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geschrieben 2017 von Regina Neuwald (Regina Neuwald).
Veröffentlicht: 20.06.2017. Rubrik: Menschliches


Das Wunder von Rixdorf

Für meine lieben Freunde vom Hotel Rixdorf mit einem gaaaanz großen DANKESCHÖN, dass ihr das aus mir gemacht habt, was ich schon immer war.


Vor einiger Zeit beschloss ich, mit meinem ehemaligen Kommilitonen mal wieder nach Berlin zu reisen und zwar in den Szenebezirk Neukölln, der ja mittlerweile weltbekannt war und das nicht wegen der hohen Kriminalitätsrate oder der Dichte der Dönerläden, nein, er war weltberühmt wegen der Kultur und vor allen Dingen wegen der Menschen, die multikulturell ein friedliches Miteinander lebten. Das wollten wir doch mal wieder sehen.
In früheren Jahren hatte ich dort längere Zeit in einer ein Zimmer Wohnung gehaust, mit Ofenheizung und Außentoilette, ohne Bad, ohne Heizung in der Küche aber sehr preiswert und für meine künstlerischen Zwecke und Arbeiten geradezu hervorragend. Die Nachbarschaft war auch homogen und trotz der vielen Nationalitäten gab es ein rundes Miteinander, weniger ein Austausch der Vergangenheit sondern eher ein gegenwärtiger Austausch über dies und das, Discounterpreise, Mülltonnen und Kinder. Nach und nach aber änderte sich die Umgebung dadurch, dass es viele Drogensüchtige und deren dealer in diese Gegend zog, vielleicht waren die dealer auch zuerst hier, wegen des sehr preiswerten Mietspiegel oder es waren doch die Nationalitäten, diese Art Zusammengehörigkeit, obwohl keiner mit dealerei in Verbindung gesehen werden wollte, jedenfalls verwahrloste die Gegend zunehmend, sei es durch extremen Müll oder Diebstähle, eigenwillig gestaltete Hausflure durch Lacksprühdose oder Staniolpapierasche. Die Mieter murrten, die Mieten stiegen, die Bezirkspolitik versagte, es bildeten sich Bürgerwehrgruppen, denn Polizei gab es wenig und das Ordnungsamt war ganz verschwunden. Mit der guten Nachbarschaft war es irgendwie vorbei und jeder machte, was er wollte und das ging gar nicht gut.
Als Anfang Mai der erste Radfahrer totgeschlagen wurde, weil er auf dem Gehweg fuhr und das rücksichtslos und arrogant, also als das geschehen war, gab es einen Ruck durch den Kiez. So sollte es nicht mehr weitergehen, so konnte es nicht mehr weitergehen; man stand sozusagen direkt vor dem Eingang der Hölle und nun lag es an jedem Einzelnen, hier zu wirken, hier mit klarer Kraft etwas zu tun und sei es nur, darum zu bitten oder beten.
Der neue Bezirksbürgermeister einer sehr neuen Partei schaffte das dann auch, natürlich gab es ein Aufbegehren, man hielt ihn für bekloppt aber er hatte Unterstützer und ihm gelang das Meisterstück und alsbald fanden sich immer mehr Mitstreiter. Das ganze politische Gefälle wurde tatsächlich humaner und sozialer und die weinenden Großmillionäre bemerkten nicht einmal ihren im Voraus so erschreckenden finanziellen Verlust, im Gegenteil, dadurch das sie von der ewigen Angst Geld zu verlieren, befreit wurden, gaben sie mehr als gewöhnlich dazu und das machte sich in der Bevölkerung bemerkbar und vor allen Dingen stark. Nach ein paar Jahren hatte sich hier in Neukölln, in fast ganz Berlin die Wende zum friedlichen und gesunden Miteinander vollzogen.

Also fuhren wir los, Zeit hatten wir. Lange mussten wir nicht fahren und kamen auch direkt in den Nachmittagsstau am Berliner Ring an, der uns dann zähflüssig bis nach Nord-Neukölln brachte. Schon nach einer halben Stunde hatten wir unseren Parkplatz gefunden und begaben uns hungrig und durstig in das erste Nobelrestaurant in Rixdorf.
Dazu muss ich sagen, dass Rixdorf kein Bezirk von Berlin ist wie z.B. Charlottenburg oder Kreuzberg oder eben Neukölln, denn in letzteres wurde es vom Regenten Friedrich Wilhelm so um 1912 umbenannt, weil Rixdorf damals einen schlechten Ruf hatte, allerdings mehr oder weniger für die bürgerliche Welt in Berlin. Hier wurde nämlich gefeiert zu allen Anlässen und es wurde auch geprügelt zu nichtigen Anlässen und ganz ohne Anlass wurde gepöbelt, gehurt, geklaut und das mochte man in den oberen Schichten nicht sehen, weil man es nicht mehr übersehen konnte und das war für Regenten aller Art ein Graus, wenn die Bevölkerung plötzlich durch Eigenarten ihr selbstbestimmtes Leben lebte. In Rixdorf gab es auch die zugewanderten Böhmen, Vertriebene, ihres Glaubens wegen aus der Heimat ausgeschlossen, die der Regent nach Berlin holte, großzügig und generös mit einer gesegneten Handbewegung und dem väterlichen Blick auf die dort Gestrandeten. Natürlich erwartete er Demut und Anpassung, aber es handelte sich ja um Menschen, die dann auch noch auf schon ansässige Menschen trafen und anfangs argwöhnte ein jeder mit jedem, bis man bei den Klängen der böhmischen Musik das Tanzbein schwang und sich immer näher kam; der Migrationshintergrund löste sich im flotten dreiviertel Takt buchstäblich auf. Die Umbenennung in Neukölln half nicht viel, es war eben nur ein Name, doch die Seele der Menschen in Rixdorf blieb noch länger in der urtümlichen Schwingung und es sollten viele Jahre vergehen, bis die Identifikation als Neuköllner durchbrach, allein es blieb eine stille Zugehörigkeit, die alle miteinander verband und in den schrecklichsten Stunden alle Unterschiede aufhob.

Mittlerweile gab es mehrere von diesen Fünfsterneküchen und die Preise blieben tatsächlich moderat, denn nachdem die Immobilienblase geplatzt war und die Leute drohten allesamt auszuziehen, gingen die Mieten wieder zurück zur bezahlbaren Realität. Sowas ist natürlich nur möglich, wenn alle zusammenhalten.
Also saßen wir bequem an einem schönen Platz mit kleinen Bäumchen und lustig zwitschernden Spatzen, bestellten Kaffee und Kuchen und lasen die Speisenkarte. Der Platz hatte sich wieder etwas verändert, das Barini war weg, dafür gab es die BioBirne, aus dem ehemaligen Malsomalso entsprang ein veganes Sternerestaurant und der Italiener mit den Flatschenpizzen war nunmehr in albanischer Hand und alles roch sehr lecker nach hausgemachten Spezialitäten. Die Atmosphäre stimmte und da kam auch schon der Kaffee mit der netten Bedienung.
„Danke, sagen sie, gibt es noch Vorstellungen im Theaterhostel?“ fragte ich die junge Dame. „Ja, gewiss doch, es ist doch das Herz von Rixdorf. Sie können hier am Laptop die Spieltermine gerne einsehen.“ antwortete sie. Mein Kommilitone schaute etwas verwundert. „Theaterhostel, Herz von Rixdorf? Na, da weißt du doch was drüber.“ sagte er grinsend. Ich nickte. „Ist schon etwas länger her und ich war auch nicht direkt dabei, aber das Gefühl, das ich dabei war, das habe ich bis heute. Ich habe mal ein Plakat für die Truppe entworfen und meine damalige Freundin bastelte an einem Puppentheater und kam so in Kontakt mit Arlo“ erwiderte ich.
In diesem Moment lief schwatzend eine Touristengruppe am Fenster vorbei. Der Finger der Stadtführerin zeigte in alle Himmelsrichtungen und der kleine Kreis der Touristen ging mit dem Kopf mit, rechts, links, oben, unten. Dann schritten sie gemächlich weiter. Ich grinste. Und die ersten Bilder tauchten auf von damals.
„Ich erzähl dir mal was“, sagte ich und rückte meinen Stuhl näher an seinen. „Ok, dann schieß mal los, ich höre“ antwortete gespannt mein Gegenüber und ich begann:


Das Wunder von Rixdorf


Es hätte kein besserer Mittwoch sein können, als der, wo Herr Kiesle vom Rathausturm bei klarstem Wetter auf die enorme Menschenansammlung herabschaute und ganz zu recht dachte: da sind sie wieder, die Stadtführer und Verführerinnen mit ihren allwissenden Blättchen in der Hand, dem ewigen Lächeln im vermeintlich freundlichem Gesicht und dann, ja, dann wandern sie durch meine Straßen, an meinen Denkmälern vorbei und nicken und bestätigen die oberflächlichen Erklärungen und dann fahren sie wieder in ihre Heimatstädte und Heimatdörfer zurück und wissen gar nichts von Neukölln, so ganz und gar nichts. Und warum? Weil sie mit den falschen Stadtführern unterwegs waren, mit den blasierten und Möchtegerneeinersein. Und wäre nur ein einziger von denen da unten, die jetzt so klein und unbeholfen aussehen, wenn also nur ein einziger zu ihm nach oben gekommen wäre, dann wüsste der alles, ja, dann hätte er glücklich werden können.
Und Herr Kiesle schaute in die rosafarbenden Wolken, die sich gemütlich über die Stadt ausbreiteten, begleitet von Taubenschwärmen und einem Falken, der sich unter großem Geschrei der Krähen durch die Neuköllner Lüfte schwang.
Einsam begab sich Herr Kiesle auf den Weg nach unten, über etliche Steinstufen, über kleine Gänge huschend auf die nächsten Stufen rutschend, bis er endlich im Foyer des Rathauses stand, lächelte, durchatmete und dann die große Tür aufdrückte, weil die Elektronik mal wieder kaputt war.
Hier waren sie, die Menschen, mit großen und kleinen Tüten voller Eurobeute, hier und da eine bettelnden Hand, ein kreischendes Kind , ein rasender Radfahrer und er, der einzig wahre Stadtführer, der in den vergangenen Wochen keine Anmeldungen hatte, weil er zu preiswert war, weil er einen Dialekt hat, weil er…verdammt noch mal, warum eigentlich?
Jetzt würde er ihnen zeigen, was das heißt, wenn man alles und über alles weiß, ja, ein solch großes Wissen hat, das jeder, der ein wenig aufpasst, anschließend seinen Doktor in Stadthistorik machen könnte, erfolgreich wohlbemerkt! Und was bräuchte er da noch Anmeldungen! Gleich hier und sofort würde er kundtun was es mit den Straßennamen auf sich hatte und dieses und jenes Gebäude, wo wer wann gelebt und gezockt hatte, ja jetzt!

Er schaute sich um, voller Kraft, es sprudelte in ihm, er fühlte sich wie ein Vulkan, der Risse bekam. Es blubberte und kochte in ihm und rund um seinen Bauchnabel; wohin sich nun stellen, wohin, er mochte nicht klein erscheinen wollen, er brauchte eine Empore, doch diese war bei ihm zu Hause, in Form einer stabilen, kleinen Leiter und die, jawohl! diese würde er schnurstracks heran holen und dann loslegen. Blubbernd machte sich auf den Weg und es dauerte kaum, da stand er schon vor seiner Tür, öffnete diese, ging zum Ende des hohen Flurs und lief in die Arme seiner Frau Anni.


Anni war mit Tieren großgeworden. Ihre Eltern und Geschwister hatten immer zwei bis drei Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Springmäuse und Chinchillas und die dazu gehörenden Insekten sowie Stubenfliegen und das mitten in einer Großstadt ohne Garten. Anni selbst besaß nur ein dreibeiniges altes Meerschwein, welches zu unangebrachten Zeiten laut und schrill pfiff und dann in ein lautes, gurrendes Schnarchen verfiel, wenn es nicht gerade am fressen war. Da aber alle Tiere irgendwelche Geräusche zu unmöglichen Zeiten machten, fiel das nicht weiter ins Gewicht. Annis Eltern sahen zu, dass die Kinder gute Schulnoten heimbrachten und sich dann einen Beruf im animalischen Bereich heraussuchten, am besten wäre Tierarzt, leider schaffte keiner das Abitur und so blieb es bei Metzger, Kaufmann für Aquaristik und Tierarzthelferin, letzteres wurde Anni und aus der Tierarztpraxis brachte sie auch das Dreibeinschweinchen mit, versorgte es liebevoll und nannte es insgeheim –mein Glücksschweinerl-. Dieses brachte sie mit in die Ehe und es entstand eine gewisse Eifersucht auf beiden Seiten, obwohl es der Verdienst des Meerschweinchens war, das Anni überhaupt mit Herrn Kiesle zusammen sein konnte, denn auch dieser pfiff und schnarchte in der Nacht unüberhörbar und gerade das war es, was Anni besonders liebte. Leider verstarb das Schweinchen mit den drei Beinen schnell nach der Hochzeit und so verblieb ihr eben nur noch ein einziges Tierchen, obwohl Herr Kiesle natürlich ein Mensch war, den man aber genauso verhätscheln konnte wie einen Chinchilla.


Nun war der Mittwochnachmittag herangereift und Herr Kiesle stand unruhig vor der kleinen Trittleiter, die hinter dem karierten Vorhang hervor lugte. Annis fragendes Gesicht beachtete er nicht und schob seine Frau beiseite, griff nach der Erhöhung, klemmte sich das Aluminiumding unter den Arm, hob daraufhin seinen Zeigefinger zu einer mahnenden Geste und ging schnaubend schnellen Schrittes zur Tür hinaus auf die immer noch belebte Straße unweit seines bekannten Zieles, denn Anni und Herr Kiesle wohnten selbstverständlich auch in Neukölln an einer sehr belebten Hauptverkehrsader, die auch schon mal für einen sonnendurchfluteten Film herhalten musste.

Anni bleib verwundert im Flur stehen, kratzte sich am Hinterhaupt und nahm die Angelegenheit vorerst gelassen, denn momentan brauchte sie die Leiter nicht, jedoch hatte sie sich schon vorgenommen, später das kleine Fenster über der Eingangstür zu putzen, wenn sie rechtzeitig mit dem Eintopf fertig war und die Hemden gebügelt hatte, sowie den Müll runtergebracht und die Betten aufgeschüttelt und den Abwasch, ach herrje, das war eigentlich viel zu viel für einen einzigen Mittwoch und so setzte sie sich erstmal auf den Küchenstuhl und nippte an ihrem kalten Kaffee.


