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geschrieben 2018 von Nordlicht.
Veröffentlicht: 13.11.2020. Rubrik: Menschliches


Nur für ihn

Da saß er nun. Um ihn herum eine menge Leute, die er nicht kannte. Bis auf Jean.
Alle redeten durcheinander. Vermutlich über ihn. Sein Onkel, den er bis vor wenigen Wochen noch nie gesehen hatte, sah immer wieder zu ihm herüber. Den Blick voller Skepsis und Fragen. Voller Hoffnung und Mitleid. Für ihn, weil er niemanden hatte. Keine Mutter, die sich um ihn sorgte, keinen Vater, der von ihm wusste, nur einen Stiefvater, der ihn nie gewollt hatte.
Und nun ein Onkel. Ein Onkel, der plötzlich aufgetaucht war und nun der Retter sein wollte. Die fehlende Familie aus zwei Jahrzehnten ersetzten wollte, geplagt von Schuldgefühl und Mitleid. Aber er brauchte keine Familie und erst recht keine Vaterfigur. Jetzt nicht mehr. Er war sein Leben lang ohne ausgekommen, warum sollte er plötzlich eine brauchen. Einen Mann der plötzlich daher kam, mit dem ihn nichts verband, als die fast zufällige Tatsache, dass er der Bruder dieser Frau war, die nun da vorne beim Richter saß und nichts mehr wahr zu nehmen schien.
Sein Onkel warf ihm immer wieder prüfende Blicke zu. Er wollte wissen, wie er mit der Situation klar kam, dass seine Mutter nun vor Gericht stand. Er wusste es selber nicht.
Er fühlte sich leer, sah sich selbst da sitzen und zu seiner Mutter rüber sehen. Er erkannte sie kaum wieder. So lange war es her, dass er sie gesehen hatte. Und so heruntergekommen sah sie aus.
Früher hatte er sie oft verflucht. Hatte sich eine andere Mutter gewünscht. Aber das war jetzt Vergangenheit. Diese Frau berührte ihn nicht mehr. Sie war aus einem anderen Leben. Einem dunkleren. Einem Leben voller Diebstähle und falscher Freunde. Er hatte damit abgeschlossen und wusste dass er nichts erwarten konnte. Von Niemandem hier. Alle redeten sie. Über ihn, über seine Mutter. Sie glaubten zu wissen, wie es ihm gehen müsste. Aber niemand interressierte sich dafür, wie es ihm wirklich ging. Niemand außer Jean. Sie war der Lichtblick in diesem überfüllten, lauten Raum. Zwischen all den hektischen Menschen saß sie ganz ruhig neben ihm und warf ihm ein aufmunterndes Lächeln zu, als er zu ihr hinüber sah.
Für einen Moment waren alle anderen egal.
Dann fing er wieder den Blick seines Onkels auf. Sein Blick sollte ebenfalls aufmunternd sein, ebenso wie beschützend. Kalt erwiderte er den Blick und konnte die Frage lesen. Die Frage, die schon seit Tagen zwischen ihnen stand. Mal still in der Luft hing, mal in einem flüchteigen Blick verborgen war und gelegentlich laut ausgesprochen wurde.
Wer ist dieser Mann, der deine Vaterfigur ist? Ist es ein Drogendealer, ein Zuhälter oder ein krimineller Bandenführer? Sicherlich ein starker rauer Mann mit viel Erfahrung auf der Straße und im Gefängnis. Okay, gesagt hatte sein Onkel das so nicht. Er hatte es viel höflicher umschrieben, aber befürchtet hatte er genau das.
Jean tippte nervös auf ihrem Handy rum. Sie war es gewesen, die seinem Onkel erzählt hatte, dass er keine Vaterfigur bräuchte, weil er schon eine habe. Seitdem wollte sein Onkel wissen, wer denn dieser Mann war. Und natürlich befürchtete er seine Vaterfigur wäre ein Verbrecher. Einen den er im Gefängnis oder in irgendeinem Ghetto kennen gelernt hatte. Aber er hatte sich schon lange damit abgefunden, keinen Vater zu haben. Und jetzt brauchte er sowieso keinen mehr. Ein Vater war ihm nie jemand gewesen und er war es leid, das Gerede um die "Vaterfigur".
Jean richtete sich gespannt auf. Sie hatte ihn seine Vaterfigur genannt. Aber das war er nicht. Das hatte er nie so gesehen. Er war nur der Mann der für ihn da gewesen war. Es hatte ihn gekümmert, welche Laune er hatte und warum. Er hatte ihn in den Arm genommen. Ehrlich und mit vollem Verständnis. Er war der erste und der einzige, der das je getan hatte.
Damals, in seinen Armen, hatte er angefangen zu weinen. Die ganze Last und der ganze Kummer seines Lebens war in dem Moment von ihm abgefallen. Und er hatte sich verstanden gefühlt. Vollkommen ohne Worte. Er hatte selbst nicht gewusst, was da mit ihm passierte. Aber nirgendwo sonst hatte er sich so sicher und verstanden gefühlt.
Jean warf ihm einen schnellen Blick zu und holte stockend Atem. Warum war sie eigentlich mit einem Mal so nervös?
Der Richter legte eine Pause ein und sein Onkel schien zu überlegen ob er zu ihm rüber kommen sollte, entschied sich aber doch dagegen. Gut so, er wollte nichts von ihm wissen und hätte seine Gegenwart nur schwer ertragen. Jeans Gegenwart jedoch war angenehm. Eine bessere Freundin konnte er sich nicht wünschen. Sie hatten schon viel zusammen unternommen, obwohl sie sich gerade erst ein Jahr kannten, waren sie schon drei Mal zusammen weggefahren.
Einmal zu ihm. Neugierig war sie gewesen, auf den Mann mit dem er immer schrieb. Bei der Begegnung war sie aufmerksam und unsicher gewesen. Verdenken konnte er es ihr nicht. Die Befangenheit war jedoch schnell von ihr abgefallen. Neugierig hatte sie die Unterhaltung zwischen ihnen beiden verfolgt. Er war ebenso neugierig, wollte alles über sie wissen. Lachend hatte sie es über sich ergehen lassen, als er ihre Hand genommen hatte.
Nun hatte sein Onkel doch beschlossen zu ihnen rüber zu kommen. Er wollte über die Verhandlung reden. Aber was gab es da zu reden? Es war nun mal so, wie es war und reden würde da nichts ändern.
Jean blickte auf ihr Handy. Schaute sie auf die Uhr? Sein Onkel versuchte weiter mit ihm eine Unterhaltung zu führen. Jean beugte sich rüber und flüsterte ihm, ungeachtet seines Onkels, ins Ohr: "Da ist Jemand für dich im Vorraum."
Verwirrt sah er sie an. "Wer ist da?"
Sein Onkel war ebenfalls irritiert: "Was ist los?"
"Nun geh schon", sagte sie ungeduldig. Er stand auf und ging zwischen all den Leuten durch zur Tür in den Vorraum.
Da stand er neben seiner Frau. Sie lachte ihm zu. Er wollte sich nicht vorstellen, was für einen Audruck er wohl auf dem Gesicht haben mochte. Er ging auf sie zu und schloss den Mann in die Arme, der da so unerwartet stand. Jean musste ihm von heute berichtet haben. Und er war gekommen. Nur für ihn.

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