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geschrieben 2017 von Svenson (Svenson).
Veröffentlicht: 11.02.2017. Rubrik: Total Verrücktes


Nasser Februar

Die Kälte fehlte in diesem Winter. Es gab keinen Schnee, der die Welt unter einer milden Decke verbarg. Bis in unsere Kleingartenanlage zog sich die graue Trostlosigkeit. Obstbäume standen wie krallige Hände, die sich aus der nassen Erde streckten. Die Ketten einer Hollywoodschaukel quietschten im Wind.

Um die Laube jagte ein gemeiner Sturm. Das Prasseln der Regentropfen hörte sich an, als schippte jemand Sand an die Wände.
„Ein Geräusch, als will uns jemand in der Hütte begraben“, sagte ich und trank meine Flasche Bier in einem langen Zug aus.
„Gut, dass wir bei so einem Wetter nicht draußen sein müssen“, stellte Fred fest und sah zum Fenster hinaus in das schlimme Meer eines bösen Himmels. Im Kanonenofen brannten einige Holzscheite, die unseren Raum wärmten.
Unser dritter Mann machte mir Sorgen. Alfons war schon den ganzen Vormittag ein wenig müde, konnte sich beim Skat kaum konzentrieren und sprach nur wenig.

Ich hörte ein leises Köcheln. Zarter, heller Dampf stieg aus Freds kleinem Topf auf dem Kanonenofen. Jetzt besaß unser Glühwein die richtige Temperatur. Vorsichtig füllte ich das Getränk in Tassen und stellte sie meinen Freunden auf den Tisch.
„So“, rief ich. „Pause, Mittagessen!“
„Einen Moment noch“, sagte Fred und erhob sich, ging zu seinem Mantel und zog aus der weiten Innentasche eine Flasche Rum.
„Brot und Bier gehören in den Einkaufswagen, die edlen Sachen stecken in meiner eingenähten Tasche“, sagte er, grinste und füllte mit Gönnermiene einen größeren Schluck Rum zum Glühwein in unsere Tassen.
Alfons richtete sich müde auf, wir hoben die Tassen.
„Auf das Ministerium für Arbeit und Soziales!“, rief ich wie immer beim Anstoßen. Wie immer lachten Fred und Alfons so, als hörten sie einen neuen Witz.
Die Glühweinmischung füllte meinen Bauch sofort mit einer umfassenden Wärme. Ich sah entspannt zu meinen Freunden, und genau in diesem Moment brach meine gute Stimmung ab. Plötzlich spürte ich eine unangenehme Ahnung, ein schlechtes Gefühl. Ich wußte nicht, woher es kam, aber es hatte etwas mit Alfons zu tun.
„Ungesund siehst du aus“, sagte ich besorgt zu ihm. „Dein Kopf ist ganz rot.“
„Die Hitze“, winkte er müde ab. „Ein bisschen Ruhe brauche ich. Lass mal, alles ist gut.“ Er trank, stellte die Tasse zur Seite, verschränkte seine Arme auf dem Tisch und legte den Kopf darauf.
Ich goss für Fred und mich einen Nachschlag ein, während Alfons leise schnarchte.

Es gibt Dinge im Leben, die sehr wichtig sind. Zum Beispiel müssen immer genügend Getränke im Haus zur Verfügung stehen. Unsere Regel ist, dass wir bei jedem Besuch in Freds Laube immer so viel zu trinken mitbringen, dass es für mindestens einen gemütlichen Tag reicht. Freds altes Küchenbufett ist stets gefüllt mit preiswertem Korn, Weinbrand, Bier und etlichen Tetrapaks guter Weine.

Während Alfons schlief, konnten Fred und ich nicht allzu viel machen. Wir entspannten, saßen ruhig in unseren Sesseln. Gegen die Hitze in der Laube tranken wir in Ruhe einige Flaschen Bier und frische Kurze. Heute morgen hatten wir uns bei Feinkost-Albrecht mit etlichen Viererpacks von kleinen Schnäpsen eingedeckt, die es für einen knappen Euro gab. Wir mögen kleine Schnäpse.