Unterdessen bahnte sich eine riesengroße Veränderung an, nicht nur für eine einzige Person, nein, nein, es ging natürlich um die gesamte Menschheit, denn wie kann eine einzige Person sich verändern, ohne das auch eine andere Person dieses mitbekommt und sich ebenfalls ändert und so fort und so weiter, bis es die Gesamtheit erreicht hat, dann fängt es wieder von vorne an oder von der Seite, so genau konnte das keiner und erst recht nicht Herr Kiesle voraussagen.
Noch schien die Sonne, noch war es trocken, noch lag eine zärtliche Verklärtheit in der Luft am Rathausplatz, als Herr Kiesle sein Ziel erreichte: zwischen den Steinstufen und dem versiegten Brunnen wollte er sein, da sein, da auf der Trittleiter sein und stehen, erhaben stehen und dann, ja dann, würde er erklären, wann das Rathaus erbaut und errichtet worden war, wer dann dort als erster regierte und gepinkelt hatte, woher die Steine kamen, die ein solch mächtiges Gebäude zusammenhielten, das alles wollte und konnte er ja erzählen und erklären, ob sich da nun einer angemeldet hatte oder nicht, er würde es jetzt tun.
Und Herr Kiesle stellte die Leiter auf, kletterte vorsichtig die zwei Sprossen nach oben und stand dort, einen leichten mittelkühlen Wind um seine Nase ziehend. Er atmete ein paar Mal tief ein und dann begann er mit lautem sonoren Ton den ersten Satz:“Hier, liebe Freunde“ wobei er etwas schlucken musste, was aber seinem Rededrang keinen Abbruch tat “hier steht das größte Gebäude aus dem Jahr...“ Da quakte ein kleiner Mann dazwischen „ nee stimmt nicht, is nich dit größte!“
Herr Kiesle zielte seinen Zeigefinger auf ihn und schrie, etwas heiser: „Ruhig! Sei ruhig, ICH weiß es, ICH rede, du schweigst!“ Daraufhin tippte sich der kleine Mann an die Stirn und entschwand in der Masse.
Tapfer hielt sich Herr Kiesle auf seinem Tritt und holte erneut Luft und Schwung für die Fortführung seiner Erklärung des hinter ihm sich aufbäumenden Gebäudes:“Jeder einzelne Stein kommt aus dem Sandsteingebirge und…“. Da wurde er erneut unterbrochen von zwei Jugendlichen, die, bekannter weise die Weisheit mit Löffeln zu sich nehmen. Diese Beiden lachten schelmisch und der eine antwortete: „Ey Alter, wenn die Steine alle hier sind, gibt es kein Gebirge mehr hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaah!“
Ein solch kluger und unverständlicher Antwortsatz brachte auch Herrn Kiesle ins schwanken, er fuchtelte noch kurz mit seinen Armen und verlor dann gänzlich das Gleichgewicht. Doch was für ein Zufall! Just in dem Moment als Herr Kiesle beinahe herunter fiel, auch wenn die Höhe nicht so erschreckend hoch war, kam seine Frau Anni, den Trenchcoat lässig auf die Schultern geworfen, noch Hausschuhe an, herangestürmt und fing ihren Ehemann mit ausgestreckten Armen rechtzeitig vor dem Aufprall auf dem Rathausplatz liebevoll auf, denn Anni war eine starke Frau.
Und es gab nur einen kaum hörbaren dumpfen PLUMPS! Dann lagen beide seitlich ineinander verhakt auf dem Boden und mussten die ersten Kommentare über sich ergehen lassen. „Mann, sind die hacke dicht, suhlen sich hier rum das Pack.“ sagte angewidert ein älteres Ehepaar und eilte davon. „Scheiß Suffis!“, grölte eine blondierte Frau mit schweren Einkaufstaschen, schüttelte ihren Kopf und stampfte über den Gehweg davon. „Prost AAAlter, haste noch Schnaaaps üba?“ Lächelnd beugte sich ein rotes Gesicht mit übel riechendem Mundgeruch den Beiden zu, kaum mehr als drei gelbe Zähne im Mund.
Das waren die üblichen Leute auf der Hauptstraße am Rathausplatz; man konnte davon ausgehen, dass bei einer echten Ohnmacht einem niemand half, sondern man lediglich als die soeben genannten geoutet wurde, so dass hier jeder mit einem etwas zu skeptischen Blick durch die Straßen floss. In anderen mulikulten Armutsvierteln ist es ganz ähnlich.
Herr Kiesle und seine Frau Anni guckten sich an und da wurde beiden etwas klar, also ganz klar. Sie standen auf, klopften den Straßenstaub ab, stellten die Trittleiter auf und dann stieg Herr Kiesle wieder da rauf und donnerte los:“ Neuköllner! Menschen! Touristen, auch unangemeldete, hört was ich zu sagen habe!!!!!Es kann nicht sein, dass einer dem anderen wegnimmt, was ihm nicht gehört. Es muss dem einen bleiben, dem, der da angefangen hat und keine anderen sollen ihm das nachmachen, denn das nachmachen ist nicht das Echte und nur das Echte ist das gerechte (über den Reim freute sich Herr Kiesle insgeheim ganz besonders) und wer das Echte hat, der ist auch gerecht!“ Anni freute sich sehr über die klaren Worte und das ihr Mann eine so gute Figur dabei machte, sie applaudierte wie besessen und die Frau mit den roten Haaren machte es ihr nach. Und Herr Kiesle grölte weiter:“ Man kann und darf einem die Gewohnheiten nicht durcheinander bringen, man muss bei seinem Leisten bleiben, dann, nur dann können alle davon profitieren, dann, nur dann…“ Eine ältere Frau mit grauer Dauerwelle unterbrach ihn:“ Geht die Rathausuhr richtig?“ Herr Kiesle war empört und seine Augen traten etwas hervor als er der Dame antwortete:“ Welche Zeit ist schon die richtige? Ihre Zeit? Meine Zeit? Oder die vom Rathausturm? Wer zählt die Stunden, Sekunden, die Tage, Wochen, Jahre, wer zählt die Anmeldungen und wer schaut auf die Uhr, wenn man etwas hört, was man nie zuvor hörte? Diese Uhr, verehrte Dame, geht so richtig wie sie es wollen!“ „Danke.“ Sie verschwand in der Menge, denn eine Menge hatte sich angesammelt, einige nickten mit dem Kopf und ein anderer schrie:“Was noch, erzähl“.
Da holte Herr Kiesle aus, sog alle Luft ein und sagte (mit leichtem Akzent eines deutschen Bundeslandes):“ Wer über eine Sache oder ein Gebäude oder einer Person immer wieder verschiedene Aufklärungen ablässt, macht diese Sache oder Gebäude oder Person zu einem unbedeutendem Gegenstand, zu einer langweiligen Unmöglichkeit. Wer durch achtlos hingeworfene Wörter die eigentümliche Farbe eines Gebäudes zerkratzt, zerstört es dadurch, wer unsensibel über eine verstorbene Person spricht, lässt sie ein zweites und drittes und sogar ein hundertfaches mal sterben und wer eine Sache zerredet, ist wie einer, der einem Säugling einen Sack Atemluft raubt! Und diesem muss Einhalt geboten werden und zwar von mir, denn ich habe es ja erkannt und werde nun zur Tat schreiten. Ich sage euch, Neuköllner, wenn ihr wissen wollt was und seit wann euch Gebäude und Dinge umgeben, dann, liebe Freunde Neuköllns und Neuköllner, dann kommt zu mir. Gleich jetzt nehme ich Anmeldungen für eine intensive Stadtführung in unserem schönen Bezirk an und als Sahnehäubchen obenauf kostet die erste Viertelstunde gar nichts, rein gar nichts!!“
Damit verbeugte er sich tief und gerecht und tastete sich langsam und bedächtig die zwei Trittstufen der Leiter hinab, ging zu Anni und schüttelte ihr die Hand. Anni aber seufzte leicht, ließ ihn, den Herrn Kiesle stehen, ging zur Trittleiter und klemmte sie sich unter den Arm, denn sie hatte sich aufgerafft nun doch das Oberlicht über der Wohnungstür zu putzen und dazu bedurfte es eben dieser Trittleiter, auf der ihr Mann gerade herumgeschrien hatte.
Sie musste sich praktisch durch eine ihr unbekannte Menge tasten, ehe sie die Leiter zu fassen bekam. Von überall her klatschte es und es kamen Zurufe, Wörter wie Gerechtigkeit und das Echte, die Wahrheit flogen durch die Luft am Rathausplatz. Es war geradezu ein pazifistischer Tumult, es wuselte und tummelte und Herr Kiesle war umringt. Und das gefiel ihm gut.
Weil aber die Leiter fehlte ging er ziemlich unter und da keiner der Anwesenden sich sein Gesicht genau angeschaut hatte, wusste auch niemand wer er war und so suchten sie nach dem Redner und als Herr Kiesle sagte, ER wäre es, da schaute die Menge sich um, lächelte und stob auseinander, auch schon, weil vom Rathaus her das Ordnungspersonal heran eierte und so ein Personal in dunkelblauer Uniform flößt dem einfachen Geist Respekt ein, so dass es nicht verweilen wollte, egal wie wichtig der Anlass.
Kaum hatte Herr Kiesle also diesen ungewöhnlichen Mut der Aufmüpfigkeit gehabt, schon wurde er gehemmt, so dass sein Unterfangen kläglich scheiterte, einzig allein der Leiter gab er die Schuld daran, denn sie war zu klein und unscheinbar, sie unterstützte nicht das Format eines Herrn Kiesle, sie unterstützte gar nicht, denn Anni hatte sie geholt, um Fenster zu putzen und hatte damit der ausgedachten Empore einen unwiederbringlichen Glanz gestohlen. Was war nun zu tun? Der Brunnenrand war ungeeignet, eine andere Leiter stand auch nicht zur Verfügung und das Volk ging seiner Wege; nicht einer hatte sich zwecks einer Stadtführung ad hoc angemeldet, aber das einige an seinen Lippen hingen aus denen diese herrlichen Worte und Sätze kamen, das hatte Herr Kiesle wohl bemerkt und das hatte ihn zu einem stärkeren Mann gemacht, just in dieser Minute.

Immerhin kam er ja von außen in diese Stadt, zugezogen kann man nicht sagen, denn Herr Kiesle hatte schon eine Wohnung seit langem hier und erst als er Anni kennen lernte, beschloss er, dauerhaft zu verweilen.
Als Single kam er viele Jahre zurecht und hatte in seinem Geburtsstädtchen die Wohnung seiner Eltern übernommen, nachdem diese verstorben waren und er sich nichts teilen musste, denn er war Einzelkind, hatte Schule, Ausbildung hinter sich und damit er nicht ganz so einsam war, vergnügte er sich oft am Bahnhof. Dabei entdeckte er seine Lust und sein Talent den Neuankömmlingen, also auch Touristen, Auskunft über dieses und jenes zu vermitteln, sie dorthin und dahin zu führen und dafür ein Entgelt zu erheben, welches gerne gegeben wurde.
Dann eines Tages fuhr er nach Berlin und das haute ihn um. Er buchte eine Sightseeing Tour und wusste sogleich, dass er das viel besser, sehr viel besser machen konnte, kaufte sich prompt eine Miniwohnung in einem Stadtteil wo es recht billig war (damals!) und studierte seine Umgebung, bis er alles auswendig konnte. Ab nun nannte er sich Stadtführer und begann auf der Stelle damit. Zuerst waren die Grüppchen klein, dann wurden sie größer, weil er einen lustigen Akzent zu Tage brachte.

In seiner ersten Heimat war er ja wissbegierig und erklär süchtig seit er sprechen konnte, erkundigte sich nach fast allem und rasselte dann die Erkenntnis gleichmütig seinen Zuhörern herunter, viele waren es bald nicht mehr, denn sie kannten alles und wollten nicht wieder und wieder Herrn Kiesles Ausführungen über jenes und dieses hören, denn, das muss angemerkt werden, war das Bundesland des Herrn Kiesle ein kleines, hatte nur eine Burg, irgendwo noch einen mittelalterlichen Marktplatz und wer das nun genauer wissen will, sollte Herrn Kiesle aufsuchen.
Er fühlte sich dennoch wohl, mehr oder weniger war er ein Einzelgänger, bescheiden, eher still, nicht groß gewachsen aber kraftvoll. In der Großstadt war das schon was anderes, denn hier gab es massenweise Menschen und immer wieder andere, so dass es nicht weiter auffiel, wenn er sich wiederholte. Gesagt, getan geschah das auch und ging eine Zeit lang gut und besser und schlechter und wieder gut. Dann jedoch brach es ein, überhaupt brach vieles und die Veränderung veränderte Herrn Kiesle. Das Touristengeschäft ließ ihn fast verhungern und das Alleinsein hatte keine Vorteile mehr. Das letztere gestaltete sich besonders schwer. Wie sollte er jemanden kennen lernen, den er auch mag? Und wenn er jemanden mag, wie sollte er diesen Menschen kennenlernen?
An jenem Tag mit diesen Gedanken bekam Herr Kiesle eine Anmeldung für eine große Stadtführung, die einzige seit Wochen. Es war Anni.

Anni hatte vor einiger Zeit ihren Lieblingsregenschirm in einem Gebäude oder Geschäft vergessen. Sie hatte ihn nur kurz gebraucht an diesem Regentag, der eine kleine Husche vom Himmel sandte, so dass Anni ihn in einem Regenschirmabtropfding stellte und anschließend vergaß ihn mitzunehmen. Aber welcher Laden, welches Gebäude, das konnte sie nicht mehr sagen und auch ein Suchen wäre erfolglos geblieben, denn Anni konnte sich schlecht konzentrieren und lief manchmal drei-oder sogar fünf mal in dasselbe Geschäft, lächelte, bedankte sich und lief wieder hinaus. Nicht dass sie sich nicht erinnern konnte, aber sie war einfach schneller als ihre Gedanken und daher ohne sonderliche Konzentration der einzelnen Dinge und Geschehen gegenüber. Der Schirm war aber wichtig, ein Familienerbstück von unschätzbarem Wert. Anni überlegte und dachte, dass sie jemand brauchte, der ihr dabei helfen konnte den Schirm wieder zu finden, sah die bescheidene Anzeige – Stadtführungen rund um den Rathausplatz - im Wochenblatt, rief sogleich an und traf sich an einem Mittwoch auf dem Rathausplatz mit Herrn Kiesle, der dort in reger Erwartung die einzige Anmeldung kommen sah, sich freundlich vorstellte und schon ging es los: Rathaus, Rathausplatz, Rathausbrunnen, Hauptverkehrstrasse, Puppenmuseum, bekanntes Restaurant, mittelbekanntes Miedergeschäft ,alte Post, altes Haus, Münz-und Halbedelsteinsammlungsladen.“Ja!“rief Anni, “da ist er ja“ und zog den Erbschirm aus dem Regenständer. Froh ihn endlich wieder zu haben, umarmte sie Herrn Kiesle ganz Dolle und lange; da geschah etwas in beider Herzen: sie pochten lauter und wärmer und beide mochten die Berührung. Es blieb nur die Heirat, was alsbald geschah.
Leider war Anni die fast letzte Anmeldung und Herr Kiesle schob das auf die Umstände, die ihm die Zeit geraubt hatte, um Touristen anzuwerben. Aber er war wenigstens nicht mehr allein mit seinem Frust, seiner Wahrnehmung und seiner Planung, er hatte ja Anni und die nahm ihn so wie er war, hielt dabei noch die Wohnung einigermaßen in Schuss und lachte gerne laut und lange, besonders, wenn sie mal wieder etwas vergessen hatte oder sich an etwas nicht gleich erinnerte. Sie lachte also sehr viel und das ermunterte ihn immer wieder.


So hörte er auch das schallende Lachen schon unten im Hausflur und beim öffnen der Wohnungstür konnte er Annis blonden Lockenkopf im Fernsehsessel sehen, die Leiter stand schief an die Flurwand gelehnt. Es sah nicht so aus, als würde hier gleich geputzt und gewienert werden, nein, es sah nach einer entspannten TV Sendung aus. Herr Kiesle war verstimmt, er trat gegen die Leiter und sie fiel um. Anni lachte lauter. Er hob die Leiter auf und ging wieder hinaus. Annis Lachen im Rücken lief Herr Kiesle zum naheliegendem Einkaufscenter, stellte den kleinen Aluminiumtritt auf, stellte sich darauf und begann eine Rede, die mit solch schönen Worten gespickt war, das ich sie hier nicht wiedergeben kann, die Tränen würden fließen und das Herz würde mir aufgehen, so dass alles erzählen eines Sinnes entbehren würde, so dass ich hier auf eine Wiedergabe dieser Rede gänzlich verzichte. Eins nur sei gesagt, dass es sich bei der Rede des Herrn Kiesle um eine wirklich wahre, tiefe Herzensangelegenheit handelte, die aus solchen, unangetasteten Tiefen seiner ewig kindlichen Seele kam, rein und gewiss und ohne Makel, dass es auf alle, die dort standen eine ungemeine helle Wirkung hatte und ein jeder sich wieder erkannte, manche weinten still und andere schluchzten Rotz und Wasser. Sogar das Centermanagement warf ihn nicht gleich hinaus, weil er nicht angemeldet war, sondern ließ ihn dort stehen, denn der oberste Abteilungsleiter hatte selbst vernommen, was dort gesagt worden war und war nun begeistert und berührt.
Er ging zu Herrn Kiesle, machte einen kurzen Diener, hielt ihm seinen Arm hin, damit er leichter vom Tritt herunterkam und staunte ihn dabei mit großen, dunklen Augen an.
Einmal die Woche könne er gerne hier im EC seinen Vortrag halten, auch ohne Leiter, man würde ihm eine Empore zur Verfügung stellen, Herr Kiesle, bitte, gerne, auch Flyer könne er verteilen, ach Stadtführungen mache er auch, soso, interessant, also wann er denn wolle, vielleicht Donnerstag vielleicht mit jemanden seines Vertrauen, der die Flyer verteilt, ach so, mache er selbst, ja dann, bis dann, Nachmittag, gerne, bitte; erzählte ihm die Dame vom Centermanagement und Herr Kiesle lächelte, steckte ihr einen Flyer in die oberste Jackentasche und ging, langsam, erhaben, geschafft.
Kurz vor der schweren Glastür des EC wurde Herr Kiesle plötzlich von einem alterslosen, sehr schlankem Mann angehalten, indem dieser ihm kurz auf die Schulter tippte und ein langgezogenes ÄÄHEMMMM ins Ohr trompetete. Er drehte sich zur Seite und sah in helle, wache Augen, umrandet von unzähligen Fältchen des Lachens, gleichsam Sonnenstrahlen, die sich als Aura um einen glasblauen Planeten legten. Das ganze Gesicht sah aus wie der bildhaft gewordenen Frühling, obwohl die hundert Jahre gut zu erkennen waren, vielleicht auch erst fünfzig, aber wer weiß eigentlich wie alt der Frühling ist?

