Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie Du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
FacebookMenu anzeigenMenu anzeigen
5xhab ich gern gelesen
geschrieben 2017 von Dawin (Dawin).
Veröffentlicht: 28.07.2019. Rubrik: Grusel und Horror


Gerrys letzter Besuch

Irgendwas stimmt nicht mit Oma, dachte Gerry irritiert, als er die kleine Küche betrat. Ihre Augen, unter denen dunkle Schatten lagen, wirkten seltsam stumpf, die Wangen eingefallen, die runzelige Haut aschgrau.

„Oma, ist alles okay? Du siehst etwas … müde aus.“ Fast wäre ihm das Wort ‚unheimlich’ herausgerutscht, so schrecklich wirkte das verhärmte Gesicht der Großmutter auf ihn. Der Anflug eines Lächelns huschte über das faltige Antlitz der alten Frau.
„Mach dir keine Sorgen, kleiner Gerry, es ist alles in Ordnung!"
Der Klang ihrer Stimme hatte heute etwas Befremdliches. Es war nicht dieser übliche warmherzige Ton, den er sonst kannte.

„Ich werde dir deinen Lieblingskuchen backen. Nimm dir ein Glas Milch!“
Wie immer roch es dezent nach einer Mischung aus Kaffeeduft und Plätzchen. Ständig gab es selbstgemachten Kuchen und Kekse. Ein Paradies für Schleckermäuler wie Gerry. Tatsächlich hatte er Lust auf ein Glas Milch und kam der Aufforderung nach.
„Das mit dem Kuchen ist sehr lieb, Oma, aber ich wollte dir nur kurz Guten Tag sagen. Mama kocht bereits das Mittagessen", sagte Gerry.
Seine Großmutter blinzelte irritiert.
„Nein, du kannst nicht gehen, du musst warten bis es fertig ist!"
Der plötzlich trotzige Unterton verunsicherte Gerry. Zum ersten Mal überhaupt begann er sich in der Gegenwart seiner Großmutter unbehaglich zu fühlen. Vielleicht lag es daran, dass er sie noch nie richtig krank erlebt hatte. Sie besaß normalerweise eine robuste Natur und beklagte sich niemals über irgendetwas.
Ihr Haus befand sich eine Viertelstunde Fußmarsch von Gerrys Zuhause weg. Seit dem Tod seines Großvaters vor zwei Jahren lebte sie allein, kam aber ganz gut zurecht. Gerry besuchte sie ein, zwei Mal in der Woche, erledigte manchmal ein paar Einkäufe für sie. Fast immer gab es leckere Sachen von ihr. Und einmal im Monat holte sein Vater Großmutter zu einem gemeinsamen Abendessen zu ihnen nach Hause worüber sie sich immer sehr freute.

„Es ist noch nicht soweit!“, sagte Großmutter, als spräche sie jetzt zu sich selbst und schlurfte mit hängenden Armen zum Schrank. Gerry sah ihr stirnrunzelnd hinterher, dann trank er einen Schluck Milch. Angewidert verzog er das Gesicht und spuckte den Schluck zurück ins Glas.
„Bah, Oma, die Milch ist total sauer!“
„Sie ist nicht sauer, Gerrylein, die Dinge haben sich nur geändert“, sagte die Großmutter im leicht tadelnden Ton und kam mit einem Beutel Mehl zurück an den Tisch. Dann nahm sie ihm das Glas aus der Hand und trank es unter lautem Geschmatze leer.
„Siehst du, keine Schmerzen.“
Ungläubig starrte er das leere Glas auf dem Küchentisch an und musste sich unwillkürlich schütteln.
„Ich werde jetzt den Kuchen backen, mein Junge“ sagte sie gedankenverloren, schüttete das Mehl in eine Schüssel und gab den Rest der vergorenen Milch aus der Flasche dazu. "Wir haben außerdem Besuch da."

