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8xhab ich gern gelesen
geschrieben 2022 von Conny Ohnelly (Ohnelly).
Veröffentlicht: 14.04.2022. Rubrik: Fantastisches


Zeit gespart

„Ich hab' schon wieder volle 2 Minuten gespart!“ Mario sitzt mit seiner Familie beim Frühstück und sieht sich triumphierend um. „Aha und wobei?“ Fragt seine Mutter. „Wahrscheinlich beim Zähneputzen.“ Meint sein Bruder Alex trocken. „Nein!“ Mario wirft ihm einen entsprechenden Blick zu. „Beim Anziehen. Kein Gürtel und keine Verschlüsse mehr.“ Er steht auf, hebt das T-Shirt und zeigt auf den Gummibund seiner Jogginghose. Er setzt sich wieder, hebt dann ein Bein in Tischhöhe und zeigt seinen Schlupfschuh. „Und auch keine Schnürsenkel mehr. Spart insgesamt 2 Minuten. Jeden Morgen und jeden Abend. Das macht ungefähr einen ganzen Tag pro Jahr.“

Marios Vater lächelt milde. Es ist nicht die erste Zeitersparnis mit der sich sein Sohn beschäftigt. Neulich erst hatte er sich überlegt nun täglich immer genau das gleiche zum Frühstück zu essen, damit er weniger Zeit zum überlegen braucht. „Sag mal Mario, was hast du eigentlich mit all der gesparten Zeit vor?“ Mario legt den Kopf schief. „Das weiß ich noch nicht genau, das überleg' ich mir noch.“

Mario hat lange überlegt. Sehr lange. In der Zwischenzeit war er als Unternehmensberater im Bereich der Prozessoptimierung beschäftigt und konnte dort Unmengen an Zeit einsparen. Er war verheiratet, bekam zwei Kinder und sparte auch gemeinsam mit seiner Familie im Alltag soviel Zeit ein wie nur irgend möglich.

Stets dafür von Allen belächelt, bastelte er zudem in seiner kleinen Werkstatt unaufhörlich an Uhren-ähnlichen Apparaten. Er optimiere den Prototyp einer Zeitspar-Uhr, erklärte er Anfangs noch. Mit den Jahren aber erklärte er gar nichts mehr. Auf Nachfragen brummelte er nur noch irgendwelches unverständliches Zeugs. Seine beiden Söhne hatten längst das Haus verlassen, er selbst war mittlerweile geschieden und in Rente gegangen.

Jede Nacht brannte in seiner Werkstatt noch lange das Licht. Als eine Nachbarin irgendwann bemerkte, wie abgemagert und verkommen der mittlerweile sehr alt gewordene Mann aussah, wandte sich die besorgte Frau an den sozialpsychatrischen Dienst. Mario bekam einen gesetzlichen Betreuer und wurde in eine Einrichtung gebracht.

Als er dort seine erste Nacht antrat, saß er auf dem fremden Bett und streichelte zärtlich die alte Taschenuhr in seiner Hand. Jetzt wusste er ganz genau wozu er all die hart ersparte Zeit verwenden würde. Er drückte entschlossen auf einen leuchtenden Knopf in der Mitte vom Gehäuse.

„Ich hab' schon wieder volle 2 Minuten gespart!“ Mario sitzt mit seiner Familie beim Frühstück und sieht sich triumphierend um. „Aha und wobei?“ Fragt seine Mutter. „Wahrscheinlich beim Zähneputzen.“ Meint sein Bruder Alex trocken...

8xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christelle am 15.04.2022:
Kommentar gern gelesen.
Mir gefällt der Aufbau der Geschichte. Es klingt, als begleite man Mario auf seinem Lebensweg, um dann festzustellen, dass er immer noch mit seiner Familie am Frühstückstisch sitzt. Die Geschichte regt zum Nachdenken an! Man könnte sie auch aufs Geld übertragen. Was macht man am Ende mit dem gesparten Geld? Man finanziert einen Platz im Altenheim.




geschrieben von die Juditha am 15.04.2022:
Kommentar gern gelesen.
eine sehr schöne Geschichte! Ich glaube, sie ist anders gemeint: Seine ersparte Zeit kann er so invenstieren, dass er sich "zurückbeamt" - für einen zweiten Versuch... oder für das ewige Leben... (allerdings wäre mir letzteres zu stressig...)




geschrieben von Ohnelly am 15.04.2022:

