Kurzgeschichten-Stories
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geschrieben von John Martinsky.
Veröffentlicht: 11.07.2020. Rubrik: Unsortiert


Die Scheidung

Die Scheidung


Die Kirchturmuhr schlug gerade die volle Stunde an. Es war ein Uhr nachts, als ein dunkles Auto am Parkplatz gleich neben der großen Kirche abgestellt wurde.
Es war ein mittelgroßer Mann, der zielsicher zu der kleinen Seitentür, die neben einem mächtigen Stützpfeiler eingelassen war, zustrebte, sie aufsperrte, um in den dunklen Kirchenraum zu gelangen, in dem nur das ewig Licht, hoch am Altar, rot leuchtete.
Vorne in der ersten Bankreihe, setzte er sich nach der Kniebeugung auf eine Bank und blickte nachdenklich auf den Altar. Es war offensichtlich ein Geistlicher, einer, der das Recht zu haben schien, auch nächtens eine Kirche betreten zu können.
Er war in letzter Zeit schon oft in der Nacht hier in seiner Kirche anwesend gewesen, doch heute war für ihn wohl eine besondere Nacht.
… … …
Noch immer aufgewühlt von den heißen Rhythmen, die die Klänge einer international bekannten Musikgruppe bei ihm erzeugt hatten, die noch in seinem Kopfe nachklangen, starrte er hinauf zu dem großen aus Holz geschnitzten Kruzifix und begann nachzudenken.
Ja, diese fantastischen Musiker waren Idole, waren Götter auf Zeit, die nicht nur von den Jugendlichen bejubelt, verehrt, gleichsam angebetet wurden, sondern auch von reiferen Jahrgängen, so auch wie er bereits einer war.
Vor knapp vier Wochen hatte er seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert und eine Karte für das Konzert dieser weltberühmten Musikgruppe als sein Geburtstagsgeschenk sich selbst geschenkt.
Inmitten von tobenden, kreischenden und schreienden Fans hatte auch er frenetisch applaudiert und fühlte sich dabei ungemein glücklich und wohl in der riesige Arena, in der das ausverkaufte Konzert stattgefunden hatte, dass er dabei sein konnte.
Mit viel Glück hatte er einen tollen Sitzplatz erstehen, gleichsam ergattert, der ihm erlaubte, diese auch von ihm bewunderte Musikgruppe ganz aus der Nähe bejubeln zu können. Aber nicht nur diese tolle Gruppe, diese Idole, sondern auch die jungen Menschen, hier vor allem die jungen Mädchen und Frauen, hatten ihn in einen Erregungszustand versetzt, den er so gar nicht kannte und früher auch nicht kennen wollte und durfte, da verboten!
… … …
Nun saß er hier um diese nächtliche Zeit, locker gekleidet, wie es sich eben für einen jung gebliebenen Fünfziger gehörte, der sich an diesem Abend als Pfarrer einfach eine Auszeit genommen hatte und dachte nach.
Still war es nicht nur jetzt um diese Zeit in seinem Gotteshaus, sondern auch unter tags. Kaum jemand fand noch den Weg in seine Kirche. Nur Samstags Abend und sonntags kamen Gläubige hierher, um mit ihm gemeinsam die Heilige Messe zu feiern. Doch die Zahl derer, die in das Gotteshaus kamen, wurde von Jahr zu Jahr immer geringer. Sie blieben oder starben einfach weg!
Wo waren die Zeiten, wo noch jeden Tag in der Früh drei Messen abgehalten wurden?
Er erinnerte sich noch sehr gut daran. Schließlich war er ja einmal Ministrant gewesen und hatte vor allem im Winter vor Kälte bibbernd ministrierend den Messen beigewohnt.
Damals waren die Kirchen reinste Eiskeller gewesen, dass sogar der, der Messe zelebrierende Priester, Handschuhe angehabt hatte.
Wo waren die Zeiten, wo nicht nur seine Kirche voll von Gläubigen war? Vorbei!
Auch die teuren Investitionen, wie Sitzheizung und andere Verbesserungen hatten kaum zur Mehrung der Gläubigen herbeigeführt.
Die Menschen schienen Gott nicht mehr zu brauchen!
Vor allem die Jugendlichen hatten ihre eigenen Götter, ihre Idole, die fassbar, die ebenso jungen Menschen waren, wie sie selbst, die ihnen weder Gebete oder Handlungen oder sonst irgendwelche salbungsvolle Gesänge vorzelebrierten oder sie damit besabberten!
Diese ihre Götter waren aus Fleisch und Blut und verkündeten ihre einfachen Botschaften, eingehüllt in heiße Rhythmen, in fantastischen Klängen, die jeder verstand, an die sie nicht zu glauben brauchten, da sie real, ja gleichsam wahr waren!
Es waren ihre Idole, denen die jungen und jung gebliebenen Menschen nacheifern wollten. Diese ihre Götter predigten nicht vom Himmel oder Hölle, vom Paradies und von Engeln, nein, sie besangen und sangen von menschlicher Liebe, menschlichem Glück aber auch vom menschlichen Schmerz, von einer heilen Welt, die es zu beschützen und noch auszubauen galt!
Ihre Botschaften waren auf das hier und heute und nicht auf ein dubioses Jenseits mit irgendwelchen paradiesischen Zuständen ausgerichtet, die nur als Worte ohne Inhalt existierten und, an die sie sowieso nicht einmal mehr glauben konnten!
Wo waren die Idole der Heiligen Mutter Kirche geblieben?
All die Patriarchen, all die Aposteln, all die Heiligen und auch die Seligen, die mehr oder minder mit gutem Beispiel vorangegangen waren? Alle jene, die für ihren Glauben an Gott mit dem Leben bezahlt hatten?
Warum las kaum ein junger Mensch das heilige Buch, die Bibel?
Wie sagte so trefflich ein junges Mädchen? Würde ich je all euere Vorgaben, eure Vorschriften einhalten wollen, so wäre ich wohl reif für die Inseln, sprich Irrenhaus!
Hatte es denn jemals religiöse Idole gegeben?
Früher vielleicht! Vielleicht aber auch nicht!
Waren sie überhaupt jemals vorhanden gewesen?
Nein, denn ein Idol war ja ein falsches unechtes Ideal, ein vergötterter Mensch, gleichsam ein Abgott, vergleichbar einem Götzenbild, einer Götzengestalt!
Auch wenn das Wort Idol für die jungen Menschen etwas überaus Positives war, dass es galt nachzueifern, einem Glaubenskaiser nachzueifern, wäre für diese jungen Menschen schlichtweg pervers!
Ein Papst, ein alter Mann, seine Nachgeordneten, ebenso alt wie museal, konnten wohl kaum als Idole der Jugend bezeichnet werden. Ebenso dass, was sie im Weihrauch eingehüllt von sich gaben, konnte wohl kaum einen kritischen jungen Menschen veranlassen, seinen Arsch zu heben!
Musealer Handlungen, museale Texte, museale Aussagen, an die doch nur noch
alte Menschen einfachen Geistes glauben konnten! Das war es, was war!
Aber warum gerade bestimmte Menschengruppen sich so frommen konnten, das begriffen die Jungen nicht so recht und im Grunde genommen wollten sie es auch gar nicht!
Wie sagte ein junger, doch etwas radikal denkender Mann scheinbar so trefflich: Spinner, lebensuntüchtige, kindlich denkende Menschen hat es doch schon zu allen Seiten gegeben! So folgen diese geistig Eingeengten dem Motto: Ich bin ein Schaf, das den Hirten blindlings folgt! Deshalb brauche ich auch nicht denken, erspare mir den Schweiß für den Kraftakt kritischer Reflektionen!
Die Welt der jungen Generation war die Welt des Aufbruches, der Kritik und der Erneuerung! Ihre Welt war die Welt des Lebens! Da blieb einfach auch keine Zeit für irgendwelches süßliches Gelabber und Gesabber, eingehüllt in Weihrausch, gepaart
mit der gläubigen Unterwerfung!
Ja, ja die Gottesfurcht! Furcht vor dem Gott! Diese glaubenden Menschen schienen gottergeben und gottesfürchtig zu sein! Sie gaben sich ihrem Gott hin, aber hatten gleichzeitig sie Furcht vor ihm!