"Besuch?" Gerry schaute sich verständnislos um. "Aber außer mir ist doch niemand da."
Die alte Dame lächelte gequält.
„Ach, Gerry, du wirst nicht glauben, aber es ist Georg, mein lieber Mann - dein Großvater.“
Jetzt war sich Gerry sicher, dass mit Großmutter etwas nicht stimmte, denn sein Großvater starb bereits vor vier Jahren. Er mochte seinen Großvater nicht besonders, diesen verbitterten, alten Mann, den der letzte Weltkrieg zu einem kaltherzigen Zyniker hatte werden lassen.

Sie nahm den Glasbehälter mit Salz, schöpfte eine kleine Kaffeetasse voll, und ehe Gerry es verhindern konnte schüttete sie es in die Teigschüssel.
„Oma“, rief Gerry aufgebracht, „du hast Salz statt Zucker genommen!“
Die Großmutter schüttelte den Kopf.
„Mir geht es gut, Gerry. Keine Schmerzen, verstehst du? Keine Schmerzen. Nie wieder. Mir geht es gut.“
Was sollte dieser Quatsch mit 'Keine Schmerzen', fragte sich Gerry mehr und mehr verunsichert? Vielleicht sollte er Mutter anrufen, jetzt gleich, und Bescheid sagen.

„Ich wusste, dass Georg heute kommt, weißt du? Ich wusste es einfach", sagte Großmutter im monotonen Singsang. „Verzeih mir, dass ich nicht rechtzeitig fertig wurde. Es wird nicht mehr lange dauern.“

„Äh..., ich…, äh, würde gerne Mama kurz anrufen und sagen, dass es einen Moment später wird. Darf ich, Oma?“, sagte Gerry stotternd. Dabei klang seine Stimme irgendwie dünn und piepsig.
„Es ist alles so anders, weißt du? Keine Schmerzen. Ich glaube, dass wird ein besonders guter Kuchen“ plapperte sie monoton, weder auf seine Frage eingehend noch von ihrer Arbeit aufblickend.
Gerry beobachtete entsetzt, wie sie ein Ei nach dem anderen aus der Packung nahm, mitsamt Schale in die Teigschüssel warf und das Ganze mit einem Kochlöffel verrührte. Für einen Moment hätte er ihr am liebsten die Schüssel aus der Hand gerissen und sie angeschrien, sie solle mit dem Mist endlich aufhören und endlich wieder normal benehmen. Stattdessen stand er wortlos auf und schritt zur Wohnzimmertür. Am liebsten wäre er einfach auf und davon. Auf der anderen Seite wollte er seine kranke Großmutter nicht einfach feige sich selbst überlassen. Wer weiß, was die verwirrte alte Frau anstellen würde, wenn er sie alleine ließ.

„Bevor du anrufst, frag' Opa bitte, ob er später ein Stück Kuchen mit uns essen möchte. Er ist im Schlafzimmer und ruht sich etwas aus.“
Im Schlafzimmer? Großvater? Gerry erstarrte. Großer Gott, natürlich war er nicht im Schlafzimmer, sagte er sich nach dem ersten Schreckensmoment! Und dann fiel ihm etwas ein. Hatte er nicht mal eine Sendung über alte, kranke Menschen gesehen, die Vergangenheit und Gegenwart durcheinander brachten und anfingen, Dinge und so, zu vergessen? Er konnte sich nicht mehr an den Namen dieser Krankheit erinnern. Aber er wusste, dass es so was gab.

„Ja, gut, Oma, ich... ich... sag' ihm Bescheid!“, stotterte er leise.
Er betrat das altmodisch eingerichtete Wohnzimmer auf dessen gegenüberliegende Seite sich die geschlossene Tür zur Schlafstube befand. Für einen Moment stellte er sich vor, wie sein Großvater tatsächlich dort im Bett lag und grimmig an die Decke starrte. Obwohl nur eine blödsinnige Vorstellung, erfüllte ihn dieser Gedanke mit Grausen.
Rechts neben der Tür stand auf einer kleinen Anrichte das Telefon. Gerry wählte die Nummer von Zuhause.

