweise konnte sich durch Brillen sogar der optische Eindruck der Nase ändern. Nur ein Gesichtsteil eignete sich nach Vickys Erfahrung fürs Wiedererkennen: die Mund- und Kinnpartie.

Obwohl ihr Freund ihr schon oft geraten hatte, das Handicap einfach zuzugeben und immer neu die Namen zu erfragen, machte Vicky sich Notizen und erfand Eselsbrücken, bis sie Birte, Carmen, Natalie und Thea schließlich mühelos auseinanderhalten und richtig ansprechen konnte.

Und dann kam eines Morgens der Super-GAU. Als Vicky (die zwar immer rechtzeitig, aber meist als letzte im Büro eintraf) ihre vier Kolleginnen erblickte, sah sie mit Entsetzen, dass jede einen weißen Mundschutz trug, der die untere Gesichtshälfte komplett bedeckte. Eine von ihnen lief auf Vicky zu und band auch ihr einen Mundschutz um. „Anordnung vom Chef! Birte ist schwer erkältet!“

Vickys Gedanken rasten. Sie blickte sich im Büro um und sah, dass vor einer ihrer Kolleginnen drei Packungen Papiertaschentücher lagen. Das musste also Birte sein! Und wer hatte ihr, Vicky, das vermaledeite Ding umgebunden? Auch Stimmen konnte sie schlecht erkennen…

Sie vertiefte sich in ihre Arbeit und hoffte, den Tag zu überstehen, ohne dass jemand hinter ihr Geheimnis kam. Plötzlich öffnete sich die Bürotür. „Der Chef!“, rief Vicky aus und schöpfte Hoffnung. Auch er trug einen Mundschutz. „Chef“, bat sie, „schicken Sie doch bitte Birte zum Arzt! Sehen Sie nur, wie schlecht sie aussieht! Sie muss krankgeschrieben werden und nach Hause gehen!“

Alle blickten Vicky erstaunt an. Dann jedoch erfüllte der Angesprochene ihr den Wunsch. Birte zögerte, aber da sie sich offenbar wirklich schlecht fühlte, widersprach sie nicht und verließ das Büro.

Vicky rannte zum Fenster. „Los, jetzt wird gelüftet, und dann können wir endlich den Mundschutz wieder abnehmen!“

„Moment mal!“, lachte die männliche Stimme hinter ihr. „Zuerst muss der Griff repariert werden! Vielen Dank zwar, dass Sie mich ‚Chef‘ genannt haben, aber ich bin Kevin Schmitz von der Fensterfirma Franke.“

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