Sie glaubten an ihrem Gott, ohne je hinterfragen zu wollen, ob es Gott überhaupt gab! Sie wollten es einfach nicht! Sie wollten es nicht, weil sie Angst davor hatten, vielleicht erkennen zu müssen, dass all das, an was sie mehr oder minder so hingebungsvoll, gepaart mit kindlicher Naivität glaubten, falsch sein könnte!
Sie wollten einfach einen bedenkungslosen Ort haben, wo sie wieder und wieder in ihre kindliche Vorstellungswelt eintauchen und verweilen konnten, wenn ihnen danach war! Und sie fanden ihn, dieser Raum! Er war der Ort des Glaubens, der Glaubensraum!
In dieser Scheinwelt gab es keine Realität! Wahrheit und Realität waren in dieser seltsamen Welt verboten! Und das Verbot wurde seit Anbeginn aller amtshandelten Religionen mit allen nur denkbar möglichen, brutalsten Mitteln von den religiösen Amtsträgern verteidigt!
Wie sagte darauf ein Schüler der Abiturentenklasse? Diese geistige Abartigkeit war gemäß ihrer vor Blut triefenden, so heiligen Nächstenliebe notwendig, um den fetten Asch der Religionsführer zu retten! Herr Dr. Seelsorger! Amen!
Und weiter: Um meine Seele, Herr Doktor, sorge ich mich selbst! Auch wenn es diesen ihren so lieben Gott nicht gefällt! Amen!
Aber war es denn so verwerflich, dass es diese einlullende Gottgefälligkeit gab, wo sich Menschen selbst die Möglichkeit geben konnten, einen stillen Raum für sich zu schaffen, in dem diese so lauten und kritische Reflexionen oder gar diese fürchterlichen Selbsterkenntnisse gleichsam ausgesperrt blieben?
Er wusste, dass viele der so genannten gottesfürchtigen Menschen sich im Alltag nicht gerade christlich oder gar gottesfürchtig benahmen!
Er kam zur Erkenntnis, dass es nicht der Glaube an Gott war, sondern dieses Haus,
die Kirche, die eine Art von Schutzmantel, Schutz vor sich selbst darstellte, in der man eine gewisse Form von seltsamer Anständigkeit einatmen konnte, wenn einem danach war!
Ein gleichsam neutraler Boden, ein geistiges Asyl, wo die täglichen Schwierigkeiten, die der einzelne mit sich selbst zu haben schien, einfach zu ruhen hatten!
Man schaltete während der Verweilung im Glaubenstempel das Denken einfach ab! Man begann geistig zu schlafen!
In einer Kirche hinterfragte kein Psychologe oder Psychiater die Probleme, die der einzelne hatte! In diesem Haus musste man sich nur vor Gott und sonst vor niemanden erklären! Aber Gott, ja Gott war wohl überall, aber auch nirgendwo! Und das war ja so schön! Darum glaubte man auch, weil er eigentlich nie da, also transzendent abwesend war!
Man glaubte an Gott, weil dieser so unendlich weit weg war, nach dem Motto: Nah und doch so fern! Amen!
So konnte man sich für die Dauer dieses Aufenthaltes einreden, wieder gut sein zu wollen! Doch diese Vorstellung endete wieder beim Austritt aus diesem Haus! Man ließ einfach den Glauben an Gott im Gotteshaus zurück!
Es kam ihm vor, wie wenn jemand in eine öffentliche Bücherei ging, sich ein Buch entlehnte, im Lesesaal einwenig darin las, um es dann anschließend wieder zurückzugeben, wenn die Pflichten des Alltags riefen!
Zurück aber blieb hier wohl nur die Erkenntnis, dass es gut war, dass es Gott gab, diesen stillen Gott, diesen bewegungslosen Gott, diesen Gott, der nur Gott war, auch wenn er nur ein Wort war und sonst nichts!
Diesen Gott mit all seinen Heerscharen! Es waren im Grunde genommen nur Worte! Worte ohne Inhalte, die man einfach übernahm!
Daher erschien es auch irgendwie logisch, dass weder Angst noch Freude aus und von diesen so genannten heiligen Worthülsen zu erwarten waren! Angst und Freude konnte sich der Mensch nur selbst bereiten!
Wie sagte ein Religionsferner, für ihn schmerzlich aber trefflich?
Ich glaube an Gott, weil es ihn für mich real nicht gibt!
Ich glaube im Glaubensraum an Gott, weil es ihn für mich nur dort gibt, sofern ich es möchte!
Ich glaube an die Allmacht Gottes, weil sie für mich real nicht existiert!
Ich glaube an all das, weil all das nach meinem Ableben nicht mehr sein wird!
Mit meinem Tode stirbt auch mein Gott in mir!
Gott und ich bedürfen einander, sofern wir einander bedürfen!
In diesem Bedürfnisraum, stelle ich mir meinen Gott so vor, wie ich ihn mir eben vorstellen möchte! Deshalb brauche ich auch keinen akademisch gebildeten Gottesdiener! Amen!
Da fiel ihm plötzlich ein Gespräch ein, das er mit einem Architekturstudenten geführt hatte. Sie sprachen über die noch immer unvollendete Sühnekirche der „Sagrada Familia“, dieses überschäumende Meisterwerk im Jugendstil von Antonio Gaudi.
Der Student hatte ihm damals auch von einer Anekdote erzählt, wo Gaudi gefragt worden sei, ob er und wie er ein Bordell bauen würde! Gaudis Antwort war, dass er, wäre genug Geld vorhanden, ein Haus der Freude also ein Freudenhaus mit sichtbaren Zeichen der Freude planen und erbauen würde! Er würde gleichsam eine Kirche der Freude entstehen lassen, da Freude für ihn göttlichen Ursprungs sei!
Sehr, sehr nachdenklich war er danach geworden. Er hatte sich anschließend gefragt, ob Kirchen überhaupt Häuser der Freude sein konnten.
Nachdem er längere Zeit seine kirchenbesuchenden Gläubigen beobachtet hatte,
musste er nach jeder Messfeier feststellen, dass in deren Gesichtern seiner gläubigen Gemeinde keine Zeichen irgendeiner Freude erkennbar waren!
Damals begann er sich zu fragen, warum dies so war!
Bald wusste er die Antwort, da er sich erlaubte, kritisch darüber zu reflektieren.
Jede Messe wurde und wird immer nach fest vorgegebenen Regeln gefeiert! Woche für Woche, Monat für Monat Jahr für Jahr!
Eine Feier, besonders eine Messfeier, dachte er, sollte doch sichtbare Freude erzeugen können!
Um herausfinden zu können, ob überhaupt bei einer Messfeier Freude empfunden werden konnte, wollte er ursprünglich eine Umfrage bei den Jugendlichen während seines Religionsunterrichtes starten, musste aber erkennen, dass er niemals wahre Antworten auf seine Fragen erhalten würde!
Die Furcht der Schüler, dass ihre offenen Aussagen mit eventuell negativen Folgen verbunden sein könnten, war zu groß! So gaben sie nur Antworten, die, wie sie vermeinten, er hören wollte!
Das gerade schockte ihn sehr!
In einem demokratischen Land hatten Schüler Angst vor kirchlichen Vertreter!
Wodurch unterschied sich dann die heilige Mutter Kirche von jenen Staaten, die zwar von Demokratie sprachen, aber Diktaturen waren! Diktaturen nicht nur des Geistes!
Seine betroffene Antwort, die er sich selbst geben musste, war, dass die Führungselite der so heiligen Mutter Kirche keine Menschlichkeit zulassen konnte,
wollte sie überleben! Und sie mussten so handeln, da ja ihr allmächtiger Gott
unendlich weit entfernt und daher auch niemals hier auf Erden amtshandeln konnte!
So blieb diesen alten Männern gar nichts anderes übrig, als die Sache selbst in die Hand zu nehmen und amtszuhandeln!
Zutiefst enttäuscht nicht nur über sich selbst, bat er einen Freund, eine behutsame Befragung zum Thema: Freude bei einer Messfeier: ja oder nein, in seiner Glaubensgemeinde vorzunehmen.
Das Ergebnis war ernüchternd!
Auch nach allen vorgenommenen Beschönigungen stand für ihn fest, dass keiner der Befragten weder ein leichte noch eine wirkliche, tiefempfundene Freude während einer Messfeier empfunden hatte, empfand! Warum auch?
Weder die in der Messfeier eingebundene Predigt noch die Messe selbst vermittelten lebensbejahende Freude!
Man ging in die Kirche, weil es eben Tradition war! Man lebte ja in einem traditionellen katholischen Land, wo schon die Urgroßeltern, dann Opa und Oma, ihre Eltern und nun sie selbst in die Kirchen gingen!
