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geschrieben von Weißehex.
Veröffentlicht: 28.09.2018. Rubrik: Märchenhaftes


Die Tochter des Grafen und das Dienstmädchen 2. Teil

Ella drehte sich zu Carl um, doch in diesem Moment kam die Lehrerin zur Tür herein. Ella stopfte hastig den Zettel in ihre Schultasche und beschloss, bis zur Pause zu warten und Carl dann anzusprechen. Doch Charlotte kam ihr zuvor. Kaum hatte es zur Pause geklingelt, stand sie auch schon bei Carl und Ella hörte, wie sie sagte: "Am Samstag geben meine Eltern ein Fest. Ich darf auch jemanden einladen. Da habe ich an dich gedacht."
Ella stand auf und ging zur Tür hinaus. Sie wollte nicht hören, was Carl antwortete. Ein Fest bei Charlottes Eltern - dagegen hatte sie keine Chance. Wer würde es sich entgehen lassen, ins Haus des Grafen eingeladen zu werden?
Nach der Schule schlug sie traurig ihren Weg zur Bushaltestelle ein. Aber sie war noch nicht lange unterwegs, als sie merkte, dass ihr jemand atemlos hinterherlief.
"Ella! Bleib doch mal stehen!" Und tatsächlich, es war Carl. Er lächelte sie an.
"Du, das mit dem Kino am Samstag klappt leider nicht."
"Ah ...." Mehr brachte Ella nicht heraus.
"Das heißt ... du hast ja noch gar nicht geantwortet. Willst du überhaupt mit mir ins Kino?"
"Ja", sagte Ella, die nicht verhindern konnte, dass ihr Herz schneller zu klopfen begann. "Ich würde gerne mit dir ins Kino."
"Schön, das müssen wir nur auf einen anderen Tag verlegen. Sonntag?"
"Ja, das geht auch." Ella strahlte.
"Warum kannst du denn am Samstag jetzt nicht?" fragte sie, obwohl sie es genau wusste. Aber sie wollte wissen, was Carl antwortete.
"Charlotte hat mich eingeladen. Ihre Eltern, also der Graf und seine Frau, geben ein Fest. Ich konnte nicht absagen, das hätte sie mir übel genommen."
"Ich weiß, ich kenne sie." Ella wollte nicht erzählen, dass ihr Vater als Hausmeister für den Grafen arbeitete und sie nur einen Steinwurf entfernt vom Haus des Grafen in der Hausmeisterwohnung wohnte.
„Welchen Film wollen wir denn schauen?“ fragte sie, um das Thema zu wechseln. Dann redeten sie über Filme und Kino, bis sie an der Bushaltestelle angekommen waren und Ella in den Bus einsteigen musste.

Zuhause lief Ella glücklich in ihr Zimmer, warf die Schultasche in die Ecke, legte ihre Lieblings-CD ein und drehte die Musik auf volle Lautstärke. Carl lag etwas an ihr!
Sogar ihrem Vater fiel beim Abendessen ihr Strahlen auf. "Du hast aber gute Laune", stellte er fest und Ella nickte.
"Ich gehe am Sonntag ins Kino. Mit jemand aus meiner Klasse."
"Da hast du es gut. Ich muss Samstag und Sonntag arbeiten. Der Graf gibt ein Fest."
"Ich weiß. Charlotte hat auch Leute aus der Klasse eingeladen."
"Dich nicht?"
"Gottseidank nicht!" Ella verzog das Gesicht.
"Ich hoffe, du bist aber immer noch nett zu ihr?"
"Ihre Stifte spitze ich jedenfalls bestimmt nicht mehr."
"Das war ja auch Kinderkram. Aber denk dran, dass wir immer noch vom Grafen abhängig sind. Wir können es uns nicht leisten, ihn oder seine Familie zu verärgern."
"Das weiß ich doch." Aber Ella hatte keine Lust, weiter über Charlotte oder den Grafen zu reden und schnell schnitt sie ein anderes Gesprächsthema an.

