Kurzgeschichten-Stories
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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Jana Gronau (LostinSpace).
Veröffentlicht: 10.01.2020. Rubrik: Nachdenkliches


ORKESTRA

Sie blickt in den wolkenverhangenen Himmel, der den See und den Strand in diffuses, unwirkliches Licht taucht. Hinter ihr liegen die Gleise und noch dahinter die kleine Stadt. Eigentlich ist von ihr nicht mehr zu erkennen, als ein paar schemenhaft aufragende Gebäude. Und eigentlich sind es auch gar keine Gebäude, sondern eine verschwommene dunkle Wand. Aber sie weiß, dass sich dort der kleine Ort befindet, von dem sie beinahe jeden Stein im Kopfsteinpflaster in all seinen Details benennen kann.
Sie weiß, dass rechts auf einer kleinen Anhöhe eine wunderschöne Kapelle steht und, dass nebst dieser Kapelle eine Eiche steht, so groß und prächtig, dass sie gute 900 Jahre zählen muss. Einmal hat sie nach dem Gottesdienst mit dem alten Mann ein Picknick unter dieser Eiche gemacht. Sie kann sich nicht entsinnen was es zu Essen gab, aber sie erinnert sich daran, wie eine gelbe Zitrone auf die weiß-blau-karierte Decke fiel. Als sie dann hinauf blickte, da hingen in der Eiche nicht nur Zitronen, sondern Äpfel und Birnen und Zwetschgen, zahlreich und wie durch Zauberhand.
So etwas hatte sie noch nie gesehen und da staunte sie, mit großen Augen und breitem Lächeln in den Baum hinauf, bis der Faszination die Neugierde wich. So stand sie auf ohne den Blick von der bunten, fruchtigen Pracht abzuwenden und ging zu einem voll behangenen Ast, der sich unter seiner Last schwer gen Boden neigte und streckte die Hand aus. Von jeder Sorte pflückte sie eine Frucht.
So lebhaft diese Erinnerung auch vor ihr inneres Auge tritt, kann sie sich nicht an den Geschmack erinnern. Sicherlich war der gelb-rote Apfel leicht säuerlich, so wie sie es mochte. Die Zwetschge musste süß und ohne Wurm gewesen sein, genauso, wie eine perfekte Zwetschge nun einmal sein musste. Die Birne konnte nur saftig, weich und köstlich gewesen sein, so appetitlich, wie sie aussah.
Sie kann es sich vorstellen, aber wirklich erinnern kann sie sich nicht.

Die kleine steinerne Treppe hinauf zu den Gleisen sieht genauso aus, wie sie seit jeher aussah. Die grobe Natursteinmauer entlang der Schienen ist mit farbenfrohem Kraut und Pflanzen bewachsen. Es gibt leuchtend gelbes Steinkraut und Mauerpfeffer, lila blühendes Seifenkraut, saftig grünes Moos und die feinen, winzigen Blüten des weißen Schleierkrautes und noch andere Arten, die sie nicht benennen kann.
Die Stufen der Steintreppe sind uneben, aber sie kennt jede Einzelheit, jedes noch so kleine Detail. Alles ist genau so, wie sie es erwartet hätte. Aber das sind keine typischen Gedanken hier an diesem Ort. Gedanken sind so diffus, wie das Licht und während sie den schmalen Pfad in Richtung der Stadt einschlägt, da strömt der Duft vom frischem Backwerk in ihre Nase. Die kleine Bäckerei ist das erste Gebäude auf das man zusteuert, wenn man dem kopfsteingepflasterten Weg folgt und sie kommt nicht umhin dort einzukehren, um zu sehen was dort so herrlich duftet. Im Schaufenster sind Brote und Croissants, Baguettes und Baisers ausgestellt, schön und dekorativ angerichtet auf einer fliederfarbenen Decke, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft. Als sie die Tür öffnet bimmelt das kleine, silberfarbene Glöckchen mit hellem Klang, welches über dem Eingang angebracht ist und kündigt Kundschaft an. Die alte Bäckersfrau steht hinter der Theke, sortiert eifrig frische, noch dampfende Brote in die Regale und lächelt ihr freundlich zu. Ihr weißes Haar ist einfach, aber kunstvoll nach oben gesteckt und feine Löckchen fallen unregelmäßig aus ihrer typischen Frisur, umrahmen ihr rundes Gesicht und bilden einen schönen Kontrast zu den paussigen, roten Bäckchen.
Sie nickt der alten Dame zu und bittet um 2 Brötchen. Einen Augenblick später hält sie eine kleine Tüte in ihren Händen und fühlt durch das dünne Papier, dass das Backwerk noch handwarm und herrlich knusprig ist. „Vielen Dank und einen schönen Tag“, wünscht sie der alten Dame und verlässt das Geschäft. In ihrer Vorstellung weiß sie genau, wie die Brötchen schmecken, außen kross und innen fluffig, leicht salzig und mit einer zarten Butternote, ohne, dass man diese hinaufgeben müsste. Als sie eines der beiden zum Munde führt um herzhaft hinein zubeißen passiert etwas um sie herum. Es ist wie ein Gefühl des Entgleitens, es ist eine Dunkelheit, die sich um sie herum und in ihrem Kopf ausbreitet.