Besonders schmerzlich hatte er damals in Gesprächen mit jungen Menschen deren Aussagen empfunden, die ihre Vorstellung von einer religiösen Pflichterfüllung kundtaten.
-   Warum soll ich in eine Kirche latschen, wenn Gott doch überall anwesend ist!
-   Ich gehe ja auch nicht in ein Kino, wenn ich den Film zu Hause auf meinem Laptop habe!
-   Wenn ich in die Oper gehe, dann nicht nur deshalb, um eine Oper zu sehen und zu hören, sondern auch, um gesehen zu werden! In einer Kirche ist es ja nicht anders! Sehen und gesehen werden!
-   Hätten mich meine Eltern nicht ständig in die Kirche mitgeschliffen, ich würde kaum freiwillig einer Messe beiwohnen! Ist doch reinste Zeitvergeudung! So gehe ich nun auch nicht mehr in die Kirche! Der Frust meiner Eltern darüber, ist mir egal! Es ist mein Leben, das nur mir gehört!
Er begann zu begreifen, dass kaum jemand mehr aktiv den Messfeiern bewohnte!
Die meisten schliefen mit offenen Augen, sodass sie auch nichts hörten! Vielleicht wollten sie auch nichts mehr hören! War doch immer der gleiche Schrott!
Sie kamen hierher, mehr oder weniger frustriert vom Alltag und kehrten wieder, mehr oder weniger frustriert, in ihren Alltag zurück! Dazwischen waren jene, die eben gelangweilt zuhörten, was der Pfarrer so zu sagen hatte, ohne mitzudenken!
Andere wiederum ergötzten sich an der meist weiblichen Modeschau!
Hier konnte man in Ruhe den neuesten Modetrent neidvoll bewundern! Da störte nicht einmal das salbungsvolle Gelaber und Gesabber des Pfarrers oder der Gesang des Chores mit seinen meist musealen Mitgliedern!
Nach dem Kirchgang hatte man dann ja genug Gesprächsstoff betreff der Mode und deren Trägerinnen!
Auf die Frage, über welches Thema aus dem neuen Testament der Herr Pfarrer gepredigt hatte, wurde meist sehr, sehr lapidar oder gar nicht geantwortet!
Warum sollte man sich auch daran erinnern? Die Messe war ja vorbei und der Alltag hatte einem wieder fest im Griff!
… … …
Wie hatte ihm vor geraumer Zeit auch so trefflich ein junger Student, ein ehemaliger Kirchenbesucher auf seine Frage geantwortet, warum ihm das Wort Gottes so fremd geworden sei:
Herr Pfarrer ihr predigt schon seit beinahe ewiger Zeit, Jahr für Jahr den gleichen Käse, den doch niemand mehr so richtig riechen will!
Nicht böse sein, Herr Doktor, aber diese uralt verschimmelten Texte können nicht
einmal mehr geglaubt werden!
Ihr seid ein Inzuchtverein, eingehüllt in Weihrauch, angezogen wie im Fasching, um eure besondere Position vor dem Rest der Welt deutlich zu bekunden, über das ich nur noch – ich will es milde formulieren – schmunzeln kann!
Da geht Ihr Hand in Hand mit den ultraorthodoxen Juden! Was Euch dazu noch fehlt, ist die Kippa, diese runde Kopfbedeckung! Aber trägt nicht so etwas Ihre höhere Hierarchie?
Als er ihn unterbrechen wollte, war er chancenlos, denn dieser junge Mann
ließ sich einfach nicht unterbrechen! Es schien ihm, als hätte der Student schon lange auf solche eine Gelegenheit gewartet!
War das der Preis, den er nun zu zahlen hatte, der Preis für seine
machtberauschten Vorgesetzten, die, das wusste er nur zu gut, schon lange die Bodenhaftung zu ihren Gläubigen verloren hatten!
Ihre und die anderen Religionen, fuhr der Student unbeirrt fort, bedeuten keinen Fortschritt für die Menschheit, sondern Stillstand und auch Rückschritt, und das seit weit mehr als tausend Jahren. Ihre, Eure Religion ist vergleichbar wie ein altes Vehikel, mit dem niemand mehr fährt oder fahren will, das nur noch einen musealen Wert hat!
Sie wissen doch selbst, dass nur noch die alten, geistig einfachen Menschen unreflektiert glauben und all das, was Sie, Herr Doktor so von sich geben, predigen, sogar seltsamerweise für wahr halten!
Ein schönes Wort, dieses Wort namens Glaubenswahrheit! Aber was ist denn wahr im Glauben? Nichts! Denn wenn eure Glaubensinhalte wahr wären, dann wäre der Glaube als Glaube ja auch nicht mehr notwendig, da er ja wahr wäre! Das ist genau so wahr, wie der Satz, dass Ihr Gott die Liebe sei! Eine Liebe, die unfassbar liebleer ist! Eben nur eine Worthülse ohne Inhalt!
Eurem salbungsvollen Gesabber und Gewimmer kann doch kein normaler Mensch mehr etwas abgewinnen!
Glauben Sie, dass ich deswegen schlechter schlafe, nur weil ich Ihrem Gott ade gesagt habe? Nein! Ich schlafe genau so gut wie früher, nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich all die Alpträume, die ich früher gehabt habe, seitdem nicht mehr habe!
Wenn ich jetzt, gemäß Euren so genannten Religionsgesetzten sündige, so fühle ich mich nun gar nicht mehr als Sünder, weil es Euren Sündenkatalog für mich nicht mehr gibt! Wissen Sie, Herr Doktor, all die Sünden, all die Höllen und auch all die Paradiese kamen erst mit der Entstehung der Religionen auf!
Ich habe mich oft gefragt, ob ein Ureinwohner im südamerikanischen Dschungel all das vermissen könnte, was in unserer zivilisierten Glaubenswelt durch Euch so wichtig gemacht wurde! Die Antwort heißt: Nein!
Aber das durfte aus Eurer Sichtweise ja nicht sein! Daher Zwangsbeglückung! Missionierung!
Wie sagte so liebtriefend Ihr Pontifex? Dass die Ureinwohner die Christianisierung still herbeigesehnt hätten, damit dann ihre vorhandenen Kulturen, die für diese Ureinwohner ja nur belastend waren, endlich, endlich durch Gottes Liebe zerstört werden konnten!
Ich habe gelesen, sprach er weiter, dass allein in Brasilien innerhalb von ca. 500 Jahren etwa 1470 indianische Volksgruppen durch Gottes Liebe ausgerottet wurden!
Ein Beispiel solcher Ausrottungen: Unsere Krankheiten!
Bevor die christliche Zivilisation über diese Ureinwohner hereinbrach, waren diese Menschen, die im Einklang mit der Natur lebten und noch immer zumindest teilweise
leben, von unseren Krankheiten verschont geblieben! Aber das änderte sich
schlagartig, als Ihr mit Eurer Zwangsmissionierung begonnen habt!
Die Folgen sind ja bekannt! All das geschah ja, weil Euer Gott doch die Liebe ist!
Ja, ja die Sünde!
Vor unseren rechtsstaatlichen Gesetzen kann ich – der Demokratie sei gedankt – deshalb niemals sündig oder gar schuldig sein. Denn hier sowie in anderen demokratischen Staaten ist Religion noch immer Privatsache, auch wenn manche arschkriechende Politiker es gerne sehen würden, Religion mittels Gesetz ihren Bürgern aufzuzwingen, so wie es in bestimmten nichtdemokratischen Ländern immer noch geschieht!
Mir kommt noch heute die Galle hoch, wenn ich daran denke, welche Ängste mich damals gequält haben, welche Schuldgefühle, die ich als Kind und auch noch als pubertierender Jugendliche empfunden habe, wenn ich nicht folgsam genug gewesen war oder gar, wenn ich masturbiert habe, da ja Ihr Gott alles sieht und hört! Gott als gleichsam Voyeur! Pervers! „big papa is watching you!“
Euer Gott, so empfand ich es damals, war ein zu fürchtender, ein entsetzlicher Gott, aber niemals ein verständnisvoller oder gar liebender Gott!
Ich brauche doch nur Ihren, Euren Pontifex anschauen, Euren so genannten Vertreter von Eurem Gott! Ein wahrhaftig liebender und gütiger Mann, der in seiner allumfassenden Liebe und Güte zusieht, wie Kinder weltweit verrecken!