„Grroooßartig! Was für ein Spiel! Selbst ausgedacht? Fantastisch! Diese Haltung, diese Gebärden! Darf ich sie auf eine Probe in meinem bescheidenen Theaterhostel einladen? Bitte! Sie müssen! Sie müssen kommen. Am besten Donnerstag. Kommen Sie!“ Jetzt legte der alte Frühling seine schlanke Hand auf die Schulter Herrn Kiesle. Nein, das mochte er nicht so und zog sich drunter weg. Der Mann bemerkte das sofort, nahm die Hand zu sich und lächelte freundlicher.
„Das war kein Theater. Das meine ich sehr ernst, verstehen Sie? Sehr ernst, denn es muss, es wird sich etwas ändern und ich bin dazu bestimmt, das anzurollen und sogar zu Ende zu bringen, sehr ernst. Von wegen gespielt, ha! Keineswegs zur Belustigung gedacht, fast gar nicht gedacht, der Herr…Herr?“
„Frühling, Arlo Frühling, guten Tag Herr…Herr?“
„Kiesle, Otmar Kiesle, guten Tag.“

Da standen sie nun die beiden Männer und waren sich nicht unsympathisch und weil Herr Kiesle eh noch voller Energie war und Herr Frühling niemals ohne Energie war, beschlossen sie spontan einen Kaffee oder Tee oder Punsch oder Kakao trinken zu gehen, hier gleich um die Ecke, eventuell auch die nächste Ecke. Und so zogen sie los.
Als sie endlich bequem im bunt verzierten Kapitol am Kalle Max Platz saßen und einen Kaffee mit Kakao bestellten, ahnten beide Männer schon, dass es hier um ein Schicksal gehen würde, nicht das von einem einzelnen Menschen, nein, nein, sondern eher um das eines viel größeren Teils, ein historischer Moment, der viel später noch ein gewaltiges Ende nehmen sollte, wobei gewaltig kein Akt der Rohheit oder der Vernichtung darstellen sollte, sondern eher die Größe einer Unbekannten darstellte und zwar einer unbekannten Situation. Diese waren Arlo Frühling vertraut, denn seit Anbeginn seines Lebens kam es ständig zu Situationen mit Unbekannten.

Arlo wurde in eine Künstlerfamilie hineingeboren, er hatte viele Mütter und Väter, Tanten, Onkel, Geschwister und Unbekannte. Es gab keine Beständigkeit, das war sicher. Und weil die große Familie öfter den Wohnort wechselte, gab es auch keine Schullaufbahn, sondern eben nur eine Bahn, die ihn zu vielen Schulen und Gymnasien brachte und die Lehrer zur Verzweiflung, denn Arlo war ausgesprochen intelligent und sehr, sehr einfallsreich und dabei ununterbrochen aktiv. Er zappelte nicht nur auf seinen Stühlen herum, nein, er rannte auch quer durchs Klassenzimmer und auch mal raus, wenn es ihm zu langweilig erschien.
Eine besondere Vorliebe hatte er für Inszenierungen und Schauspiel und Regie und Frauen und Freizeit. Er schaffte es, alles miteinander zu verbinden, bis er selbst den Faden verlor und so eines Tages mit mehrenden Frauen und einem Kind, sowie zwei selbstgeschriebenen Theaterstücken in Berlin landete (Flughafen Tegel). Von dort aus verlor er sich in den Schluchten der Großstadt, den kilometerlangen Straßen und Gassen, den zweiten-und dritten Hinterhöfen, bis er in einem dieser Hinterhöfe eine kleine Wohnung fand, in die er sich erstmal verzog und zu sich kam. Dann entdeckte er eines Tages den Leerstand der Frau von Katzbuck am Böhmerplatz, zwar etwas klein aber oho! sein Schiff nahm Kurs in Richtung Paradies.


Natürlich war es kein Auftritt gewesen, kein Spiel und auch keine Werbemaßnahme als Herr Kiesle auf der Leiter stand und einen Zuckerguss in die Welt flötete. Er hatte einfach nur seine Bestimmung gefunden und würde so weitermachen, im EC am Donnerstag auf einer echten Empore. Herr Frühling nickte zustimmend, eine Empore, eine Erhöhung, ja, das täte jedem Sprecher wohl. Aber er wäre doch kein Sprecher unterbrach ihn Herr Kiesle, er würde doch eher verkünden. Wie ein Engel meinte Herr Frühling, lächelte aber zu breit dafür und Herr Kiesle verzog den Mund.
„Ich könnte ihnen den Schliff beibringen, wenn sie denn wollen“ sagte Herr Frühling und schlürfte am Kaffeekakao. „Also nicht schauspielerisch, so dass es ernst bleibt, so wie sie es wollen.“
Eine Pause entstand, beide hielten die Tasse am Mund. Dann ergriff Herr Kiesle das Wort:“ Einen Schliff? Wenn man schleift geht doch was ab?“ „Nein, nicht doch, nur einige Worte, erhöhte Eloquenz, effektivere Betonung der Tonalen, Atempausen…..Atempausen!“ erwiderte Herr Frühling.
„Ach so.“
„Dann werden nämlich ALLE zuhören, selbst wenn sie der Sprache nicht mächtig sind, allein die Melodie wird ihnen so angenehm durchs Öhrchen rauschen, hach, wenn ich mir das ausmale…“ weiter kam er nicht, denn plötzlich stand Anni in der Tür vom Kapitol, die Arme in die Taille gestemmt, die Mundwinkel unten, mit stierem Blick. Sie wusste immer, wo sie ihren Mann findet, sollte sie ihn suchen müssen. “Wo in aller Welt ist meine Leiter?“
Die augenblickliche Stille die entstand war bedrohlich. Beide Männer starrten zu Anni, konnten aber keine Antwort geben. Herr Kiesle wurde etwas bleich. Herr Frühling erlaubte sich einen dezenten Blick auf die blonden Locken von Anni. Die Leiter, die Ersatzempore, ja, wo war sie geblieben? Hier jedenfalls war sie nicht, sie war noch im EC (EinkaufsCenter), wahrscheinlich noch mitten drin im Gang, vielleicht schon geklaut oder verkauft. Herr Kiesle wusste es nicht und Anni sah ihm das an.
Herr Kiesle zuckte nun mit den Schultern und Anni sagte laut in den Raum hinein:“Also so kann ich nicht arbeiten, ohne Leiter kann ich das Oberlicht nicht putzen, auf einen Stuhl steige ich nicht und eine andere Leiter haben wir nicht.“ Stille.
Herr Frühling war fasziniert, einen besseren Monolog hätte er sich nicht ausdenken können. Er stand auf und ging zu Anni, eigentlich wollte er sie beglückwünschen aber just in diesem Moment sprang Herr Kiesle dazwischen, nahm Anni an die Hand und verschwand mit ihr in den Weiten des Kalle Max Platzes.
„Fünf Euro bekomme ich noch“, sagte der Kaffeekakaodiener und Herr Frühling kramte in seiner Hosentasche und entnahm einen blauen Schein mit dem er bezahlte. Dann ging er zu seinem Theaterhostel, ganz automatisch, denn den Weg kannte er nur zu gut.

Tief in Gedanken versunken erreichte er es, schloss auf und hinter sich wieder zu und stand auf den Brettern, die Bedeutung in seinem Leben hatten.
Diesen Kerl und seine Frau musste er haben, wollte er haben, denn sie waren ja so genial und sie konnten ihre Texte bereits, ohne zu wissen was sie spielten, grrrooooßartig! Er hatte da auch schon ein Spiel im Kopf, sah bereits Herrn Kiesle als großen Redner auf einer verzierten Empore, seine Frau mit Engelsflügeln und…und…und…einen Kontrahenten, den er noch treffen müsste, sollte dieses Spiel gelingen. Warum sollte dieser arme Kerl Kiesle in einem EC herumschreien, wenn er, Arlo, ihm eine ganze Bühne geben könnte! Und das Gerede würde er ihm ordnen, ja, ganz nach seinem Gusto. Und ernst wäre es auch, Theater hat immer etwas Ernstes, z.B. wenn eine Vorstellung nicht ausverkauft ist, das kann ernsthafte Schwierigkeiten mit sich bringen. Oder die Klassiker, die man langsam ohne Gesichtsregung ablässt bei vornehmem Publikum, das ist doch ernst. Wenn also dieser Herr Kiesle hier, direkt hier, seine Rede hält, dann wären immer Menschen anwesend, die ihm zuhörten, wirklich zuhörten. Im EC kamen und gingen sie und hörten nur, was sie hören wollten. Welch eine Verschwendung! Das, ja, das wollte er dem Kiesle sagen und beschwören und dann…fiel ihm Anni, seine Frau ein, wie sie da so stand in der Tür vom Kapitol und fließend ihre Missstimmung herunter spulte. Eine echte Hausfrau, ein Juwel für einen Mann, ein Engel mit Flügeln aus scharfen Messern und dem Wehklagen eines sterbenden Esels, wegen der Leiter, einem Gegenstand zur Erhöhung der eigenen Physik und des eigenen Falls, eine Himmelsleiter, deren erste Sprosse noch warm war vom Feuer der Hölle, ja, so oder so ähnlich würde das Stück sein; das zu spielen brannte schon in hitziger Erwartung im flachen Bauch von Arlo Frühling

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Anni und Herr Kiesle fanden die Leiter nicht, auch das EC Management konnte keine Spur davon finden, verwies aber auf die hauseigene Empore, die ihm nächsten Donnerstag zur Verfügung seiner wunderschönen Rede gestellt würde. Er käme doch, oder? Ja ,ja, Donnerstag. Beide hasteten an den Läden vorbei, keine Leiter zu sehen, beide hasteten nach Hause und Anni setzte sich sogleich in den Fernsehsessel, verschränkte die Arme und blaffte ihren Mann an:“ Kannste vergessen, das mit dem Oberlicht, bleibt es eben dunkel und dreckig.“ „Aber da oben sieht es eh keiner“ versuchte Herr Kiesle den Schmerz über den Verlust der Leiter zu kaschieren. „Darum geht es gar nicht“ fauchte Anni zurück“ das man es weiß, das mit dem Dreck, das ist es doch. Man weiß es und kann es nicht entfernen, weil man die Leiter geklaut hat!“ „Aber das wissen wir doch nicht, ob sie geklaut worden ist“ rechtfertigte Herr Kiesle sich. „Na was denn sonst? Die hat doch keine Beine, um wegzulaufen. Und warum sollte sie auch weglaufen, nur weil man sie als Tritt benutzt? Das ist doch ihr Job. Die wurde geklaut, basta!“ sagte Anni und schaltete auf Kanal einhundertundeins.

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Der Turmfalke zog seine Kreise durch den frühen Mittwochabend, die Krähen konnten ihn nicht stören, denn sie hatten sich am Straßenrand gerade über einen weggeworfenen Döner hergemacht .Wer noch nie einen Döner gegessen hat, wird sich hier schwerlich eine Vorstellung machen können, dass selbst Vögel so etwas in sich hinein gieren. So ein Brot mit am Spieß gegrilltem Rinderfleisch oder Schafsfleisch, dazu Knoblauchsoße, scharf oder nicht, mit Salat (Blattsalat, Mohrrüben, Rotkohl, Zwiebeln), alles heiß bis warm und preiswert, war DER Imbiss in Neukölln schlechthin und wurde von allen, egal welcher Herkunft oder politischer Überzeugung gegessen zu allen Tages-und Nachtzeiten für wenig Geld. Nur die Vegetarier waren hier außen vor. Aber manchmal waren einige zu satt oder einem Kind fiel so ein „Dönertier“ aus der Hand, zugunsten der Krähen, die dann am Straßenrand darüber herfielen.
Leider wurde ihnen dieser Genuss durch den herannahenden Bus streitig gemacht, zornig erhoben sie sich und flatterten davon.