Eine vertraute Stimme meldete sich.
„Smitters?“
„Mama, ich bin's.“
„Wo bist du, Gerry? Das Essen ist bereits fertig.“
„Ich bin noch bei Oma. Wollte nur kurz vorbeischauen. Aber ich glaube, sie ist...“
„O mein Gott!“ unterbrach sie ihn. „Du bist in Omas Haus?“
Es war nicht die Bemerkung, die ihn plötzlich ängstigte, sondern der eigenartig besorgte Tonfall.
„Was ist denn so Besonderes daran, dass ich bei Oma ...“
„Wie bist du überhaupt reingekommen?“ unterbrach ihn seine Mutter erneut.
„Was meinst du damit, wie ich reingekommen bin? Oma hat mich reingelassen, wer sonst?“
Am anderen Ende der Leitung herrschte plötzlich Stille. Hatte sie einfach aufgelegt? Gerry verspürte einen Anflug von Panik.

„Mama, bist du noch da? Mama...?“ Verdammt, gleich würde er losschreien!
„O mein armer Kleiner, es tut mir ja so leid", hörte er sie endlich wieder. Ihre Stimme klang jetzt, als hätte sie zu weinen angefangen.
„Ich versteh' nicht, Mama! Was tut dir leid?“
Gerrys Magen zog sich zusammen.
„Gerry, mein Schatz, hör' mir gut zu! Papa und ich wollten es dir eigentlich gestern Abend erzählen, aber du warst über Nacht bei deinem Freund und deshalb ...“
Ihre Stimme brach ab. Gerry konnte spüren, wie sie um Fassung rang. Schließlich sagte sie:
„Gerry..., Oma ist gestern gestorben. Es war Herzversagen. Papa fand sie nach der Arbeit, als er...“
Den Rest des Satzes hörte er nicht mehr. Einzig die vier Worte hallten wie ein dröhnender Donnerhall durch seinen Schädel:
"Oma – ist – gestern - gestorben ... Oma – ist – gestern - gestorben …“
Aus Gerrys Gesicht wich jegliche Farbe. Seine Finger umklammerten den Hörer wie einen Rettungsanker, der ihn vor dem Verlust seines Verstandes bewahrte.
Aus der Küche drang ein klirrendes Geräusch; etwas viel zu Boden und zerbrach. Gerry wirbelte herum und prallte mit dem Rücken gegen die Schlafzimmertür.

„Gerry, was war das?“ Die Stimme seiner Mutter klang beunruhigt.
„Ist noch jemand im Haus?“
Ob noch jemand im Haus wäre? Fast hätte er hysterisch aufgelacht. Inbrünstig hoffte er, jeden Moment schweißgebadet aus diesem Alptraum zu erwachen. Seine Mutter würde dann in der Tür stehen, ihn mitfühlend anlächeln und sagen, dass alles in Ordnung sei.

Es war nur ein böser Traum, mein Liebling...
Aber er wusste es besser. Das war kein Traum! Und hier war einiges nicht in Ordnung.
„Gerry, Schatz, sag' doch was!“
Doch Gerrys Gedankenkarussel drehte sich schneller und schneller. Wie konnte Oma tot sein, wenn sie doch in der Küche stand und mit ihm sprach?
„Gerry … ! Verdammt, Junge, was ist los?“
Ihm schwirrte der Kopf, Schwindel erfasste ihn. Kraftlos entglitt ihm der Hörer aus der Hand und fiel polternd zu Boden. Wie aus weiter Ferne quakte die schrill klingende Stimme seiner Mutter aus dem Hörer.