Manche Gartennachbarn halten uns für Trinker. Das ist Unfug. Normalerweise trinken wir kaum Alkohol. Ein paar Bier sind in Ordnung, aber die bekommen wir so trocken nicht hinunter. Dazu muss es ein paar Schnäpse geben, das ist wie Salz, das auf ein Ei gehört. Und lasst uns mal ganz offen sein. Unsere winzigen Schnapspullen kann ein ehrlicher Mensch kaum als Alkohol bezeichnen. Und Wein hat nichts mit Saufen zu tun. Ein guter Wein ist Kultur und gehört zu einen gepflegten Gespräch.

„Unser Glühwein köchelt schon wieder“, freute sich Fred.
Ich stand auf, nahm den Topf vom Ofen und kühlte den Wein mit Rum auf genießbare Temperatur herunter. Wir tranken ein Tässchen, Fred legte noch ein wenig Holz nach, und nachdem wir den Topf geleert hatten, dösten wir in den Nachmittag.

Ich fuhr hoch, weil ich unangenehm geträumt hatte. Das passiert mir oft. Manchmal bin ich richtig froh, wenn ich aufwache.
Ich atmete einige Male durch und freute mich, dass ich in der Laube bei meinen Kumpels saß. Nach kurzer Zeit gewöhnte ich mich an die Dunkelheit, erkannte die Silhouetten von Alfons und Fred, schaltete das milde Tischlicht an und legte ein paar Stücke Sperrholzreste in den Kanonenofen.
Ich zündete mir eine Zigarette an. Fred streckte sich. Wir nahmen zur Erfrischung ein Bier, dazu mehrere von den kleinen Kräuterpullekens. Alfons schlief noch immer. Es war nicht nötig, ihn zu stören. Der alte Junge sollte ausschlafen. Ich stellte neuen Glühwein auf den Ofen.

„Feiner Abend heute“, begann ich eine Unterhaltung.
„Ja“, erwiderte Fred. „Wo du Recht hast, hast du Recht. Aber Skatspielen wäre jetzt noch feiner.“
„Was will man machen“, sagte ich, zeigte zu Alfons und dann auf unsere Kartenstapel. „Wir trinken noch was und dann wecken wir ihn. Alfons ist dran mit reizen. Lass uns mal noch ein paar Runden spielen.“
Ich beobachtete den Glühwein auf dem Ofen, goß ein, vergaß auch nicht das Kühlen mit Rum.

Fred sah mich bedeutend an und ich kannte diesen Blick. Jetzt wurde er wieder emotional. Früher war er auf Betriebsfeiern immer der Redenhalter. Ein wenig davon steckte noch in seinem Kopf.
„Auf unsere so lange andauernde Freundschaft zwischen mir, dir und Alfons“, sagte er. „Wir sind wie die standhaften Zinnsoldaten. Hier in der Laube, aber auch im Leben da draußen. Wir wissen wie der Hase läuft. Auf uns! Nieder mit den Schweinen vom Amt und nieder mit dem ganzen undankbaren Frauenpack! Wir trotzen der Welt durch unsere Kameradschaft, die schon so viele glückliche Jahre hält. Lasst uns anstoßen. Prost Ronni! Prost Alfons! Alfons?“
Er rüttelte den Schlafenden aber der rührte sich nicht.
„Mensch Alfons, komm jetzt, anstoßen“, sagte Fred und hob den Kopf von Alfons. Der zeigte keine Reaktion. Mir fiel auf, dass Alfons schon lange nicht mehr schnarchte. Ich stand auf und rüttelte ihn an seiner Schulter. Der rührte sich nicht, lag da wie ein Sack voller Lumpen. Plötzlich stand ich wieder mitten in einem bösen Gefühl. Ich fühlte mich unangenehm bedrängt, so als stünde ein Fremder verborgen in einer Ecke das Raumes.
„Alfons, jetzt los, weiterspielen!“, rief ich leichthin. Ich rüttelte meinen Kumpel weiter, aber der reagierte überhaupt nicht. Fred und ich drehten Alfons zur Seite. Dadurch rutschte er über seinen Sessel auf den Boden. Mit einem Schlag wurde mir alles klar.
„Alfons ist tot“, sagte ich zu Fred.
„Das geht nicht“, sagte der und sah mich verständnislos an. „Das ist nicht in Ordnung.“ Er zeigte auf seinen Kartenhaufen auf dem Tisch. „Ich habe einen Grand Hand.“