Unter schwerem Ächzen öffnete sich die Bustür und weil der Bus proppenvoll mit Menschen war, ergoss sich eine Kaskade an Fahrgästen und purzelte massenweise auf den schmuddeligen Asphalt nahe des Rathausplatzes. Jeder kannte seinen Weg, sei es zur Untergrundbahn, zum Hause der Eltern oder Großeltern, in die Shopping mall oder zum Arzt, also alle hatten ein Ziel und wollten es erreichen.
Bis auf eine kleine, unscheinbare Person, fast ein Persönchen, so zart und leicht stand sie dort mit einem enorm großen, braunen Koffer. Sie wartete bis der Bus wieder davon fuhr, drehte sich dann nach allen Seiten um, zupfte ihren ebenfalls sehr kleinen, schwarzen Wollhut zurecht und zog sich dann feine weiße Handschuhe an. Sie streckte sich nach hinten und schoss dann nach vorne, umklammerte den Griff des Koffers und hob ihn mit einem geflüsterten „Hauruck!“ in die Höhe, so dass er in einem Schwebezustand kurz über dem Gehweg verblieb, und spazierte gen Süden, denn sie kannte die Himmelsrichtungen. Sie hatte sie schon immer gekannt, es waren nur vier Richtungen am Himmel und nicht mehr, wie bei allen anderen Richtungen, die nach links und rechts, oben und unten, quer und zur Mitte und da lang und dort lang gingen, bis zur Ecke und darüber; kein Wunder, wenn man sich verlief bei so vielen Richtungen, die ja auch noch beliebig angezeigt wurden und bei Nachfrage je nach Person bemalt und ausgefüllt wurden Dieses hatte sie kennengelernt und es fürchtete sie noch immer, wenn sie daran dachte, wie durch eine einzige Frage nach dem Weg ihr ganzes Leben durcheinander gebracht wurde.
So klein und schwach sie vielleicht auf andere wirkte, verfügte diese Dame über enorme Kräfte. Den Blick nach vorne und im stetigen Rhythmus ihres Ganges flogen der braune Koffer und die Dame ihrem Ziel entgegen und das war ihre Wohnung am Böhmerplatz. Diese hatte sie nicht nur vor zehn Jahren von ihrer Schwester übernommen, sondern auch ganz nach ihrem Gefallen eingerichtet mit allerhand antiken Möbeln, Ölbildern, einem sehr alten Kanapee und einen Esstisch aus Mahagoni auf dem das Erbgeschirr der Familie stand. Dort stand es schon seit Jahren und wartete darauf, dass es benutzt werden würde, heiße Suppe in die Terrine fließt und dampfende Kartoffeln in der Schüssel liegen würden, aber alles was sich in dem Porzellan verfing war der Staub aller Tage und Nächte und ließ die schönen Farben und das Dekor verblassen.
Diese Wohnung befand sich in einem Altbau aus der Jahrhundertwende und lag direkt über einem leerstehenden Laden, der zur Hälfte an Arlo Frühling vermietet war und von ihm liebevoll Theaterhostel genannt wurde, weil er die meiste Zeit dort verbrachte, ja, sogar hin und wieder auch nächtigte, besonders wenn seine eigene, kleine Mietwohnung kalt, grau und verlassen erschien.
Auch an diesem immer später werdenden Mittwochnachmittag stand er auf der winzigen Bühne, über ihm eine bescheidene Traverse mit verbeulten Scheinwerfern, zwei an der Zahl, neben ihm auf dem hellen Holzfußboden lag noch zusammengerollt ein großes Stück Molton und hinter ihm war sein Büro, also ein wackeliger Tisch, Papierkram, die Fernbedienung für den Monitor, kurz und gut alles was man in einem Büro für Theaterangelegenheiten vorfinden sollte. Die Bühne, die genauso eben war wie der Fußboden, wurde durch eine hohle Wand getrennt. Diese verlief der Breite nach durch den ganzen Raum und zerschnitt ihn in zwei Hälften: Theaterhostel und Leerstand.
An dieser Hohlwand, die lediglich eine Bretterwand mit etwas aufgeworfenem Putz war, saß Arlo Frühling gerne. Er lauschte der Stille und der Unberührtheit des leeren Raums nebenan. Manchmal drückte er sein Ohr so stark an die Wand, dass sie zu knirschen begann und dann stellte er sich vor, wie sie nachgab, wie sie umfiel und wie sich ein unendlich weiter, hell erleuchteter Raum auftat, mit mindestens vier Traversen, an denen sechzehn Scheinwerfer hingen, an der Seite ein selbstgestaltetes Tonstudio mit Mixern und bunten Kabeln und natürlich einer richtigen Bühne, leicht erhöht, zwei Vorhängen in rot und schwarz. Und er hörte schon den Monolog des Hamlets und das weinen Romeos, den tobenden Applaus des Publikums und er hörte auch den Faltenwurf des samtenen Vorhangs, wenn er sich öffnet, schließt, öffnet. Er sah Schauspieler, bekannte und unbekannte, im Hintergrund rauschte Musik, der Verfolger warf sein grelles Licht auf den Titelhelden, er war ein gefragter Regisseur, selbst Billy Wilder gratulierte ihm nach der Vorstellung.
Und doch konnte er unterscheiden zwischen Traum und Wunschtraum und, naja, Realität. Bisher hatte er keine bekannten Schauspieler anwerben können und die unbekannten hatte er schnell wieder in ihren Alltag geschickt, wo sie weiter träumten.
So saß er manche Stunde, auch heute nach dem Gespräch mit Herrn Kiesle, auf seiner Hälfte und sinnierte über seine Ideen, über Annis Auftritt, welchen Schliff er anwenden müsste, um eine stattliche Rede aus dem Mund des Kiesle zu bekommen und welches drum herum es bräuchte, wenn, ja, wenn der Kiesle und seine Frau dabei wären.
Von der Trennwand quer durch den Raum warf Frühling seine Blicke auf die wenig befahrene Straße, als er in einiger Entfernung einen braunen Koffer wahr nahm, der zielgerade auf sein Theaterhostel zu schwebte. Nach einiger Zeit konnte er auch die dazu gehörende Person erkennen: es war die Dame aus dem ersten Stockwerk, Frau von Katzbuck, die über der leerstehenden Theaterhostelhälfte wohnte und der auch obendrein noch das ganze Haus gehörte, vielleicht, aber auf jeden Fall die Wohnung. Und weil das so war, hatte diese Person auch das sagen, wer oder was unter ihr wohnen oder agieren sollte. Und das sollte niemand sein, sie beharrte darauf, den leeren Raum, ein ehemaliges, in Konkurs gegangenes Tuchgeschäft, leer zu lassen, damit kein Krach entstehen könnte oder eventuell sogar Gerüche, vom Kohl oder von Rüben, denn das hasste sie, erinnerte es sie nur zu gut an ein anderes, längst verlebtes Leben. Weil aber ihre Wohnung nicht über die ganze Ladenfläche ging, hatte sie sich einverstanden erklärt, für eine gewisse Zeit eine Hälfte zu vermieten und den Raum mit einer Bretterwand zu trennen. Der Mieter, Herr Frühling, war ihr durchaus sympathisch, auch wenn er von Theater, Kunst und dergleichen sprach, so war klar, das es nie dazu kommen würde in dieser viel zu kleinen Ladenhälfte.
Und tatsächlich hatte sie recht, denn mehr schlecht als recht lief das Programm des Herrn Frühling und so blieb alles schön ruhig und geruchlos.

Arlo Frühling stand auf, ging zum Schaufenster, dem kleineren, denn das große war in der anderen Hälfte, und starrte hinaus bis die Dame langsam an ihm vorbeizog, den Hauseingang im Blick, den Koffer fest im Griff. Dann erst öffnete er die Theaterhostel Tür und wünschte mit einem strahlenden Lächeln einen wunderbaren guten Tag.
„Guten Tag Frau von Katzbuck. Sie waren verreist? War es schön? Auch schön, dass sie wieder zurück sind, hatte sie lange Zeit nicht gesehen. Darf ich Ihnen den Koffer nach oben tragen?“ bot er sich Frau von Katzbuck an.
„Nein“ antwortete sie resolut „das schaffe ich auch so und ja, ich war verreist, danke der Nachfrage.“Dabei stieß sie die Haustür mit ihrem kleinen, dünnen Bein auf und verschwand im Treppenhaus.

Keine Viertelstunde später erschien sie im Theaterhostel, wo Herr Frühling schon wieder mit seinem Ohr der Stille lauschte. Eleganten Schrittes näherte sie sich ihm, die eine Hand hinter dem Rücken, ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, dann sich leicht räuspernd:“Das ist für sie, Herr Frühling“ sagte sie und die Hand vom Rücken schnellte nach vorn, darinnen eine abgeschabte Lektüre im grauen Umschlag mit kaum leserlichen Titel. Er nahm sie dankend entgegen, Frau von Katzbuck stand erwartungsvoll vor ihm. „Ah! Ein mernachtstrau von, äh, kaum zu erkennen das Schriftbild. Vielen Dank, tolle Idee, danke“ antwortete er und nickte leicht mit dem Kopf. „Ja, können sie ja mal nachspielen, wenn es Schauspieler gibt, wäre doch mal was. Sie, mit dem Namen Frühling, müssen reifen, ja, was kommt denn nach dem Frühling? Der Sommer, ja, spielen sie das mal, brauch man nur ein paar Leute. Wird das Beste sein, Frühlingsnachtstraum gibt es nicht und Herbstnachttraum, geschweige denn Winternachtstraum, haha, also bitteschön.“ Und kaum gesagt, drehte sich Frau von Katzbuck um, verließ den Raum und Herr Frühling schaute aus welchem Jahr das Heftlein kam. War es 1921 oder 1899? So abgewetzt und scheinbar antik oder hatte sie es irgendwo bei einer Sperrmüllsammlung gefunden? Diese Frau war ja zu allem fähig, wenn es um Unterdrückung, Ablehnung oder Gönnertum ging. Und dann die Schrift in diesem Teil abgegriffener Pappe: deutsche Schrift. Wer konnte denn sowas noch lesen? Mernachtstrau, totaler Blödsinn, obwohl er Blödsinn ja sehr schätzte, also klugen Blödsinn. Nur die Präsentation der Lektüre stieß ihm so auf, diese Sticheleien. Warum tat sie das, Liebe sah doch ganz anders aus, oder? Kurz und gut, er kannte es nicht, die Gebrauchsspuren waren vielfältig, zwar ohne Fettflecken oder umgeknickten Seiten, keine nachträglich handgeschriebenen Anmerkungen, aber muffig und vollständig, soweit er es beim durchblättern sah, also legte er es erstmal beiseite.
Arlo Frühling ärgerte sich ein wenig über dieses Geschenk mit der bissigen Bemerkung dazu. Nur wenige Leute, ha! Stimmte nicht, denn man brauchte mindestens sechs Schauspieler und zwei Techniker und eine Garderobiere und Platz, oja, den brauchte man ganz gewiss, es sei denn man würde ein Schattentheater machen, dort an der Bretterwand. Dann bräuchte man nur drei Schauspieler, denn die hätten zusammen sechs Hände, wo die Puppen….man bräuchte Puppen und Dekoration und Bühnenbild und Stühle, für die Besucher und für die Schauspieler auch, aber vor allen Dingen brauche ich Platz! dachte sich Herr Frühling und plötzlich kam ihm eine hervorragende Idee. Es war die beste Idee, die er seit langem hatte, eine brillante Idee. Sogleich machte er sich an die Ausführung indem er schriftlich seinen Vorschlag, seine Bitte, seine Forderung niederschrieb, eine Sache, die er eher selten machte, in diesem Fall jedoch sehr wichtig war.


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Ein blasser Mond klemmte zwischen den Wolken über Neukölln und obwohl es noch hell war, bekam man den Eindruck von Abend und Ruhe. Doch dafür war es noch viel zu belebt auf den Straßen und das war auch gut so, insbesondere für einen Mann mit glänzend schwarzem Haar, einer muskulösen Erscheinung bekleidet mit Sportsachen ohne Aufdruck und einem blauen Rucksack vollgefüllt mit Geheimnissen, so dass fast der Reißverschluss platzte. Er hielt einen faltigen Zettel in der Hand und schaute sich nach allen Seiten um. Es schien als wäre er auf der Suche und könnte das niedergeschriebene Ziel nicht entdecken. Schon hatte er in seinen Stirnfältchen ein paar Schweißtropfen. Jetzt schulterte er den Rucksack gänzlich auf seinen Rücken und hielt einen Passanten an, den er nach der Straße fragte, in die er wollte. Der Passant starrte auf das Papierfetzchen und hob dann den Arm richtungsweisend gen Himmel, bewegte den Zeigefinger bestimmend, nickte mit dem Kopf und ließ den Mann stehen. Dieser bewegte sich dann in die angezeigte Richtung und nahm große Schritte, als müsste er aufholen, als wäre es ein Wettrennen.
So erschien Diamantes Athen am Schaufenster des Theaterhostels, welches gerade geschlossen war, obwohl eine Lampe hektisches Licht drinnen verbreitete. Diamantes ließ seinen Rucksack auf den Boden gleiten, drehte sich eine Zigarette und schaute sich um.
`Wie ein Dorf dachte er, (in Griechisch). Die Häuser, die kleine Straße, so kann also auch Großstadt sein, naja, abwarten. Adresse stimmt, aber wo ist das Theater? ` Diamantes sog den Qualm ein und warf den üppigen Zigarettenstummel an den Straßenrand, wo er eine Weile weiter stank.
Viel Publikum war hier nicht unterwegs, falls er vor dem richtigen Theater stand, dachte Diamantes, würde er wahrscheinlich nicht allzu viel zu tun bekommen. Das war ihm recht. Er kramte erneut in der Innentasche und hatte das Tabakbeutelchen schon in der Hand als aus der sichtbaren Ferne ein helles, lachendes Gesicht auftauchte, passend zur schlanken Gestalt, die sich fast tänzelnd dem braungebrannten Schwarzhaarmann näherten. Diamantes spürte, dass das der Theaterintendant war und brach den Zigarettendreh ab, öffnete seinen Mund zu einem breiten Lächeln, weiße Zähne am frühen Abend und streckte sich und ja, es war Herr Frühling.
„Gudn Tak“, raunte es Arlo entgegen“ isch bin Diamantes Athen, der für alle Musik ist und sie macht für ein Theater, wie es ihr sein soll und jetzt“, dabei nickte Diamantes sich selbst zu. Arlo Frühling war überrascht, auch weil er diese Sprache verstand, verharrte in seinem Lächeln und schloss dann die Tür auf, ließ Diamantes zuerst eintreten und schritt dann selbst leicht erhaben in den Raum.
Den übergroßen Rucksack auf den Boden gestellt, die kräftigen Arme in die Seiten gestemmt, stand Diamantes in der Mitte des Theaterhostels, holte tief Luft und fragte:“Wo ist eine Bühne, elektrische Dosen? Lautsprecher sind klein, kein Orchestergraben und wer sind Sie?“ dabei drehte er sich zu Arlo Frühling. „Ich bin der Mieter von diesem Theater, sozusagen der, äh, äh…,“ „Der Intendant?“ ergänzte Diamantes. „Ja, wenn sie so wollen Herr Athen. Und sie? Wie kommen sie hierher und was wollen sie hier tun und wer hat sie geschickt und um was geht es denn nun?“ fragte Arlo Frühling. „ Isch bin mit Bus hergekommen, von Agentur in Griechenland, zum machen von Musik an Theatern hier in Stadt im Hafen von eine Heimat im Dorf, glaub Hafenheimat nennt sich Theater, bekomme isch Unterhalt von oben für Woche zu Woche. Isch habe Maschinen mit im Sack wo Musik von feinster Qualität man hört zu allen, ALLEN Theaterstücken, wenn gespielt!“ erklärte er und fing sogleich an im Rucksack zu wühlen, zauberte einen eckigen Kasten hervor, einen Wulst an Kabeln, nicht unähnlich einem vollen Teller Spaghetti.
Der Rucksack schien immer noch prall gefüllt und Diamantes zog Kabel um Kabel hervor und noch ein Kästchen und noch ein Kabelchen und ein Büchlein und einen Vertrag. Den unterbreitete er Arlo und wies mit dem Finger auf die Stelle, wo die Unterschrift hin sollte, denn dann würde der Unterhalt gezahlt und überhaupt, wie hieße denn nun dieses Theater ohne Bühne? „Theaterhostel am Dorfteich“ sagte Arlo. „Wo ist Teich, habe nicht gesehen?“fragte Diamantes. „Wurde zugeschüttet, lange her“, antwortete Arlo.
„Also sind sie Musiker und wollen hier bei mir anfangen für die neue Produktion?“hinterfragte Arlo Frühling noch einmal. „Ja, ja, gut neue Produktion, kann gleich machen, wenn...“ „Na, na,na, alles in seiner Schrittfolge, wir treffen uns morgen um dreizehn Uhr hier im Theaterhostel, alle, also die, äh, das Ensemble und sie natürlich, dann lernen wir uns kennen und können auch schon mal gleich proben,“ hielt Arlo entgegen, stand auf und wollte Diamantes verabschieden, denn er hatte seinen Text fertig geschrieben und wollte es unbedingt noch heute Frau von Katzbuck überreichen, denn diese öffnete ihre Tür nur bis achtzehn Uhr und das war ja gleich. Diamantes packte den Kasten wieder ein, die Kabel ließ er liegen, er war ja nun engagiert und das war sein Arbeitsplatz, er hatte die Unterschrift und könnte dann auch gleich mal zum? Wohin eigentlich? Er fragte Arlo und Arlo sagte ihm, dass alle Ämter geschlossen seien hier in diesem Land um diese Zeit und er würde gut daran tun, einen Schlafplatz aufzusuchen er hätte doch Kontakte hier? Oder? Ja doch erwiderte Diamantes und das war auch wahr, er hatte einen griechischen Freund, der ihm seine Wohnung für ein Jahr überlassen hatte und dort wollte er nun hin. Gudn Abm gute Nach, flötete er in den Raum, Arlo nickte und schloss die Tür hinter ihm ab.
Was war denn das? Juchhei! Der Himmel hatte ihm einen technischen Musiker gesandt, juchhu! Und er müsste ihn nicht einmal selbst bezahlen. Und dann ein Grieche, ein Mann voller Musik und Wein. Dann würde das Stück, welches Arlo schon längst in seinem Kopf zum gären gebracht hatte, vollends aufblühen, sofern Herr Kiesle und seine Frau Anni nicht wegbrachen. Und nun zu Frau von Katzbuck! Sie würde ja sagen müssen, vielleicht etwas zögerlich aber ja.

Schon stand er vor dem Klingelschild, schon drang sein Zeigefinger in Richtung Klingelknopf als es einen gewaltigen Knall gab und sämtliches Licht im Viertel erlosch, alles sehr dunkel machte. Aus den einzelnen Geschäften hörte man ein zorniges Grunzen, weil die elektrischen Kassen weder schlossen, noch aufgingen, man hörte es scheppern, denn die Leute stolperten über allerhand Zeug, von dem sie selber nichts wussten und auch das Theaterhostel versank in eine stille Dunkelheit, das hektische Licht, welches immer im Theater flackerte, war weg, ausgegangen, unfreiwillig. Irgendwer hatte irgendwo einen Kurzschluss verursacht, welcher verhinderte, das Arlo Frühling der Frau von Katzbuck einen Besuch abstattete, denn Arlo, verdutzt innehaltend, ging wieder in sein Theaterhostel, um alles zu überprüfen und auch die Sicherungen wieder in die sichere Haltung zu bringen.
Es dauerte nur kurz, dieser Kurzschluss, dann erleuchtete sich der Böhmerplatz wieder, das fluchen wurde leiser, das flackern wieder hektischer und alles war so gut, so schön. Arlo verschob seinen Besuch auf den nächsten Tag.

