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geschrieben von Leolinchen.
Veröffentlicht: 03.05.2017. Rubrik: Unsortiert


Der Kampf des Waisenmädchens

Als ich langsam versuchte mich aufzurichten durchfuhr mich ein grausamer, stechender Schmerz. Das Pulsieren auf meiner Schläfe war kaum auszuhalten. Leise stöhnte ich auf und versuchte mich krampfhaft abzustützen und vom harten Beton wegzudrücken. Jedoch der war vom Regen schon so nass, dass ich abrutschte und wieder unsanft auf den kalten Boden knallte. Während des Falls radierte mein Gesicht an einer Mauer und ich spürte wie mir noch mehr Blut über die Stirn lief. Klitschnass klebte das verschwitze und blutverschmierte T-Shirt an meinem Körper. Eine Gänsehaut nach der anderen jagte mir kühl den Rücken hinunter. Warme und salzige Tränen kullerten mir über die eiskalten Wangen. Hoffnungslos schloss ich meine Augen und wartete auf den süßen Tod, der mich erlösen würde.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kitzelte mich etwas weiches sachte an der Nasenspitze. Hohe Stimmen, die immer wieder meinen Namen riefen, schallten sanft durch die Luft. Ihr zuckersüßer Klang verzauberte mich und als ich meine Äugelein aufschlug, konnte ich ihnen kaum trauen. Von grellem Licht geblendet, kniff ich die Augen wieder zusammen. Beim abermaligen Hinschauen, offenbarte sich mir ein wundervoller Anblick. Drei tanzende Engel umschwirrten mich. Einer mit blonden Locken reichte mir die Hand und ein anderer mit schwarzen glatten Haaren sagte mit lieblicher, verführerischer Stimme: „Folge uns, wir zeigen dir das Paradies.“ Schritt für Schritt nähernden wir uns einer steilen Treppe aus Gold.
Oben angekommen breitete sich vor meinem Auge eine wunderschöne, bunte Blumenwiese aus. Sie erstreckte sich unendlich weit, so erschien es mir zumindest. Im Flug tanzten die drei Engel und ich wie kleine Wirbelwinde über das überwältigend prächtige Paradies. Bevor die Blumenwiese und die drei Engel abrupt verblassten, die Bilder sich auflösten und auch meine Erinnerungen an diese seltsame Begegnung langsam schwanden, erreichten die Engelchen und ich ein großes und prunkvoll geschmücktes Tor, dass mit einem goldenen Rand verziert war. Fast wäre ich mit den Engeln hindurch geflogen, jedoch lernte ich, als ich im Krankenhaus aufwachte und langsam wieder zur Besinnung kam, meinen Helden kennen.

