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8xhab ich gern gelesen
geschrieben von Federteufel.
Veröffentlicht: 29.10.2022. Rubrik: Unsortiert


Meine neue Freundin

Auf einer Radtour elbeaufwärts entdeckte ich ein Herrenhaus mit angeschlossenem Privatzoo, unter anderen mit Alpakas, diesen seltsamen Kleinkamelen aus Südamerika. Eines dieser Tiere faszinierte mich besonders; ich blieb stehen und blickte es an. Sein Kopf über dem langen schlanken Hals war von einem wuscheligen, rostbraunen Haarschopf gekrönt, in der Art, wie ihn manche Frauen tragen. Sein Gesicht war hellbraun, die Nüstern schwarz. Nun wendete es den Kopf und blickte zurück. Die Augen waren groß, gewölbt und so gestellt, dass das Tier damit nach vorne und zur Seite blicken kann. In dem Blick lag etwas Rührendes, etwas Zutrauliches, wie ich es noch bei keinem Tier erlebt habe.
Das Alpaka kam langsam näher, und ich sah jetzt, welche Schönheit da vor mir stand. Auch ich näherte mich dem Zaun, langsam, behutsam, leise, beruhigende Worte flüsternd, irgend einen Unsinn, den man bei solchen Gelegenheiten von sich gibt. Jetzt waren unsere Gesichter auf gleicher Höhe, ich beugte mich weiter vor; auch das Tier näherte sich weiter, unsere Münder waren vielleicht noch zwei Zentimeter voneinander entfernt, ich sah seine wunderbaren, großen Augen – da rollte es seine Zunge aus und berührte damit meine Lippen. Dann trabte es davon.
Ja, es war ein Kuss, auch wenn ihr behauptet, das Tier habe nur Salz lecken wollen.
Eine Weile stand ich wie benommen. Im Grunde mag ich es nicht, wenn mich Tiere belecken. Doch diesmal war die Empfindung nicht Ablehnung, sondern Verbundenheit. Ich verspürte wie niemals zuvor, dass wir alle, Menschen, Tiere, Pflanzen, die wir diesen Globus besiedeln, zu einer großen, allumfassenden Familie gehören, in der Zuneigung das Gebot der Stunde ist.
Beim Weggehen blickte ich noch einmal zurück. Das schöne Tier äste friedlich, sein Haarschopf glänzte in der Sonne.
Ihr könnt mich einen Narren schimpfen, aber ich hatte das Gefühl, eine Freundin gewonnen zu haben.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Gari Helwer am 29.10.2022:

Was für eine schön geschilderte Begegnung zweier Wesen, Federteufel! Es ist traurig, wie respekt- und lieblos die Menschheit mit ihren Mitgeschöpfen im Allgemeinen umgeht und ihnen eine Seele, ja ein Recht zu leben, abspricht! LG

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