Anni hatte nach vielen gedanklichen Überlegungen herausgefunden, wo die Trittleiter war. Sie war nochmal losgezogen und zum EC Center vorgedrungen. Dort hatte sie energisch jeden, ja, jeden im Einkaufscenter nach der Trittleiter gefragt, bis sie einen traf, der das wusste. Es war der Centermanager, der von den Sicherheitsleuten auf diese Frau aufmerksam gemacht wurde, weil sie da herumstand, nichts anguckte, nichts kaufte und den Kopf auch nicht gesenkt hielt, sondern, welch Aufmüpfigkeit!, Leute, fremde Leute etwas fragte. Was, wussten die Sicherheitsmänner nicht, denn sie hatten sich nicht getraut dieser Dame näher zu treten, sie verpetzten sie lieber an den CM.
Als der CM auf Anni zuging, spürte sie es bereits, das Ende der Fragerei würde kommen und zwar jetzt. „Haben sie eine Trittleiter gesehen? Sie stand hier im Gang, teilweise mit meinem Mann drauf. Meinen Mann habe ich wieder aber die Trittleier ist so wichtig, wegen der oberen Fenster, wissen sie. Haben sie vielleicht zufällig diese Trittleiter gesehen oder sogar mitgenommen, also nicht gestohlen, das meine ich nicht, nur so mitgenommen? Haben Sie?“ fragte Anni und verprellte mit diesem langen Text zum ersten Mal keinen Mann, nicht diesen Mann. „Nein, ich habe keine Trittleiter gestohlen. Aber, “ sagte er weiter und baute sich vor Anni auf“ aber ich habe sie wegen Sicherheitsgründen aus dem Fußgängerbereich entfernt, damit sich niemand verletzten kann!“ „Verletzen? An einer Trittleiter? Wenn man nicht drauf klettert, kann man sich nicht verletzen,“ antwortete Anni bestimmt. „Wo ist sie denn nun?“ fragte sie weiter. „Mhm, kommen sie bitte mit,“ sagte der CM und sie folgte ihm quer durch die Passage zu einer kleinen, unauffälligen Tür, dahinter sich ein langer, weiter Gang befand, an dessen Ende eine weitere Tür war, die, nachdem der CM sie aufschloss, einen großen, hellen Raum preisgab, wo eine ondulierte, alte Sekretärin saß und auf die Computertasten haute. Sie erhob den Kopf und musterte Anni von oben bis unten und umgekehrt.
„Bitte, nehmen sie Platz“ bot ihr der CM an. Das machte sie und schaute sich dabei im Raum um, der ganz in weiß war und nur einen Ausbund an welkenden Tulpen in einer verlassenden Ecke bot.
„Sie sind also die Frau von dem Mann der auf der Trittleiter hier in meinem Einkaufscentrum diese fantastische Rede gehalten hatte?“ fragte der CM. „Welche Rede?“ entgegnete Anni „Ach, sie waren gar nicht dabei? Ja dann, also hier“ und dabei deutete er auf die Trittleiter, die ängstlich hinter einem Büroschrank hervor lugte“ ist die besagte Leiter. Nehmen sie sie und bringen sie diese zu ihrem Mann und sagen sie ihm, morgen um dreizehn Uhr kann, ja, darf, nun, äh, muss er seine Rede hier erneut im EC halten, ich verlass mich darauf.““Umsonst?“ fragte Anni. Es entstand eine sonderbare Stille. Anni hörte wie der Manager sie einsog und dann säuselte:“Normalerweise verlangen wir eine einmalige Gebühr bei Vorträgen, nun, ich erlass sie ihrem Mann, wenn er denn zusagt zum anberaumten Termin.“ „Aha, soso, ich werd´s ihm ausrichten, aber so für gar nichts herumschreien, glaube nicht, das er das macht, muss ja auch essen, der Mann, hat ja auch eine Frau, der Mann, mich nämlich. Richte ich ihm alles aus, schön´Tach noch.“ Sagte Anni, nahm die Trittleiter und verließ den Raum, den langen Gang, das Einkaufscenter, in dem es immer voll war. Es schien, einige Menschen lebten hier während der Öffnungszeiten, hatten hier ihren Job: gucken, lästern, dösen, beobachten und hin und wieder schnell was essen und trinken, was natürlich verboten war in einem solchen Center, außer an den dafür vorgesehenen Stellen wie McDonald oder Nordsee, wo alles fein säuberlich verschlungen werden musste, so dass kein einziger Krümel außerhalb der Futterkrippe gelangte, obwohl ununterbrochen ein Reinigungstrupp unterwegs war, jeder Verunreinigung den Garaus zu machen. Und natürlich die, die hier tatsächlich arbeiteten für ihren Lebensunterhalt, in den kleinen Boutiquen, im riesengroßen Lebensmittelkaufland oder im Management und so weiter. Alles in allem war es ein zu heller, antiseptischer Vorhof der Müllhalde.

Zuhause angekommen stellte sie die Leiter an die Wand, die Fenster mussten warten, zu viel Aktivität hintereinander war ungesund. Herr Kiesle war mit dem Programm zusammen eingeschlafen und schnarchte summend auf dem Fernsehsessel, Annis Fernsehsessel. Sie schaute ihn an und weckte ihn mitfühlend durch einen plötzlichen Ruck an der Schulter, untermalt mit einem energischen AUFWACHEN!
Oh, da ruckte Herr Kiesle hoch, drehte sich im Kreis wie ein zerstreuter Hund, grunzte und stammelte:“Was, was denn?“ Anni erzählte ihm daraufhin die ganze Geschichte, zeigte auf die Leiter, auf das Fenster, auf ihn und nahm dann Platz auf dem , ihrem Fernsehsessel, nicht ohne sich eng an ihrem Mann vorbei zu tasten und seine Schulter zu berühren, schon um sich festzuhalten, damit sie nicht so stark in den Sessel plumpste. „Morgen geht nicht,“ sagte Herr Kiesle „morgen bin ich um diese Zeit im Theater, Generalprobe und du, Anni, du auch. Der Herr Frühling findet dich ,äh, gut, also gut als ,äh, Darstellerin. Im Theater, stell dir das mal vor, auf einer Bühne, applaudierendes Publikum, hoher Eintritt, die Presse. Ich dort auf der Bühne, umjubelt, gefeiert, ein gefeierter Star, auf Plakaten in Farbe, weltweit, stell dir das mal vor, Anni, weltweit!“ fabulierte Herr Kiesle. „Ich muss mir Notizen machen, die Rede, Notizen, weltweit“ murmelte er und verschwand im Arbeitszimmer neben dem ehelichen Bett. Anni schaltete auf Kanal eins und bewertete die Werbung, während sich draußen die Dunkelheit breit machte und bereits die ersten fernen Sternlein zu blinken anfingen.


Es war einer der besten Donnerstage, die dieses Jahr gebar, denn um dreizehn Uhr versammelte sich die Prominenz im Theaterhostel, auch wenn noch niemand wusste, dass es Promis waren. Diamantes Athen rauchte die vierte halbe Zigarette, Herr Kiesle erschien in einem beigefarbenden Anzug mit Anni im roten Kleid und einer blitzblanken Trittleiter unter dem Arm, Arlo Frühling hatte wie immer seine Lieblingsjeans mit Rindsledergürtel an und hatte im Schlepptau eine große Frau mit verschmitztem Lachen um den Mund, die er als seine mitwirkenden Raum-und Geistpflegerin vorstellte, Dianca Lattenschrek, die seit Menschengedenken diese Räumlichkeiten samt Inhaber pflegte und hegte, denn Frau von Katzbuck hatte sie vor Jahren eingestellt nach dem rechten und guten im Theater zu schauen, zu unterstützen und zu petzen, letzteres erwies sich als äußerst schwierig, weil Dianca einfach nicht denunzieren konnte und wollte, der einzige Grund, den Arlo Frühling akzeptierte und somit war sie an seiner Seite und blieb dort auch, wann immer man sie brauchte und umgekehrt.
Diamantes schloss seine Geräte an, den Kasten, das Kästchen, das Ding mit den Drehknöpfen und dann machte er einen soundcheck, dass es krachte. Man verstand sein eigenes Wort nicht mehr, vor allen Dingen das Wort von Arlo nicht, aber das war wichtig, immerhin erklärte er gerade den Ablauf des kommenden Geschehens. Diamantes drehte runter, also leiser und nun konnte sich die Gesellschaft aus vier Menschen prächtig unterhalten. Man stellte sich untereinander vor, versuchte sich die Namen zu merken, gab ein wenig mit diesem und jenem an und kam dann zum eigentlichen Auftritt. Dies und das sollte in die erste Szene, Anni unterbrach ihn.“Erste Szene? Ich denke er soll nur die Rede halten und ich die Trittleiter? und wenn erste Szene, dann kommt doch eine zweite und eine dritte und sogar eine vierte, fünfte, wann ist denn Schluss? Und wer bezahlt das denn und ich? Komme ich auch in eine Szene? Welche denn? Welch Szene ist denn meine? Wo ist denn die Bühne?“ „Ja? Wo ist Bühne?“fragte nun auch Diamantes.
„Ihr sitzt drauf!“antwortete Arlo. Alle schauten nach unten auf die weltbedeutenden Bretter. Und weiter ging es, kurz und gut, alle erhielten denselben Auftrag, nämlich: die ihm zugedachte Rolle einzustudieren und nächsten Mittwoch „Oh, da kann ich nicht,“ unterbrach Herr Kiesle, „da bin ich wieder oben, ganz oben auf dem Rathausturm“ Donnerstag wurde angenommen. „Noch einen soundcheck,“ rief Diamantes in den Raum. Es brummte, das tiefe C erklang und dann gab es mal wieder einen fürchterlichen Knall, alles wurde dunkel, oh, das kannte Arlo doch. Alles Licht war weg. Doch diesmal gab es noch ein anderes, angsterfüllendes Geräusch.
Ein tiefes, gurgelndes, immer näher kommendes, durchdringendes, gruseliges Geräusch und Scharren und Klopfen an der hinteren Tür, der Notausgangstür. Das klopfen wurde energischer und Arlo ging hin und öffnete die Tür und herein kam eine imposante Gestalt mit einer mächtigen Hornbrille quer über das Gesicht. In einem ruhigen aber sehr tiefen Brummton sagte dieser fremde Mann:“Wo iss n der Sicherungskasten?“ Arlo zeigte es ihm. Aus den Hosentaschen dieses Riesen kamen Phasenprüfer und andere elektrische Werkzeuge hervor und ruck zuck war alles wieder im Strom. Dann stellte sich der Mann vor die vier:“Also meine Lieben, ich heiße Wernherr von Weiß und wenn ihr nochmal hier so die Voltzahlen dreht, dann dreh ich euch den Saft gänzlich ab, verstanden?“ Alle nickten. „Ansonsten bin ich bereit den Hauptkabelstrang zu erneuern, damit ihr hier mal mehr als einen Scheinwerfer anmachen könnt und den Musikkasten nicht an diese Steckdose schließen müsst, verstanden?“ Wieder nickten alle. Wernherr von Weiß nickte auch. „Wat spielt ihrn hier?“ fragte er und schaute in die Runde. „Arlo Frühling,“ „Häh?“ „Mein Name ist Arlo Frühling, bin Intendant sozusagen. Wir üben und spielen den Traum der Jahreszeiten.“
„ Was? Ich denke den vier Jahreszeitentraum,“ erwiderte Anni. „Äh, den Titel haben wir noch nicht festgelegt, aber sie sind herzlichst eingeladen Herr von Weiß.“ „Nee, immer mit Wernherr davor, jibt nemich nochn Weiß hier im Haus, will ick nich vawechselt wern!“ „Gut, einverstanden und vielen Dank, wann kommen sie denn zum Kabel verlegen?“ fragte Arlo. „Hab n Schlüssel, kann imma und die Dianca hat ooch´n Schlüssel, könn wa ooch nachts machen.“ „Nein danke, „sagte Dianca Lattenschrek und lächelte verschmitzt.
Damit erhob sich die Gesellschaft und verließ das Theaterhostel, um sich mit Schwung auf die Rollen zu werfen.
In der Zwischenzeit wartete der Centermanager auf Herrn Kiesle, wartete und überlegte, ob er ihm vielleicht doch eine kleine Gage anbieten sollte, nicht viel, aus der Kaffeekasse, würde ja gehen. Herr Kiesle kam aber nicht an diesem Donnerstag und der EC Manger wartete vergebens, aber mit Hoffnung auf einen anderen Tag, doch dieser kam auch nicht. Und bald war es dem EC Manager klar, das er nicht mehr warten bräuchte!

Sehr geehrte Frau von Katzbuck,
mit allerhöchstem Genuss habe ich Ihr Geschenk, das kleine, antike Büchlein gelesen und einstudiert. Einen wahren Schatz haben Sie mir da gegeben, dafür danke ich Ihnen von ganzem Herzen, welch eine Wohltat!
Ihre Anregung den Inhalt nachzuspielen ist nicht nur grandios, sondern zeugt ebenfalls von hoher Intelligenz und einem scharfen Betrachter Auge, denn Sie haben mich erkannt als der, der ich bin; ich küsse Ihre Hand dafür!
Mittlerweile habe ich sehr gute, ja, hervorragende Schauspieler, die meine Begeisterung um dieses Stück ganz und gar teilen, es könnte nicht harmonischer sein. Die ersten Proben beginnen nächsten Donnerstag. Auch verfügen wir über einen stillen und sensiblen Musiker, der die zum Stück zugehörigen Melodien klassisch unterlegt, so dass es wie gehaucht wirkt und dem Stück eine aufbauende Zärtlichkeit verleiht, ganz in Ihrem Sinne. Selbstverständlich sind Sie, liebe Frau von Katzbuck, zu jeder Probe herzlich willkommen, gerne besorge ich für Sie auch die angemessenen Getränke und Snacks.
Und doch gibt es eine Sache, eine einzige, unkomplizierte Sache, die verändert werden muss, soll das Stück gelingen, ja, gar aufgeführt werden, denn dieses ist unmöglich ohne diese wichtige Veränderung.
Stellen Sie sich das einmal vor, ohne das ich Sie ängstigen will, werte Frau von Katzbuck, hier im Theaterhostel kann es nicht geschehen, dieses Stück aus dem großartigen Büchlein ist in diesem, viel zu kleinem Raum unaufführbar. Es würde diesen Raum zerstören, der Platzmangel täte den Menschen weh, allen, den Schauspielern, den Zuschauern, mir und Ihnen. Denn nach der Premiere wären alle kaputt und man könnte dann hier höchstens noch Kohlen und eingeweckte Rüben lagern und das, allerliebste Frau von Katzbuck, wäre der Untergang, nicht nur unserer gemeinsamen kulturellen Idee, sondern auch der eines Geruch-und geräuschlosen Leerstandes.
Ist das angemessen? Muss das sein? Ist es nicht vielleicht auch eine Art Unterdrückung kreativer Zustände?
Meine höchstallerwerteste Frau von Katzbuck, in diesem Sinne, in Ihrem Sinne, bitte ich Sie um die Niederreissung der Bretterwand. Nur das allein kann unser Stück real werden lassen, nur so wird Ihre Idee und Voraussicht und meine Tatkraft einen Erfolg nach dem anderen hervorbringen und Sie werden es nie und nimmer bereuen, ja, ganz im Gegenteil, man wird zu Ihnen aufschauen, der Gönnerin der Theaterkunst, man wird in Ihnen die Stärke und Klugheit einer gestandenen Frau erkennen und würdigen, so wie ich es auch tue.
Für Ihre Zeit, diese Bitte zu lesen und zu genehmigen danke ich Ihnen ewig und verbleibe mit Respekt vor Ihrem Edelmut

