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geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 03.11.2022. Rubrik: Unsortiert


Die Seele von Sanchi - Teil 1/2

Was der Erbauer der Stupas von Sanchi, der indische Kaiser Ashoka, vor über 2000 Jahren bei deren Fertigstellung gefühlt haben mag, vermögen nur einige wenige gläubige Buddhisten nachzuempfinden. Diese Bauten sind bis heute ein bedeutendes religiöses Ziel von Buddhisten aus aller Herren Länder. An dieser Stätte können sie ihre Spiritualität vervollkommnen. Zu dem in Vollendung halbkugelartig geformten Haupt-Stupa, dem „Dom“, gelangt man über vier reich geschmückte Steintore, versehen mit beeindruckendem Reliefschmuck. Diese feinen figürlichen Arbeiten wurden nicht einfach in den Stein geschlagen. Eigens für diese Darstellungen hatte Kaiser Ashoka Holzschnitzer aus dem gesamten Reich angeworben. Diese versierten Künstler setzten ihre kunsthandwerklichen Fähigkeiten so ein, dass sie ihre in höchster Vollkommenheit beherrschte filigrane Holzschnittkunst perfekt in das viel schwerer zu bearbeitende Material umsetzten.

Durch das Portal an der Basis des Stupas gelangt der Besucher über einen spiralförmigen Gang bis auf die oberste Ebene des fensterlosen, steinernen Bauwerks. Beim Durchschreiten dieser harmonischen, schlangenförmig verlaufenden Kurven, empfinden hierfür empfängliche Menschen die Höhen ihrer spirituellen Erfüllung. Sie verspüren affektive Schwingungen, sie fühlen sich wie in Trance, in einem Dämmerzustand zwischen Wachsein und Entrückung. Ein magischer Klang streichelt die Seele. Auch weniger spirituell empfängliche Menschen werden von der formalen Ästhetik der Stupas von Sanchi wie magisch angezogen. Der harmonische Gesamteindruck dieser aus mehreren Gebilden bestehenden Kult-Anlage fasziniert und inspiriert in besonderer Weise Besucher aus aller Welt.

Die in dieser Region des Bundesstaates Madhya Pradesh heute lebenden Menschen sind zum größten Teil Hindus, die nicht den direkten Zugang zum Buddhismus suchen. Sie respektieren aber dieses Heiligtum, zumal der internationale Pilger-Tourismus Wohlstand in diese ländlich strukturierte Gegend bringt. Auswüchse einer überbordenden Tourismusindustrie, wie er sich um andere indische Sehenswürdigkeiten herum schädigend stattfindet, wie die gewaltigen Besucherströme zum Taj Mahal in Agra, beeinträchtigen die Lebensqualität dieser Menschen hier wenig.

Etwas völlig anderes, ein unfassbar schreckliches Ereignis, brachte großes Leid in das Leben der Menschen dieser Region. Im Jahr 1984 kam es zu einer verheerenden Katastrophe. Verursacht durch eine Explosion in der gut eine Autostunde entfernten Chemiefabrik der US-Firma Union Carbide in Bhopal wurde Giftgas in großen Mengen freigesetzt. Dieses Unternehmen war in der Region bis dahin ein bedeutender Arbeitgeber gewesen. Bei diesem verheerenden, aber vermeidbaren Unglück kamen viele Menschen ums Leben oder wurden bis in folgende Generationen schwer geschädigt. Noch Jahre später wurden gravierende Schäden im Erbgut zahlreicher Betroffenen festgestellt.

So war unter anderen auch die Familie Jamodi davon betroffen. Amid Jamodi stammte ursprünglich aus Sanchi, war seinerzeit als Transportarbeiter von der Firma UCAR angeworben worden und zog mit seiner Ehefrau Tara in die große Stadt, um sich dort wirtschaftlich zu verbessern. Die Familie der Jamodis gehört der 3. Kaste an, den Vayshias. Die Vorfahren waren seit Generationen Getreidehändler gewesen, zuletzt allerdings mit nur geringem wirtschaftlichem Erfolg. Dieses tat dem gesellschaftlichen Ansehen aber aufgrund der auf ewig festgelegten religiösen Einordnung in die angestammte Kaste keinen Abbruch. Der Handel war irgendwann nicht mehr einträglich genug, um die gesamte Familie zu ernähren. Es mussten häufig Mitglieder der Familie lohnabhängige Arbeit anderer Art annehmen.

So erging es auch Amid, dem zweitältesten Sohn. Er hatte den Vorteil, dass in seiner Familie schon immer Wert auf Schulbildung gelegt wurde - im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten. Das war in Madhya Pradesh, einem der ärmeren Bundesstaaten Indiens, keineswegs der Normalfall. Seine Schulbildung half ihm bei der Arbeitssuche erheblich. Da er neben der Amtssprache Hindi auch Englisch in Wort und Schrift beherrschte, fand er problemlos eine Anstellung in der Millionenstadt Bhopal, bei besagtem Chemiekonzern UCAR. Er stieg in kurzer Zeit vom einfachen Transportarbeiter zu einem der Stellvertreter des Lagerverwalters auf, mit einem für indische Verhältnisse auskömmlichen Gehalt. Amid Jamodi war einer der Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz normalerweise genau an dem Platz hatten, wo die ungeheuerliche Chemie-Katastrophe der Firma UCAR im Dezember 1984 ihren Ursprung hatte. Ein Aufschrei der Empörung ging um die Welt. Um so mehr, als dass die amerikanischen Betreiber die Folgen des Unglück herunterspielten und anschließend angemessene Entschädigungszahlungen verschleppten oder gar verweigerten.