Oma kann nicht tot sein. Mama muss sich irren. Oma ist nur krank, aber doch nicht tot. Tote laufen nicht herum und wollen Kuchen backen.
Gerrys verzweifelter Gedankengang wurde jäh unterbrochen, als die Klinge der Schlafzimmertür sich an seinem Rücken bewegte. Mit einem Aufschrei sprang er in die Mitte des Wohnzimmers und starrte entsetzt auf die Tür, die sich quälend langsam zu öffnen begann. Sein Herz raste wie eine außer Kontrolle geratene Lokomotive und für einen Moment glaubte er, ohnmächtig zu werden. In diesem Augenblick rief Großmutter aus der Küche:
„Ich glaube, Georg ist aufgewacht, mein Schatz! Bringst du ihn zu mir?“

Ihn bringen? Wen, verdammt noch mal, sollte er bringen? Seinen toten Großvater etwa? Voller Grauen sah Gerry, wie sich hinter der Türkante knöchrige, skelettierte Finger hervor schoben, an denen noch vereinzelt verweste Haut-, und Fleischfetzen erkennbar waren. Mit einem entsetzten Aufschrei stürmte er aus dem Wohnzimmer und schlug die Tür zu.
"Oma!", kreischte Gerry hysterisch. "Da ist was..., jemand... im..." Er brach ab und betrachtete schwer atmend das verstörende Szenario. Überall auf dem Boden lag verstreutes Mehl, Scherben einer zerbrochenen Glasschüssel, verschmierte Teigkleckse auf Tisch, Stühle und der Vorderseite des Backofens. Und inmitten des Chaos stand seine Großmutter, die ihn ausdruckslos mit zur Seite geneigtem Kopf musterte.
"Was ist denn los, mein Junge? Warum so aufgeregt?"
Gerry war sprachlos und vergaß für einen Moment das Grauen wenige Augenblicke zuvor. Das war doch total verrückt. Oma war nicht tot! Sie stand ja vor ihm. Lebendig. Okay, irgendwas in ihrem Kopf funktionierte nicht mehr richtig, wie man an ihrem Benehmen und der verwüsteten Küche unschwer erkennen konnte. Aber sie war definitiv nicht tot, verdammt nochmal! Dennoch wollte er keine Sekunde länger in diesem Haus bleiben. er musste hier raus. Sofort!

Als hätte sie seine Gedanken erraten, sagte die Großmutter:
„Du kannst noch nicht gehen, Gerrylein! Möchtest du denn nicht deinen Opa begrüßen?“ Sie verzog gequält das Gesicht zu einem missglückten Lächeln, und entblößte eine Reihe gelb verfärbter Zähne. „Opa freut sich auf dich, weißt du. Es wird schön. Keine Schmerzen mehr.“

Sie breitete die Arme, die mit Mehl und Teig verschmiert waren, breit zur Umarmung aus und kam mit schlürfenden Schritten auf Gerry zu gewatschelt. Währenddessen begann schwarzer Rauch hinter ihr aus dem Backofen quellen, begleitet von beißendem Gestank.
„Komm zu mir, mein Kleiner, der Kuchen ist soweit!“

„Oma … was ist bloß los mit dir? Du machst mir angst!“, schrie er sie unvermittelt an. Tränen stiegen ihm in die Augen. Die alte Frau blieb abrupt stehen.
„Oh mein liebes Kind“, sagte sie langgezogen und klang wie eine quietschende Gartentür.
„Magst du denn deine Oma nicht mehr? Magst du keinen Kuchen? Opa mag ihn, weißt du? Nicht wahr, lieber Georg?“
Wie auf Kommando öffnete sich jetzt die Wohnzimmertür, ruckweise, Stück für Stück und drohte ihr grausiges Geheimnis preiszugeben. Doch darauf wollte Gerry ganz sicher nicht warten. So schnell er konnte rannte er aus der Küche, in den Flur, an die Eingangstür.
Aber dort erwartete ihn der nächste Albtraum. Das verdammte Ding von Türklinge ließ sich keinen Millimeter nach unten drücken. Aus dem Flur hinter ihm näherten sich schlurfende Schritte. Gerry geriet in Panik, schlug abwechselnd kreischend gegen die Tür und zerrte wild am Türgriff - während die schlurfenden Schritte unaufhaltsam näher kamen.

