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2xhab ich gern gelesen
geschrieben von Wortklauber.
Veröffentlicht: 13.02.2020. Rubrik: Nachdenkliches


Spuren im Schnee

Immer wenn er seine alltägliche Runde um die bunten, aufregend duftenden Marktbuden drehte, geschah dasselbe. So dicht gedrängt konnten die Menschen gar nicht stehen, dass sie ihm nicht angewidert auswichen.

Zugegeben; er sah nicht sonderlich gepflegt aus. Auch roch er hin und wieder merkwürdig. Wie sollte es auch anders sein. Geld hatte er keines, denn Arbeit gab ihm niemand. Und da jeder Budenbesitzer wusste, dass er keinen Beruf erlernt hatte, zudem weder lesen noch schreiben konnte, schenkten sie ihm ab und zu ein Stück Käse, Brot oder Wurst. Meistens aber beschimpften und verjagten sie ihn mit Worten wie „Nichtsnutz“ oder „Herumtreiber“. Nicht weil sie ihn verabscheuten – vielmehr aus bloßer Angst, er könnte die Kundschaft vertreiben.

Er zeigte sich auch nie böse, wenn er abgewimmelt wurde, sondern trollte sich ohne zu murren oder zu antworten. Letzteres hätte er auch gar nicht gekonnt, da ihm die Natur das Sprechen verwehrt hatte. Auch hinkte er ein wenig, wodurch seine jämmerliche Gestalt noch erbärmlicher erschien. Sein Abendessen bestand zumeist aus Abfällen, die er heimlich den großen Mistkübeln des Marktes entnahm; spätabends, wenn alles still und niemand mehr da war.

Gelegentlich strich er ziellos durch leere Gassen und blickte wehmütig durch hell erleuchtete Fenster, aus denen dumpfe Musik oder leise Stimmen drangen. ER wohnte im Keller eines Abbruchhauses und teilte sein Lager mit Ratten und Mäusen.

Dennoch liebte er das Leben und zeigte sich zufrieden, wenn er der wärmenden Sonne sein Gesicht entgegenräkelte, oder der leise weinenden Melodie des Regens lauschte. Niemand wusste genau, wie lange er schon seine Runden drehte und woher er eigentlich gekommen war. Es musste wohl irgendwann im Frühling gewesen sein, als er zum ersten Mal auftauchte – resümierte einmal die Gemüsefrau. Trotzdem zählte er zum Inventar des Marktes, als ob es ihn immer schon gegeben hätte.

Selbst als die Tage kürzer und die Nächte kälter wurden, nahm er seinen Platz in der Marktkulisse ein, obwohl er nur mehr nachmittags zu sehen war. Niemand ahnte, wie unerbittlich der Hunger war, der ihn täglich aus seinem Kellerloch trieb.

Als die Baumkronen nicht mehr rauschten und die ersten Schneeflocken sachte vom Himmel fallend der Dächer und Straßen schmutziges Grau in glitzerndes Weiß verwandelten, begannen die Standler den Markt zu verändern. Sie schmückten ihre Buden mit Girlanden aus grünem Reisig und goldenen Kugeln, in denen sich glänzende Kinderaugen spiegelten. Ihre Stimmen wurden sanfter, ja fast geheimnisvoll und Sie gaben auch mehr als sonst. Der Duft von Bienenwachs vermischte sich mit dem kräftigen Aroma frisch gerösteter Kastanien. Die Menschen schienen dichter zusammen zu rücken.

Nur er hatte sich nicht verändert. Immer noch trug er seinen schmutzverkrusteten Mantel, immer noch drehte er, in gleicher Monotonie, müde und ständig nach was Essbaren Ausschau haltend, seine Runden.

Man schrieb den 24. Dezember und die Leute trafen alle Vorbereitungen für ein schönes Weihnachtsfest. Hektisch besorgten sie die letzten Einkäufe. Schon um Elf sperrten die ersten Buden. Der Unrat wurde säuberlich weggekehrt, die Mistkübel geleert. Zwei Stunden später war alles vorbei und stille Einsamkeit breitete sich aus.

Sie fanden ihn drei Tage später – erfroren neben den leeren Kübeln. Betroffen standen die Budenbesitzer im Halbkreis um ihn und bestarrten stumm den leblosen Körper.

„Mein Gott!“ unterbrach die Gemüsefrau die beklemmende Stille „wir haben ihn vergessen“ und betrachtete erschüttert seine letzten Spuren im Schnee.
„Armer Mischling“ sagte die Blumenfrau mit belegter Stimme und tat, als sei ihr etwas ins Auge gefallen.

Wie Recht sie doch hatte. Seine Mutter war Neufundländerin, sein Vater Bernhardiner.

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von RudiRatlos am 14.02.2020:
selbst als Hundebesitzer ... zu Tränen gerührt!




geschrieben von Weißehex am 20.02.2020:
Ich dachte tatsächlich bis zum Schluss, dass sich die Geschichte um einen Menschen dreht..... schön geschrieben.

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