„Guten Morgen Lina! Na, wie haben wir denn heute geschlafen?“, fragt die freundliche Krankenschwester und ist schon dabei, die hellblauen Vorhänge beiseite zu schieben. Greller Sonnenschein ergießt sich in das karge Zimmer und brennt in ihren Augen.
Schwester Nadja schiebt den kleinen Wagen mit dem Frühstück neben das Bett.
„So, dann wollen wir Sie mal für den Tag frisch machen!“, flötet sie und ist schon daran, der alten Dame aus dem Bett zu helfen. Zu schnell für die müden Knochen wird Lina aus dem Bett gezogen und ins Bad geführt. Nadja ist nett und eine gute Seele. Ihr braunes Haar ist zu einem strengen Zopf gebunden, die Statur ist stämmig und robust, aber nicht wirklich dick.
Beherzt entkleidet sie die alte Frau und beginnt sie schnell und routiniert zu waschen. Der dünne, blasse Körper genießt die Wärme und die Berührung. Nach 5 Minuten ist die Morgenwäsche erledigt und Lina darf sich wieder ins Bett legen.
Es folgt das Frühstück. 2 Scheiben Graubrot, eines mit Käse, das andere mit Leberwurst, dazu Kaffee mit Milch und einen Joghurt.
Als sie fertig ist schiebt sie den Tablettwagen von sich und starrt zum Fenster hinaus in die Wirklichkeit. 87 Jahre zählt sie nun schon und weiß, dass sie die 88 nicht mehr erleben wird. Aber sie ist weder traurig noch ängstlich. Es ist der Lauf der Dinge und der liebe Herrgott hat es gut mit ihr gemeint, hat sie in Würde altern lassen, fit im Kopf und ohne wirkliche Gebrechen. Nie im Leben hat sie sich auch nur einen Knochen gebrochen, hat nie unter schwerer Krankheit leiden müssen, nicht so, wie ihre liebe Freundin Anna, die der Krebs schon mit Mitte 60 aus dem Leben riss. Lina fühlt ihre Jahre, fühlt dass ihre Knochen schwer und ihre Bewegungen eingeschränkt sind, aber alles in allem geht es ihr eigentlich doch recht gut. Die Gewissheit um ihr nahes Ende trägt sie tief in sich, wie eine Uhr die abläuft. Sie hat es schon lange gewusst, nicht nur geahnt, sondern bewusst erwartet. In Orkestra hat sie sich selbst gesehen, damals, als sie gerade 13 Jahre jung war. In Gedanken reist sie zurück zu jener Nacht.
Sie befand sich in diesem Krankenhaus und doch wirkte es etwas anders. Es war alles irgendwie diffus, wie in unsichtbaren Nebel gehaucht, der den Farben ein wenig ihrer Intensität beraubte.

Das Mädchen geht den langen Flur entlang, lässt die Hände über die gelben Wände gleiten und fühlt die kleinen Unebenheiten, die in die Tapete eingearbeitet sind. Sie legt die Hand auf die Klinke der Tür des Raumes, auf den sie sich so zielstrebig zubewegte. Warum, dass weiß sie nicht. Es zieht sie magisch an. Sie muss diesen Raum betreten. In diesem Raum, es ist ein normales Krankenzimmer, da liegt im Bett eine ältere Dame und schläft. Neben ihr sitzt auf einem Stuhl eine Frau mittleren Alters, blondes, schulterlanges Haar und hält ihre Hand. Die Frau weint.
So steht sie da und beobachtet für einen kurzen Moment die Szenerie. Niemand nimmt Notiz von ihr, auch nicht der Mann, der aus dem Bad kommt und an ihr vorbei in Richtung des Bettes geht. Sanft legt er seine Hand auf die Schulter der weinenden Frau.
Es ist ein Gedanke in ihrem Kopf, eine Gewissheit, die ihr sagt, dass sie sich selbst in diesem Bett sieht. Es ist eine andere Zeit. Sie empfindet keine Angst. Vielmehr fühlt sie Liebe. Ein warmes, sicheres Gefühl. Dankbarkeit und Liebe sind alles, was sie fühlt. Ihre Kinder, ihre wunderbaren Schätze, die sie behütet und aufgezogen hat sind bei ihr in diesem letzten Moment. Wenn es Perfektion im Tode gibt, so ist es eben dieser Augenblick.
Sie ist sogleich die alte Dame im Bett und ebenso ist sie sie selbst, wie sie da in der Tür steht, wie ein unsichtbarer Geist. Und dann ganz plötzlich, tut die alte Dame einen tiefen Atemzug und um sie herum beginnt alles zu verschwimmen und sie selbst beginnt sich aufzulösen. Sie blickt auf ihren rechten Arm, dessen Hand sich in lilafarbenen Nebel verwandelt. Und so wird alles von ihr zu diesem lila Nebel und etwas zieht sie in Richtung Fenster.
Ein letzter Gedanke erfüllt ihren Geist. So ist es also, wenn man stirbt, denkt sie bei sich und lässt sich von der unsichtbaren Macht durch das geschlossene Fenster ziehen.

