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geschrieben von Altmarkwolf.
Veröffentlicht: 23.04.2018. Rubrik: Unsortiert


Grünkäppchen, der Wolf und Oma Trudchens Lebkuchen / Ein weihnachtliches Märchen aus der Altmark

Es war einmal ein Junge, den nannten alle nur „Grünkäppchen“. Er war nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener. Und alle nannten ihn Grünkäppchen, weil sein Vater ihm im Krankenhaus aus lauter Langeweile eine grüne Mütze gehäkelt hatte. Grünkäppchen war zunächst von seinen Mitschülern gehänselt worden wegen seiner grünen Mütze, aber nach 3 Tagen bemerkten schon einige Mitschüler kleinlaut, dass sie gerne auch so eine „coole“ Mütze haben wollten. Grünkäppchen fühlte sich durch seine Spitznamen auch nicht gemobbt. Er war sehr für Ackerbau, Viehzucht und Umweltschutz. Und als Fan des VfL Wolfsburg war das Tragen einer grünen Mütze Ehrensache.
Grünkäppchen lebte, wie es der Zufall so wollte, in Grünenwulsch. Natürlich! Und er hatte eine Oma in Dobberkau, „Oma Trudchen“. Das heißt, eigentlich war sie gar nicht seine Oma. Oma Trudchen war die Oma aller Kinder. Schon in jungen Jahren hatte sie graue Haare. Sie hatte nie geheiratet und auch keine Kinder gehabt, aber alle nannten sie Oma Trudchen, weil sie so kinderlieb war. Und sie war eine unzerstörbare altmärkische Frohnatur. Alle liebten Oma Trudchens Lebkuchen. Sie waren die besten Lebkuchen der Welt und – sie dufteten nach Heimat. Ihr Vorrat an Lebkuchenherzen in der großen Keksdose auf dem Schrank in der Stube ging niemals zur Neige. Und Oma Trudchen gab mit Freude.
Grünkäppchen war, als er noch kleiner gewesen war, oft bei Oma Trudchen gewesen. Sie kümmerte sich um die Kinder, wenn die Eltern nicht konnten. So hatte Grünkäppchen oft mit Oma Trudchen, seiner Adoptivoma, die Kaninchen gefüttert, die Eier aus dem Hühnerstall geholt, „Altmärkische Hochzeitssuppe“ gekocht oder Lebkuchen gebacken.
Grünkäppchen mochte Oma Trudchen sehr. Aber jetzt war Oma Trudchen krank geworden. Die Ärzte hatten von „Parkinson“ und „kürzertreten“ geredet. Grünkäppchen sagte sich: „Nun will ich Oma Trudchen auch mal was Gutes tun!“ An einem nebeligen Novembertag hatte er nach der Schule zusammen mit seinen Eltern Lebkuchen gebacken. Und Grünkäppchen wollte nun ein Lebkuchenhaus für Oma Trudchen bauen. Eigentlich sollte es ein Forsthaus mit einem Playmobil-Förster werden. Das Forsthaus sah aber aus wie ein Bunker und der Hochsitz, den Grünkäppchen dazu gebaut hatte, sah aus wie ein Kirchturm. Naja, ein großer Künstler als Zuckerbäcker war er nicht, aber Oma Trudchen konnte ja mit dem Herzen sehen. Sie würde sich sicher über den Kirchen-Forsthaus-Bunker freuen. Zur Sicherheit stellte Grünkäppchen noch die Lutherfigur, die er zur Konfirmation bekommen hatte, neben den Förster. Dann packte er alles in einen Karton und machte sich auf den Weg zu Oma Trudchen nach Dobberkau. Da sein Fahrrad kaputt war, musste er laufen. An der Tür sagten seine Eltern noch: „Pass auf den Verkehr auf im Wald zwischen Grassau und Friedrichsfleiß. Da gibt’s Raser. Und nimm dich vor dem Wolf in Acht.“ Da platzte Grünkäppchen der Kragen und er bellte seine Eltern, halb im Scherz, an: „Ihr habt wohl Zuviel „Rotkäppchen und er böse Wolf“ gelesen. Ihr seid voll peinlich! Informiert euch gefälligst ordentlich zum Thema Wolf, z.B. auf der Internetseite des Mitteldeutschen Rundfunks. Bis nachher!“ Rumms, fiel die Tür ins Schloss. Nachdem Grünkäppchen zum Wald hinter Grassau gekommen war, dachte er aber doch an den Wolf und bemühte sich möglichst laut zu sein. Und da gerade keine anderen Leute in Sicht waren, begann er mit seiner krächzenden Stimmbruchstimme Adventslieder zu singen. Die hatte er aus Oma Trudchens Gesangbuch gelernt. Oma Trudchen mochte nämlich auch gerne Singen. „Macht hoch die Tür“, „Tochter Zion freue dich“, „Wir sagen euch an den lieben Advent“, „Stille Nacht, heilige Nacht“ oder „O du fröhliche“. Der Wald lauschte mit größter Andacht. Dann stimmte Grünkäppchen ein von ihm selbst gedichtetes Lied an:
(Melodie: Mitt hjerte alltid vanker)
Mein Herz will treu und feste / zum Stall von Bethlehem.
Nicht in die Prachtpaläste, / zum Retter will ich gehen.
Glaub‘, Hoffnung und die Liebe, die haben dort die Macht.
Ich kann dich nicht vergessen, du holde Weihnachtsnacht.
Meister Isegrim, der in einiger Entfernung auf Wildschweinfrischlinge gelauert hatte, gab Fersengeld. Die Menschen sind viel zu stressig und zu laut.
