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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2021 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 15.07.2021. Rubrik: Unsortiert


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Die 3 vergangenen Sekunden oder zurückgelegten 100 Meter in ihnen, konnten todbringende sein. Tilman tastete bei 120 km/h auf der schnurgeraden Allee im Fussraum des Beifahrersitzes nach seinem heruntergefallenen Handy, obwohl er es besser wusste. Als er es endlich zu fassen bekam und Sonjas Anruf entgegen nahm, versuchte er sich zu erinnern, wann er die Bluetooth-Funktion an seinem Telefon abgeschaltet hatte. Er konnte es nicht. "Was gibt's, Chilli?". Sonjas Spitznamen empfand er selbst nicht sonderlich passend für eine Kriminalkommissarin, aber mehr als treffend für eine sexy junge Frau, die sie nebenbei ja auch noch war. Ausserdem nutzte er ihn nur, wenn sie unter sich waren, keiner ihrer Kollegen musste irgendetwas von ihrer Affäre wissen. Tilman sah das pragmatisch, er stand nicht auf Gefühlsduselei und hatte genug mit seinen eigenen Problemen zu tun. Obwohl Sonja sich mehr mit ihm vorstellen konnte, akzeptierte sie Tilmans seelische Unterkühlung und gab sich vorerst mit Sex zufrieden. "Wo bist du?", fragte Sonja. "Highway to Hell in Höhe Kapellen. Ich bin gleich bei dir im Präsidium. Hab nochmal eine Dashcamfahrt gemacht auf der verfluchten Strecke. Nichts Aufregendes", antwortete Tilman, während die Bäume im morgendlichen Dunst rechts und links an ihm vorbei flogen. "Dreh um, es geht wieder los", sagte Sonja ernst. "Der Notruf kam gerade vom Gamber-Hof." "Fuck, da bin ich vor 90 Sekunden vorbei gefahren". Tilman bremste den zivilen Dienstwagen und drehte an der nächsten gefahrlosen Stelle. Seit neun Jahren verweifelte Tilman am jährlichen Selbstmordtag auf der B299. Die Strecke und der Tag zog aus irgendeinem Grund jedes Jahr 2-3 Kamikazefahrer an und niemand verstand genau warum. Es gab im Krisenstab sogar schon Überlegungen die Bundesstraße an diesem Tag einfach zu sperren.
Als er an der Unfallstelle ankam, sah er sofort, dass der Rettungswagen, dessen Sirene er bereits hörte, aller Wahrscheinlichkeit nichts mehr ausrichten konnte. Der BMW war von dem Baum, der keinen Millimeter zur Seite wich, in zwei rauchende Teile zerrissen worden und die Fahrgastzelle nicht mehr existent. Der Fahrer würde in Kürze nach seiner Identifizierung das zwanzigste Gedenkkreuz bekommen, das hier auf wenigen Kilometern rund um den Gamber-Hof aufgestellt waren. Und fast alle hatten etwas gemeinsam. Sie trugen Männernamen und waren datiert auf den 28.Mai unter dem christlichen Todessymbol. Heute.

Die Spuren des BMW wiesen die gleiche Charakteristik auf, wie eigentlich immer. Die kinetische Energiemenge, die sich aprupt am Baum in Zerstörungsenergie umwandelte, passte zur Tachonadel, die bei 143 km/h festgefroren war. Vor dem Baum noch eine kurze Bremspur, auf die Straße geschrieben von einem winzigen Rest Lebensmut vor dem unausweichlich tödlichen Aufprall. Viel zu spät, um sich noch zu retten, aber zumindest der Beweis eines letzten Zweifelns.
Sonja kam an die Unfallstelle gefahren, hielt kurz und teilte Tilman durch die abgesenkte Scheibe mit, dass sie auf dem Gamber-Hof die Zeugenbefragung durchführen würde. Sie wartete nicht auf seine Antwort.

Er war eigentlich fertig mit der ersten Begutachtung, die Spurensicherung würde die Feinarbeit machen und wieder Fremdverschulden und technische Probleme ausschließen. Tilman entschied sich dagegen, Sonja auf den Gamber-Hof zu folgen. Er wollte sich im Präsidium die Aufzeichnung seiner Dashcam ansehen, die er 90 Sekunden vor dem tödlichen Unfall des BMW gefilmt hatte.

Sonja klingelte am Haupttor des Gamber-Hofes und wunderte sich, dass dieses am helligten Tag überhaupt verschlossen war. Die tränenverquollene Frau, die ihr das Tor aufschloss und sie hereinbat, musste etwa Mitte 40 sein.
"Frau Gamber?", fragte Sonja.

Tilman erreichte gerade sein Büro, als er im Notrufserver mitbekam, dass bereits ein erneuter Unfall an der B299 passiert sein musste. Überforderungshormone schüttelten ihn, angesichts der sich überschlagenden Ereignisse durch, als er die Speicherkarte der Dashcam seines Autos in sein Laufwerk schob und das Video - File startete. Durch diese beschissene Bundesstraße war sein ganzes Leben aus den Fugen geraten.

