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2xhab ich gern gelesen
geschrieben 2018 von Christine Todsen.
Veröffentlicht: 09.04.2018. Rubrik: Fantastisches


Der Chronoquestioner

Wir schreiben das Jahr 2920. Die gesamte Erde ist ein einziger Staat, es gibt nur noch eine einzige Sprache (Irdisch) und eine einzige Währung (Erdtaler). Die Regierung in der Hauptstadt Terrestria betreibt Außenpolitik mit anderen Himmelskörpern und kümmert sich ansonsten um die Innenpolitik, also alles, was auf der Erde zu regeln ist. Das ist ziemlich viel, denn trotz gemeinsamer Staatsangehörigkeit, Sprache und Währung zanken sich die Erdbewohner immer noch.

Die Technik hat sich in den vergangenen 900 Jahren enorm weiterentwickelt. Auf den Airports, die einst für Flugzeuge gebaut wurden, starten und landen nun Raketen inner- und außerterrestrischer Linien. Staunend betrachtet man in den Museen die Computer aus den Anfangsjahren des Jahrtausends. Inzwischen gibt es Erfindungen, die sich die damals Lebenden nie hätten vorstellen können, zum Beispiel den Chronoquestioner.

Hören wir uns an, wie die Erdbewohnerin Ixi, Jahrgang 2900, ihrer Tante Aia, Jahrgang 2860, den Chronoquestioner erklärt. Beide wohnen in Berlin, der größten Stadt der Erdprovinz Deutschland.

„Wie du schon weißt, handelt es sich beim Chronoquestioner um eine Zeitmaschine, mit der man Personen aus der Vergangenheit befragen kann.“

Misstrauisch beäugt Aia das Gerät auf dem Tisch. „Finde ich grässlich. Gespräche mit Toten!“

„Wir sprechen nicht mit Toten!“, erläutert Ixi. „Höchstens in dem Sinn, dass es sich um inzwischen verstorbene Personen handelt. Aber per Chronoquestioner kontaktieren wir sie zu ihren Lebzeiten. Wir geben den Namen mit allen erforderlichen Angaben sowie den gewünschten Zeitpunkt in das Gerät ein.“

„Und dann?“, fragt Aia skeptisch. „Melden die sich wirklich und lassen sich interviewen?“

„Leider nicht immer. Wenn man Namen von Prominenten in den Chrono eintippt, kommt in der Regel sofort der Hinweis: ‚Nicht erreichbar‘.“

„Wie verständigt ihr euch denn? Unser Irdisch gibt’s doch erst seit ungefähr 200 Jahren.“

„Der Chrono dolmetscht simultan.“

Aia runzelt die Stirn. „Ich kann mir das noch immer nicht vorstellen. Auf welche Weise kontaktiert ihr die Leute denn überhaupt?“

Geduldig erklärt ihre Nichte ihr das Prinzip der Zeitmaschine. „Der Chrono kommuniziert durch Funkwellen, die in Hirnbereiche dringen, welche beim Träumen eine Rolle spielen. Dadurch erschrecken die Personen nicht, wenn sie aus der Zukunft angefunkt werden, denn im Traum erlebt man ja ebenfalls die sonderbarsten Sachen, ohne sich darüber zu wundern. Wenn der Chrono den Kontakt zu den Personen aufgebaut hat, informiert er sie zunächst über die Möglichkeit, Interviews abzubrechen oder auch ganz abzulehnen. Gegebenenfalls erscheint dann bei allen späteren Anfragen der Vermerk ‚Nicht erreichbar‘ auf dem Bildschirm.“

*

„Sag mal, Ixi“, erkundigt sich Aia einige Monate später, „ich würde gern jemandem, der im 21. Jahrhundert gelebt hat, etwas mitteilen. Könntest du das mit deinem Gerät für mich machen?“

Überrascht schaut Ixi sie an. „Theoretisch ja. Eigentlich ist der Chronoquestioner zwar nur für Fragen gedacht, aber Mitteilungen müssten auch funktionieren. Wer ist das denn, und worum geht es?“

Nachdem ihre Tante ihr alle benötigten Informationen gegeben hat, setzen sich beide vor den Chronoquestioner. Es klappt nicht sofort, aber schließlich erscheint auf dem Monitor das Bild eines freundlich dreinblickenden Herrn. Mit einer Mischung aus Grusel und Faszination betrachtet Aia das erste Chronoquestioner-Bild ihres Lebens. Ixi drückt eine Taste und wendet sich an den Mann aus dem 21. Jahrhundert.

„Hallo, hier sind Aia und Ixi. Wir leben im Berlin des Jahres 2920 und haben eine schöne Nachricht. Sie sind doch der Projektleiter des Flughafens BER? Er ist vorige Woche fertig geworden!!!“

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Weißehex am 11.04.2018:
Da hat der Projektleiter sich bestimmt gefreut bei einer so guten Nachricht :D Klasse Idee und schöne Geschichte!

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