Einer plötzlichen Eingebung folgend riss er einen hölzernen Spazierstock aus dem Regenschirmständer neben der Tür und verkeilte ihn zwischen der Türklinke, um ihn als verlängerten Hebel zu benutzen. Lieber Gott, bitte gib mir Kraft!, schrie Gerry innerlich und drückte mit seinem ganzen Gewicht den Stock nach unten, der sich bedrohlich zu biegen begann. Gerry erwartete jeden Moment, dass er mit einem lauten Bersten zersplittere. Doch kurz davor gab die Türklinke knirschend endlich nach und ließ die Tür mit einem Klacken aufspringen.

Durch den plötzlich Ruck plumpste Gerry auf den Hintern, sprang jedoch sogleich wieder auf die Beine. Just in dieser Sekunde berührte etwas hartes, knochiges seine Schulter, krallte sich in den Kragen seiner Baumwolljacke.
Gerry kreischte panisch auf und warf gleichzeitig sein ganzes Gewicht nach vorne. Stoff riss. Der Griff löste sich. Gerry stolperte vorwärts die drei Stufen hinunter und spurtete los. Wie von Furien gehetzt rannte er die Straße hinunter, ohne ein einziges Mal zurückzusehen.
Erst als ihm die Lunge brannte blieb er nach Luft japsend an einer Gartenhecke stehen. Während er allmählich wieder zu Atem kam hielt plötzlich ein Auto mit quietschten Reifen direkt neben ihm. Jemand sprang aus dem Fahrzeug und schloss ihn hastig in die Arme. Erst jetzt bemerkte er, dass es seine Mutter war und begann hemmungslos zu weinen.

„Gerry, um Himmels Willen, was ist denn nur passiert? Warum hast du am Telefon keine Antwort mehr gegeben? Und dieser Lärm ihm Hintergrund... Ich habe mir Sorgen gemacht.“
Mit tränenerstickter Stimme erzählte er ihr von dem unheimlichen Erlebnis. Je mehr er erzählte umso mehr versteinerte sich ihr Gesichtsausdruck.
„Steig ein!“, sagte sie ernst am Ende von seinem Bericht und hielt ihm die Beifahrertür auf.
„Was hast du vor, Mama?“, fragte er entsetzt, obwohl er die Antwort schon kannte.
„Wir fahren zu Omas Haus. Ich kann das einfach nicht glauben. Ich will wissen, was da los ist!“
Widerstrebend stieg Gerry ein. Er hatte keine Kraft mehr, um zu widersprechen. Aber in keinem Fall würde er das Haus ein zweites Mal betreten. Keine zehn Pferde konnten ihn da je wieder hinein kriegen. Kaum saß seine Mutter hinter dem Steuer erklang das Näherkommen von Sirenen. Kurz darauf schossen zwei Feuerwehrfahrzeuge in atemberaubender Geschwindigkeit und ohrenbetäubendem Geheule an ihnen vorbei. Gerrys Mutter startete den Motor und fuhr los.
Bereits aus der Ferne sahen sie zwischen den Häuserreihen hindurch eine breite, schwarze Rauchsäule aufsteigen. In Gerry stieg ein schlimmer Verdacht hoch, wessen Haus dort brannte. Wenig später standen sie hinter einer Polizeiabsperrung mit anderen Passanten, die sich neugierig nebeneinander drängelten.

Obwohl Gerrys Mutter mehrmals beteuerte, zu dem Haus zu gehören, wurden sie von den Feuerwehrleuten zurückgehalten. 
„Sie können da nichts mehr tun. Es ist außerdem zu gefährlich“, war die lapidare Antwort. Und so mussten sie notgedrungen und untätig den Bemühungen der Feuerwehr zusehen, Herr der Lage zu werden.
Wenige Tage später erhielten Gerry und seine Eltern Besuch von der Polizei. Einer der Beamten erklärte ihnen, dass als Brandursache der alte Backofen in der Küche identifiziert wurde. Innerhalb des Backofens wurde eine Kuchenbackform entdeckt in der man stark verkohlte Rückstände von Teig fand.
Viel schlimmer und rätselhafter zugleich war jedoch der Fund von verbrannten Überresten eines vermutlich männlichen Skelettes im Schlafzimmer das nicht identifiziert werden konnte.