Aber Gott ist ja die Liebe, nicht wahr?
Als ich dies begriff, kam für mich die Zeit, wo ich Euren Gott, wie eine Unterhose ausgezogen und in den Schmutzkorb abgelegt habe, weil ihre Zeit zur dringenden Reinigung anstand. Vielleicht ziehe ich sie wieder einmal an, wenn ich alt und kindlich geworden bin, wenn ich nicht mehr geistig klar sehen kann! Aber ich wage es jetzt schon zu bezweifeln, ob ich dies auch wirklich tun werde!
Es ist doch seltsam, sprach der junge Mann etwas nachdenklich weiter, dass mir Ihr Gott seitdem auch gar nicht zu fehlen scheint! Ich habe deshalb das Gefühl, dass Euer Gott niemals wirklich existent und auch bei näherer Betrachtung niemals menschlich greifbar war und auch nie sein wird!
Ihr verzapft etwas, was vor beinahe zweitausend Jahre vielleicht einmal seine Wichtigkeit gehabt haben konnte! Doch heute werden Eure musealen Ansichten kaum noch ernst genommen und noch weniger benötigt! Ihr nehmt Euch einfach zu wichtig! Ihr Vertreter eines fiktiven, eines transzendenten Gottes, namens Gott! Ihr begeilt Euch an dieser Worthülse!
Herr Pfarrer, seien wir doch ehrlich, Ihr habt abgewirtschaftet, Ihr habt ausgedient, Ihr seid nur noch museal! Jene, die noch gerne ins Museum namens Kirche gehen wollen, sollen ruhig gehen. Und so soll es auch sein und bleiben! Schließlich leben wir ja in einer Demokratie, wo jeder das verbriefte Recht hat, an das zu glauben, an das er eben glauben möchte!
Aber wer, Herr Doktor, geht denn heute noch aus wirklich glaubender Überzeugung in die Kirche? Es sind doch meist nur noch die Alten, die, um ihrer Vereinsamung entfliehen zu können, eben in eine Kirche oder Kaffeehaus oder in einen Supermarkt gehen! Dorthin also, wo sie dann viele Menschen treffen können!
Das soll jedoch nicht heißen, fuhr er fort, dass ich über diese Menschen lache! Nein! Jeder Mensch hat ein Recht zu glauben, wenn er ein Bedürfnis verspürt.
Solange er dies nur mit sich selbst ausmacht, ist alles in Ordnung! Ich verwerfe nur diese Zwangsbeglückungen, den Versuch, seine eigene Glaubensmeinung unbedingt dem anderen überstülpen zu müssen, so wie Ihr es seit beinahe zweitausend Jahren tut!
Ein heißer Tipp, Herr Pfarrer, sperrt Eure Tempel zu, verkauft Eure musealen Schätze und werdet so wie der Rest der Menschheit, schlicht und einfach, wie der
normale Bürger, oder wie Euer Jesus von Nazareth!
Noch etwas, Herr Doktor, leistet endlich einmal auch einen sinnvollen Beitrag für die Menschheit. Schafft doch endlich auch Euer religiöses Monarchentum ab!
Die Zeit der absolutistisch herrschenden Kaiser und Könige ist doch schon längst vorbei! Und die, die es noch gibt, sind doch nur noch geduldete Relikte aus einer längst vergangene Zeit, die sich die jeweilige Gesellschaft als zu repräsentierender Luxus eben noch leisten möchte. Aber auch diese antiken Vereine wird es eines Tages auch nicht mehr geben, weil dann wirklich nutzlos!
Seien wir doch ehrlich, Euer sogenannte allmächtige Gott war doch niemals
allmächtig in die Geschichte der Menschheit eingetreten! Allmächtig waren nur seine angeblichen Vertreter, wenn es darum ging, ihre Macht ihren Reichtum zu mehren!
Euer Gott war doch immer allmächtig außerhalb der Menschheitsgeschichte geblieben! Auch irgendwie logisch, denn etwas, was es nicht gibt, nicht geben kann, kann auch folglich nicht seiend sein!
Aber natürlich gibt es ja seine von Euch erdachten Wirkweisen, die aus seinem göttlichen Nichtsein, seiner Transzendenz gleichsam in unsere Seinswelt „hineinschwabben“!
Ich habe mich oft gefragt, Herr Pfarrer, ob ich meinen Vater je als meinen Vater akzeptieren hätte können, wenn er sich nie wirklich in seiner, meiner Familie aufgehalten, wenn mein Vater nur mittels einem Sprachrohr, ob Mutter oder Verwandte, zu mir gesprochen hätte. Ich würde ihn wohl nie als Vater akzeptieren können, da er mir all das, was einen Vater eben ausmachen sollte, vorenthalten hätte!
Nur mit Worten, fuhr er weiter fort, Herr Doktor, auch wenn es salbungsvolle oder gar tröstende Worte gewesen wären, die Mutter oder Verwandte gesprochen hätten, wäre es bei mir zumindest niemals möglich gewesen, einen für mich nicht vorhandenen Vater je wirklich zu lieben und zu achten!
Kein gesundes Kind kann einen nichtexistierenden Vater lieben. Daraus folgte für mich, Herr Pfarrer, dass kein vernünftiger Mensch je wirklich an eine Präsens Gottes hier auf Erden glauben wird können, da diese seine Präsens in Wirklichkeit eine Nichtpräsens ist. Und da kann auch ein noch so salbungsvoll vorgetragenes Gesabber und Gesülze von Euer höchsten Geistlichkeit nicht wirklich überzeugen!
Jahr für Jahr, Monat für Monat, Sonntag für Sonntag das gleiche Gequatsche, das gleiche Gewimmer, das keiner mehr verstehend annehmen will! Man hört eben mit verschlossenen Ohren zu!
Der Fairness halber sei aber gesagt, dass dies auch bei den beiden anderen monotheistischen Religionen zutrifft! Auch dort wird der gleiche Geistesschrott verzapft!
Wissen Sie, Herr Pfarrer, eigentlich bin ich froh, dass meine Eltern Christen sind. So blieb mir eine Bescheidung bei meiner Männlichkeit erspart!
Und weiter ging es ungebremst dem Ende zu!
Ich bin zwar nicht so theologisch gebildet wie Sie, Herr Doktor, doch eines habe ich bis heute nicht verstanden, nämlich, warum drängt Ihr Euch ständig den Menschen auf? Warum wollt Ihr ständig die Menschen mit Euren Glauben zwangsbeglücken?
Seid Ihr vielleicht verärgert, weil es Euren Gott nur im Glauben, nur als Worthülse gibt? Ihr habt Euch doch selbst – und das sogar freiwillig – in die Sklaverei Eures Glaubens begeben! Darum seid Ihr ja nicht einmal selbst fähig, Euer Leben so zu leben, wie es die restliche unbeglückte, noch nicht von Euch geistig versklavte Menschheit tut!
Habt Ihr vielleicht Lebensdefizite? Seid Ihr menschlich-biologisch behindert?
Lassen Sie mich eines noch zum Abschluss sagen: In Wirklichkeit Herr Doktor
glaubt Ihr nur an Worte, Worte, die irgendwann irgendwelche Menschen einmal aufgeschrieben haben. Und aus diesen Worten wurde Euer Gott entwickelt. Ihr glaubt und haltet dies auch heute noch für wahr, dass es Gott gibt, jenen Gott, der die Welt erschaffen haben soll! Entsetzlich!
Herr Doktor, sowenig die Frage, was vor Gott war, einen Sinn macht, so sinnlos ist auch die Frage nach Gott!
Beginnt endlich so zu leben, wie es der Rest der Menschheit, dieser für Euch so geistlose Pöbel auch tut! Aber dazu müsstet Ihr aber den Hacklerstatus annehmen!
Amen!
Sprach es, grüßte freundlich und ging seines Weges. Zurück war er, ein etwas ratloser, aber sehr, sehr nachdenklicher Geistlicher geblieben.
… … …
Hatte der Junge nicht recht gehabt? Er als Doktor der Theologie und Priester lebte ohne eigentlich wirklich zu leben! Er war Pfarrer dieser Gemeinde geworden, nachdem er seine Assistentur an der theologischen Fakultät zurückgelegt hatte, um näher bei den Menschen zu sein, um Gottes Worte den Menschen als Pfarrer unmittelbar verkünden zu können.