Wir saßen eine Weile still, immer auf eine Bewegung von Alfons hoffend.
Mich durchströmte eine Welle von gerechtem Zorn.
„Alfons soll nicht auf einem halben Quadratmeter Friedhofserde liegen, eingescharrt zwischen den anderen armen Schweinen“, erklärte ich. „Der soll jetzt seine Hose trocken machen und weiter spielen. Alfons ist nicht tot. Wir vergessen das alles. Ich träume und will jetzt aufwachen.“
Fred sah Alfons lange an, sah seine offenen Augen und schloss sie so, wie ich es schon oft in Filmen gesehen habe. Allerdings gingen die Lider bei Alfons nicht völlig zu.
„Der ist tot“, sagte Fred mit bebender Stimme. „Wir müssen was machen.“
„Dann rufe ich einen Notruf an“, sagte ich und fummelte mein Mobiltelefon aus der Hosentasche. „Sowas kann ich auch ohne Guthaben.“
„Lass“, sagte Fred und hob abwehrend seine Hände. „Alfons ist unser Kumpel. Die Büttel nehmen ihn mit, wir kriegen Ärger und werden verdächtigt. Die sagen, wir haben ihn umgebracht. Und Alfons? Der wird von Medizinstudenten zerschnippelt und dann hinten auf dem Zentralfriedhof eingescharrt.“
„Was sollen wir denn machen!“, schrie ich. „So eine Scheisse!“
Fred holte eine angerissene Flasche Korn, goss etwas in unsere Tassen und sah mich an.
„Erst mal einen Schluck zur Beruhigung“, sagte er. „Und dann überlegen wir ganz nüchtern. Ich habe schon eine Idee. Alfons soll es gut haben im Tod. Ich finde, so ein Sozialbegräbnis ist keine faire Sache. Da liegst du, und die anderen Toten kommen dazu und einmal im Jahr werden die gebrannten Ziegelsteine mit Namen, Geburtstag und Sterbetag auf der neuen Reihe aufgestellt. Massenabfertigung für arme Schweine, für Menschen, die Fälle sind, nur noch Nummern. Da denkst du, im Tod wird es anders. Aber der beginnt auch damit, dass du nur eine beschissene Nummer bist. Nicht mit mir! Das wollen wir nicht, weder für uns noch für Alfons.“
„Genau“, seufzte ich und schütte den Klaren runter. „Mit mir auch nicht. Nicht mit uns.“
„Wir zeigen es den Verbrechern“, erklärte Fred.
„Scheiss Staat!“, rief ich voller Zorn.

