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7xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 25.08.2022. Rubrik: Unsortiert


Zu viel der Worte

Für manche ist Briefmarkensammeln langweilig. Das empfindet Timo Harms ganz anders. Seit er als kleiner Junge sich zusammen mit seinem Großvater intensiv mit dessen Sammlung beschäftigt hat, sind ihm diese bunten, gezackten Schönheiten vertraut. Nicht allein die große Anzahl der Marken hat ihn fasziniert, es waren auch die Geschichten, die sein Opa zu vielen Motiven zu erzählen hatte. Er mochte sie sehr, diese Erzählungen in dem ruhigen Ton, in einer angenehm altmodischen Art der Sprache vorgetragen. Das formte Timos Gedächtnis für Sprache. Ein Teil seines Weltbilds ist auf diese Weise auch entstanden ebenso eine unterschwellige Sammlerleidenschaft.

Nach dem Tod des Großvaters erbte Enkel Timo die umfangreiche Briefmarkensammlung und hielt sie in einem guten Zustand. Die Sammlung so akribisch weiterzuführen wie der Alte, das vermochte er allerdings nicht, er fand ohne sein Vorbild nicht den gleichen Zugang zu dieser Leidenschaft. Eines hatte er sich aber vorgenommen, er würde einen Teil der Sammlung komplettieren. Der Großvater hatte irgendwann begonnen, die Sammelobjekte einzugrenzen. Übrig blieben nur die Oberbegriffe 'Deutschland' und 'DDR', damit war er ausgefüllt. Die Unterteilung der Sammlung in zwei deutsche Staaten hatte Timo erst nach der Wende 1989 so richtig verstanden, als die DDR 'abgewickelt' wurde; es kamen ganz einfach keine neuen Briefmarken mehr auf den Markt - ein genialer Umstand für Sammler. So konnte man es schaffen, ein Land komplett in einer Sammlung zu haben. Die wenigen Lücken von DDR-Marken in Opas Sammlung konnte Timo nach einigen, aufwändigen Recherchen schließen und beendete damit einen Teil des philatelistischen Ziels seines Großvaters und für sich das Thema Briefmarkensammeln.

Die Neigung zum entspannten Dasein, wie er es in der bunten Welt der Briefmarken immer geschätzt hatte, wo sich alles auch ohne viele gesprochene Worte ergab, übernahm er in sein Leben. Das wenige, was zu sagen war, musste für ihn immer kurz und konkret sein. Seine Sammelleidenschaft ging allerdings weiter, ohne dass er sich dessen bewusst war. Es waren immaterielle 'Sammelstücke', spezielle Worte und Redewendungen, die an ihm haften blieben.

Auf einen korrekten Umgang mit der deutschen Sprache hatte Timo Harms schon immer Wert gelegt. Die im modernen Sprachgebrauch inflationär verwendeten Sprachhülsen, Floskeln und andere rhetorische Unarten, waren für ihn kaum zu ertragen. Er konnte sie einfach nicht mehr hören, die ständigen Formulierungen, “nicht wirklich”, “alles gut, alles gut”, das eingesungene “okayeeeh”, das allgegenwärtige 'mega' oder das Ankündigen eines Fazits, mit einem geschmeidigen “und am Ende des Tages...” u. a. m.. Dass in einer Sprache auch Plattitüden gelebt werden, damit konnte er umgehen. Aber dass in kurzen Abständen immer wieder überflüssige Redewendungen zum Kult erkoren wurden, und sich wie eine Epidemie ausbreiteten, das störte Timo Harms gewaltig.

In seinem Beruf als Studienrat für Deutsch und Geschichte konnte er weitgehend den Jugendjargon seiner Schüler akzeptieren. Handelte es sich dabei aber um 'Denglisch', wurde er schon mal ungemütlich. Noch schlimmer erging es ihm mit seinen Kollegen. Bis auf wenige Ausnahmen waren diese alle mit einem Mischmasch aus deutschen Worthülsen und 'Denglisch' unterwegs; kaum zu ertragen. Und im Privaten ging es weiter. Es gab bald keine Talkshow mehr, in der nicht mit solchen rhetorischen Krücken gearbeitet wurde. Waren mehrere Teilnehmer in einer lebhaften Gesprächsrunde versammelt, wirkte das auf Timo wie eine außer Kontrolle geratene Kakophonie; bei längerem Zuhören wähnte er sich wie in einer Horde logorrhoischer Schimpansen. Das Resultat, er vermied es, längere Interviewformate zu verfolgen.

Beruflich traf es sich gut, dass Timo in dieser Phase das interessante Angebot erhielt, als Lektor in einem Verlag für historische Bücher tätig zu werden. Er nahm es an und fühlte sich hier besser aufgehoben. Die Wortverunstaltungen, die ihm dort begegneten, traten seltener auf.

