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7xhab ich gern gelesen
geschrieben 2022 von Conny Ohnelly (Ohnelly).
Veröffentlicht: 12.05.2022. Rubrik: Unsortiert


Inselbegabung

Ich sitze auf meiner Insel und treibe langsam mit der Strömung auf dem träge fließenden Fluss dahin. Das Wetter ist gut und es sitzt sich angenehm. Sehr viel scheine ich ja noch nicht zu wissen, aber eines ist mir klar geworden: Diese Insel ist alles, was ich habe. Es ist meine Insel und davon kann ich wohl auch gar nicht runter. Kann wahrscheinlich niemand, denn selbst die beiden Inseln meiner Eltern waren ja nur angedockt.

Neulich bin ich Carmen begegnet. Unsere Inseln waren sich wohl ziemlich ähnlich. Sie hat mir ihre Geschichten erzählt, und ich ihr die Meinen. Wir hatten eine Menge Spaß zusammen und haben uns eine ganze Weile gemeinsam weitertreiben lassen. Dann gingen uns die Geschichten aus und sie begann mir einige Fragen zu stellen. Dank ihr hatten wir jetzt also ein wirkliches Gespräch.
Wo ich denn hinwollen würde und was ich vorhätte aus meiner Zeit zu machen? Ganz Ehrlich? Ich hatte überhaupt keine Ahnung. „Aber es ist doch deine Insel und dein Leben! Du musst damit doch irgendwas machen,“ hat sie gesagt und dabei ihren Kopf geschüttelt. Carmen selbst hatte viele Pläne, sie wollte es sich zuerst einmal richtig gemütlich machen auf ihrer Insel, sie einrichten und dann verbessern, vor allem hier und auch dort. Und dann ... Mir wurde ganz schwindlig von all ihren Vorhaben. Sie kannte die besten Inseln bei denen ich fantastische Dinge bekommen würde, die alles noch viel schöner machen würden und hat mir von jeder einzelnen berichtet. Zugegeben, ihre Insel war schon irgendwie hübscher als meine. Ich hatte vorher nur noch nie darüber nachgedacht. Vielleicht hatte sie ja recht? Nach einer Weile schien sich Carmen mit mir zu langweilen. Als ich es merkte, machte mich das traurig und ich dachte mir schnell noch einige neue Geschichten für sie aus, doch vergebens, irgendwann zog Carmen einfach weiter und ich war wieder allein unterwegs,

Natürlich treffe ich unterwegs den einen oder anderen, aber keiner kann mir so recht sagen, wie man herausfindet, was man mit seiner Zeit vorhaben will. Eigentlich bin ich ja ganz zufrieden gewesen, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass vielleicht doch etwas fehlt. Wahrscheinlich bin ich einfach zu nichtssagend. Ich brauche irgendetwas Interessantes.

Den Ersten der vorbei kommt und Sachen hat, mit denen man etwas verschönern kann, rufe ich heran, und ich habe Glück. Für ein paar meiner Geschichten bekomme ich Dinge, von denen ich glaube, sie könnten mich interessanter machen. Später treffe ich auf einen Jungen, der sagt ich müsse nicht nur dasitzen, ich solle etwas machen, etwas Spektakuläres, vielleicht ein großartiges Ding herstellen, etwas, das noch nie da gewesen ist oder wenn ich Kunststücke einüben würde die sonst keiner kann, das wäre doch was … Ich bin echt froh, dass er wieder weg ist. Ich bekam in seiner Nähe kaum noch Luft.

Eine betagte Insel kreuzt meinen Weg. Eine alte Dame mit freundlichen Augen hört sich in Ruhe meine Geschichten an. Ich schütte ihr mein Herz aus und sie hört mir nachdenklich zu. „Vor allem solltest du nicht auf andere hören, hör lieber auf dein Herz,“ rät sie mir. „Wünsche dir keine andere Insel als die, die du hast, denn deine Insel ist einmalig. Sie ist deine Persönlichkeit. Wir alle haben nichts anderes. Wir treiben im Hier und Jetzt auf dem Fluss der Zeit, jeder auf seiner eigenen Insel. Viele machen große Pläne und denken sich hinaus aus ihrer Insel nach Morgen oder Übermorgen oder sogar auf ganz andere Inseln. Aber es ist durchaus auch möglich auch ruhig da zu sitzen, zu sein wer man ist und zu sehen was einem selbst gefällt. Man muss sich nicht unbedingt damit beschäftigen was andere Attraktiv finden oder nicht.“ „Aber dann bin ich doch viel zu langweilig,“ widerspreche ich ihr. „Mir nicht.“ Sagt die Alte daraufhin und lächelt. „Und es werden andere kommen, die genauso fühlen. Ich mag deine Geschichten und ich glaube, dass es mehr gar nicht braucht.“

Sie begleitet mich noch eine ganze Weile und ich fühle mich wirklich gut in ihrer Gegenwart. Wir treffen auf einen netten jungen Mann, der scheinbar besonders gerne Geschichten hört. Ich erzähle und erzähle, und merke dabei gar nicht, dass sich die gütige Frau schon längst wieder von uns gelöst hat. Manchmal denke ich an Carmen. Ob sie ihr Glück wohl schon gefunden hat?

7xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Nordlicht am 12.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Sehr schön!




geschrieben von Gari Helwer am 12.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Eine wirklich schöne Geschichte, Conny! Zwischendurch musste ich an Loriot denken: Was machst du? Ich sitze. Mach doch mal was! ... Kennst Du bestimmt. Liebe Grüße!




geschrieben von Ohnelly am 12.05.2022:

Ganz lieben Dank euch beiden! Ich freue mich ganz besonders dass euch auch dieses Thema gefällt :-) @Gari: Ja klar, kenn ich. Ich liebe Loriot!




geschrieben von Christelle am 12.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Eine schöne Metapher!




geschrieben von Ohnelly am 12.05.2022:

Dankeschön! :-)




geschrieben von Horst Radmacher am 13.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Sehr gut. Conny, Du hast einen Meister des Trivialen widerlegt, Johannes Mario Simmel, der einst titelte: "Niemand ist eine Insel".




geschrieben von Ohnelly am 13.05.2022:

Oh, darf ich sowas überhaupt? :-) Danke für den lustigen Gedanken, lieber Horst!

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