Agnes Gamber goss Sonja zitternd einen Kaffee ein und hatte sich schon wieder leicht beruhigt. "Entschuldigen sie meine aufgewühlte Stimmungslage, aber es ist jedes Jahr das gleiche, seit Jonas tot ist. Ich kann langsam nicht mehr".
Sonja stutzte: "Bitte Frau Gamber, ich bin erst seit 8 Monaten hier in der Stadt, bitte erklären sie mir, was hier vorgeht".
Agnes Gamber zeigte auf ein Kindergesicht, das eingerahmt an der Wand hing. Das Foto des Jungen war diagonal am oberen Rand mit einer schwarzen Schleife versehen.
"Das ist unser Sohn Jonas. Seit er vor 10 Jahren auf der Landstraße überfahren wurde, passieren die vielen Raser - Selbstmorde". Agnes brach erneut in Tränen aus.

Tilman sah sich das knapp 8-minütige Video seiner Fahrt über die B299 an.
Bis Minute 5 keine besonderen Vorkommnisse, ausser dass er sein Fahrzeug auf unerlaubte 120 beschleunigt hatte. Bäume und Maisfelder rechts und links. Dunst. Sonnendurchflutetes Blätterglitzern, das die Sicht einschränkte. In Tilman schwoll die Unruhe. Dann das Klingeln des heruntergefallenen Telefones, ausgelöst durch Smillas Anruf. Was er heute Morgen nicht sah, weil er 3 Sekunden nach dem Handy nestelte, passierte in Minute 6 des Videos und kostete Tilman jetzt starr vor Schreck fast den Verstand. Denn er kannte den Anblick ganz genau von vor zehn Jahren. Nie im Leben hatte er erwartet, noch einmal in diese weit aufgerissen Augen zu sehen.

"Das tut mir sehr leid", entgegnete Sonja. "Ist das den Behörden bekannt, Frau Gamber? Hat man den Fahrer ermittelt? "
Agnes schluchzte und brach von Seelenschmerz überwältigt zusammen "Es war Fahrerflucht".

Tilman schrieb Sonja eine Notiz und verließ das Büro, um endlich den Fall zu Ende zu bringen. Er war schon halb gegangen, als er beschloß zurückzukehren, den Zettel zu zerknüllen und in den Papierkorb zu werfen, damit ihn niemand anderer fand. Er setzte sich in seinen Dienstwagen, um zur Bundesstraße 299 zurückzukehren. Als er vom Hof des Präsidiums fuhr, kam Sonja gerade zurück vom Gamber-Hof. Tilman sah sie im Vorbeifahren an und tippte auf sein Herz.
15 Minuten später war Tilman tot. Zerfetzt an einem Baum am Straßenrand der B299.

Sonja zerriss es das Herz, als sie im Präsidium von Tilmans Tod erfuhr. Sie musste warten bis alle weg waren, um endlich losheulen zu können. Kraftlos schleppte sie sich als letzte im Büro an Tilmans Schreibtisch, um ihm noch einmal nah zu sein. Sie saß lange, bis sie bemerkte, daß sein Bildschirm, entgegen seiner Gewohnheiten, nicht gesperrt war. Das Video der Dashcam war direkt auf dem Desktop gespeichert und trug den Titel "video2805_anschauenundmülleimer_ichliebedich"
Sonja doppelklickte das Video. Der Start zeigte aus Fahrersicht das Abbiegen auf die B299 in Richtung Stadt. Tilmans normalen Arbeitsweg, den Sonja auch kannte, wenn sie bei Tilman übernachtet hatte.
Minute 4: Nochmal halten am Restaurant Cicelli. Ampel rot. Danach freie Fahrt bis in die Stadt. Minute 6: Das Handy klingelt, rechts vorne taucht der Gamber-Hof auf. Auf der Höhe des Tores, eine Sekunde später, stapft ein Junge aus dem Maisfeld auf die Straße, genau 20 Meter vor dem Auto. Einzige Chance. Bremsen und Lenker rum. Tilman reagiert aber nicht, er hatte sich in dem Moment über den Beifahrersitz gebeugt, um sein Handy zu suchen. Er knallt lautlos in den Jungen, der sich im Moment des Aufpralls in Luft auflöst. Es ist Jonas vom Bild auf dem Gamber-Hof.
Sonjas Augen weiteten sich. Ihr Blick schnellte zum Mülleimer. Der zusammengeknüllte Zettel lag obenauf.
Tränen schossen in ihre Augen, als sie die handgeschriebenen Worte las. "Es tut mir so leid. Ich habe den Jungen vor 10 Jahren überfahren, weil ich abgelenkt war und ihn viel zu spät gesehen habe. Diese Augen. Ich bin einfach abgehauen. Ich dachte, ich könnte davon kommen.
Jonas hat bisher 21 Raser bestraft. Das muss aufhören. Er wird nicht ruhen, bis meine Schuld bezahlt ist. Ich gehe jetzt zu ihm. Gib das Video in die Ermittlungen und schließ den Fall ab. Ich liebe Dich, Chilli. Ich liebe Dich, Sonja".
Tilman war der letzte Selbstmörder auf der B299 und der einzige echte überhaupt. Jonas holte sich so viele männliche Raser, Jahr für Jahr an seinem Todestag, wie er konnte und fand seinen Frieden erst mit Tilmans Tod. Er tauchte nie wieder an der Bundesstraße 299 auf.
Sonja saß ein Jahr später am Abend des 28. Mai zu Hause, hatte mittlerweile in ein anderes Dezernat gewechselt und lange über die Sache nachgedacht. Der Tag blieb ereignislos an der Bundesstraße 299. Sie zog die Speicherkarte mit der Dashcam-Aufnahme von Jonas Geist aus ihrer Jeans und warf sie bei einem Glas Rotwein ins Feuer, um den Fall für sich abzuschließen.

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