Aber seine Befindlichkeit verschlechterte sich dennoch. Anlässlich einer privaten Feier, bei der auch viel 'gesabbelt' und getrunken wurde, verlor er die Kontrolle über sich, als die Gesprächsrunde zunehmend chaotischer wurde und ständige Wiederholungen von Plattitüden die Runde dominierten. Er, der bislang unauffällig im Umgang mit anderen Menschen gewesen war, brach aus und verfiel als Reaktion auf das unsortierte Gesülze in einen kaum zu bremsenden Redeschwall und war in der Situation zu keiner normalen Konversation mehr fähig. Die von ihm konsumierte Menge Alkohol hatte dieses sicherlich befeuert, war aber nicht die ausschließliche Ursache für seinen polyphrasischen Anfall. Alle Anwesenden waren zunächst belustigt, dann aber mehr und mehr entsetzt. Seine Mutter, eine erfahrene Logopädin, kannte solche Erscheinungen. Es betraf zwar nicht ihr ureigenes Fachgebiet, sie besaß jedoch ausreichend Erfahrung, um erkennen zu können, dass hier die Linie zum pathologischen Verhalten überschritten worden war.

Sie empfahl ihrem Sohn später, belastende Gesprächsrunden zu meiden und beruflich kürzer zu treten. Seine Vorgesetzten zeigten Verständnis für sein Ansinnen, eine Auszeit nehmen zu wollen. Sie bewilligten ihm ein 'Sabbatical' von einem Jahr - schon wieder so ein Unwort für Timo, aber immerhin, er fühlte sich auf dem richtigen Weg.

Sein Plan war es, dem massiven Missbrauch von Sprache aus dem Weg zu gehen, indem er einen Aufenthalt in einem fremdsprachlichen Land anstrebte. Frankreich war sein Ziel. Das Land mochte er und die Sprache beherrschte er ziemlich gut, aber wohl nicht gut genug, um die dort vermutlich auch vorkommenden Sprachhülsen als Fremdsprachlicher auf Anhieb zu erkennen.

Nach einigen entspannten Wochen auf touristischen Pfaden im Nachbarland, ließ er sich einer attraktiven Frau zuliebe im südfranzösischen Narbonne nieder. Seine frische Liebe, die Schauspiellehrerin und Choreographin Simone, leitete an der dortigen Schauspielschule das Ressort 'Natürliche Bewegung und Bühnentanz'. Timo nutzte oft die Gelegenheit, den Übungsstunden seiner Partnerin zuzusehen. Bald war er von dieser Kunst der Darstellung so fasziniert, dass er Kurse an der Akademie belegte, und zwar im Fach Pantomime. Und das mit großem Erfolg. Dabei lernte er, wie man sich auf eindrucksvolle Art ausdrücken kann, ganz ohne Worte.

Timo Harms fand seine Bestimmung in der wortlosen Kunst der Pantomime. Unter dem Künstlernamen TISAMO, für 'Timo sans Mots', verwirklichte er sich als pantomimischer Clown.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Ernst Paul am 25.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
megageil, sehr gern gelesen




geschrieben von Gari Helwer am 25.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Voll cool, Horst, echt krass, besonders der "polyphrasische Anfall", genau! LG ;-)




geschrieben von Horst Radmacher am 25.08.2022:

@ Gari und Ernst: Danke für eure Kommentare: "Voll krass analog!"




geschrieben von Onivido kurt am 25.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
"Floskeln und andere rhetorische Unarten, waren für ihn kaum zu ertragen". Der Kommentar von Ernst Paul ist ein gutes Beispiel.Ich habe die Geschichte mit grossem Interesse gelesen und festgestellt, dass ich zumindest umgangssprachlich zu den Abgehaengten zaehle.




geschrieben von Horst Radmacher am 26.08.2022:

Hola Onivido, Sprache verändert sich, bleibt lebendig. Man muss ja nicht alle neuen Wörter sofort übernehmen. Vom Jugendjargon, auch schon mal 'Jugendsprech'!!! genannt, gehen nur vereinzelt Begriffe in den allgemeinen Sprachgebrauch über. Ich persönlich habe mitunter Schwierigkeiten, manche dieser Wörter überhaupt ableiten zu können. Hasta pronto!




geschrieben von Christelle am 26.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Spannende Geschichte! Ertappe mich dabei, dass ich versuche, solche Allerweltsfloskeln zu vermeiden. Geht nicht immer, ist wahrscheinlich auch nicht schlimm. Und wem das Herz mit irgendeiner Sache fast überläuft, darf sich auch mal wie ein logorrhoischer Schimpanse verhalten. Was soll das sein? Eine Quasselstrippe? Immerhin hat Timo Harms seine wortlose Ausdrucksweise gefunden. Ist aber keine Lösung für jeden, pantomimisch tätig zu werden. Gern gelesen!




geschrieben von Horst Radmacher am 27.08.2022:

Hallo Christelle, gelegentliche sprachliche Fehltritte sind ok; strenger Purismus nervt hier oft. Für 'Quasselstrippe', bei uns im Norden auch 'Sabbelmors' genannt, gibt es tatsächlich einen neurologischen Fachbegriff, wenn es pathologisch wird: Logorrhoe - ein unkontrollierbarer, zwanghafter, starker Wortschwall. Die Nähe zum Begriff 'Diarrhoe' erklärt es schon ein wenig, vor allem im Plattdeutschen.. LG




geschrieben von Christelle am 27.08.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Horst, ich habe mal nachgeschaut, was die Endsilbe -rrhoe bedeutet: Fluss oder Ausfluss. Da passt natürlich auch die Diarrhoe. Es gibt noch mehr Begriffe mit dieser Endsilbe, nicht nur in der Bedeutung von Redefluss, auch Speichelfluss oder Eiterfluss in der Medizin. Habe wieder was gelernt.

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