Diese wunderbare, frohe Botschaft, wie er sie noch immer empfand, die aber heute beinahe keiner mehr hören wollte! Diese Botschaft, die offensichtlich niemanden mehr froh oder gar glücklich machen konnte, vermutlich, weil sie keine je wirklich menschlich gelebte Botschaft mehr war.
Mit Entsetzen war er für sich zur Erkenntnis gekommen, dass diese wunderbare, frohe Botschaft Jesu nur in der Zeit von Jesus und seinen Jüngern eine zutiefst menschliche Botschaft gewesen war, nach der es sich lohnte zu leben!
Es kam ihm manchmal vor, als wäre er ein Politiker, ein Politiker des Wortes!
Der Politiker log aus Überzeugung, erhob die Lüge zur Wahrheit! Dieser konnte es tun, weil er eben ein Politiker war!
Er jedoch predigte aus glaubender Überzeugung heraus, wissend jedoch, dass Gott niemals wissenschaftlich beweisbar sein würde!
Heute schien es nicht nur, sondern es waren Tatsachen, dass der allmächtige Gott der römisch-katholischen Kirche für die meisten Menschen der westlichen Wohlstandgesellschaft mit seiner Allmacht scheinbar ausgedient hatte. Und da machte er sich nicht mehr vor!
Je größer der Wohlstand, desto geringer der Glaube an einem Gott, der nie in Erscheinung getreten, den es für viele Menschen auch niemals gegeben hatte und daher immer fremd geblieben war. Menschen konnten eben nur menschlich denken!
Seltsam war es für ihn – aber menschlich verständlich –, dass die Menschen nur dann an einen Gott glaubten, wenn es ihnen schlecht ging. Dann hofften sie auf Hilfe, auf göttlichen Beistand, der jedoch niemals einsetzte! Sie wusste es und trotzdem glaubten sie hoffend auf Gottes Hilfe, die es aber so, wie sie es sich erhofften, nie gegeben hatte und auch nie geben wird! Offensichtlich akzeptierte der Einzelne in und mit einer gewissen Form von religiöser Ambivalenz zu leben!
Das konnte man ein wenig mit einem Lottospiel vergleichen!
Jeder Teilnehmer hofft auch den Hauptgewinn, wissend aber, dass seinen Chancen 1: x-Millionen stand! Aber er hofft, darum kauft er das Los, weil er weiß, dass irgendjemand den Hauptgewinn gezogen hatte! So glaubt und hoffte er weiter, dass auch er irgendwann einmal der Glückliche sein, der gewinnen könnte!
Manche Spieler beteten zu Gott, damit ihnen mit Gottes Hilfe dieses Glück zuteil
werden möge! Doch Gott schien auch diese Gebete nicht zu hören! So konnte auch das Los Gott keinen irdischen Gewinn vorzuweisen! Mit dem jenseitigen Gewinn war das ja so eine Sache! Niemand wusste, ob es dort je einen Gewinner gegeben hatte!
Aber hatten sich nicht immer schon Menschen an höhere Mächte gewandt, wenn sie Hilfe brauchten, wenn es ihnen schlecht ging?
So war es bei den altorientalischen Völkern, bei den Ägyptern, bei den Griechen, bei den Römern, bei den Germanen usw., usw. Hatten diese Mächte, diese Gottheiten je aktiv eingegriffen? Nein!
Er hatte sich lange dagegen gesträubt, dies zu akzeptieren. Aber seit einigen
Jahren wurden in ihm die Zwiespältigkeiten im Bezug seiner Überzeugung, dass es Gott einfach geben muss, immer größer. Er begann seitdem Situationen des
täglichen Lebens immer deutlicher wahrzunehmen und dabei tauchten Fragen auf,
die in ihm Krisen auslösten.
Das erste wirkliche Schockerlebnis war ihm bei der Reichung der Sterbesakramente gereicht worden! Er hatte diesen beinahe 90-jährigen Menschen gut gekannt! Immer sehr hilfsbereit, wenn es galt zu helfen, zu spenden. Mit einem Worte, es war ein Mann, der die Nächstenliebe wirklich pflegte und mit Überzeugung diese auch umsetzte!
Auf seine Frage, ob er beichten möchte, antwortete ihm plötzlich der Sterbende seltsam klar: Warum sollte ich beichten? Für mich, Herr Doktor, hat es niemals einen Gott gegeben! Einen Gott, der die Liebe sei, gibt es nicht! Was wäre das wohl für eine Liebe, würde es sie so geben? Eine statische Liebe, ohne Bewegung, ohne eine menschlich verstehbare Komponente! Sowenig es diese göttliche Liebe gibt, sowenig gibt es Gott! Daher ist all das, was mein Leben ausmachte, mein Eigentum!
Wenn ich nun sterbe, bin ich tot! Ich kam, ich bin noch, aber ich werde bald nicht mehr sein! Ich sterbe in Frieden, wissend, dass ich wohl viele Fehlhandlungen in meinem langen Leben gesetzt habe! flüsterte der Mann sehr, sehr leise. Aber ich sterbe in Frieden mit mir, weil ich mich nie mit der Hypothek namens Gott belastet habe! So habe ich leben können, ohne eine Drohung namens Gott!
Bevor er als Priester noch irgendetwas darauf erwidern konnte, verstarb der alte Mann.
Sein zweites Erlebnis war für ihn mehr als nur schockierend.
Wieder einmal stand ein ehemaliges Gotteshaus am Rande der Großstadt zum Verkauf an. Das Haus des Herrn war unrentabel geworden! Keine Gläubigen, keine Kirchenbeitragszahler in diesem Randbezirk, einfach nichts mehr!
So wurde das Gotteshaus, nach entsprechender kirchenrechtlicher Amtshandlung zu einem (nur)Gebäude zurückverwandelt, das nun zum Verkauf angeboten werden konnte. Und der darin wohnende Gott wurde gleichsam delogiert!
Eine große Privatbank kaufte nach entsprechenden Vorgaben der Erzdiözese dieses Haus nebst Grundstück. Doch nach einiger Zeit wurde in diesem erzkatholischen Land ruchbar, dass ein arabischen Geschäftsmann hinter diesem Kauf steckte, dessen Plan es war, dieses ehemalige Gotteshaus in eine Moschee für seine Glaubensbrüder umzuwandeln.
Ein Aufschrei ging durch das Land!
Mit Entsetzen musste er feststellen, mit welchem Hass auf einmal landauf und landab Bürgerinnen und Bürger des moslemischen Glaubens begegnet wurden. Moslems, mit denen man früher ohne Schwierigkeiten zusammenleben konnte, wurden plötzlich wie Pestkranke, wie Aussätzige behandelt! Mit einem Male fühlte sich die beinahe gesamte Bevölkerung wieder tief katholisch! Die Zeit der Kreuzzüge, die Zeit der so Heiligen Inquisition schien plötzlich wieder allgegenwärtig zu sein!
Erst nach Anrufung des Verfassungsgerichtshofes konnten die erregten Wogen geglättet werden. Es dauerte, dank bestimmter Verantwortlichen noch sehr, sehr
lange, bis auch die so tiefgläubigen Politikerinnen und Politiker in diesem Lande
dieses Urteil akzeptieren konnten.
Langsam begann auch der einzelne zu verstehen, was das Grundrecht unter Religionsfreiheit verstand.
Zutiefst betroffen musste er in dieser Zeit des Aufruhrs zur Kenntnis nehmen, dass auch seine vorgesetzte Behörde nicht gerade christlich gehandelt hatte!
Aber glücklicherweise konnte er seine Probleme bei seiner großen Schwester gleichsam abladen, die ihn, ihren kleinen Bruder, für den sie sich nach wie vor
verantwortlich fühlte, immer und immer wieder liebevoll tröstete, aber ihn auch
darin bestärkte, sein Leben endlich neu zu ordnen zu beginnen.
Er sah junge Frauen, die ihn beinahe einladend anlächelten. Er wusste, ohne einer Eitelkeit frönen zu wollen, dass er noch immer gut aussah, zumal er sportlich sehr aktiv war und auch so bleiben wollte.
Er sah ihre weiblichen Formen, diesen köstlichen Leib eines Weibes, den er so nie umarmen, nie liebkosen durfte. Er sah Kinder, die er sosehr liebte, die sich ihm in ihrer unbefangenen Unschuld und ohne Scheu anvertrauten, die er so gerne auch dabei liebkost hätte, so wie es eben auch ein Vater tut.
