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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2019 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 08.11.2019. Rubrik: Spannung


Christophs Bruder

Zuerst dachte Marina, ihre Augen würden ihr einen Streich spielen. Aber es stimmte. Auf dem Bildschirm, wo gerade ein Bericht des Lokalfernsehens über das gestrige Stadtfest lief, sah sie in der Menge ihren Mann Christoph, der seinen Arm um eine junge Frau gelegt hatte.

Dieser Anblick erfüllte Marina jedoch nicht etwa mit Eifersucht, sondern mit Grusel. Denn während des Stadtfestes waren Christoph und sie in einem hundert Kilometer entfernten Ort gewesen, wo sie eine Verwandte besucht hatten!

Der Mann im Fernsehen konnte also nicht Christoph sein! Aber warum glich er ihm aufs Haar? Marina hatte gehört, dass Christoph einen Zwillingsbruder gehabt hatte, der jedoch direkt nach der Geburt gestorben war…

*

Als Christoph nach Hause kam – er hatte zwei Stunden später Feierabend als seine Frau –, empfing Marina ihn mit einem Redeschwall, dessen Sinn er nur langsam begriff. „Wie bitte? Ob mein Zwillingsbruder tatsächlich tot ist?!? Du glaubst, er sei im Fernsehen gewesen?!?“

Zum Glück war die Sendung bereits in der Mediathek, und so zeigte Marina ihrem Mann seinen mutmaßlichen Zwilling. „Tatsächlich, der Kerl gleicht mir. Nur gut, dass wir gestern zusammen bei Tante Hilde waren, sonst würdest du mich der Untreue verdächtigen.“ Er lachte.

Marina blieb ernst. „Glaubst du, Christoph, dass deine Eltern dich angelogen haben, als sie sagten, dein Bruder sei tot?“

„Warum sollten sie das getan haben?“ Christophs Eltern waren schon seit langem verstorben.

„Nun ja“, überlegte Marina, „vielleicht hatten sie nur ein Kind gewollt und haben das zweite zur Adoption freigegeben. Was aber niemand wissen sollte.“

„Dann hätten sie meinen Bruder aber besser zu Leuten geben sollen, die weit weg wohnen. Damit wir uns später nicht über den Weg liefen.“

Haben sie ja vielleicht auch. Und trotzdem kann dein Bruder auf das hiesige Stadtfest gelangt sein. Denk mal an das Doppelte Lottchen! Die eine wohnt in München, die andere in Wien, und doch treffen sie sich.“

Christophs Neugier war geweckt. Mit Hilfe der sozialen Netzwerke gelang ihm schließlich, was Marina nicht für möglich gehalten hatte: Sein mutmaßlicher Zwilling meldete sich bei ihm. Er hieß Torben, wohnte etwa dreißig Kilometer entfernt und war an jenem Tag mit seiner Frau Cindy auf dem Fest gewesen. Christoph und Marina luden Torben und Cindy für den nächsten Sonntag zum Nachmittagskaffee ein.

*

„Ihr seht wirklich fast absolut gleich aus!“ Marina und Cindy konnten den Blick nicht von ihren Ehegatten wenden. Die beiden Paare hatten sofort Sympathie füreinander empfunden. Jetzt saßen sie bei Kaffee und Kuchen im Garten. Nach dem ersten Smalltalk ging man schnell zum wichtigsten Thema über: War Torben der totgeglaubte Zwilling von Christoph?

„Ich wurde tatsächlich direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben“, berichtete Torben. „Meine leiblichen Eltern habe ich nie kennengelernt.“

„Weißt du denn, wie sie hießen?“, fragte Christoph gespannt. „Meine hießen Walter Koch und Helga Koch, geborene Krüger.“

Torben nickte. „Das sind sie. So hießen meine auch.“

Geburtsort und -datum waren ebenfalls identisch, und die Frauen warteten darauf, dass die wiedervereinten Brüder sich jetzt umarmen und als Zwillinge begrüßen würden. Doch Christoph starrte mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck vor sich hin.

„Eins ist seltsam“, sagte er. „Es könnte sein, dass meine Eltern doch die Wahrheit sagten. Dass mein Zwillingsbruder tatsächlich tot ist.“

Den drei anderen lief es bei diesen Worten kalt den Rücken herunter. „Warum glaubst du das?“, fragte Marina schließlich mit bebender Stimme.

„Ich erinnere mich jetzt – ich habe einmal ein Foto gesehen – von seinem Kindersarg…“

Cindy fasste sich als erste wieder. „Christoph, du vermutest doch selbst, dass deine Eltern logen, weil sie nicht zugeben wollten, dass sie eins ihrer Kinder weggegeben hatten. Auch mit Fotos kann man lügen! Zum Glück ist Torben quicklebendig.“

„Moment mal“, sagte dieser, „mir fällt gerade etwas ein. Es könnte sein, dass wir Brüder sind und das Foto trotzdem stimmte. Wenn nämlich unsere Eltern in Wirklichkeit Drillinge bekommen hatten. Einer starb, einer wurde weggegeben und einer blieb.“

Verblüfft sah Christoph ihn an. „Das ist möglich! Das wäre auch eine Erklärung für die seltsamen Worte, die Oma zuletzt in ihrer Demenz immer sagte: ‚Es waren drei… es waren drei…‘“

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 08.11.2019:
Auf die Lösung wäre ich tatsächlich nicht von selbst gekommen! Jedenfalls nicht so schnell :-)




geschrieben von Christine Todsen am 11.11.2019:
Freut mich, so soll es bei einer spannenden Geschichte ja auch sein :-)

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