Ich habe eure Diskussion verfolgt. Leider bin ich noch im ersten Monat in dem meine Beiträge und Kommentare erst nach Überprüfung online gestellt werden. Daher konnte ich nicht zeitnah antworten. Hier der Text der dazwischen gehört-----------------------Hallo ihr beiden. Danke für eure Beschäftigung mit meiner Geschichte. Ich vermute es liegt an mir. Obwohl ich die Interpretation von Christelle wirklich spannend finde, war es ursprünglich so gedacht wie die Juditha vermutet. Es zeigt mir, dass ich eindeutiger werden sollte. Vielleicht hätte ich schreiben sollen, dass er -wieder- mit seiner Familie am Frühstückstisch sitzt? Der direkte Sprung ins genau zeitgleiche "Jetzt" beim Frühstück war aber durchaus beabsichtigt. Lieben Dank an euch, ich übe weiter!




geschrieben von Ben Warrik am 15.04.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ich hatte am Schluss gedacht, dass er die Zeit dazu nutzte, eine Art Zeitmaschine aus der Taschenuhr zu basteln.




geschrieben von Ohnelly am 15.04.2022:

Danke Ben Warrik! Ich hatte mir das so gedacht: Die von Mario erfundene Zeitsparuhr gibt am Ende die gespeicherte Zeit mit dem Knopfdruck wieder frei, es funktionert also wirklich ähnlich einer Zeitmaschine und solange er sich nicht an irgendeinem Punkt anders entscheidet, kann er wenn er mag "ewig" in seiner persönlichen Zeitschleife bleiben. Dass ich euch die Geschichte hier genauer erklären möchte ist bestimmt kein gutes Zeichen. Ich versuche es beim nächsten Mal eindeutiger zu beschreiben.




geschrieben von Christelle am 15.04.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ja, ihr habt recht. Dass Mario zum Schluss auf den Knopf seiner Taschenuhr drückt, spricht dafür, dass er sich zurückbeamt. Der Vergleich mit dem Geld war mein erster Gedanke.




geschrieben von Ben Warrik am 15.04.2022:
Kommentar gern gelesen.
Danke für die Erklärung Conny. Hin und wieder ein paar Uneindeutigkeiten finde ich gar nicht so schlimm :) Regt ja die Fantasie des Lesers an usw.




geschrieben von uli_friedberg am 18.04.2022:
Kommentar gern gelesen.
....können wir wirklich Zeit sparen?... die Geschichte hat mich wieder zum Nachenden über dieses Thema angeregt... ich hatte mir das auch so gedacht, das Mario am Ende wieder zum Frühstück mit der Familie zurückkehrt, würde das jedoch - wie Du es bereits angemerkt hast - noch deutlicher herausarbeiten....




geschrieben von Ohnelly am 19.04.2022:

Danke uli_friedberg für deine netten Worte. Bei zukünftigen Geschichten dieser Art habe ich vor es genauer zu beschreiben.




geschrieben von B.A.Leif am 26.04.2022:
Kommentar gern gelesen.
In der Rubrik Fantastisches ist Genauigkeit meiner Meinung nach nicht so wichtig. Ich finde die Geschichte auch deshalb so gut, weil jeder sie für sich anders interpretieren kann.




geschrieben von Metti am 05.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Vielleicht nutzt Mario seine zweite Chance, setzt sich am Abend gemütlich in den Sessel und liest das Buch "Momo".




geschrieben von Ohnelly am 05.05.2022:

Ein großes Dankeschön an Alle! @ B:A. Leif, ich finde wirklich interessant wie verschieden das doch eingeschätzt wird. @ Metti, ja ich habe schon von Momo gehört, aber es bisher nie gelesen, ich weiß nur dass es darin auch um Zeit geht. Vielleicht lese ich es mit Mario gemeinsam :-)




geschrieben von Metti am 05.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Du wirst bei Momo womöglich einige Parallelen zu Deiner Kurzgeschichte feststellen. Das Buch lohnt sich.




geschrieben von Ohnelly am 07.05.2022:

Hallo Andreas! Du wirst lachen, ich konnte gar nicht mehr aufhören. Ich habe jetzt über drei Abende Mario von Momo vorgelesen und er sagt, hätte er die Geschichte schon vorher gekannt, hötte er bestimmt vom Bau einer Zeitsparuhr Abstand genommen. Man sieht ja wie viel Schlimmes geschehen kann... ;-) Ich danke dir für die Buchempfehlung. Was für eine tolle Geschichte!!! :-) Lieben Gruß! Conny

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