Aber dies wäre zu gefährlich gewesen, denn viele Beispiele von Geistlichen und weniger Geistlichen jeglicher Glaubensrichtung gab es, die sich an Kinder vergriffen hatten und waren so als entsetzliche Erinnerungen in den Köpfen der Menschen verblieben.
Die Diener Gottes reagieren ihre verklemmten Sexualitätsbedürfnisse an Kindern ab!
Er sah auch täglich abends sein leeres Bett, diese kalte Schlafstelle, die er mit keiner Frau, mit einem wärmenden weiblichen Körper je teilen würde können.
Er begann vermehrt seine Einsamkeit zu fühlen, besonders an jenen Tagen, wo familiäre Feiern anstanden. Da halfen auch die Einladungen seiner großen Schwester nicht viel, zumal er dann nach Abschluss dieser familiären Feste wieder in sein kaltes Pfarrhaus zurückkehren musste.
In dieser Zeit hatte er begonnen, sein bisheriges Leben zu hinterfragen. Er diente seinem Gott, so wie auch ein jüdischer oder buddhistischer oder islamischer Geistlicher seinem Gott diente! Jeder Geistlicher glaubte, dass sein Gott der Wahre und auch der richtige Gott sei!
War dies denn so wichtig? Wenn ja, warum? Warum?
Was ihn aber am meisten verunsicherte, war die Erkenntnis, dass vor dem Mitmenschen gemäß den Heiligen Schriften immer Gott zu stehen hatte. Warum eigentlich?
Ein Gott, der niemals wirklich in Erscheinung trat, soll vor den Menschen stehen?
Es war für ihn schon entsetzlich genug feststellen zu müssen, dass bei allen Katastrophen auch in nichtchristlichen Ländern der Mensch den Menschen helfen musste, der jeweilige dafür zuständige Gott, der allmächtige und so barmherzige und liebende Vater jedoch niemals auch nur einen Finger dabei rührte!
Gott blieb ungerührt, trotz allen Gebeten und Flehungen seiner Kinder auf dieser Welt! Auch wenn sein Pontifex maximus, sein Stellvertreter auf Erden für diese Opfer betete – das würde sicherlich den Opfern helfen! – ihm, den lieben Vater im Himmel, schien dies nicht zu kümmern!
Was war das wohl für ein Vater?
Er wusste aber auch, dass auch die anderen Gottheiten offensichtlich taube Ohren hatten, wenn es darum ging, ihren Kindern, die doch an sie ihren Gott glaubten, zu helfen!
Was waren diese Gottheiten wohl für Väter? Nicht einmal zum speien gut!, sagte
so trefflich darauf ein etwas radikal denkender junger Mann.
Obwohl Fanatiker aller Glaubensrichtungen überzeugt waren, dass ihr Gott der
einzig Wahre sei, an dem bedingungslos zu glauben war, mussten sie doch jedes Mal, wenn Katastrophen ihr Land heimsuchten, Hilfe bei den Andersglaubenden, bei den Ungläubigen suchen, um nicht zu verrecken! Und dennoch glaubten sie weiter an die Allmacht ihres Gottes! Irgendwie schizophren!
Diese Allmacht Eures Gottes ist genau nutzlos, wie die Allmacht der anderen Gottheiten! In dieser allumfassenden Nutzlosigkeit befinden sich all diese so genannten göttlichen Allmachten! hatte er einmal hören müssen.
Oft genug musste er sich nicht nur solche und auch andere Aussagen anhören, die er immer mehr als berechtigt empfand! Es waren für ihn unübersehbare Zeichen, dass die Menschen geistig zu erwachen begannen!
Er erinnerte sich da an ein Gespräch, das er mit einer Umweltaktonistin in seiner Kirche geführt hatte. Sie hatte damals auf eines der zahlreichen kostbaren Bildern geblickt, die die Seitenwände seines Gotteshauses schmückten.
Als er sie daraufhin angesprochen hatte, was ihr an diesem Bilde so gefalle, hatte
sie geantwortet, dass es der hohe Preis wäre, den sie sicher bei einer Auktion erzielen würde, wäre sie die Besitzerin dieses Bildes. Damit würde sie bedürftige Menschen, im Besonderen die Kinder in den Entwicklungsländern ein wenig unterstützen können.
Bevor sie ging, sagte sie: Es ist traurig, dass sich Ihre Heilige Mutter Kirche nicht von ihren Kostbarkeiten trennen kann. Ob das Euer Jesus von Nazareth je verstehen hätte können, wäre ihm die Möglichkeit gegeben gewesen, in die Zukunft zu sehen?
Und weiter führte sie aus: Ich finde es richtiggehend obszön, wenn Ihr Heiliger Vater via TV mitteilen lässt, dass er bei Katastrophenfällen nicht nur für die menschlichen Opfer sondern auch für deren Hinterbliebenen beten tut!
Ist er nicht lieb, Ihr alter Mann? Sein Beten hilft da sicher! Dadurch werden die zurückgeblieben Waisen zu Nichtwaisen, die, die alles verloren haben, bekommen wieder neues Hab und Gut und die Kranken werden wieder gesund! Und dies alles durch die Macht der Gebete Ihres Pontifex maximus! Das muss doch Ihren so lieben Gott zum Handeln nötigen! Nicht wahr? Deshalb wird er auch seinen ersten Diener auf dieser Welt nach seinem Ableben mit dem Heiligenschein adeln, weil er ja betend so viel Gutes für die Menschen tut! Nicht wahr, Herr Doktor? schloss sie spöttisch, drehte sich um und ging!
Zurück war er sehr nachdenklich in seiner wieder menschenleeren Kirche geblieben. Es waren eben die Prüfungen der Gottheiten, die sie ihre Kinder, den Menschheit auferlegt hatten! So stand es zumindest in den Heiligen Büchern!
Prüfungen, die eigentlich niemand mehr wirklich verstehen konnte, außer jenen, die es eben zu verstehen glaubten, so wie er, weil er noch daran mit einer gewissen Verbissenheit glaubend festhielt!
Aber er und die anderen wurden ja niemals wirklich unmittelbar durch Naturkatastrophen geprüft. Das schien auch irgendwie klar zu sein, denn diese auserwählten Diener ihrer Gottheiten, wie auch er einer war, genossen offensichtlich göttlich-diplomatischen Schutz vor den Naturgewalten! Schließlich vertraten sie ja so wie er ihre Gottheit hier auf Erden. Wie ein Diplomat in einem fremden Land! Das musste auch so sein, denn der allmächtige Vater und all die anderen Gottheiten, diese allmächtigen Väter im Himmel – wo immer der oder die sein mochten – waren ja so unendlich weit weg und waren sicherlich anderweitig beschäftigt – wie immer – wenn sie hier auf Erden dringend gebraucht wurden! So war es eben notwendig, quasi diplomatische Vertreter zu entsenden!
Es wunderte ihn nicht mehr, dass er dies und noch vieles andere mehr vor allen von jungen Menschen vermehrt zu hören bekam, wenn er versuchte, ihnen Gottes Liebe näher zu bringen. Doch Gottes Liebesangebot bestand eben nur aus Worten
und nur aus Worten! Und konnte man Worte wirklich innig lieben?
Für die Jungendlichen waren es nur Phrasen, nichts als Phrasen!
Hätte ihn sein Vater nur mit Worten geliebt, ohne Taten, ohne den zärtlichen Liebkosungen, sein Vater wäre für ihn immer fremd geblieben!
Es schien den jungen und nicht nur den jungen Menschen auch seltsam, dass beinahe alle Religionen ihren eigenen Gott oder Gottheit, ihren eigenen Himmel, ihre eigenen Paradiese hatten.
Ja, sie hatten aus ihrer Sichtwiese nicht ganz Unrecht! Alles war auf das Jenseitige gleichsam fokussiert, auf ein Jenseitiges, in das niemand je geschaut hatte und niemand, der noch lebte, je schauen würde können! Und Verstorbene hielten sich ja leider sehr bedeckt oder aber, sie sprachen mit einer Sprache, die man die Sprache der Verstorbenen nannte, denn sie war sprachlos!
Da hatte er beinahe sechs Jahre an der theologischen Fakultät studiert, danach seine Doktor gemacht, um Gott im Glauben besser verstehen zu können. Er hatte biblische Texte studiert, ihre seit über tausend von Jahren vorhandenen Auslegungen analysiert, um neue Erkenntnisse im Glauben zu gewinnen, die jedoch stets im Einklang mit den Dogmen der heiligen, römisch-katholischen Kirche stehen mussten.
