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1xhab ich gern gelesen
geschrieben von Annika Samira.
Veröffentlicht: 21.07.2021. Rubrik: Unsortiert


Friedemanns Chance

Freitag, der 23. Oktober 2017, 18:23h
Friedemann kommt nach Hause. "Schatz, wie ist dein Vorstellungsgespräch gelaufen?" Ihr Mann schaut sie nachdenklich an. "Eigentlich hätte ich mich gar nicht vorbereiten müssen. Das einzige, was er immer wieder von mir wissen wollte, war meine Meinung zur Verkehrssituation und welche Strecken ich normalerweise im Alltag benutze." "Komisch", Schulterzucken als Antwort. "Hast du den Job bekommen?" "Ich erfahre es erst in 2 Wochen." "Das ist aber lang. Komm, ich hab den Tisch schon gedeckt, wir können gleich essen." "Ich geh mich erst duschen."

Montag, der 26. November 2017, 16:35h
Friedemann kommt nach Hause und knallt die Tür. "Schatz, bist du das? War irgendwas bei der Arbeit?", mit dem Blick auf seinen Gesichtsausdruck? "Nein, aber heute sind nur Idioten im Strassenverkehr unterwegs. Schon auf dem Weg hin hat mich einer von hinten die ganze Zeit angehupt und mit seinen Armen gefuchtelt. Dabei war das Tempolimit 50. Warum hat er mich nicht einfach überholt?! Nun wollen die Leute einen auch noch zwingen, das Gesetz zu brechen." Waltrud nickte verständnisvoll. "Das war bestimmt ein junger Raudi, der gerade erst seinen Führerschein hat." "Kann ich gar nicht mal sagen, der hatte eine Mütze und eine Sonnenbrille an - eine Sonnenbrille, im November!" "Klingt nach einer zwielichtigen Gestalt!" "Und mit einem Schal hatte er sich auch noch vermummt!" "Geh erstmal duschen, dann kannst du es dir am Kamin gemütlich machen." "Das war ja noch gar nicht alles," fuhr Friedemann kopfschüttelnd mit der Erzählung fort, während sein Ärger sich allmählich legte. "auf der Rückfahrt hat einer mir die Vorfahrt genommen, dabei konnte ich schon 200 m vorher sehen, dass er am Stoppschild wartete, er fuhr genau, als ich kam. Das ist doch nicht normal! Und dann zeigte er mir noch den Mittelfinger!" "Bestimmt hatte er ein Augenproblem. Bestimmt war derjenige sehr alt?" "Das konnte ich nicht sehen, aber es war wieder ein Porschefahrer, wie heute Morgen." "Ach, das sind doch sowieso Snobs. Mach dir keine Gedanken, der Rest der Woche wird besser."

Mittwoch, der 28. November 2017, 17:22h
Friedemann kommt erschöpft nach Hause. "Du bist aber spät heute, ist etwas passiert?" "Schon wieder der Strassenverkehr?" Friedemann nickte und blinzelte die Tränen weg. "So schlimm?" "Die ganze Zeit über war ein Opel vor mir, an jeder Ampel hat er, auch wenn es grün wurde, 5 Minuten gehalten, obwohl wir alle hinter ihm kräftig hupten, und er ist ständig zu langsam gefahren." "Konntest du ihn denn nicht überholen?" "Nein, dort, wo man überholen durfte, fuhr er im Tempolimit und ich wollte nicht zu schnell fahren." "Montag die Porschefahrer, gestern der BMW, heute der Opel..." Waltrud schüttelte verständnislos den Kopf. "Ich hab keine Kraft zum Duschen." "Ich hab heute extra dein Lieblingsessen gekocht, komm, ich mach es dir warm."

Donnerstag , der 29. November 2017, Flughafen Frankfurt, 09:00h
Herr Gruber sieht von seiner Zeitung auf, als es an der Tür klopft. "Herein. Ach, Maximus, Sie sind es. Was bringen Sie für Neuigkeiten?" "Der Bewerber hat auf alle Stresslevels vorbildlich reagiert." "Am Montag war ich 2x mit dem Porsche unterwegs und habe ihn sowohl vor als auch nach der Arbeit abgefangen, am Dienstag war ich mit dem BMW unterwegs-" "und, wie fanden Sie es vom Fahrgefühl? Ich überlege, ob ich eins von beiden verkaufe, Porsche oder BMW." "Ich würde den Opel verkaufen, Chef." "Nein, das ist das Auto für den 18. Geburtstag meines Enkels. Sie glauben doch nicht, dass er mit 18, in seinen Draufgängerjahren, schon einen Porsche oder BMW von mir bekommt."

"Natürlich nicht, Chef. Also der Opel hat ihm fast den Rest gegeben, da dachte ich schon, er fällt durch. Er hob schon den Arm, als wollte er eine Faust damit bilden und seine Lippen waren ein schmaler Strich und ich sah im Rückspiegel, wie er schweissgebadet war. Aber er hat sich dann doch noch gefangen. Es sah so aus, als würde er immer wieder in den Himmel schauen und Gebete aufsagen." Herr Gruber nickte "Genau, darum warten wir mal ab, wie er die nächsten 2 Tage reagiert. Wir brauchen hier einen sehr ausgeglichenen Menschen für diesen Job. Das ist immerhin eine verantwortungsvolle Position." "Och nö, Chef, bitte nicht. Das ist nun schon der 22. Bewerber. Ich fühl mich schon wie Robinson Crusoe, der im Strassenverkehr festsitzt. Der ist doch diesmal wirklich ein sympathischer Mann. Wissen Sie nicht mehr: Der vorletzte ist doch tatsächlich aus dem Auto ausgestiegen, als ich an der Ampel nicht anfuhr und kam mit einem roten Kopf und einer Brechstange auf mich zu. Danach musste ich mehrere Sitzungen beim Psychiater buchen, weil ich Angst hatte, dass er mich wegen dem Kennzeichen ausfindig macht." "Ja, ich erinnere mich, die Rechnung habe ich doch auch bezahlt. Und, was hat er Ihnen geraten?" "Er meinte, da es Ihre Autos sind, kämen die dann zu Ihnen nach Hause. Das hat mich schon ungemein beruhigt." "Aha", Herr Gruber schien plötzlich besorgt. "Sonst noch was?" "Er meinte noch, eigentlich gehören Sie in seine Sprechstunde. Aber da hat die Sekretärin ihn informiert, dass Sie die Rechnung bezahlen und dann hat er Ihnen nur noch schöne Grüsse ausgerichtet."

Donnerstag, 29.November 2017, 10:45h
Telefon bei Familie Bucher. "Mein Mann? Der ist bei der Arbeit, voraussichtlich kommt er um ... nein, warten Sie, zur Zeit ist im Strassenverkehr so viel los, da kommt er bestimmt noch später... wie meinen Sie, heute soll es ruhig bleiben? Ja, natürlich kann ich ihm etwas ausrichten."

Am gleichen Abend:
Friedemann kommt nach Hause. "Wie, du bist schon da, aber es ist erst 16:15h." "Ja, der Verkehr war heute wunderbar, ohne Porsches und BMW`s und Opel-Fahrer." "Das ist ja grossartig, siehst du, nun kann es nur noch besser werden. Herr Gruber vom Flughafen Frankfurt hat heute Vormittag angerufen. Du hast die Stelle als sein Nachfolger." "Aber es sind noch keine 2 Wochen vergangen." "Ja, er meinte, man darf Robinson Crusoe nicht endlos auf der Insel sitzen lassen, sonst steigen anschliessend die Kosten für einen Psychiater. Seltsamer Mann."

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