Es war Niklas, der mich rettete und soeben neben mir auf dem Krankenbett Platz nahm. Seit Ewigkeiten hatte ich ein Auge auf ihn geworfen und nun hatte ich ihm mein Leben zu verdanken. Verlegen lächelte ich meinen Schwarm an und fragte wie er mich gefunden habe. Niklas antwortete: „Bevor das Gewitter hereinbrach verriegelte ich die Balkontüre nicht ganz und so konnte Bruno, der Gauner ausreißen. Also blieb mir nichts Anderes übrig als meinen Hund suchen zu gehen. Nach einer Weile sah ich dich dann so schlimm zugerichtet am Boden liegen und rief sofort einen Krankenwagen. Ach! Ich bin so froh, dass es dir wieder bessergeht. Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.“ Aufmerksam lauschte ich seiner Erzählung und genoss es endlich wieder seine warme und weiche Stimme zu hören. Entspannt schloss ich die Augen und lehnte mich in dem Bett zurück.
Plötzlich merkte ich wie Niklas schüchtern nach meiner Hand tastete. Langsam öffnete ich wieder meine Augen und richtete mich auf. Glücklich strahlte ich meinen Helden an und warf mich dann wie eine Verrückte in seine starken Arme. Als ich merkte was ich gerade getan hatte zuckte ich zurück und dachte betrübt: „Mist, was denkt er den jetzt nur von mir. Warum bin ich nur so dumm und mache mich vor süßen Jungs immer zum Affen?“ Doch zu meiner Überraschung zog mich Niklas abermals an seinen beruhigend warmen Körper heran. Sachte wuschelte er mir durchs Haar und streichelte behutsam meine heißen Wangen. So nah bei ihm fühlte ich mich wohl und geborgen. Ich liebte seine feste aber doch gefühlvolle Umarmung. Von einem Moment auf den anderen wurde ein lang ersehnter Wunsch von mir wahr, als Niklas vorsichtig mein Kinn anhob und mit seinen Lippen meine berührte. Mein erster Kuss mit ihm war bezaubernd. Mein Herz schlug um einiges schneller als er endlich die Worte, ich liebe dich aussprach.
Auf einmal schüttelte es mich kräftig, da ich plötzlich bis in die Knochen fror. Eine Windböe lies mich frösteln und versetzte mich aus dem siebten Himmel wieder auf den unangenehmen Boden der grausamen Tatsachen. In Wirklichkeit lag ich immer noch hilflos und stark blutend auf der Straße. Mein Kuss mit Niklas, den ich schon so lange über alles liebte und den Tanz mit den drei Engeln hatte ich nur geträumt. Mehrere Leute waren schon an mir vorübergeeilt, doch ohne mir zu helfen oder ohne mich eines Blickes zu würdige. Für sie war ich immer schon ein Niemand gewesen.
Sogar Niklas hatte mich hier so erbärmlich in der Ecke liegen sehen. Jedoch hat es ihn nicht interessiert wie es mir geht, er hat sich neben mich gestellt und mir noch zusätzlich eiskalt ins Gesicht getreten und hämisch gelacht. Dass er nicht besonders gefühlsdusselig war und mich ganz und gar nicht Leiden konnte, wusste ich schon lange, aber dass er so ekelig sein konnte, wie gerade eben erschreckte mich doch sehr. Traurig dachte ich nur an ihn und überlegte: „Wie kann einem die große Liebe nur so etwas antun?“
Zitternd kauerte ich mich immer kleiner in der Ecke zusammen. Spottende Blicke von Passanten trafen mich wie Pfeile in den Rücken. Leise begann ich zu schluchzen. Meine Tränen vermischten sich mit dem Blut, zu einer flüssigen Masse und rannen über das Pflaster in den nächsten Kanal.
Keiner fühlte sich für mich, dass kleine wimmernde Mädchen oder mein Leben verantwortlich. Ganz allein kämpfte ich gegen mein Ende an. Jedoch war mein Feind, der Tod stärker und besiegte mich letztendlich. Ich verstarb durch meine stark blutenden Wunden und der unerbittlichen Kälte. Niemand hatte sich um mich gekümmert und so gab es auch keinen der zu meiner Beerdigung erschienen wäre, da ich nur ein dummes Waisenkind war.
Nach Tagen oder Wochen erst fand man meine Leiche, da mich keiner vermisste. Ohne um mich eine einzige Träne zu vergießen oder zu trauern vergrub man mich grob und rücksichtslos unter einem Kastanienbaum.

Meine Geschichte, die auf wahrer Begebenheit beruht wurde zur Legende und über viele Jahre hinweg als Schauergeschichte den Enkeln und Urenkeln weitererzählt. Somit wanderte sie immer weiter um die Welt und ging nie ganz verloren.

Einige Jahrzehnte später schnitze man mir eine Tafel, worauf geschrieben wurde „Zum Gedenken an den schlimmen Tod eines armen, kleinen Waisenmädchens, für das sich leider nie jemand aufopferte“. Die Gedenktafel schmückt jetzt, in diesem Jahre und dieser Stunde, noch mein Grab unter dem besagten Kastanienbaum, an dem heute noch jedes Jahr an meinem Todestag mein Geburtstag gefeiert wird, da sich jeder an dieses traurige Ereignis erinnern und so etwas nie wieder passieren sollte.

Durch diese neu eingeführte Tradition der Menschheit fand meine kleine, verletzliche Seele doch endlich Ruhe und Frieden im Himmel. Gott sei Dank wanderte sie nun zum Licht und konnte loslassen und vergessen was vor Jahrtausenden geschehen war.

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