Ihr Arlo Frühling


Diesen Brief, auf Seidenpapier handschriftlich in Tinte geschrieben, versenkte Arlo Frühling mit klopfendem Herzen gegen zehn Uhr des nächsten Tages im Briefkasten von Frau von Katzbuck. Den Mut, ihn ihr persönlich zu übergeben hatte er um diese Tageszeit nicht und es war auch besser, dachte er, wenn sie das in aller Stille am Tisch mit dem Erbgeschirr liest. Er war mal in ihrer Wohnung gewesen und hatte das verblasste Dekor gesehen und überlegt, ob es mit dem Tisch verbunden war, so unbeweglich stand es dort in seinem edlen Staub.
Schon wesentlich erleichterter ging er ins Theaterhostel und staunte nicht schlecht, Wernherr von Weiß von der Decke hängen zu sehen. Dieser Riese baumelte unter der Traverse, eine blitzblanke lag unter ihm auf dem Boden. Arlo nickte dem Affenmann zu, er war das erste Mal sprachlos ob dieser seltsam anmutenden Szenerie, überlegte aber sogleich, ob er es in eine Theaterszene übersetzen könnte. Und das die Decke diesen Kerl hielt, gutes, altes Gemäuer!
„Kaffee?“ grölte Dianca Lattenschrek von hinten, es roch ja bereits danach. Kaffepause war oke, Dianca schoss nach vorne, Wernherr von Weiß hangelte sich auf den Boden, dann tranken sie das bittere Gesöff.
„Is wie ne Steinzeithöhle hier, unbewohnt, muss allet noch rin, die Kabel kannste ins Museum jebn, die Traverse iss für Perverse hahahahahahahahahahahahahahah!“ donnerte Wernherr von Weiß
Arlo lächelte mit zusammen gebissenen Zähnen. „Und die Scheinwerfer, nee, die werfen ja nüschst mehr ab, vielleicht Rost hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha!“ grölte von Weiß wieder. Die Bretterwand bebte leicht, Arlo überlegte, ob Wernherr sie durch dieses polternde Lachen zum Einsturz bringen konnte, denn eine Säge hatte er nicht, auch keinen Vorschlaghammer. Vielleicht sollte er mit von Weiß mal darüber reden, wenn, ja, wenn Frau von Katzbuck mitmachte.
Dann machte sich Wernherr von Weiß wieder an die Elektrik, holte sonderbare Werkzeuge aus seiner Hosentasche, prüfte auf Strom hier und da, verlegte Kabel, Kabel, Kabel und holte wie aus dem Nichts ein paar nagelneue Scheinwerfer hervor, bastelte alles zusammen und schon hing die neue Traverse oben verankert im Theaterhostel, allerding viel zu weit vorne, beziehungsweise direkt vor der Bretterwand und dort erschien nach dem einschalten der Anlage ein sehr heller Lichtpunkt.
„Ähm, Herr von Weiß ,äh, Wernherr von Weiß, wessen Scheinwerfer, Traverse und so ist sind es denn, weil ich, äh, momentan keine bestellt hatte, wegen…“
„Keene Bange, allet meens, brauch ick aba nich, passt hier viel besser rin, bloß die Wand da, die iss scheiße, muss weg dit Ding. Wat issen dahinta?“
„Leerstand.“
„Hahahahahahahahahahahhahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha!“

So konnte es leider nicht bleiben, weder mit dem Leerstand noch mit der Traverse, nun hieß es erstmal abwarten, ob Frau von Katzbuck…?
Wenn sie sich dagegen aussprechen würde wäre sowieso alles vorbei, denn Wernherr von Weiß hatte ganze Arbeit geleistet und die alte Beleuchtung stampfvoll entsorgt, die war hinüber und mit der neuen Anlage direkt vor der Bretterwand war nicht zu spielen, im dunklen auch nicht, oje! Sollte das ein Ende werden? Arlo hatte alle Register gezogen und erwartete nun ein mächtiges Konzert, nur welche Tonart, das wusste er nicht.
Kurz und gut, alle schliefen erstmal darüber und ein neuer Tag würde ihnen schon eine neue Antwort bringen oder auch nicht, abwarten!

Dianca Lattenschrek hatte zum wiederholten Mal den Abwasch im Theaterhostel gemacht. Es war der dreihundertsiebenundsechzigste seit Anbeginn ihrer Tätigkeit und hätte sie pro Abwasch zwei Euro erhalten, dann wäre sie jetzt in Urlaub auf Fuerteventura. Aber sie stand in einem Theater, das von einem zauberhaft lustigen und klugen Mann geführt wurde, der alles und jeden auf die Bühne führte, dem Erfolg oder Untergang entgegen. Oft genug hatte er es mit völlig ungeeigneten Darstellern versucht, deren erlerntes Spiel unberechenbar blieb und auch da konnte Herr Frühling ein gewisses Etwas entdecken und dem spärlichen Publikum ihr fragendes Gesicht so munter verdrehen, das sie sogar wiederkamen. Finanziell blieb es jedoch oft genug eine Katastrophe.
So hatte sich Dianca Lattenschrek auf die kulinarische Verwöhnecke ausgerichtet und bot den Zuschauern je nach Inhalt des vorgeführten Stückes ein Leckerli an, Getränke ebenfalls, verkaufte die Eintrittskarten, die es nie gab und spielte hin und wieder kurz in dem einem oder anderem Stück mit, sei es mit einem fröhlichen Ei schau oder auch mal ein festlicher Schrei Holladiehoch.
Und nun der Herr Kiesle und seine Frau, dachte sie, bei diesem Stück, da muss aber noch jemand her oder sogar zwei Jemands. Sie freute sich aber über Wernherr von Weiß, den sie schon länger kannte. Ein geborener Elektriker Künstler, ein Mann mit Gemüt, ein Allwissender der Stromkabel, der Widerstände, der Leitungen, Licht, noch mehr Licht und genau richtig für dieses Etablissement, welches er anfänglich nicht besuchen wollte, wegen der Verrückten aus so einem Bereich.
Und nun ging er förmlich auf da oben unter der Decke. Er räumte seinen Keller leer und verschenkte seine geliebten Scheinwerfer sowie kilometerlange Kabel. Das war doch verrückt und ihr, Dianca , sehr angenehm, denn auch dieser Riese behagte ihr und ließ sie den Alltag vergessen, denn so einen hatte sie auch noch, mittlerweile nebenher, denn die Kinder waren groß und selbstständiger und ihre totkranke und ewig nörgelnde Tante endlich im Pflegeheim. Davon musste sie sich aber noch erholen, Fuerteventura wäre schon schön gewesen, aber was hier gerade im Theaterhostel alles passierte, war ebenfalls urlaubsreif und neu und aufregend.
Dianca und Wernherr von Weiß wohnten auf der gleichen Etage. Er hatte ihre Kinder groß werden sehen, sie hatten gemeinsam über die Mieterhöhung geweint, sie hatte ihm öfter ein gutes Essen zubereitet, sozusagen eine wirklich nette Nachbarschaft. Beide kannten Frau von Katzbuck seit ihrer Übernahme des Gebäudes und da es nur, bisher, bei einer Mieterhöhung geblieben war, waren sie der alten Dame gegenüber immer zuvorkommend und hilfsbereit. Wernherr von Weiß wurde ungesagt zum Hausmeister und Dianca verdiente ihr Zubrot im Theaterhostel.

Diamantes hatte sich sofort eingelebt in der Wohnung seines abwesenden Freundes. Er machte sich sogleich daran eine Musikalität zu entwickeln, die dem Stück oder vielmehr der Idee eines Stückes mit wirkender Rede das passende Geleit gab. Imposant und laut sollte es werden mit Trommelwirbeln an den richtigen Stellen. Die Rede selbst allerdings würde er mit Wassergeräuschen und Schreien eines Adlers komponieren. Oder vielleicht doch eher eine Eule, er, als Grieche wusste wovon er sprach, wenngleich auch nur zu sich selbst. Allzu viel Erfahrung hatte Diamantes leider nicht, leider deswegen, weil es in Griechenland schlecht um Komponisten stand. Die Theater hatten kaum Geld und das Internet mit den soundclouds war ihm auch nicht dienlich, ein ihn anhimmelndes Publikum gab es auch nicht und in den letzten Wochen konnte er nicht einmal seinen Kasten anschalten, weil es keinen Strom gab. Dann las er in einer Anzeige, dass in Deutschland, in Berlin, ein Heimathafen einen Praktikanten für den Tonmeister suchte, gerne Ausländer, Fahrkosten würden erstattet, Unterstützung bei allen behördlichen Gängen. Und noch während er las, packte er auch schon seinen Rucksack, beantwortete die Anzeige in griechisch und englisch und bruchstückhaft auch in deutsch, lobte sich etwas mehr und wartete. Ganze zehn Tage, das war schnell, er bekam eine Zusage, verließ sein Athener Studio, wo er zur Untermiete gewohnt hatte und begab sich gen Westen Berlin, Neukölln.

Diamantes baute sich seine Musikwerkstatt auf, stülpte sich die Kopfhörer über und begann zu komponieren, stundenlang bis ihm übel war. Die nächsten Tage bis zur Probe versetzte er Moll zu Dur, löschte ein Stakkato, mischte einen klirrenden Hall darunter, dann wieder einen schiefen Ostinato über ein von C-Dur getränktes Violenspiel. Er ließ mittels seines Kastens eine opernähnliche Arie erklingen und polsterte das Ganze mit elektronischen Technobeats, alles in allem versank er in einem kreativen Gesamtwerk und konnte erst am Donnerstag Vormittag seinen erkennungsdienstlichen Aufgaben gerecht werden, wie Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis, Kontoeröffnung, Anmeldung (polizeilich) Nachweis für dieses, Nachweis für jenes und , sagenhaft, er schaffte diesen Behördenmarathon und stand pünktlich vor dem Theaterhostel am Böhmerplatz. Durch die bauschigen Wolken stachen hin und wieder ein paar scharfe Sonnenstrahlen und fluteten den Bordstein, krochen an der Hauswand hoch und gaben ein restliches Licht in die trockenen Geranien der Balkone. Kinder schrien bedrohlich am Tischtennisplatz, vereinzelt stoben ein paar Spatzen aus den Büschen; in der Ferne ein schrilles Blaulichtkonzert.
Diamantes stand am Theaterhostel nicht allein. Eine gut aussehende Frau obermittleren Alters mit einer an einen Kasperle erinnernden Mütze auf dem Kopf, lächelte ihm entgegen. „Diamantes Athen“ begrüßte er sie. „Oja, Athen ist das ganz bestimmt, leider war ich nie dort. Wie heißen sie?“ erwiderte die Kasperlefrau. Diamantes starrte sie an, sie erinnerte ihn an f-Moll. „Ich heiße Elisabeth Schäler und bin…,“ weiter kam sie nicht, denn just in diesem Moment trat Frau von Katzbuck zu ihnen und begrüßte Frau Schäler mit folgenden Worten: „ Guten Tag, schön das sie sich die Zeit genommen haben einen fachmännischen Blick auf die Bretterwand zu nehmen. Es soll ja nichts einstürzen, nicht wahr? Gut, dass sie Architektin sind, sie sind es doch? Ich bat um eine Frau, schön, dass man sie so schnell hergeschickt hat, ganz vorzüglich. Ich bin Frau von Katzbuck und mir gehört das Haus mit dem, äh, Ladentheater und der Bretterwand. Ich wollte unter mir niemanden wohnen haben, wissen sie, ich musste eines Tages aus meinem geliebten Heimatland flüchten Es war eine raue Zeit und für Adlige wie ich, auch eine gefährliche. Eines Tages nun packte ich mein Hab und Gut, viel war es ja nicht, und begab mich auf den Weg zu meiner Schwester, die hier wohnte. Da war das Haus natürlich noch in einem besseren Zustand. Wir hatten es durch die Familie geerbt. Also zog ich los, mit der Eisenbahn. Doch die kam nicht weit, wissen sie, der Krieg überall. Jeder erzählte irgendwas von den richtigen Richtungen, keiner wusste es genau. Man schaffte uns aus dem Zug und ich musste mit anderen zu einem Gehöft laufen. Die Leute waren alle bedrückt, heimatlos, in Angst .Anfangs liefen wir in die falsche Richtung und kamen in ein aufgeweichtes Gebiet. Später stellte sich heraus, dass es ein Moor war. Ich wusste eigentlich wo es lang ging, kannte die Himmelsrichtungen, aber leider schwieg ich. Dann endlich sahen wir in der Ferne ein Gebäude. Auf dem Gehöft gab man uns zu essen aber es war Kohlsuppe und Rübeneintopf. Das aß ich nicht, ich hätte mich übergeben müssen. Die anderen empfanden das als arrogant und man begann mich herum zu schubsen, dabei fiel mein Familienschmuck aus meiner Tasche. Oh, was glauben sie geschah? Oh, sie rissen sich darum und dann plünderten sie alles von mir und als ein günstiger Moment kam, bin ich geflohen, einfach weggerannt, solange, bis ich hier ankam, ohne nix, alles weg, mager, hungrig, ängstlich. Aber meine Schwester war zuhause mit ihrem Mann und der war ganz und gar nicht begeistert, dass ich fortan hier wohnen wollte. Ich besorgte mir also eine andere Wohnung. Als meine Schwester starb, bin ich hierher gezogen. Ihr Mann war ebenfalls verstorben und der Tischtuchladen war leer und ich wollte keine neuen Mieter haben, die womöglich Gerüche oder Krach machten, naja, dann kam eines Tages Herr Frühling und wollte ein Theater aufmachen, lächerlich in diesem Laden, aber auch sonderbar und mutig. Ich gewährte ihm eine Hälfte, die, die nicht unter meinem Wohnzimmer war. Und nun will er, dass die Bretterwand wegkommt, damit wir unser Theaterstück aufführen können. Ich habe überlegt ob ich es tun soll. Ich habe mir gesagt, Brunhilda, das ist vielleicht deine letzte Chance etwas Außergewöhnliches zu tun und dem plumpen Mob damit eins auszuwischen, denn Kreativität kann einem niemand stehlen. Naja, und nun sind sie da und schauen mal wie die Bretterwand weg kommt. Kommen sie, ich habe einen Schlüssel, wir müssen nicht auf Herrn Frühling warten.“

Elisabeth Schäler und Diamantes Athen standen da erstaunt und mit offenem Mund. „Rubentopf mag auch ich nicht,“ sagte Diamantes, dann gingen sie ins Theaterhostel. Die Dauerbeleuchtung blinkte, die Traverse schmiegte sich der Bretterwand entgegen, vereinzelt standen Stühle im Raum.
Dann erschien auch Arlo Frühling mit Dianca und Wernherr von Weiß. Frau von Katzbuck begrüßte freundlich alle und Arlo Frühling stellte die Schauspieler und Techniker vor, wobei er natürlich darauf verwies, dass der Hauptdarsteller etwas später erscheint. Allerdings erblickte er ein neues Gesicht und fragte nach und Elisabeth Schäler stellte sich vor als junge Architektin mit modernen, nachhaltigen Ideen in der Baukunst, abstrakten Experimenten und außergewöhnlichen Formen. Sie war von Frau von Katzbuck herbestellt worden. Dann lächelte sie.
Hoffentlich, dachte Arlo, kommt der Kiesle. Frau von Katzbuck erklärte nun ihr Vorhaben, immer mit Verweis auf die anwesende Architektin Frau Schäler. So lange dauerte es nicht, da fiel Arlo vor Frau von Katzbuck auf die Knie, nahm ihre Hand und küsste diese dankbar, weil die Bretterwand nun fort kam. In diesem Moment trat Elisabeth Schäler zu den Beiden und streckte nun ebenfalls ihre Hand in Richtung Frau von Katzbuck, um sie zu beglückwünschen. Arlo Frühling, heftig erregt ob seiner unermesslichen Freude des Abbruchs der Bretterwand, ergriff zittrig die zweite ausgestreckte Hand und küsste auch diese.
Frau Schäler versank in ein Meer aus rosaroten Rosen, ihr Herz donnerte im Schweinsgalopp durch ihre bebende Brust, ihr Mund trocknete zu einer Sandwüste hin und ihre Hand, auf der leicht der feuchte Kuss von Arlo Frühling sich für immer einbrennen sollte, zitterte in kaum zu sehendem Tremor. „Oh,“ hauchte sie fast ohnmächtig mit hochrotem Kopf. Dann ließen sie voneinander ab, Elisabeth Schäler riss sich zusammen, so gut es ging und erklärte ihr Vorhaben mit hochintellektuellen Worten. Zu guter Letzt holte sie einen Aufriss aus ihrer Tasche und zeigte allen, wo, was herunter-und herauf gebaut werden sollte. Auf dem Plan war eine imposante Zeichnung eines hochmodernen Theaters in Australien mit Schiebebretterwand und Goldtraversen, riesig, futuristisch und so fern von dem Raum in dem fast alle standen, es sah aber verdammt gut aus.
Wernherr von Weiß nickte.“ Also Hammer, Schraubenzieher, Zange und Abdeckplane und Abtransport, dit isset, so!“ sagte er bestimmend und irgendwie stimmte das auch. Man vereinbarte einen Termin noch diese Woche, Frau Schäler sollte den Abriss überwachen, immerhin hatte Frau von Katzbuck sie dafür extra herbestellt.

