Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
6xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 13.05.2022. Rubrik: Unsortiert


Alles, nur kein Stillstand

Simon Hebel geht es gut. Er sitzt in seiner Mittagspause am Rande des Schiffshebewerk Rothensee am Mittellandkanal bei Magdeburg. Der Blick geht weit die Wasserstraße entlang, bis hinter die Ufer der Elbauen. Nicht viele Schiffsbewegungen im Moment, alles ist ruhig, verharrt im Stillstand. In solch einer Situation liest Simon gerne die Einträge im Gästebuch der riesigen Anlage. Oft enden die Kommentare mit der Bemerkung: “Der Herr Hebel, der kann aber auch gut erklären.” Mit einer solchen Aussage ist Simon aufgewachsen. Seine ersten schulischen Leistungen sind eher mittelmäßig. Nur seine Oma Hilde, wenn sie aus Norddeutschland zu Besuch ist, stört das nicht. Sie schwächt aufkeimende Kritik immer mit einem, “Aber erklären kann er gut,” ab.

Simon kann außerdem gut Zusammenhänge verstehen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass er rechtzeitig erkennt, dass diese Kombination im Leben von Vorteil sein könnte. Nach dem Hauptschulabschluss zieht er das volle Programm des Zweiten Bildungswegs durch. Er studiert Soziologie und erwirbt auch einen Abschluss in Wirtschaftspsychologie. Dem Ruf, Dozent oder Lehrer in einer Bildungsanstalt zu werden, folgt er nicht, denn da sieht er für sich die Gefahr des Stillstands durch Verbeamtung. Der junge Akademiker beginnt seine Karriere in einer internationalen Consultingagentur. Nach drei erfolgreichen Jahren dort hat er genügend erfahren und verstanden, um eigene Wege zu gehen.

Simon Hebel wird freiberuflicher Business Consultant, was nichts anderes heißt als Lobbyist zu sein. Und was er macht, macht er gut, denn er kann ja gut erklären und gut Zusammenhänge verstehen. Das, was dieser junge, dynamische Geist in der Gesellschaft seines Landes bewerkstelligt, was er vorantreibt, ist einmalig. Er bleibt dabei immer im Hintergrund; die prominenten Plätze in Talkshows und bei Veranstaltungen überlässt er gerne anderen. Und das sind viele. Kaum ein Politiker des Landes, vom Gemeindevertreter bis hinauf in die Spitzen der Regierung, der nicht von seinem Einfluss profitiert. Und es gibt nur wenige Influencer in den neuen Medien oder Ratgeber in Magazinen, die nicht von ihm gesteuert werden, er ist sozusagen der Trendsetter für die Trendsetter der Nation.

Eines der bedeutendsten Projekte, das er anschiebt, ist der Bau der sogenannten festen Fehmarnbelt-Querung, ein Unterwassertunnel zwischen Dänemark und Deutschland. Diese Maßnahme ist politisch bereits fest beschlossen, doch verharrt irgendwann im Stillstand, es besteht Erklärungsbedarf. Die mehr als stümperhaften Erklärungsversuche verschiedener Politiker der Region, der Vorteil einer solchen Baumaßnahme bedeute eine Einsparung von einer Stunde Fahrzeit zwischen Hamburg und Kopenhagen, ist lachhaft. Er erklärt den Herren, dass man groß denken muss, um Großes zu erreichen; das mit dem Wachstum haben einige von ihnen bereits vorher verstanden.