Ja, ja die Dogmen! Da war es nicht verwunderlich, dass eine etwas frustrierte Katholikin gefragt hatte, wo im Neuen Testament die Stellen zu finden seien, wo Jesus von Nazareth von Dogmen gesprochen habe? Ja, wo wohl?
Im Grunde genommen, war er ein freiwilliger Sklave seines Glaubens an seinen Gott geworden! Es kam ihm vor, als lebe auch er nur noch für das Jenseitige! Das Diesseitige, das Leben in seiner ganzen Fülle, war ihm bisher größtenteils fremd geblieben! Dies auch deshalb, weil er aus freien Stücken, Priester geworden war. Theoretisch konnte er sich in allen Lebenslagen glänzend behaupten, theoretisch! Praktisch? Wohl kaum! Aber er konnte sich ja praktisch alles vorstellen – in der Vorstellung!
Obwohl er als Priester im Zölibat und als Pfarrer andere Aufgaben zu erfüllen hatte, fragte er sich, wie er sich wohl anstellen würde, wenn er plötzlich ein Baby zu wickeln, und dessen kleinen Popo zu reinigen hätte. Wie würde er sich wohl anstellen, wenn eine Frau ihn begehren und ein Kind von ihm haben wollte? Ein Kind! Sein Kind?
Aber das war ja nicht vorgesehen! Sein Studium verlangte Wiederkauen von biblischen Geschichtsdaten und kritikloses Verstehen der Heiligen Schriften sowohl innerhalb als auch außerhalb des Neuen Testamentes!
Er lebte in einer geborgenen, aber warmen muffigen Welt, in der Welt seines streng reglementierten Glaubens, die mit der rauen Realität des täglichen Lebens nur theoretisch in Berührung kam, in Verbindung stand!
Mit seinem Verstand verstand er alles, aber eben nur mit seinem kritikfernen Verstand! Wo half er wirklich aktiv? So wie es die sozialen Einrichtungen nicht nur des Staates taten? Nun, er war ja ein wortgewandter Pfarrer und kein Sozialarbeiter, der bei Bedarf seine Arme hochkrempelte und anpackte!
Aber kann ein Mensch nur von Worten leben? Sein Angebot, seine Hilfe für den Mitmenschen waren eben nur Worte, auch wenn sie tröstende und salbungsvolle Worte waren. Schließlich war er ja ein Seelsorger! Er sorgte sich um die Seele seiner Schäfchen! Aber wo im Menschen eigentlich der Sitz der Seele war, wusste er nicht!
Es gab zwar viele gutklingende Aussagen, war die Seele sei, doch so wirklich wusste niemand, ob es die Seele, so wie diese Aussagen vermeinten es darzulegen, überhaupt gab! Da blieb eben nur der Glaube daran! Mit der so genannten
Glaubenswahrheit konnte ja vieles kaschiert werden! Darum gab es auch diese seltsame Wahrheit im Glauben und nur im Glauben, im Raum der Möglichkeiten!
Gott gab den Menschen nicht nur Verstand sondern auch einen Körper, eine Biologie mit auf seinem Lebensweg, eine Biologie, die gemäß seiner kirchlichen Hierarchie jedoch hintan zu stellen, obwohl es ein Geschenk Gottes war!
Er wusste auch, dass in den ehemaligen Ostblockländern die Geistlichen Frauen und Kinder hatten, ihre Kinder großzogen und ihnen auch eine fundierte Ausbildung zuteil werden ließen. Jeder wusste davon, aber niemand, auch nicht die geistliche Obrigkeit sprach darüber.
Waren seine geistlichen Brüder dort nicht klüger, vernünftiger als er? Sie scherten sich offensichtlich einen Dreck um das kirchlich verordnete Zölibat. Und die dortige Kirchenhierarchie? Die sahen zwar dies alles, aber verweigerten sie sich, dies offiziell zu Kenntnis zu nehmen! Würden sie dies nämlich mit aller Konsequenz zur Kenntnis nehmen, so hätten die Altvorderen der Kirche ein großes Problem, ein riesiges Problem, welches sie nicht einmal mehr mit importierten Geistlichen abdecken würden können! Die Frage, die sich die Altvorderen dann stellen hätten müssen, wäre: „Woher neue Priester nehmen?“
Ihm kam vor, wie wenn er aus dem angebotenen Kelch des Lebens nicht trinken konnte, obwohl er gerne daraus trinken wollte. Es war die Angst davor, einen allzu menschlichen Fehltritt, der im Grunde genommen gar kein Fehltritt sein konnte, zu begehen.
So hatte er bisher all seine biologischen Steuerungsmechanismen unterdrückt, um dann mehr denn je in einer Krise zu schlittern, aus der er keinen Ausweg mehr fand.
Da half ihm auch kein Selbstbetrug, denn die natürlichen Triebe in ihm forderten ihr legitimes Recht gepflegt zu werden, einfach ein.
Gott schuf Mann und Frau! Gott gab den Menschen nicht nur den geistigen Trieb sondern auch den Sexualtrieb mit auf den Weg in sein Menschdasein, damit er in der
Welt gemäß Gottes Willen lebe und sie sinnvoll verwalte.
Liebet einander! Ja, so stand es geschrieben!
Aber was liebte er? Holzkreuze? Bilder? Skulpturen aus Holz, Stein oder Metall, die alle von mehr oder minder religiösen Künstler geschaffen worden waren? Oder liebte er Worte?
Nein! Jetzt nicht mehr! Denn er hatte schon seit längerer Zeit diesen Fetischismus aufgegeben. Das einzige was er zu liebten begonnen hatte und auch irgendwie pflegte, waren seine gelegentlichen Masturbationen, die aber niemanden etwas angingen! Die gehörten wenigstens noch immer nur ihm allein und da fragte er auch nicht seinen Gott, auch wenn der angeblich alles sah und sein lustvolles Stöhnen dabei mithörte!
„Big papa is watching you!“
… … …
Da fiel ihm plötzlich auch eine Begegnung mit einem bekannten Börsenbroker ein, der ihn vor Jahren einmal eingeladen hatte, das Börsengeschehen einmal hautnah mitzuerleben, was er damals mit Freuden angenommen hatte.
Es war anfangs sehr verwirrend für ihn gewesen, wie ein Buch mit sieben Siegeln, aber die Erklärungen des Fachmannes brachten einwenig Verstehen über das wieso der verschiedenen Indizesse, über das warum von fallende oder steigende Aktienkurse, über das weshalb von Wertpapierhandel und noch über vieles andere mehr. Es war eine Welt für sich, die ihm da dargeboten wurde.
In dem anschließenden gemütlichen Plausch in dem börseneigenen Kaffeehaus richtete der Broker plötzlich eine seltsame Frage an ihn.
„Was glauben Sie, Herr Doktor, wie würde sich ein Wertpapier oder eine Aktie namens Gott im Handel behaupten können? Würden die Kurse steigen oder fallen?“
Mehr als nur perplex hatte er den Broker angestarrt. So etwas hatte er noch nie
gehört. Einen Börsenhandel mit Gott!
Noch bevor er irgendetwas darauf erwidern konnte, fuhr der Fachmann auch schon fort. „Würde dieses Papier überhaupt je gezeichnet werden? Würde es jemals in dieser Welt Dividenden einbringen? Ich denke nein, Herr Doktor, und deshalb würde auch die Börsenaufsicht dieses Papier sehr rasch aus dem Handel nehmen!“
Dabei lächelte der Broker leicht und sagte: „Nicht böse sein, Herr Pfarrer, aber diese Gedanken kamen mir kürzlich in den Sinn, nachdem ich Sie kennen gelernt hatte. Ich dachte mir, ich stelle Ihnen, soweit wie möglich wertfrei, einfach einmal diese Fragen!“
Danach kam aber kein richtiges Gespräch mehr zustande, sodass er sich überaus verwirrt von seinem Gastgeber bedankend verabschiedet hatte.
… … …
‚Ja in dieser Welt wurde eben mit allem gehandelt, was Gewinn versprach!
Mit Gottes Worten zu handeln, schien offensichtlich kaum bis gar nicht lukrativ zu sein! Mit solchen Scheinpapieren konnte man an der Börse eben nicht handeln. Solche Scheinpapiere wurden auch an der Börse des Lebens nicht gehandelt, da sie offensichtlich nutzlos, nicht Gewinn versprechend waren! Sie würden im Diesseits niemals Dividenden ermöglichen! Im Jenseits auch nicht sicher, da auch keine Informationen von dort vorlagen!
