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geschrieben 2021 von Stephan Heider (Stephan Heider).
Veröffentlicht: 23.08.2021. Rubrik: Unsortiert


Standardabweichung

Die Standardabweichung ist ein Maß für die Streubreite der Werte eines Merkmals rund um dessen Mittelwert (Quelle: Statista).

In Margaretes Denkstrukturen geht sie gegen Null. Bis jetzt.

Daß die Medikamentenstudie heute zum Abschluss kam, machte Margarete nervös. Schon sehr lange ging es ihr nicht mehr so gut wie jetzt. Der Kopf-Kobold biss seit dem tödlichen Arbeitsunfall ihres Mannes vor einigen Jahren noch gnadenloser zu. Die drei Monate in der Obhut von Professor Tim Griese sein zu dürfen, war nicht vielen der acht Millionen Migräne-Betroffenen in Deutschland vergönnt. Lebensalter, Verlauf, Stadium und aktueller Status. Alles musste genau passen, um an der Blindstudie der Neurologen-Koryphäe teilnehmen zu können.
Heute war der letzte Termin in der extravaganten Praxis des ehemaligen Harvard-Studenten. Margarete wurde ins Sprechzimmer aufgerufen, nachdem dieser armselige, dunkelhäutige Krüppel sich mühsam mit seinem Gehstock durch die schwere Milchglastür aus Professor Grieses Büro gehangelt hatte. Margarete rümpfte die Nase, in Erwartung eines imaginären Unwohlgeruches des, beidseitig mit Ohrringen behangenen, afrikanischen Exoten.
Sie stiess ein "Tssss" aus, das nach antrainierter Empörung klang und betrat Grieses Büro mit angrenzendem Untersuchungsraum.
"Ahh Margarete", rief der Professor ihr freundlich entgegen und erhob sich höflich hinter seinem Schreibtisch. "Kommen Sie rein, wie geht es Ihnen?" Der attraktive Mittvierziger reichte Ihr die Hand zur Begrüßung und bat sie mit einer weisenden Geste der anderen Hand, Platz zu nehmen.
"Danke Professor, es geht mir blendend, sie haben da ein Wundermedikament erfunden.
Dass sie sich nebenbei auch noch mit solch dreisten Schnorrern abgeben müssen." Margarete machte eine Kopfbewegung in Richtung Tür. "Sie haben sich von dem Schwatten doch hoffentlich nicht übers Ohr hauen lassen. Der Simulant braucht doch nie und nimmer einen Stock. Passen denn Ihre Sprechstundenhilfen nicht auf, wer hier verkehrt?"
"Doch doch, natürlich, Margarete, das tun sie". Tim Griese lächelte etwas gequält.
" Na da hatten sie heute aber einen schlechten Tag, will ich mal meinen. So Typen schleppen doch sonst was für Keime rein."
Dem Professor ging Margaretes Kastendenken langsam auf die Nerven und er beschloss, ihr eine Lektion zu erteilen.
"Hören Sie, Margarete, Faruk ist der tollste Mensch, den ich kenne und unsere Hochzeit war der wundervollste Tag in meinem Leben".
Margarete fiel die Kinnlade und die Gesichtsfarbe zu Boden. Sie starrte den Professor entgeistert an und stammelte: Äh also nicht, dass sie meinen, ich hätte etwas gegen Ausländer oder gar schwule Ausländer oder so. Auf meinen Gemüse-Türken zum Beispiel lass ich nichts kommen. Der ist zwar nicht homosexuell... glaube ich... aber trotzdem so nett, grüßt mich mit Namen und packt immer umsonst frisches Obst dazu. Der ist schon fast unheimlich, meine immer, der will mich bescheissen. Nicht falsch verstehen, aber hat man ja so bei denen. Aber es ist wirklich gut und günstig ". In ihrem Geplapper hielt sie plötzlich inne, ihr Blick ruhte auf etwas, was sie hinter der Schulter des lächelnden Professors entdeckt hatte.
" Aha, das ist schön und wie heißt ihr freundlicher Gemüsehändler?, fragte er mit vor Vergnügen zuckenden Mundwinkeln.
Margarete sah ihn ernst an: "Herr Professor!" Sie stieß mit dem Zeigefinger energisch ein Loch in die Luft und wies auf das Foto hinter ihm, dass ihn mit seiner Frau und seinen beiden Kindern vor dem Brandenburger Tor zeigte.
Tim Griese platzte ein Lachen heraus. "Entschuldigung, Margarete aber sie hätten ihren Blick sehen sollen" prustete er.