Als die alte Lina ihre Augen wieder öffnet umspielt ein Lächeln ihren dünnen Mund, nur um die Augenlider wieder sinken zu lassen und bald darauf wieder einzuschlafen.

Lina befindet sich an dem Ort, den sie schon sooft besucht hat. Diesen Ort voller Wunder und Abenteuer. Sie steht am Bahnhof und sieht, wie schon viele male zuvor, die Züge einfahren. Den einen von rechts, den anderen von links. Sie begegnen sich immer hier zur selben Zeit. Mit dem einen Zug ist sie schon gefahren. Sie kann sich nicht mehr erinnern warum, aber sie weiß, dass er sie nach Hause bringt, wenn sie einsteigt. Den anderen hat sie noch nicht betreten und so geht sie hin und will einsteigen, aber die Türen öffnen sich nicht. Ratlos steht sie da. Der alte Mann nähert sich von der Seite. Sie sieht ihn aus dem Augenwinkel, erkennt seinen Gang. „Da kannst du nicht einsteigen.“, sagt er zu ihr und lächelt freundlich. „Aber warum denn nicht?“, entgegnet sie und schiebt hinterher: „Der eine Zug fährt nach Hause, der andere muss doch auch irgendwohin fahren. Ich habe ihn schon oft fahren gesehen. Ich habe Menschen dort einsteigen sehen! Warum darf ich nicht auch einsteigen und sehen, wohin er fährt?“
Und wieder lächelt der alte Mann. „Es kommt die Zeit, da wirst auch du in diesen Zug steigen und wirst sehen, wohin er fährt. Es kommt alles zu seiner Zeit, so wie die Züge zu ihrer Zeit kommen und fahren und so, wie die Menschen hier ankommen und verweilen und schließlich weiterfahren. In die eine oder in die andere Richtung.“

Das erste mal, als sie den alten Mann gesehen hat ist schon lange her. Sie kennt seinen Namen nicht und irgendwie war es auch nicht wichtig je danach zu fragen. Er ist ein Freund, dessen ist sie sich gewiss. Damals, es war das erste mal als sie hier ankam, da stand sie auf dem roten Platz und hatte ein ungutes, ein seltsames Gefühl. Ein Unbehagen, dass sie nicht näher beschreiben konnte. Der rote Platz ist ein Weg, der im Kreis führt und dessen Boden aus diesem gummiartigen Belag besteht, wie er auch auf dem Basketballplatz in ihrer Schule zu finden ist. Er führt auf der einen Hälfte des Kreises entlang eines grobmaschigen Zaunes und dahinter liegen schier endlose Wiesen, auf denen duftende Blumen so zahlreich wachsen, dass es eine wahre Pracht ist. Auf der anderen Hälfte führt er durch einen dunklen Wald. Sie ist diesen Weg entlang gelaufen und auf auf dem Abschnitt durch den Wald, da spürte sie hinter sich eine Bewegung. Als sie sich umdrehte, da stürmten unzählige Menschen von den Seiten her aus dem Dunkel des Waldes auf sie zu und sie fühlte Panik in sich aufsteigen. So rannte sie den roten Platz entlang, ohne sich noch einmal umzudrehen, rannte und hörte die hämmernden Schritte der Menschenmassen hinter sich, die sie verfolgten und als sie endlich den dunklen Wald hinter sich gelassen hatte und zu dem Zaun gelangte, da hob sie einfach ab und flog hoch hinaus in den Himmel. Erst hatte sie Angst, sie könnte womöglich wieder herabfallen, aber sie flog über die Wiesen mit den wunderschönen Blumen in den blauen Himmel hinein, immer höher und höher, bis sie so hoch war, dass sie die Schwärze des Alls über sich sah. Und die Neugier obsiegte der Angst und sie flog weiter und höher, bis es keine Höhe mehr gab, sondern nur noch ein Voraus. So flog sie und wurde immer schneller, sah Planeten und Sonnen an sich vorbeiziehen, sah irgendwann gesamte Galaxien und Nebel vorbeirasen und wurde getrieben durch den bloßen Gedanken, was wohl dahinter läge. Als sie schließlich das Ende sah, da hielt sie inne. Es war die gleiche Schwärze, die sie umgab, aber sie wusste dort ist das Ende und so streckte sie vorsichtig den Kopf hindurch und blickte zurück. Es war der gleiche Blick, den sie hatte, wenn sie sich umwandte.