Gottes Wert, sein Wertpapier, so schien es ihm, war ein Flop, welches niemand mehr zeichnen wollte! Gewinne wollte der Einzelne, während er lebte, im hier und jetzt erzielen! Mögliche Gewinnausschüttungen erst im Jenseits, waren uninteressant!
Der Einzelne lebte im Diesseits und nicht im Jenseits, wo immer dies auch sein mochte, sofern es überhaupt vorhanden war!
… … …
Er bedachte all dies und noch vieles andere mehr, während er zum Kruzifix aufblickte. Ihm war seit längerem schon sehr klar geworden, dass er von dort oben niemals wirklich aktive Hilfe erwarten konnte!
Gemäß dem bekannten Spruch „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ hatte er langsam und behutsam begonnen, sein Leben einer neuern Orientierung zuzuführen. Er war froh, dass er bei seiner älteren Schwester Gehör gefunden hatte und fand und die ihn auch ermutigte, all das, von dem er derzeit noch träumte, auch in die Tat, in die Realität umzusetzen.
Wie hatte sie so trefflich gesagt, als er wieder einmal bei ihr Trost gesucht hatte:
“Es ist höchste Zeit, mein Kleiner, dass du endlich wieder in das Leben zurückkehrst! Warte aber nicht zu lange damit, sonst wird es wirklich zu spät für dich!“
Eingedenk dieser Mahnung hatte er mehrmals tief durchgeatmet und sie dann
gebeten, mit ihr seine geheimen zukünftigen Pläne durchsprechen zu dürfen.
Er hatte großes Glück, dass seine große Schwester Büroleiterin im Außenministerium war und ihm so den Weg in ein mögliches neues Leben ebnen konnte.
Nachdem er trotz seines Alters nicht nur die Zulassung sondern auch den quasi Aufnahmetest für eine gleichsam Dauergenehmigung in seiner zukünftigen neuen Heimat bestanden hatte, half ihm dann, auf Bitte seiner Schwester, ihr Vorgesetzter, der Herr Staatssekretär und regelte anstehende Bedenken der dortigen Einwanderungsbehörde einfach auf diplomatische Ebene.
In seinem neuen Pass war keine Berufsbezeichnung mehr vorgesehen. Des Weiteren half ihm der Staatssekretär auch bei der Jobsuche in seinem neuen zukünftigen Heimatland. Es war ein Glück, dass er sich selbst mit einer gewissen
Leidenschaft schon vor längerer Zeit als quasi Ausgleich zum Pfarrersein
Fremdsprachen mittels „learning by doing“ beigebracht und sich dann auch freiwillig den angebotenen Abschlussprüfungen schriftlich und mündlich unterzogen hatte.
So sprach er neben seiner Muttersprache nicht nur Englisch sondern auch Spanisch, Italienisch, Französisch und, da war er noch nicht so weit, schon ganz ordentlich chinesisch. So würde er in seiner neuen Heimat als Lehrer für Fremdsprachen in einer Privatschule wirken können. Es würde eine ganz neue Aufgabe sein, auf die er sich schon ungemein freute!
Mit jungen Menschen gemeinsam Sprachen zu erlernen, den jeweiligen sprachgeschichtlichen Hintergrund zu beleuchten und die auf dieser Sprache fußende Kultur miteinzubringen, das war es, was ihm bewog, in seiner Vorfreude zu verweilen.
Nun lag es nur noch an ihm, wann er gleichsam in sein neues Leben emigrieren wollte.
… … …
Er wusste, dass heute sein letzter Tag in dieser noch seiner Kirche, in diesem Land
sein würde. Seine Demission als Pfarrer und Priester lag bereits im verschlossenen Kuvert an seinen Bischof in seiner Schreibtischlade. Die Koffer waren bereits gepackt
und das Flugticket für den Montagsflug in sein neues Heimatland hatte ihm auch
noch seine große Schwester als gleichsam Abschiedsgeschenk besorgt.
Heute war bereits Samstagmorgen, dann kam noch der Sonntag und dann, dann war es soweit. Im Grunde genommen hatte er schon seit geraumer Zeit von all dem Abschied genommen, was einst für ihn so wichtig gewesen war.
Er bedachte kaum noch die Aussagen seines Bischofs, der ihn als einen seiner möglichen Nachfolger sah. Als Bischof hätte er dann in seinem alten Leben verbleiben müssen.
Dieser Gedanke ließ ihn plötzlich frösteln! Nein, nein und nochmals nein! Das waren nun nicht mehr seine Intentionen! Sein Blick war nur noch auf das Kommende, auf das Neue, auf eine Neuorientierung seines Lebens ausgerichtet. Was würde ihn dort alles erwarten?
… … …
Zwei Jahre später heiratete er in seiner neuen Heimat eine Witwe, die ihr Witwendasein schon als recht lästig empfand. Seine temperamentvolle Frau war zuerst überrascht, dann aber ganz entzückt, als sie merkte, dass sie einen quasi jungfräulichen Mann geheiratet hatte.
So begann sie ihren Ehemann zu erziehen, dass er nicht nur zu verstehen, sondern auch danach tatkräftig zu handeln hatte, dass Frauen für Männer das Paradies hier auf Erden waren, deren Wünsche von einem Mann zu erfüllen waren und auch sollten, wollten sie Anteil am Paradies haben!
Da ihr Mann ein überaus gelehriger Schüler und auch nicht dumm war, der sich auch mit Leidenschaft dieser wunderbaren Sache annahm, konnten alle ihre nur erdenklichen Wunschträume durch seine inzwischen gereifte Sexualität erfüllt werden.
Er hatte nämlich sehr rasch begriffen, dass die Sexualität ein wunderbares Geschenk der Evolution war, welches gehegt und gepflegt sein wollte und auch
musste, sollte dieses paradiesische Geschenk weiter bestehen können. Er verglich dies immer sehr gerne mit einem Baum, der sich nur dann weiter entwickeln kann, wenn ihm auch entsprechender Dünger von beiden Besitzern angeboten wird.
Nur sehr, sehr selten dachte er und wenn, dann mit großer Betroffenheit an sein
früheres Leben, das nun aus seiner Sichtweise kein Leben gewesen war, sondern eine künstlich geschaffene, sterile Welt, in der das Leben in seiner wunderbaren
Fülle niemals Fuß fassen konnte, solange nicht, solange nicht das Paradies hier auf
Erden, das es für ihn nun tatsächlich gab, erkannt werden wollte.
Als er eines Tages dann doch seiner Frau von seinem früheren Leben zu erzählen begann, war sie ungemein angetan. Sie wusste nun, dass sie endlich ein Baby hatte, dass sie ihren Mann, ihr Baby bis ans Ende ihrer Tage hegen und pflegen musste, so wie man eben als liebende Mutter ein Baby zu pflegen hatte.
Und ihr Baby? Ihr erwachsenes Baby war mehr als nur glücklich darüber. Denn in der Reife ihres gemeinsamen Lebens erkannten beide, dass auch Zwistigkeiten reinste Zeitvergeudung waren! Und Lebenszeit war ein kostbares Gut, das gepflegt werden wollte, da sie nur von bestimmter Dauer war!
Und Gott oder die Gottheiten? Nun diese Worthülsen würden wahrscheinlich bis ans Ende der Menschheit allein bei den gläubigen Menschen verweilen!
… … …
In einer seiner Unterrichtsstunden hatte er die Frage gestellt, was sein wird, wenn
eines Tages, so in etwa 3 bis 6 Milliarden Jahren die Sonne mit ihren Planeten – so auch die Erde – sterben würde, was Astrophysiker ja bereits errechnet haben, ja wohin würden dann all diese Gottheiten mit ihren Engeln, Propheten usw., mit ihren Himmeln, mit ihren Paradiesen usw. wandern?
Eine recht aufgeweckte Schülerin meinte dazu:
Nun, all diese Fragen werden sich nicht mehr stellen, denn es gibt ja dann keinen Menschen, insbesondere gläubige Menschen mit ihren Gottheiten mehr! Oder aber, diese Gottheiten haben es noch rechtzeitig geschafft, einen anderen lebensbejahenden Planeten irgendwo in der Unendlichkeit aller Universen zu finden und zu okkupieren! Die Evolution schütze diesen Planeten vor diese Gottheiten und ihre an sie glaubenden Menschen! Amen!

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