Wer allerdings hinter der nächsten Wegbiegung auftauchte, das war Wolfhard Wolfermann, ein in der Region bekannter Tunichtgut, Lüstling und Dummschwätzer. Grünkäppchen dachte nur: „Oh nein, bitte nicht!“ Aber da ergoss sich schon Wolfhard Wolfermanns wehleidiger Sermon über ihn. Und, wie üblich, erzählte er von amerikanischen Bankern, die ihn um sein Erbe betrogen hatten, von australischen Einwanderungsbehörden, die seine DDR-Ausbildung nicht anerkannt hatten und von den türkischen Erdogan-Beamten, die ihn wegen allzu lauten Redens eingesperrt hatten. Schließlich fragte Wolfhard Wolfermann wie üblich nach Geld. Die Standardantwort, um Wolfhard Wolfermann abzuwimmeln, war immer: „Sie können gerne heute Abend zu uns kommen. Eine Schmalzstulle und etwas Kaffee haben wir immer. Geld geben wir aber keins!“ Das sagte auch Grünkäppchen. Alle wussten, dass Wolfhard Wolfermann zu feige war, um wirklich zu kommen. Zum Schluss, bevor er sich Richtung Hohenwulsch wandte, fragte er noch: „Wo willst du eigentlich hin?“ „Zu Oma Trudchen“, antwortete Grünkäppchen. „Grüß sie mal von Wölfchen Wolfermann!“, sagte Wolfhard Wolfermann noch, bevor sie sich trennten.
Im Wald zwischen Friedrichsfleiß, Schorstedt und Dobberkau beobachtete Grünkäppchen noch einen Sprung Rehe, einen Fuchs und 2 Feldhasen. Davon erzählte er Oma Trudchen später. Sie war nicht gut zufrieden und lag im Bett. Sie freute sich aber wie ein Schneekönig über Grünkäppchens Kirchen-Forsthaus-Bunker. Grünkäppchen erzählte von der Schule, der Jugendfeuerwehr, dem Sportverein und der Begegnung mit „Nervensäge“ Wolfhard Wolfermann im Wald. „Der ist wieder im Lande?“ fragte Oma Trudchen. „Wieso? Kennst du ihn?“ fragte Grünkäppchen. „Und ob!“, sagte Oma Trudchen,“Er hatte große Pläne nach der Wende und wollte sein Glück in Amerika machen! Leider hat er sehr viele unschöne Dinge erlebt. Er soll nur mit seinem deutschen Reisepass und den Kleidern auf dem Leibe letztes Jahr auf dem Berliner Flughafen gesehen worden sein. Ich wusste nicht, dass er wieder in die Altmark zurückgekehrt ist. – Weißt du was? Wenn du ihm heute nochmal begegnest, dann gib ihm das von mir.“ Oma Trudchen öffnete die Schublade ihres Nachttisches und gab Grünkäppchen eine kleine Papiertüte.
Tatsächlich traf Grünkäppchen Wolfhard Wolfermann nochmal an diesem Abend. Bevor ihn Wolfhard Wolfermanns geballter Redeschwall treffen konnte, sagte Grünkäppchen:
„Bitte schön! Mit einem Gruß von Oma Trudchen.“ Die Papiertüte wechselte den Besitzer und Wolfhard Wolfermann war zum ersten Mal seit längerer Zeit sprachlos. Ehe er sich bedanken konnte, war Grünkäppchen schon hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden. Wolfhard Wolfermann hörte nur noch Grünkäppchens neustes Lied durch den abendlichen Wald schallen:
(Melodie: Fra Fjord og fjære)
Die Engel singen / heut‘ ihr Halleluja.
Dem Herrn sie bringen / ihr hohes Loblied dar.
Zur Erde kam er. / Die Zeit erfüllet war.
Marie‘ die Mutter, / den Retter sie gebar.
O Jesus Christus, gegrüßet seist du mir.
Hinter dem nächsten Hügel lag Meister Isegrim rund und satt. Er hatte sich an einem Reh gütlich getan, das ein Trailer auf der Straße nach Rochau überfahren hatte.
Wolfhard Wolfermann war inzwischen in seiner Bleibe angekommen, einem halbverfallenen Haus, das niemandem gehörte. In der Papiertüte fand er 3 von Oma Trudchens Lebkuchenherzen, die den Duft von Heimat verströmten. – Eine große, dicke Träne kullerte über Wolfhard Wolfermanns Wange. An diesem Abend schrieb er einen langen Brief an Oma Trudchen. Er erzählte ihr seine Lebensgeschichte. Diesmal aber ohne Selbstmitleid und Rumgeschwafel. Der Brief, den er am nächsten Morgen in Oma Trudchens Briefkasten steckte, endete mit den Worten: „Danke, daß du mir den Glauben an das Gute im Menschen wiedergegeben hast Oma Trudchen. Einen gesegneten Advent. Dein Wölfchen.“
Und die Moral von der Geschicht‘?
(Melodie: Macht hoch die Tür)
Komm, o mein Heiland Jesus Christ, /
Meins‘ Herzens Tür dir offen ist. /
Ach zieh‘ mit deiner Gnaden ein; /
Dein Freundlichkeit auch uns erschein./
Dein Heil’ger Geist und führ und leit /
Den Weg zur ew‘gen Seligkeit. /
Dem Namen dein, o Herr, /
Sei ewig Preis und Ehr.“
P.S.: Oma Trudchen starb ein paar Monate später und Generationen von „Lebkuchenkindern“ kamen zu ihrer Beerdigung. Ihr Grab war immer gepflegt.
Grünkäppchen wurde Parkranger im Nationalpark Harz.
Wolfhard Wolfermann fand wieder zu einem geordneten Leben.
Und Meister Isegrim wundert sich über die vielen Wildschweine und die vielen Waschbären.

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