Und wieder war es eine Erkenntnis, die sie erfüllte. Das ist alles. Wie eine Blase, ohne Ende und ohne Anfang.

Diese Erkenntnis war so gewaltig, dass sie zurückgeschleudert wurde und im Bruchteil einer Sekunde befand sie sich auf einem Marktplatz. Der Boden war Kopfsteinpflaster und um sie herum herrschte reges Treiben. Marktstände standen dort und Händler verkauften Gemüse und Fleisch, Eier und Korbflechtwaren, Tücher und Waren aller Art an die Menschen, die sich um die Stände drängten und es wurde gehandelt und laut priesen die Händler ihre Güter an.
Der alte Mann kam zielstrebig auf sie zu. Er strahlte eine Ruhe und Freundlichkeit aus, sodass sie wusste ihr droht keine Gefahr.
„Weist du, wo du hier bist?“, fragte er und lächelte. Lina schüttelte stumm den Kopf.
„Nun, Lina. Das hier ist Orkestra.“ Sie wunderte sich nicht, dass der alte Mann ihren Namen kannte. „Orkestra“, wiederholte sie und nickte.
Wieder lächelte er. „Orkestra ist ein Ort, wo du alles tun kannst, was du willst. Es gibt zwei Züge hier. Einer kommt und einer geht. Dort drüben“ er deutete in die Richtung des Bahnhofes. „Dahinter liegt ein See, so groß, dass niemand ihn besegeln könnte. Und hier hinter uns, da liegt ein Gebirge, so hoch, dass niemand es es überwinden könnte. Es gibt nur eine Regel hier, die jeder stets befolgen muss, der diesen Ort besucht.“
„Was für eine Regel?“, fragte Lina und war mehr interessiert, als verunsichert. Er musterte das kleine Mädchen. „Jeder, der diesen Ort besucht, muss etwas da lassen.“
Lina schaute an sich herunter. Sie hatte nichts bei sich, außer den grünen Parker, den sie trug und ihre Gummistiefel an den Füßen.
„Ich habe nichts bei mir, was ich dalassen könnte.“, flüsterte sie, aus Angst irgendjemand könnte es hören und sie für den Regelverstoß, von dem sie ja gar nichts wusste, bestrafen. Und dann kam ihr eine Idee. Sie kam so plötzlich, wie alle Gedanken und Erkenntnisse hier an diesem Ort einen ereilen. „Ich kann höchstens einen Knopf geben. Einen Knopf von meinem Mantel.“
Wieder lächelte der alte Mann und nickte ihr bestätigend zu. So riss sie einen ihrer Knöpfe ab und gab ihn her.
„Oh, das ist ein wahrlich schöner, grüner Knopf, den du da hast. Das wird genügen.“
Das war die erste Begegnung mit dem alten Mann und seither hat sie ihn jedes mal wiedergetroffen, wenn sie Orkestra besuchte. Sie erkannte ihn, wenn er in ihrer Nähe war, aber wenn sie im Nachhinein versuchte sich sein Gesicht vor Augen zu rufen, so konnte sie es nicht. Es war, als sei die Erinnerung daran einfach verschwunden.

Als Lina erwacht, da ist sie wieder 87 Jahre alt. Ihre Tochter Klara sitzt an ihrem Bett und ihr Sohn Vincent kommt gerade aus dem Bad. Sie vermag nicht ihre Augen zu öffnen, aber sie spürt, dass sie da sind, so wie es eine Mutter nun einmal spürt, wenn ihre Kinder in ihrer Nähe sind. Langsam saugt sie den letzten tiefen Atemzug in ihre Lungen und gleitet davon.
Am Bahnhof steigt sie in den Zug, der ihr bisher verwehrt blieb und mit einer gewissen Aufregung und Neugier nimmt sie Platz und sieht aus dem Fenster, wirft einen letzten Blick auf den endlosen See, als der Zug sich in Bewegung setzt. In ihrer Hand liegt ein grüner Knopf.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Dan Prescot am 10.01.2020:

Ein Traum...?

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