Nach Mitternacht zogen wir los. Alfons lag auf der Schubkarre, eingerollt in den Teppich aus der Laube. Die Kleingartenanlage von Fred grenzte an die Westmauer des Zentralfriedhofes. Keine hundert Meter trenten uns vom Wirtschaftseingang. Fred besaß einen Haken für das simple Schloss. Er holte dort immer Pflanzen für seinen Garten, bezeichnete sich im Spaß oft und gern als eine Art Mitternachtsgärtner.
Ich schob die Karre mit Alfons über den Hauptweg aus der Kleingartenanlage hinüber zum Wirtschaftstor. Fred öffnete das Schloß mit seinem Dietrich. Kein Mensch war zu dieser Zeit auf der Straße. Der Sturm hatte zwar ein wenig nachgelassen, heulte aber immer noch. Gemeine dünne Regentropfen stachen mich wie feine Nadeln. Niemand ging freiwillig bei so einem Wetter auf die Straße.
Vom Wirtschaftshof schob ich die Schubkarre über den Friedhof fast bis zum Haupteingang. Fred trug zwei Spaten. Gemeinsam schufteten wir. Nach einer halben Stunde fühlte ich mich von der ungewohnten Arbeit ganz schwindelig.
„Das ist genug“, sagte ich ächzend und legte meinen Spaten zur Seite.
„Hast Recht“, stimmte mir Fred zu. „Länge und Tiefe sind ausreichend.“
Wir legten Alfons in unsere Grube und schippten zu.
„Ich muss noch mal los“, sagte Fred und nahm die Schubkarre. „Mach du mal das Grab fein.“
Ich klopfte den Grabhügel glatt und ging auf die Suche. Auf einigen Gräbern lag frisches Zeug. Ich holte Kränze, Blumen und ein hübsches Gesteck. Während ich das Grab schmückte wunderte ich mich über meine große Ruhe. Früher dachte ich immer, dass eine Nacht auf dem Friedhof furchtbar sein muss.
Nach einiger Zeit hörte ich die Schubkarre quitschen. Fred hatte vom Wirtschaftshof einen alten Grabstein geholt.
„Der steht von allein, ist unten breit genug“, erklärte er.
Wir stellten den Stein hinter dem Grabhügel auf.
„Schön haben wir das gemacht“, lobte ich und betrachtete unser Werk zufrieden. „Hier im Ehrenhain hat Alfons einen guten Platz.“
„Warte, ich habe Farbspray mit", sagte Fred. „Lass mich schnell den Namen schreiben."
Er sprühte „Unser Freund Alfons liegt hier“ auf den Stein.
Wir blieben noch eine Weile stehen, waren ganz besinnlich und zufrieden.
„Neben dem Oberbürgermeister und dem Maler liegt er“, sagte ich.
„Alfons hat sein Ehrengrab verdient“, ergänzte Fred.
Wir legten unsere Spaten auf die Karre und zogen davon.


Seit dem Ärger mit Friedhof, Stadt und psychologischem Dienst haben wir einen Betreuer. Der spielt keinen Skat, trinkt nur Tee und andere lasche Sachen. Aber er ist kein schlechter Kerl, hat uns über die zweite Beerdigung von Alfons informiert und war auch dabei. Die Beerdigung hieß plötzlich Beisetzung. Das klang schon so eng.
Zu dritt sind wir hinter dem Friedhofsmann mit der Urne hergegangen, Fred, ich und der Betreuer. Ganz nach hinten liefen wir, hin zu den gedrängten Reihen der Sozialgräber. Wie bei der Armee ist es hier, dachte ich. Mensch an Mensch, alle geometrisch ausgerichtet.
Die gebrannten Klinkersteine sahen aus wie Stahlhelme, nur mit aufgebranntem Name und Lebensdaten.
Als der Friedhofsmann die Urne mit Alfons in das Loch hinunter ließ, begann ein Regen. Der Betreuer hat trotzdem gesprochen und Fred auch. Anschließend sind wir Kaffee trinken und Kuchen essen gegangen. Fred und ich sind dann noch rüber in die Laube.
Wir haben Schach gespielt.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von metti am 03.03.2017:
"Eine Geschichte übers Trinken?", dachte ich beim Lesen. "Ob das wirklich so mein Fall ist?" Aber Alfons sorgt dafür, dass die Story wirklich interessant geworden ist. "Was werden sie mit Alfons anstellen? Und geht das gut?" Eigentlich hätte ich noch eine Schlusspointe erwartet. Ging aber auch ohne.




geschrieben von Svenson am 11.03.2017:
Ja, der Suff. Nicht jeder Mensch hat die erforderliche Festigkeit für die Herausforderungen des Lebens. Ich habe den armen Alfons nach seinem Tod kurzzeitig in ein Ehrengrab gelegt. Mehr konnte ich nicht für ihn tun. Danke für deinen Kommentar.

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