" Manomann, Dokterchen, jetzt haben sie mich aber fast gehabt". Margarete verfügte über einen sonnigen Humor und konnte durchaus mitlachen. Noch während sie sich langsam wieder fing, sprach Tim weiter und sie hörte ihm aufmerksam zu, da sie merkte, dass er es jetzt wieder ernst meinte.
"Faruk Griese ist mein Bruder" und während er das sagte, drehte er das Foto im schweren Standrahmen aus gebürstetem Edelstahl um, welches Margarete bisher nur von hinten sah. Auf dem Bild war eine augenscheinlich glückliche Familie zu sehen. Attraktive Eltern, ein Zwillingspärchen, Junge und Mädchen und ein etwa gleichaltriger, dunkelhäutiger Junge.
"Sie haben ihm als Kind in Ruanda die Beine zerschossen. Meine Eltern waren in dem Jahr als Ärzte ohne Grenzen da unten. Sie haben Faruk das Leben gerettet und, da er Vollwaise war, später adoptiert und mit nach Deutschland gebracht".
Margarete schluckte hörbar und schämte sich zu Tode. "Dann sind sie das auf dem Bild?", fragte sie.
"So ist es, Faruk, meine Zwillingsschwester Jette und ich. Allesamt 12 Jahre alt. Wir waren wie eins." Dem Arzt glänzten die Augen und das letzte Wort brach stimmlich weg.
Beide schwiegen einige Sekunden, bevor Tim weiter sprechen konnte: "Jette hatte die gleiche Krankheit, wie sie, Margarete. Nur in der schlimmsten Form. Mit 14 wurde ihre Migräne so unerträglich, dass sie eines nachts den Kopf in einen vorbeifahrenden Güterzug
hielt, um ihre Schmerzen zu lindern. Ihr Tod hat Faruk und mich umgehauen.
"Oh mein Gott, das tut mir so leid", flüsterte Margarete. "Wie ging es weiter?"
Das Telefon klingelte, Tim nahm ab und sagte ohne abzuwarten, worum es ging: "Keine weiteren Termine, Silke. Danke." Er legte auf.
"Faruk und ich steckten die Nasen in Fachliteratur über Neurologie und Pharmazie. Die Kraft unserer Trauer machte mich zu dem Arzt, den sie nun schon als medienkompatiblen Neurologen kennen, Margarete. Und Faruk zum besten Neurologen und Pharmakologen, den ich kenne. Er ist der größte Geist der Gegenwart und er hat ihr Medikament entwickelt. Ich bin nur der Studienleiter. "
" Aber ich habe noch in keiner Fachpresse von einem Faruk Griese gelesen", warf Margarete ein.
"Genau so ist es!" antwortete Tim.
"Wissen sie, Margarete, mit gewissen äußeren Merkmalen eignen sie sich nicht für den kulturellen Mainstream. Und schon gar nicht mit einer toxischen Kombination gewisser Merkmale. Der Mensch glaubt, was er glauben will und das kann auch gut sein. Zum Beispiel bei den 10 % der Kontrollgruppe einer Medikamentenstudie, denen es wesentlich besser geht, obwohl sie nur das Plazebo verabreicht bekamen. Der Glaube kann Berge versetzen. Wer hat das nochmal gesagt?"
Tim zog Margaretes Akte aus dem versiegelten Umschlag und warf einen Blick darauf.
Dann sah er Margarete an: "Zu glauben, was man glauben will, kann aber auch fatal sein und manchmal ist es besser die Wahrheit zu erforschen. Wissen sie, wir können als einzelne die Welt nicht ändern. Dazu gibt es zu viel Hass in den Konventionen, Kulturen und Religionen. Fanatische Menschen werden sich weiter deswegen umbringen.
Wir können nur unser persönliches Weltbild beeinflussen, indem wir offener, neugieriger und toleranter sind. Frei von Vorurteilen und bereit, komplexe Sachverhalte differenziert zu betrachten.
Auf Wiedersehen Margarete".
Sie stand auf und ging langsam zur Tür, als wäre sie geohrfeigt worden.
"Auf Wiedersehen, Professor." Als sie in der Tür stand, rief Tim ihr noch einmal nach.
"Ach Margarete, ich darf es ihnen eigentlich gar nicht sagen... Sie waren in der Experimentalgruppe und ich gehe davon aus, dass unser Medikament in Kürze zugelassen wird. Ich werde sie sofort benachrichtigen, wenn es soweit ist".
"Danke Professor Griese, danke für alles". Sie ging und Tim schob ihre Akte mit dem Stempel "Kontrollgruppe" zurück in den Umschlag.

