Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
7xhab ich gern gelesen
geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 08.09.2022. Rubrik: Spannung


Der Kopf des Präsidenten

Über den Dächern von Bayeux ist es an diesem sonnigen Tag Anfang Juni bereits am späten Vormittag ungewöhnlich heiß. Kein Windhauch rührt sich heute, der die kühle Meeresluft von der nahen Küste herantragen könnte. Die zwölf Männer, die hier in schwarzen Uniformen und dunklen Schutzhelmen, verteilt auf den Hausdächern um den Rathausplatz der kleinen Stadt in Stellung liegen, sind es gewohnt, mit widrigen Umständen umzugehen. Es ist ein Elitetrupp der französischen Staatspolizei, zusammengesetzt aus den besten Scharfschützen des gesamten Landes, keine bestehende Einheit, sondern eine speziell für diese Aufgabe rekrutierte Truppe. Sie sollen die Veranstaltung zum Jubiläumstag des D-Days, den Tag, an dem die alliierten Truppen 1944 mit der Landung in der Normandie das Ende des zweiten Weltkriegs einläuteten, gegen eventuelle Attentäter absichern. Sie sind in ihrer Aufmachung äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden.
Einer von ihnen ist jedoch anders, er gehört nicht zur Originalzusammensetzung der Einheit. Es ist der erste Schütze von links, und er ist kein französischer Polizist. Es ist der Deutsch-Israeli Achim Barek. Wie alle anderen Schützen schaut er hochkonzentriert auf das Geschehen um den Platz herum. Es sind noch knapp fünfzehn Minuten bis zum Beginn des Festakts. Achim erlaubt sich jetzt noch einige gedankliche Abschweifungen. Es sind Bilder aus seiner Kindheit und Jugend, die sich im Zeitraffer durch seine Erinnerungen ziehen.
An seine frühe Kindheit in Deutschland hat er nur noch schwache Erinnerungen. Es sind unbeschwerte Tage in einer kleinen Stadt am Unterlauf der Elbe. Dann ziehen Schatten herauf. Seine Eltern mögen die immer stärker werdende antisemitische Strömung in Deutschland nicht länger ertragen und emigrieren nach Israel. Von den Jugendtagen dort hat Achim viele gute Eindrücke gespeichert. Es Sind vor allem die sonnigen Seiten des mediterranen Lebens in Tel Aviv, die er in angenehmer Erinnerung hat. Doch die Lebensumstände bleiben nicht immer so. Hier, wie im gesamten übrigen Land, leben die Menschen mit einer permanenten Bedrohung durch militärische Aktionen, verursacht durch die Spannungen zwischen dem Staat Israel und dem Volk der Palästinenser. Achims Jugendjahre verlieren bald ihre Unschuld. Er erinnert jetzt noch genau den Augenblick, als die Nachricht vom Tod einer seiner Cousinen und des Großvaters die Familie erschüttert. Es gelingt ihm nur mühsam, seine Gefühle nach solch einem Ereignis zu glätten, die sich mit anhaltendem Stress noch negativ verdichten. Achim politisiert sich.
Und hier ist er an dem entscheidenden Punkt seines Lebens angekommen; er tritt in den militärischen Dienst ein, er möchte dem Land dienen. Auf die Zeit bei der regulären Truppe folgt eine Spezialausbildung zum Einzelkämpfer, die in einen Übertritt zu einer Spezialeinheit des Mossads, des israelischen Geheimdienstes, mündet. Sein Leben besteht bald fast nur noch aus Undercover-Einsätzen gegen islamische Einrichtungen. Seine Aktionen sind bei den feindlichen Staaten der Region gefürchtet. Und dann geschieht das Unfassbare. Der iranische Geheimdienst 'Vevak' hat seine Tarnung aufgedeckt und erpresst ihn. Ab jetzt hat er nur noch bedrückende Erinnerungen an diese Zeit. Die Iraner haben seine Eltern und seine jüngere Schwester entführt und drohen mit deren Ermordung. Es sei denn, er würde einen Deal mit ihnen eingehen: Die Freilassung seiner Familie gegen die Ermordung des US-Präsidenten durch ihn; so sollen eventuelle Täterspuren nicht zum Iran zurückzuverfolgen sein. Er erleidet seelische Höllenqualen, entscheidet sich aber letztlich für das Leben seiner Familie. Nach erfolgtem Attentat wäre auch er frei, so die Erpresser. Die Planung und Durchführung einer Flucht aus dieser Situation überlässt man großzügiger Weise ihm.
In Bayeux sind es nur noch wenige Minuten bis zum Eintreffen der erwarteten Staatsmänner. Achim bleibt fokussiert, auch wenn ihm jetzt der Schweiß in Bächen den Körper hinunterläuft. Dann ist es soweit. Der Autokorso biegt ein und hält auf dem Rathausvorplatz. Die Scharfschützen auf den Dächern sind extrem angespannt. Jedes ungewöhnliche Vorkommnis um den Platz herum würde sofort erkannt und beseitigt werden. Die Polizisten machen ihre Gewehre schussbereit - die Zielvorrichtungen zeigen auf das Geschehen vor und unter ihnen.
Achim Barek sieht die Staatsgäste aus ihren Fahrzeugen steigen und auf das Rathaus zugehen. Es sind die Staats- oder Regierungschefs der alliierten Siegermächte: der französische Präsident, der englische Regierungschef, der Präsident Russlands sowie der US-Präsident. Und auf dessen Kopf richtet der Attentäter nun die Zieloptik seiner Waffe, genau zwischen der albernen gelben Haartolle und der Nasenwurzel. Kurz schwenkt er das Gewehr minimal nach rechts und hat den russischen Präsidenten im Visier, dieses bleiche, unkenhafte Gesicht mit dem kalten Blick eines Reptils. Achim Barek zögert nur kurz. Dann geht sein Zeigefinger zum Abzugshebel.
Ein peitschender Knall schallt über die Dächer und den Rathausplatz. Blitzschnell reißen die Sicherheitskräfte die Präsidenten zu Boden. Niemand dort unten kann die Lage durchschauen, es herrscht das reine Chaos, und es ist unklar, von wo der Schuss kam und wem genau er geholten hat. Die Staatsmänner sind unversehrt.
Es gibt nur einen Toten in dieser Situation, es ist Achim Barek, der im Auftrag des Vevak den amerikanischen Präsidenten erschießen sollte. Achim Barek hatte kurz vorher zum Russen geschwenkt. Dabei kam ihm der bizarre Gedanke, der hätte es eigentlich auch verdient. Solch ein Abschweifen hat es vorher nie für ihn gegeben; sein hervorstechendes Merkmal war immer die eiskalte Durchführung seiner Aktionen – gnadenlos bis zu deren Ende. Nun werden ihm die wenigen Sekunden eines geringfügigen Zögerns zum Verhängnis.
Er bleibt tödlich getroffen auf dem Dach des Hauses liegen. Ein französischer Polizist tötete ihn mit einem gezielten Schuss. Ein Treffer genau zwischen der Helmunterkante und dem Kragenansatz., ein perfekt gesetzter finaler Todesschuss.
Der Polizist hatte kurz vorher den leblosen Körper eines Kameraden in einer Nische des Treppenhauses gefunden, ohne Uniform und Ausrüstung, und ahnt sofort den fatalen Zusammenhang. Er eilt auf das Dach des Hauses. Anhand der Kennung auf Helm und Uniform findet er augenblicklich die dazugehörige Person und handelt blitzschnell. Capitaine de Police Albert Deschamps hat seine Pflicht erfüllt, er wird später mit einem hohen Orden ausgezeichnet.
Die Frage, welcher der beiden Präsidenten, im Fall eines gelungenen Attentats, als dann Überlebender, der Weltordnung mehr geschadet hätte, wird an diesem Tag in Bayeux nicht geklärt.

7xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Stephan Heider am 08.09.2022:
Kommentar gern gelesen.
Mehr Glück als Verstand unterm gelben Pony. Spannendes Gedankenspiel. Sehr gern gelesen. LG Stephan




geschrieben von Horst Radmacher am 08.09.2022:

Danke, Stephan: "Mehr Glück als Verstand unterm gelben Pony", gefällt mir - hätte als Titel auch gut gepasst. LG Horst




geschrieben von Onivido kurt am 09.09.2022:
Kommentar gern gelesen.
Eine spannende Geschichte. Die Hintergruende sehr gut beschrieben. "Die Frage, welcher der beiden Präsidenten, im Fall eines gelungenen Attentats, als dann Überlebender, der Weltordnung mehr geschadet hätte, wird an diesem Tag in Bayeux nicht geklärt." Ich habe ein bisschen darueber nachgedacht und hier kommt das Ergebnis meiner tiefschuerfenden Gedankenakrobatik. Also fuer den Fall, dass er den amerikanischen Praesidenten erschossen haette, ist die Folge leicht zu ersehen. USA haette den Mord als einen Vorwand benutzt ein weiteres Land zu invadieren, oder zumindest zu bombardieren. Das heisst die Lage in der Welt koennte erheblich gefaehrlicher werden. Bei dem russischen Praesidenten waere die Sache etwas komplizierter Es koennte sein, dass der Mord der Opposition in die Schuhe geschoben worden waere und eine umfangreiche Saeuberung zur Folge haette. Es waere auch moeglich , dass die CIA zumindest als Anstifter verantwortlich gemacht worden waere, oder der franzoesischem Staatspolizei die Schuld gegeben worden waere. In diesem Fall bliebe nur die Hoffnung, dass die neuen Verantwortlichen in Moskau nicht aus der Huefte schiessen wuerden. Gute Nacht///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 09.09.2022:

Hola Onivido, danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ganz gleich, welcher der beiden eliminiert werden würde, man kommt zum altbekannten Dilemma: Pest oder Cholera? Letztendlich wäre zu befürchten, dass ähnliche Typen nachrücken. Mein (idealisierter) Wunsch wäre, dass derartige Figuren gar nicht erst hochkämen - wehret den Anfängen! Buenas tardes. Horst




geschrieben von Christelle am 09.09.2022:
Kommentar gern gelesen.
Kann dazu nicht viel sagen, finde den Kommentar von Onivido sehr aufschlussreich. „Mehr Glück als Verstand unterm gelben Pony“ könnte für mich zum geflügelten Wort werden.




geschrieben von Gari Helwer am 10.09.2022:
Kommentar gern gelesen.
Ach, wenn doch die unbeschwerten Tage in der kleinen Stadt am Unterlauf der Elbe hätten weiter gelebt werden dürfen... Dann wäre alles Folgende nie passiert! Sehr spannend geschrieben, Horst! LG

Weitere Kurzgeschichten von diesem Autor:

Lieblingsfarbe Bunt
Zu viel der Worte
Der Weg ist nicht das Ziel
Reise nach Jerusalem
Wasserspiegelungen