„Die Kosten für den Abtransport übernehme ich aber nicht! Ein bisschen müssen Sie, Herr Frühling, auch schon dazu bei tun.“ „ Das Ensemble wird zusammenlegen, werte Frau von Katzbuck“, erwiderte Arlo und verabschiedete sich von ihr.
„Wir haben dafür kein Geld“, sagte Anni. Sie und Herr Kiesle standen im Eingang des Theaterhostel. Arlo Frühling grinste, er freute sich, bat die Beiden herein, forderte Diamantes auf seine Musikanlage fertig zu machen und Wernherr von Weiß sollte alle elektrischen Vorgänge überwachen. Dianca baute ihr fliegendes Minirestaurant auf, auch wenn keine Zuschauer da waren, hungrig wurde man immer und durstig.
Nun sollten also die Proben beginnen, das herausschälen der Rede, die Agitation der Anni, ein Schrei von Dianca und alles mit der Komposition von Diamantes. Es begann.
Kurz darauf hörte es wieder auf. Ohne einen Gegenspieler war das alles lasch, uninteressant und fade. Arlo wollte sich nicht selbst ins Spiel bringen, ihm war die Regie am wichtigsten und das war auch gut so. Also Pause und essen und trinken und reden und fabulieren, essen, trinken, trinken. Und plötzlich war der Probenabend vorbei.

Alle hatten glücklicherweise am Wochenende Zeit, um am Abbruch der Bretterwand tatkräftig mitzumischen. Es gab jedoch nur einen großen Hammer und zwei Zangen, so verteilte sich der aktive Teil der bevorstehenden Arbeit auf je zwei Mann. Herr Kiesle wollte es nicht sein, er schlug vor mit Elisabeth Schäler alles zu überwachen, woraufhin Anni sich zugleich dazu gesellte mit strafendem Blick. „Ich überwache die Überwachung!“zischte sie giftig in die Menge.
Kurz und gut, es blieben Wernherr von Weiß und Diamantes über, denn Arlo erschien allen als zu zart und unbeholfen (was sich später als Mumpitz herausstellte) und er wehrte sich nicht unbedingt dagegen, sondern verschwand mit Dianca in den hinteren Raum, um die Ereignisse zu ordnen und das letzte Geschirr abzutrocknen.
Zum Leidwesen der Nachbarn mussten ununterbrochen die einzelnen Latten herausgeklopft werden, auch wenn Diamantes Athen innig versuchte einen gewissen Rhythmus herzustellen, es blieb ein Höllenlärm. Die Bretter waren uralt und staubten widerlich. Verbogene Nägel, rostig und unerbittlich im Holz verankert. Der Putz stank eklig nach Moder und Abgrund, es war wirklich unangenehm hier herum zu stochern und das den ganzen Sonnabend bis einundzwanzig Uhr; da fiel das letzte Brett und als die muffig riechende Staubwolke sich langsam auf den Bretterwandhügel herabließ, als ein letztes uraltes Fädchen von der Decke fiel, das spärliche Laternenlicht sich durch die Ritzen der verbogenen Jalousie quetschte und ein vertrockneter Adventskranz von der Wand auf den Boden fiel und nochmals eine kleine Staubwolke entstand, als all das geschehen war, blieben Arlo, Anni, Diamantes, Herr Kiesle, Dianca , Wernherr von Weiß und Elisabeth mit offenem Mund, schweigend in staubiger Ehrfurcht dem sich dort weitendem Raum gegenüber, mit leicht weichen Knien, stehen, und betrachteten nicht nur ihr Werk sondern auch die Arbeit, die da noch zu bewerkstelligen war. Aber es war doch erstaunlich für jeden von ihnen, dieses Versteck gelüftet zu haben, einen kreativen Spielplatz gefunden zu haben, vielleicht sogar einen Rückzugsort. Sie fühlten sich wie Entdecker, Pioniere und Archäologen und das stärkte jeden Einzelnen von ihnen genau da, wo es sein sollte.
Herr Kiesle sah eine Empore aus dem Staub herauswachsen und Arlo Frühling spürte den Vorhang jetzt nah an seinem Gesicht und Wernherr von Weiß wusste nun endlich, wie er all diese anderen Scheinwerfer und Lämpchen gebrauchen konnte, dabei wurde ja auch noch sein Keller leer. Dianca überlegte, ob sie eine Rembrandttorte backen sollte, die zum Schluss mit Schokostaub zu überziehen war und Anni war sich sicher, nicht ihren Besen zur Verfügung zu stellen, während Diamantes sich alle Klänge des Abbruchs gemerkt hatte und sie sicherlich verwenden würde. Die Architektin klatschte in die Hände:“Geschafft!“ rief sie erfreut „ich geh jetzt, muss ja noch die Rechnung für Frau von Katzbuck schreiben.“ „Kommen sie doch mal in eine Vorstellung, zur Premiere vielleicht? Wär schön, “ sagte Arlo und reichte ihr die Hand und Elisabeth Schäler war wieder ganz nah am Rosenmeer.

Der Abend zuvor, also der Sonnabend, wo die Bretterwand weg sollte, also dieser Abend, das war für Arlo ein seltsamer Abschied. Ein Aufnimmerwiedersehen liebe Bretterwand. Als würde man sich von einem Feind verabschieden, da könnte man doch froh sein und dann ist man gar nicht so froh, weil es ja doch etwas Unwiederbringliches ist. Eine Gewohnheit, ein Zustand, eine Unmöglichkeit, die einen reizt. Das ist dann weg, da ist dann nichts. Das könnte wieder reizen. Dann legte Arlo Frühling vorsichtig sein Ohr an die Bretterwand und lauschte:


O, seltsame Erscheinung
Sei nicht erschrocken
Das bin ich minder, ich sehe vieles Neues
Das es dich freut
Das ist gewiss
I welcome you to be with me

Dann knarrte es leicht, eher stöhnend, wie ein Aushauchen, aber auch erleichternd und dann war es nur noch still an dieser Bretterwand.

Es dauerte gar nicht lange, da war die andere Hälfte des Theaterhostels renoviert, mit Technik bestückt, mit gespendeten oder preiswert erworbenen Vorhängen, Stühlen, Schränkchen und Fußabtretern eingerichtet, die Elektrik auf den neuesten Stand gebracht und der Boden, die Bretter der Welt, geschrubbt und gewienert.
Frau von Katzbuck besuchte den Fortschritt des ehemaligen Leerstandes alle zwei Tage, denn nachdem sie die Rechnung von Elisabeth Schäler erhielt, vermutete sie, das Arlo Frühling Blattgold an die Wände bügelte und täglich Sekt und Kaviar mit seinem Ensemble aß. Das dem so nicht war, sah sie dann bald selbst und ihr gefiel was sie dort sah.

Schon wieder war der Vollmond rund und hell und schwer und leuchtete fast jede Ecke des Böhmerplatzes aus und davon gab es viele. Manche waren mit Graffiti verschönert worden. Durch das Mondlicht entstanden bizarre Schatten, einige erzielten sogar spontane Wirkungen auf einsame Spaziergänger und lockten ein erschrecktes HUCH hervor. Im Sonnenschein ein harmloser Ast, gestaltete sich mit Mondlicht zu einem düsteren Gesellen der Unterwelt, der Gutes will und Böses plant; nur gut, dass so ein Schatten vergänglich ist, wenn auch immer wieder. Am Böhmerplatz wohnten auch einige Tiere, Hunde, Katzen, Käfigvögel, Freivögel natürlich und Ratten. Nach der letzten Giftepidemie des Kammerjägers allerdings nicht mehr viele. Eine von den restlichen Nagern wagte sich noch auf die Straße, bemerkte aber den rasant fahrenden smartCombi nicht rechtzeitig, erstarrte vor Verwunderung und starb einen Großstadtrattentod. Mit ihrem platt gefahrendem Körper hinterließ sie einen unübersehbaren Flatschen an Gedärm und Blut auf dem Fahrbahnasphalt vor dem Theaterhostel.
In den frühen Morgenstunden des vierten Donnerstag nach der ideenreichen Explosion eines vorzuführenden Theaterstückes, beugte sich Carina Winter über die dahin sterbenden Fleischstücke der Stadtratte, begutachtete sie und murmelte ein Nichts mehr zu machen. Sie hob den Kopf und schaute zum Theaterhostel, drinnen das blinkende Licht, die Tür wahrscheinlich verschlossen.
Oder mal ausprobieren, dachte Carina Winter, lief hin, drückte die Klinke herunter, die Tür ließ sich öffnen und sie betrat den Raum. Ein großer Raum. An der Decke eine mächtige Scheinwerfertraverse, an der Wand hinten Theatervorhänge, Säulen an den Flanken. Ein großes schönes Sichtfenster, nett dekoriert und dahinten eine Technikanlage mit allem, was man braucht, um ein Theater zu bespielen. Alles in allem: wunderbar.
„Kaffee?“ tönte es aus dem Nebenraum. „Ja, gerne“, antwortete Carina. Nun schoss Dianca in den Theaterraum. „Moin,“ erwartungsvoll die Fremde betrachtend, die dort zart lächelnd im Raum saß.
Carina Winter erwiderte freundlich, die beiden Frauen unterhielten sich gut über die Gegend, die Leute, die Gentrifizierung und so lange bis dann Arlo Frühling kam, zu spät für den Kaffee aber rechtzeitig für kreative Anfälle.
Es kam also so: Arlo engagierte Carina Winter für die neue Produktion, sie sagte sofort zu, der Probentag wurde ein Erfolg für alle und die Komposition von Diamantes endlich angenommen. Das Stück war ziemlich rund und nun hieß es einen Premierentermin festzusetzen. Das war schwieriger als gedacht, letztendlich kam man sich überein, die nächsten vier Samstage zu spielen. Aber es sollte anders kommen und das schon bald.


Carina Winter war die sehnsüchtig erwartete Erfrischung. Sie war jung und hatte Zeit, sie war klug und schaffte alle Passagen mit Bravour, also fast alle, sie brachte auch immer ein paar Süßigkeiten mit, ließ andere ausreden und hielt sich mit Meinungen zurück, mit anderen Worten: entzückend süß!
Tatsächlich war sie erst vor kurzer Zeit hierher gezogen, ihre Eltern hatten Geld und kauften ihr eine Wohnung im angesagten Bezirk dieser Stadt. Sie studierte ab und zu mal Tiermedizin, dann wieder dies und dann mal das und war frisch verliebt, leider eine Fernverliebtheit, wie sie bald zugab. Aber das agieren, das Theatern, das spielen, das sagte ihr zu und sie mochte alle vom Theaterhostel: den Herrn Kiesle mit dem Akzent, die Anni mit dem Lachen, Wernherr von Weiß, der alles weiß, Diamantes Athen und seinen Sound und Dianca mit den Leckerlies und dann Arlo Frühling, der heimliche Ritter der Theaterkunst, der womöglich Kriege verhindern könnte, wenn es nicht gerade seine eigenen waren. Da fühlte sich die junge Carina Winter wohl und fortan liefen die Proben anfänglich gut. Bald merkten sie, allen voran Arlo, dass immer noch ein Jemand fehlte, denn Anni und Herr Kiesle waren eh ein Paar, Carina die Begeisterte und obwohl Anni oft genug mit Fragen den Zauber der Proben zerstückelte, was dann doch schon mal zu neuen Inspirationen führte, fehlte der eigentliche Antagonist, der Gegenspieler, der Schlechte dem Guten gegenüber, schon wegen der Spannung. Glücklicherweise hatte keiner daran gedacht, den Premierentermin öffentlich zu machen, so dass – puh! – noch Zeit war, um zu, ja was? Zu warten bis einer vom Himmel fiel? Oder einen Aufruf machen? Kannte jemand einen Jemand? Sollte Arlo nun doch spielen, musste er sogar?

Eines kühlen Abends saßen Arlo und Diamantes im Leintus, einer abgehalfterten, verrauchten Kneipe mit dem Charme eines verschlafenden Nachmittags, wo die Seele so lange baumeln konnte, bis man keine mehr hatte. Dagegen schmeckte das Bier erstaunlicherweise recht frisch und erbaulich, schon wegen dem Preis. Im hinteren Raum stand ein greisenhafter Billardtisch, der von den Schlägen der vielen ungeübten Spieler malträtiert und geschunden worden war, so dass das grünblasse Tuch eher einem Freßgelage tausender Motten glich. Einsam an diesem Stück Sperrmüll bewegte sich in bunten Tüchern gehüllt, eine männliche Person ohne Gesichtsmimik, ob er atmete konnte man wegen dem übergroßen Schal nicht sehen. Man hörte nur das Klick und Klack der Billardkugeln.
Arlo und Diamantes schauten eine Weile zu, als der Bunte plötzlich innehielt, zu den Beiden am Tisch hinüberblickte, mit dem Kopf nickte und in einem fast willkommenden Ton sagte:“ Es macht mir nichts aus, dass sie mich anstarren, ich hoffe, ihnen macht es auch nicht aus.“ „Äh, was macht uns nichts aus?“fragte Arlo zurück. „Na, das sie mich anstarren“, antwortete der Bunte. „Nun, sie spielen ungewöhnlich, hat uns interessiert“, plauderte Arlo Frühling weiter. „Sind sie sich sicher? Nur reines Interesse, kein Neid, weil ich so genial und einzigartig bin?“ äffte der andere weiter. „Häh?“
Diamantes erhob sich mit grimmigem Blick, da kam der Bunte zum Tisch und streckte die Hand aus.“Schon alles gut, sorry, spiele halt gern mal, nicht nur Billard, alles Übung, bin eigentlich Psychologiestudent, Mattias Mörteler, guten Abend.“ Diamantes setzte sich wieder.
Mattias Mörteler winkte zum Barmann und gab die nächste Runde aus, die Männer kamen ins Gespräch. Ob Mattias durch diesen Dialog schon mal eins aufs Maul bekommen hätte? fragte Diamantes und erhielt ein breites Grinsen, wo er denn Theater spielte, erforschte Arlo und es war kein Theater, er spielte nur so und versuchte auch zu schreiben, eben so Stücke, meist aber wurden Gedichte daraus.
Steckbrief massig also so: Mattias Mörteler so um dreißig, Dauerstudent mit Apanage von Oma, wohnt hier ganz allein, hat Zeit, mag Farben, poetisch, schrill und ja, passend zum Theaterhostel. Ob er denn übermorgen könne und wollte und Mattias sagte zu und gab sogleich die nächste Runde aus.
Der feuchtfröhliche Abend endete irgendwie erfolgreich für alle Beteiligten und nun hieße es, zu verknüpfen und auszufüllen, hinzustellen und laufen zu lassen und gut zu essen und zu trinken, sonst würde man womöglich zusammen brechen. Und Letzeres schwebte schon ähnlich dem Damoklesschwert über dem Böhmerplatz, aber noch sehr, sehr weit oben.