Als Margarete auf dem Heimweg einfiel, dass sie noch Tomaten brauchte für ihr morgiges Mittagessen, sprang sie schnell noch bei dem türkischen Händler vorbei, dessen Namen sie noch nicht einmal kannte. Er war allein im Laden und begrüßte sie gewohnt freundlich beim Nachnamen.
Als sie ihre Tomaten zahlte, sprang sie über ihren Schatten. "Wie geht es ihnen?" Der Kaufmann stutzte kurz und war sichtlich überrascht.
"Danke, es geht mir gut". Er rang augenscheinlich ein wenig um Fassung. Ermutigt von der positiven Reaktion, fasste Margarete Mut und traute sich nachzulegen. "Würden sie mir etwas mehr von sich erzählen? Wie sind sie zu dem schönen Laden gekommen, den haben sie doch noch gar nicht so lange.
Fast erleichtert fing der türkische Händler an zu erzählen. Er stellte sich vor, erzählte seine Geschichte und bald stellten die beiden viele Gemeinsamkeiten fest. Sie waren beide verwitwet und hatten erwachsene Kinder, die fest im Leben standen und beruflich erfolgreich waren. Sie wechselten zum Du und plauderten eine gute Stunde. Irgendwann sagte Margarete. "Interessant, Ilyas, dass du vor deinem Vorruhestand auch auf der Zeche gearbeitet hast. Genau wie mein Mann. Leider gab es einen Unfall und er ist unter unklaren Umständen dabei ums Leben gekommen."
Ilyas schluckte und eine winzige Träne rann über seine Wange.
" Margarete, was denkst du, woher ich deinen Namen kenne. Dein Mann war ein Held. Er hat uns alle gerettet und sich selbst dabei in tödliche Gefahr gebracht. Wenn du möchtest, erzähle ich dir gerne, was damals passiert ist" .
Margarete war fast 60 Jahre alt geworden und lernte so intensiv wie nie zuvor, dass manchmal mehr hinter den Menschen steckt, als man glaubt. Oder glauben will.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Winterrose am 25.08.2021:
Eine wirklich schöne Geschichte über Vorurteile. Super geschrieben!




geschrieben von Stephan Heider am 26.08.2021:
Vielen lieben Dank.




geschrieben von Susi56 am 26.08.2021:
Ja, so ist das mit den Vorurteilen. Ich erwische mich auch manchmal... Und es ist gut, dass wir immer mal drüber stolpern. 😀👍🏻 Gut gemacht und sehr nett geschrieben.




geschrieben von Stephan Heider am 26.08.2021:
Danke schön Susi 😊

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