Simon tritt erstmalig vor die Öffentlichkeit. Seine Argumentationen leuchtet ein, er kann ja gut erklären. Die voh ihm projizierte Vision, auf dem Landweg vom Nordkap in Norwegen bis zum Bosporus in der Türkei gelangen zu können, ohne dabei eine einzige Fähre benutzen zu müssen, wird mit großer Begeisterung aufgenommen. Nur einige wenige Landbewohner dort im hohen Norden sehen darin keinen Vorteil, sie demonstrieren gegen das Projekt. Es sind einfache Menschen, viele mit schlichten Schildern des Protests in ihren Händen. Sie sehen ihren Lebensraum durch den Bau raumgreifender Trassen in Gefahr. Zu seinem großen Entsetzen erkennt Simon bei einem der Protestmärsche seine Oma Hilde inmitten des Protestzuges. Was ist geschehen? Seine liebe alte Großmutter auf solch einer Demo? Er kann es sich nicht erklären.

Das ist der Wendepunkt im Leben des Simon Hebel. Er zieht sich aus allen Geschäften zurück. Seine jüngste Tochter aus zweiter Ehe überredet ihn, sich helfen zu lassen. Stillstandphobie lautet die Diagnose, schwer zu behandeln, aber heilbar.

Und dann will er es noch einmal wissen, was es mit Stillstand und Wachstum so auf sich hat. Simon beginnt Hühner zu züchten, die keine Eier mehr legen, es gäbe auf die Weise also kein Wachstum der Population mehr, absoluter Stillstand. Aber Hühner und Eier würden ebenfalls fehlen, das will auch niemand. Interessant wären seine Forschungen nur für Despoten übervölkerter Staaten, aber denen möchte er auf keinen Fall behilflich sein.

Frustriert wendet er sich wieder seinen Therapeuten zu, er erklärt ihnen sein Problem, die Zusammenhänge erkennen diese sofort. Eine Untersuchung ergibt, Simon leidet unter einer Veränderung an der Hirnregion Substantia nigra, in der Stillstand und Motorik gesteuert werden. Die Neurologen erklären es Simon, er wäre eben doch kein Dynamiker mit Stillstandphobie, sondern ein Stillständler mit einer Dynamikphobie. Gut erklärt, der Zusammenhang ist nachvollziehbar. Ein implantierter Chip zur Steuerung der neurologischen Aktivitäten löst das Problem.

Eine passende Tätigkeit muss nun gefunden werden. Den Job als Wasserrutschenerprober auf Bali lehnt er ab, weil ihm dieser zu schnelldynamisch ist. Der nächste Vorschlag, Etikettenbekleber von Äpfeln im Alten Land, erscheint ihm zu monoton. Auch die Empfehlung, in einem Klärwerk zu arbeiten, spricht ihn nicht an. Dann kommt das Angebot, als Erklärer und Touristenführer auf einem Schiffshebewerk tätig zu sein, das ist genau das Richtige für ihn. Simon Hebel hat seinen Platz im Leben gefunden. Es gibt in dem Job viel zu erklären und Stillstand und Fortschritt halten sich hier die Waage.

6xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Christelle am 14.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Eine für dich typische Geschichte, lieber Horst. Simon Hebel, der so gut erklären und Zusammenhänge verstehen kann, und genau deshalb beruflichen Erfolg hat, kann sich eines nicht erklären: dass Oma Hilde gegen sein Vorzeige-Projekt demonstriert. Von da an ist es aus mit ihm. Nach vielen Diagnosen, die alle mit Dynamik und Stillstand einhergehen, endet die Geschichte dort wo sie beginnt: im Schiffshebewerk. Es klingt wieder so, als wäre Simon Hebel eine reale Person, ist es aber mit Sicherheit nicht. Anders kann ich es mir nicht erklären.




geschrieben von Ernst Paul am 14.05.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ich lese deine Geschichten immer wieder gern.




geschrieben von Horst Radmacher am 14.05.2022:

Danke, Ernst, das freut mich sehr!




geschrieben von Horst Radmacher am 14.05.2022:

Das hast du dir absolut richtig erklärt, liebe Christelle. Danke für deinen Beitrag.

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Der Ritter mit den langen Haaren
Der Erlkönig
Lieber ein Spatz in der Hand
Im Bauch der Flasche
Geschmackssache