Der Samstag kam näher und man konnte von ferne die Vorbereitungen im Garten des Grafen beobachten. Ein Pavillon mit einer Tanzfläche wurde aufgebaut, eine Menge Tische und Stühle wurden von den Angestellten in den Garten getragen, Tischdecken wurden aufgelegt und Lampions angebracht. Am Samstagmittag dann wurde den Gästen bei strahlendem Wetter Kaffee und Kuchen serviert. Und jeder, der Rang und Namen in der Gemeinde hatte, war anwesend. Ellas Vater, der bei solchen Festen überall eingespannt wurde, hatte eine Menge zu tun. Flüchtig bemerkte er, dass wohl nur ein Junge aus Charlottes Klasse da war. Sie hatte sich bei ihm eingehängt, ein strahlendes Lächeln aufgesetzt und redete in einem fort auf ihn ein.
Dann wurde er ins Haus gerufen. Alberta, die Köchin, stand mit finsterem Gesicht am Herd.
"Jule ist krank", teilte sie ihm mit. Jule war ein keckes kleines Ding mit Riesenzöpfen, das Alberta in der Küche zur Hand ging. "Ich brauche aber noch Hilfe für heute Abend. Ich habe es dem Grafen schon gesagt."
Ellas Vater wusste, was das hieß.
"Ich werde Ella Bescheid sagen, dass sie aushelfen soll."

Und er eilte nach Hause. Ihm fiel auf, dass ein schwarzer Rabe über ihn hinweg flog und er wunderte sich ein wenig, weil es fast so aussah, als würde der Rabe ihn verfolgen. Aber dann ließ der Rabe sich auf der Straße nieder und Ellas Vater beachtete ihn nicht mehr. Er ging ins Haus und fand Ella über ihre Schulaufgaben gebeugt. Seine Miene ließ Ella gleich ahnen, dass etwas Unangenehmes bevorstand.
"Musst du nicht heute beim Grafen arbeiten?"
"Ja," ihr Vater zögerte ein wenig, ehe er fortfuhr, "aber da gibt es noch ein anderes Problem. Jule ist krank und Alberta braucht Hilfe."
Ella starrte ihren Vater an. "Du meinst, ich soll auf Charlottes Fest in der Küche helfen? Das kannst du doch nicht ernst meinen."
"Es ist nicht Charlottes Fest", verbesserte ihr Vater sie, "sondern das des Grafen und seiner Frau. Und Alberta hat den Grafen schon gefragt, ob du helfen kannst."
"Und mich fragt keiner?"
"Du weißt, dass wir uns es nicht leisten können, abzusagen. Was ist, wenn wir den Grafen verärgern und er mich entlässt? Dann haben wir keine Wohnung und kein Geld mehr. Und es ist doch nur für ein paar Stunden."
Ella schwieg und dachte daran, was Carl wohl sagen würde, wenn er sah, dass sie für Charlotte arbeitete. Charlotte würde es sich bestimmt nicht entgehen lassen, darauf hinzuweisen, dass sie, Ella, eben doch ihr Dienstmädchen war.
Ihr Vater trat zu ihr und klopfte ihr aufmunternd auf die Schulter. "Das bekommst du schon hin. Bitte."
Ella seufzte auf. "Es bleibt mir wohl nichts anderes übrig."
"Danke. Dann zieh dir etwas anderes an und binde dir eine Schürze um. Ich muss dann wieder hinüber gehen. Bis später."
Ihr Vater verschwand und Ella blickte unglücklich auf ihre Hausaufgaben. Wieviel lieber hätte sie jetzt für Mathematik gelernt! Aber es nutzte nichts, ihr Vater hatte recht. Sie konnten es sich nicht leisten, den Grafen zu verärgern.

Als Ella in die Küche ging, um sich eine Schürze überzustreifen, bemerkte sie, dass sich ein großer schwarzer Rabe auf dem Fensterbrett niedergelassen hatte, der munter ein lautes "Krah" ausstieß. Fast sah es so aus, als würde er ins Fenster hineinblicken und als Ella ihn ansah, legte er den Kopf schief und stieß einen Laut aus, der sich eher wie ein Tirilieren denn als ein typisches "Krah" eines Raben anhörte und Ella musste lächeln.
Aus irgendeinem Grunde fiel ihr nun Griselda ein, ihre frühere Freundin aus der Grundschule. Griselda hatte gerne Raben nachgeahmt und einmal sogar behauptet, sie könne sich in einen Raben verwandeln.
Sie öffnete das Fenster in der Erwartung, der Rabe würde wegfliegen. Doch er blieb ganz ruhig sitzen.
"Du bist ja ein schöner Vogel", schmeichelte Ella ihm und der Rabe nickte mit dem Kopf.
Ella lachte. "Wie schade, dass du nicht Griselda bist!"
Sie schloss das Fenster und ging nach draußen, zum Haus des Grafen. Sie nahm den Dienstboteneingang, um nicht den vielen Gästen und vor allem Charlotte und auch Carl nicht über den Weg zu laufen.

Ende des 2. Teils

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Christine Todsen am 28.09.2018:

Ich glaube, der Rabe IST Griselda!




geschrieben von Weißehex am 28.09.2018:

Wer weiß.... :-)

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