Mattias Mörteler hatte also eine Einladung ins Theaterhostel als Akteur. Ja! Akteur und er sollte, könnte, wollte ein Gegenspieler sein, soweit hatte er schon mal die Informationen erhalten. Sowie er zuhause angekommen war, übte er die Schritte. Ausholend und elegant, eine leichte Drehung, ein recken der Schultern und nun: Monolog blablabla und nun zum Publikum. Er übte gut zehn Minuten, streckte sich dann auf dem Sofa aus und versank in seiner Phantasie: Die Bühne, das gebannte Publikum, allesamt seine Fans, er, er dort oben, von hinten, ein wenig kümmerlich die Stimme seines Gegenspielers, aber dann er, er selbst donnerte ihm Allwissenheit um die Ohren, tobender Applaus, dann wieder ein paar zitternde Worte des anderen weit hinten auf der Bühne, dann er, das letzte Wort, Licht auf, irrsinniger Applaus, standing ovation und er hebt die Arme und beginnt zu fliegen, über die Köpfe der Zuschauer, die ihm nachblicken, wie er aus dem Theater in eine unendlich grüne Weite fliegt……er war eingeschlafen und wachte erst am nächsten Morgen sehr entspannt auf.

Es war übermorgen und der Probentag. Dianca Lattenschrek hatte ein verdauliches Frühstück zubereitet, Wernherr von Weiß gedämmtes Licht hergestellt, Arlo Frühling war schon seit Stunden im Theaterhostel und nach und nach kamen Diamantes Athen, Carina Winter, Anni mit Herrn Kiesle und dann keiner mehr. Blöd, dachte Arlo, er wollte den anderen ja den Mattias vorstellen, den Mörteler und nun kam er nicht. Man schenkte sich Kaffe ein und erzählte von den privaten Geschehnissen der vergangenen einundzwanzig Stunden, als plötzlich die Tür mächtig aufgedrückt wurde und ein verkleideter Mann im Türrahmen stehen blieb. Mattias Mörteler war gekommen, in Plüschhosen, Seidenhemd, Glitzerweste und dem mächtigen Schal in einer undefinierbaren Farbe und neben ihm stand grinsend ein in noch viel mehr bunten, plüschigen und auffälligen Kleidern gewickelter, ziemlicher großer Mann.
Arlo stand auf und bat beide herein, da es sonst auch zu kühl wurde. „Guten Morgen, „ sagte anständigerweise Herr Kiesle, denn die anderen schauten noch verblüfft. „Hah! Ein Akzent!“ schrie Mattias. Das gefiel Herrn Kiesle gar nicht, aber da blaffte schon Anni los „Na und, besser als nuscheln oder herumschreien, reden sie doch mal, haben vielleicht auch einen Akzent.“ Mattias glotzte Anni an, jetzt war er verblüfft. Das würde nicht einfach werden, dachte er. Dann stellte Mattias seinen Kumpanen vor, einen Lebenskünstler, sprachgewandt, doch am liebsten schwieg er. Das bemerkten sie sofort, denn bis auf ein Grinsen kam von diesem kein Laut. Eine komische Situation. Das Ensemble war mittlerweile ein wenig gefestigt und jeder Neue brach dort hinein, auch wenn nichts kaputt gehen konnte, so war es doch ein STOP ohne Grund. Herr Kiesle und Anni schwiegen eisern, Diamantes nickte ganz leicht mit dem Kopf und schaute auf die Nase von Mattias Mörteler, während Carina eher schon lächelte und Wernherr von Weiß plötzlich aufstand und nach hinten abwanderte; Dianca folgte ihm. Arlo fragte nach dem Namen des Neuen, er nannte sich schlicht und ergreifend Sergey und würde gerne hin und wieder die Theatergruppe unterstützen, ohne Gage, selbstredend, obwohl er natürlich auch von was leben müsste, aber er kenne sich ja aus im Schauspiel und deren Finanzen. Für einen Schweiger war das viel Gerede, doch nun wusste man Bescheid und Arlo überlegte schon, wo er ihn einbauen könnte bei der nächsten Produktion. Wenn er lieber schweigt, der Sergey, dachte Arlo, dann könnte er einen stummen Diener spielen oder einen Hintergrundgegenstand. Um das Ensemble wieder in die Spur zu bekommen, hob Arlo die Stimme an, räusperte sich und sagte:
„ Darf ich euch alle nun mal vorstellen“, und tat es dann. Sie frühstückten gemeinsam und fast einträchtig am Tisch, der gut gedeckt war und begannen anschließend mit der Probe, wobei die erste wirklich ganz toll war und die weiteren in kleinen Desastern endeten, doch glücklicherweise mit der Geduld von Arlo meist nur in Abneigung und Hass endeten, was dem Spiel als solchem nicht weiter schadete, obwohl man das nicht unterschätzen sollte. Allem in allem funktionierte der Ablauf und nun sollte es ernst werden (nur die Redewendung als solche, bitte). Erneut gab es eine Terminierung, selbstredend mit der dazu gehörenden Veröffentlichung, es wurden Proben angesagt und auch, na klar, eine Generalprobe. Nach und nach raufte sich das Team zusammen und auch wenn man nicht alles teilte, so wuchs doch zusammen, was zusammenwachsen sollte und das war kräftig, leuchtend und steckte voller Überraschungen.
Später, nach der Probe, ging Mattias zu Herrn Kiesle und entschuldigte sich ob seiner forschen Herangehensweise und Herr Kiesle nahm an, nur Anni verzog immer noch den Mund. Sergey aber blickte sich im Theaterhostel um, betrachtete alles und immer wieder, fragte Arlo nach Kostümen und Requisite und letztendlich lobte er das Theaterhostel in höchsten Tönen, denn in Wahrheit hatte er vorher noch nie ein Theater von innen gesehen und sehr talentiert war er auch nicht aber unglaublich auffällig und das reichte oft genug, obwohl seine immer stärker hervorkommende Sturheit Arlo oftmals an seine Grenzen führte, jedoch sollte man diese sowieso hin und wieder besuchen.
Sie übten und probten also fleißig und der Premierentag rückte näher, bis er so nah war, dass man nicht mehr drumherum kam.

Frau von Katzbuck war tatsächlich ein paar Mal anwesend, hin und wieder amüsierte sie sich, aber das war nicht ihr Stück und so nahm sie eines Tages Arlo beiseite und sagte folgendes:“ Hören sie, Herr Frühling, können sie sich noch an das Geschenk, das Büchlein, erinnern?“ Arlo nickte. „ Ich hatte gedacht, sie würden dieses Stück aufführen, und nun das! Ich kann da nichts Gemeinsames finden, ich muss schon sagen, da kommt Enttäuschung hoch, nach alledem, was ich für die getan habe, “ dann verzog sie ihren Mund. Arlo Frühling saß in der Klemme, dann aber schoss es ihm durchs Hirn.
„Aber, aber, liebe Frau von Katzbuck, das Büchlein, ich danke es ihnen, danke, dieses Büchlein ist wertvoll. Ich kann, ja, ich darf gar nicht ein ungeübtes Ensemble an solch eine Pracht, an solch ein Unternehmen heranführen, es wäre eine ungeheure Vergeudung, das muss alles erst geübt werden und so bitte ich sie, meine liebe Frau von Katzbuck, haben sie Geduld, sie werden es nicht bereuen.“ Dann nahm er ihre Hand und drückte sie, vielleicht ein wenig zu fest, denn Frau von Katzbuck verließ schnell das Theaterhostel.


Sehr viel später am Abend saß Arlo Frühling allein im Theaterhostel, griff nach dem alten Büchlein, welches er sorgsam unter den Stapel alter Rechnungen geschoben hatte, blätterte ein paar Seiten vor und zurück, erkannte einige Buchstaben und musste nach einer Weile doch aufstecken mit dem lesen. Hier brauchte er jemand, der es zu übersetzen wusste. Fast schon in anderen Gedanken versunken, betrachtete er nochmals die Vorderseite, schielte ein wenig nach links, blinzelte mit den Augen und plötzlich durchzuckte es ihn: Na klar!! Das war es! Jetzt wusste er den Titel und nun könnte er sich ein lesbares Büchlein besorgen und dieses hier trotzdem übersetzen, falls Unterschiede zu erkennen sind, wenn er Büchlein mit Büchlein vergleicht. Mann! dachte sich Arlo Frühling, logisch, das ich da nicht gleich drauf gekommen bin. Diese Hexe von Katzbuck, eieiei!

Es war also so: der verschlafene Böhmerplatz wurde aufgeweckt durch eine kleine, bunte Gruppe Darstellern, die nicht nur manchmal laut sondern auch sehr lustig waren. Die Proben blieben ja nicht unentdeckt, das Haus von Frau von Katzbuck hatte sowieso durch das Einreißen der Bretterwand nun endgültig wahrgenommen, dass es hier ein Theaterhostel gab. Anwohner zeigten ein starkes Interesse und aus den Nebenstraßen flossen nach der Premiere immer mehr Menschen.
Jeder achtete nun mehr darauf, was vor seiner Türe los war, beseitigte Müll und grüßte einander freundlicher, denn je. Ein Gourmetrestaurant eröffnet ebenfalls, was vor ein paar Jahren schier unmöglich gewesen wäre, weil keiner dorthin gefunden hätte und nun saßen an lauen Sommerabenden Menschen aller Couleur an den kleinen Tischen. Nach und nach siedelten sich auch Galerien und Hipsterkneipen an, nicht immer in Zustimmung der Alteingesessenen, jedoch wieder herzlich empfangen, nachdem im Theaterhostel eine Vorführung genau dieser menschlichen Schwächen gezeigt wurde. Überhaupt wurde sehr viel menschliche Schwäche gezeigt, doch hier war es eine willkommende Abwechslung und keiner hatte zu leiden, weil es sehr vielen bewusst wurde, was Leben eigentlich ist. Ein zartes Tuch von Liebe webte sich in und um diesen Platz und es strahlte nach allen Seiten, so dass bald ganz Neukölln, Berlin, Deutschland, die Welt davon erfasst wurde.
Es schien auch so, dass die Blüten der Obstbäumchen jedes Jahr größer und duftender wurden und wer immer über den Kalle Max Platz zum Böhmerplatz lief, bekam ein Gefühl von Frieden und Freude und ab und zu den Duft von Eierkuchen.
Nach und nach kamen temporär neue Darsteller dazu, die Vorstellungen waren sehr oft ausverkauft, letztendlich wurde sogar ein Film gedreht und natürlich sprach bald die ganze Stadt darüber und bald das ganze Land. Arlo Frühling und sein Team hatten grenzüberschreitend mit ihren Stücken verschiedenste Menschen angesprochen. In anderen Städten und sogar Kontinenten spielte man einiges mittlerweile sogar nach und alle waren begeistert und glücklich.

Das aus so einer kleinen Ecke, dem Böhmerplatz in Neukölln, ein so großes Brimborium entstehen konnte, wer hätte das geglaubt? Und eines Tages gab es eine Premiere mit dem verheißungsvollen Titel: Mernachtstrau! und das war dann ein Dauerbrenner! Ein wahres Wunder!


Aber eine Sache muss ich noch erwähnen, weil ohne Einsatz von Anni das Damoklesschwert wirklich herunter gefallen wäre, also das war so:
Am Abend kurz vor dem Einlass stand Frau von Katzbuck vor ihrer Haustür neben dem Theaterhostel, als plötzlich ein wilder, schwarzer, riesengroßer Hund auftauchte und zornig bellte und knurrte. Weit und breit war kein Besitzer auszumachen und ein Halsband war an diesem Vieh auch nicht zu sehen. Frau von Katzbuck wurde sehr blass und zitterte ängstlich zur Freude des Hundes, denn dieser ging noch näher auf sie zu. Just in diesem Augenblick trat Anni vor die Tür vom Theaterhostel und sah die Situation, bemerkte sogleich die geschockte Frau von Katzbuck und den Riesenköter. Sie stellte sich gradlinig auf, stemmte die Arme in die Taille und pfiff, für Menschen unhörbar, einen hellen Ton aus, der den gewaltigen Kopf der Bestie zur Seite lenkte, so dass Anni ihm direkt in die schwarzen Augen gucken konnte. Dann warf sie ihren Kopf leicht zur linken Seite und befahl ein scharfes, kurzes:“Hierher!“ Der Hund gehorchte. Aus der Ferne hörte man nun ein rufen: Pastens, wo bist du? Pastens? Pastens? Als Anni den Hund neben sich hatte, er auch brav Platz gemacht hatte, hörte sie ebenfalls das rufen und wusste, dort muss der Köter nun hin. „Also los, geh da hin, wo du hingehörst und komm nicht wieder. Ab!“ Da sprang der große Hund los und schon war er weg. Frau von Katzbuck atmete erleichtert auf, bedankte sich und es war ein wunderbarer Abend.
Später, als sie schon wieder zu Hause war, kurz vor der Nachtruhe, holte sie ihr Testament aus der Schublade und änderte es zugunsten von…….


Natürlich will man doch etwas von dieser fantastischen Rede des Herrn Kiesle hören und ich glaube, jetzt hier nach alledem wäre auch Herr Kiesle vollends damit einverstanden, also los:

Die Rede

Hier stehe ich nun, für die meisten von euch unbekannt und doch bin ich kein Fremder, denn ich habe euch etwas zu sagen, etwas was nicht von mir sondern durch mich kommt und da ich es erkannt habe, ist es mir möglich allen davon zu berichten, in der Hoffnung das sie hören.
Jeder kann zu dieser Erkenntnis gelangen, wenn er es denn zulässt, denn wir alle haben einen Geist, unabhängig von unserem Stand und das ist ein Schlüssel zu einem immerwährendem Schatz, der einen unterstützt, zu ändern was zu ändern nötig ist.
Wenn einem DAS klar geworden ist, wird er die Freiheit in jeder Zelle seines Körpers spüren und die Liebe zu sich selbst entdecken, eine Liebe ohne Forderung, ohne Urteil, ohne brennendes Verlangen und DAS macht es dann möglich aus seinen eingefahrenen Schienen fruchtbar zu entgleisen, ein Neues zu wagen und das Alte liegen zu lassen. Das ist der Moment, der das ganze Leben beinhaltet und dann versteht ein jeder Mensch, dass das was er bekommt, das ist was er erschaffen hat, nicht mehr und nicht weniger.
Wenn man also ein Leben hat, was einem nicht gefällt, dann kann man es ändern indem man sich für etwas anderes entscheidet und das Gewesene nicht mehr zulässt, nicht einmal mehr daran denkt. Und wenn einer von euch, die hier stehen, nur einen klitzekleinen Funken der Vorfreude darauf hat, sein Leben zu ändern, wenn er sich dann dabei leicht und wahr fühlt, dann wird ein Feuer der Freude daraus, welches Kraft und Glück und Leichtigkeit bringt. Wo aber Angst und Zweifel, Vorurteile und Schlussfolgerungen im Kopf sind, da wird es gleich ungemütlich und duster werden, denn alles das macht Angst und Angst ist nun mal eine Sackgasse, an deren Ende man selber im Nichts baumelt.
Ich selbst habe diese Erkenntnis erhalten und entschieden, keine Stadtführungen mehr zu, machen, denn es war kein leichtes Gefühl. Aber euch davon zu berichten, wie es zu dieser einschneidenden Entscheidung kam, DAS will ich machen und ich fühle mich wohl damit. Und das ihr hier noch steht, das freut mich sehr, ich danke, danke und bleibe verbunden mit euch solange ich bin, danke.


Im Einkaufscenter Berlin, Neukölln, Mittwoch

Und hier noch ein paar wichtige Anmerkungen:

Anmerkungen zu Diamantes: in echt griechisch heißt er natürlich Diamantis Athineos, doch wollte ich das deutschtümelige hervorbringen und eben die Stadt Athen erkenntlich machen.


Der Name des Hundes: pastens, heißt eigentlich Vergangenheit, kommt nämlich aus dem englischen.

Allen Figuren in dieser ausgedachten Geschichte habe ich nur das Beste vom besten angedeihen lassen und kann nur sagen: toll, das es euch gibt!


Jetzt kommt noch eine Seite, die Rede von Herrn Kiesle, also Taschentücher bereit halten.


Folgende Orte gibt es tatsächlich (noch):

Das Kapital am Karl-Marx-Platz
Den Karl-Marx-Platz
Den Böhmischen Platz
Das Linus
Hotel Rixdorf
Das Einkaufscenter an der Karl-Marx-Strasse Ecke Flughafenstrasse
Das Rathaus mit dem Rathausturm und Brunnen
Den Edelsteinladen in der Richardstrasse
Malsomalso
barini


   

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