„Wer um alles in der Welt war das?“, fragte Gerrys Vater.
„Möglicherweise ein Obdachloser oder ein Einbrecher, der in das leerstehende Haus eindrang“, mutmaßte einer der Beamten.
„Irgendwann bekam er wohl Hunger und wollte aus ein paar Überresten, die er fand, etwas Essbares backen. Während der Kuchen im Ofen stand - so meine Vermutung - legte er sich zu einem Nickerchen in das Schlafzimmer. Den Rest können wir uns denken.“
Weder Gerry noch seine Mutter erzählten den Polizeibeamten von seinem Erlebnis. Doch als die Beamten gegangen waren versuchte Gerry erneut seine Eltern von der Glaubhaftigkeit seiner Geschichte zu überzeugen.
Während er mit leiser, zittriger Stimme alles so detailgetreu wie möglich schilderte, bemerkte er verunsichert, wie beide mehrmals vielsagende Blicke austauschten. Als er geendet hatte, sagte Gerrys Vater ruhig:

„Gerry, ich habe keine Ahnung, was du in Omas Haus erlebt hast oder nicht. Ich denke, der Tod von Oma hat dich sehr mitgenommen. Außerdem erscheint mir die Geschichte mit dem Obdachlosen weitaus plausibler. Wir wollen es dabei belassen.“
Gerry versuchte zu protestieren, doch sein Vater hob beschwichtigend die Hand.
„Wir fahren morgen zusammen ins Krankenhaus. Oma liegt dort im ...“ Er räusperte sich kurz. „Sie liegt dort in der Pathologie.“ Gerrys Gesicht erhellte sich. Aber wenn sie im Krankenhaus liegt dann lebt sie ja doch noch.“ Sein Vater lächelte mild.
„In der Pathologie eines Krankenhauses liegen Menschen, die verstorben sind.“

Gerry weinte leise, als sie den leicht unterkühlten Raum der Pathologie wieder verließen. Er hatte die genaue Sterbezeit, die auf dem Sterbedokument stand, gelesen. Demnach war seine Großmutter tatsächlich einen Tag vor seinem Besuch verstorben. Aber er hatte sich das Geschehene nicht eingebildet, da war er sich ganz sicher.
Gerry versuchte noch mehrere Male seine Eltern davon zu überzeugen, dass er sich diese Sache nicht ausgedacht hatte. Doch keiner der beiden wollte ihm glauben. Und so hörte Gerry eines Tages auf sie überzeugen zu wollen. Bis er Jahre später selbst nicht mehr so recht daran glauben mochte – und nie wieder darüber sprach.


Epilog:

Nachdem Gerry und seine Eltern die Pathologie verlassen hatten betrat kurze Zeit später der Leichenbestatter den Raum und ließ Gerrys Großmutter in sein Unternehmen überführen, um sie dort für ihren letzten Gang vorzubereiten. Während er die alte Frau begutachtete viel ihm der feine Mehlstaub an ihren Handflächen und an den Unterarmen auf. Achselzuckend griff er nach einem feuchten Lappen und wischte ihn fort...

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Monkey Business am 18.08.2019:
Hey, echt stimmungsvolle Gesichte. Hat mir gut gefallen. Beim Ende würde ich wenn überhaupt Abstriche machen ;). Aber alles in allem: Mein Kompliment! Beste Grüße Monkey




geschrieben von Weißehex am 19.08.2019:
Die Geschichte ist echt super, hat mich gefesselt bis zum Schluss!




geschrieben von Rabia_Tasdemir am 21.08.2019:
Sehr spannende Geschichte, bis zum Ende :) Habe es sehr gerne gelesen. Weiter so. Like hast du!

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Meer der Vergeltung