Amid hatte Glück im Unglück. An dem Tag der Katastrophe war sein Vorgesetzter nicht zur Arbeit erschienen, sodass er für diesen einspringen musste, um eine neue Etikettier-Maschine am entgegengesetzten Stadtrand Bhopals zu begutachten. Dieser Zufall rettete ihm das Leben. Zwar erlebte auch er die Gasexplosion nach seiner Rückkehr auf das Gelände, glücklicherweise aber in einiger Entfernung vom Epizentrum des grausigen Geschehens. Gänzlich unverletzt blieb er jedoch nicht. Die Verletzungen der Haut waren geringfügiger Natur. Gravierender waren die Schädigungen seiner Lunge, die das ausströmende Giftgas bei ihm angerichtet hatte. Zur Akutbehandlung wurde er ins Hajela Hospital eingeliefert, aus dem er nach drei Wochen als bedingt funktionstüchtig entlassen wurde. Die Folgeschäden wurde er sein Leben lang nicht los, allerdings vermochte er mithilfe von Medikamenten seinen Alltag zu bewältigen. An dem Ort des Schreckens wollten er und seine junge Frau Tara jedoch nicht länger leben. Sie zogen zurück in ihren Heimatort Sanchi.

In seinem Heimatdorf ging es Amid bald wieder besser. Hier hatte er seine Familie um sich und fand eine Anstellung, die den Lebensunterhalt sicherstellte. Als Geschädigter der Bhopal-Katastrophe wurde er bei Bewerbungen für einen öffentlichen Job bei gleicher Befähigung bevorzugt behandelt. So kam es zu der Anstellung im örtlichen Post Office. Darüber hinaus stand ihm als Unfallopfer mit einer dauerhaften Beeinträchtigung eine finanzielle Entschädigung zu, die allerdings nicht sehr üppig ausfiel. Zusammen mit einer kleinen privaten Unfallversicherung konnte er davon den Bau eines einfachen Hauses in der Gudgaon Road, in direkter Nachbarschaft seiner Familie, finanzieren.

Zwei Jahre später bekam die junge Familie Nachwuchs, einen Sohn, den sie Sundar nannten. Die Bedeutung des Namens in der Hindi-Sprache, der Sanfte, traf auf diesen Jungen schon früh erkennbar zu. Ganz gleich mit welcher Wesensart ausgestattet, seine Großmutter Charu hätte keine größere Zuneigung zu dem Kind haben können. Neben den Eltern war sie es, die seine Erziehung wesentlich beeinflusste. Sie war es auch gewesen, die schon bei ihren Kindern großen Wert auf Bildung gelegt hatte. Ihr Enkel ging den gleichen Weg.

Mit einem großen Wissensdrang ausgestattet, wurde Sundar ein gelehriger Schüler, der sich obendrein auch durch musische Talente hervortat. Auf spielerisch leichte Art erlernte er im Alter von sieben Jahren das Spiel der Sitar, die indische Art der Gitarre, und beherrschte dieses Instrument bald in Perfektion. Im Unterschied zur europäischen Gitarre ist diese viel komplizierter aufgebaut; allein schon die Anzahl der verschiedenartigen Saiten beträgt 18-20. Ein Saitenspiel mit seinem obertonreichen Klang, auf solch einem Instrument perfekt gespielt, verschafft einen Musikausdruck, der durchaus auch für westliche Musiker attraktiv ist. Unter anderen hatten George Harrison und Yehudi Menuhin diese Klänge in einige ihrer Kompositionen integriert. Beide hatten bei Ravi Shankar, dem besten Sitar-Spieler seiner Epoche, das Spielen dieses Instruments gelernt.

Sundar Jamodi wurde von seiner Großmutter als Sitar-Schüler zu Radjiv Jehore vermittelt. Dieser war ein Schüler der Tochter des großen Meisters Shankar und lehrte diese Musikkunst in seinem Institut am Fuß des Lohangi Mountain im fünfzehn Kilometer entfernten Vidisha. Die Schule gilt als eine der besten Sitar-Schulen Nord-Indiens. Radjiv stammt ebenso wie ihr früh verstorbener Ehemann Charus aus dem gleichen Dorf wie der bedeutende Yogi Sree Mandeer, der am Chardan Teerth Ghat einem spirituellen Zentrum vorsteht. Dieser Ashram ist Anlaufpunkt vieler Pilger aus aller Welt auf der Suche nach Erleuchtung. Es gibt kaum einen besseren Einstieg in die indische Spiritualität und deren Musik, als bei Radjiv Lehore und Sree Mandeer geschult zu werden. Sundar Jamodi kam auf Empfehlung seiner Großmutter in den Genuss einer solchen dualen Ausbildung in Musik und Spiritualität.

Das formte den heranwachsenden Jungen. Bei aller Hingabe zu dieser geistigen Entwicklung blieb er aber im Alltagsleben ein Kind, das ganz normal mit seinen Kameraden spielte. Bei seinen Besuchen im Heimatdorf zog es ihn allerdings oft alleine zu seinem Lieblingslatz, dem großen Stupa von Sanchi. Der war jedoch nicht unbedingt ein ausgewiesener Tummelplatz für spielende Kinder. Aber Sundar hatte fast unbegrenzten Zugang zu dieser berühmten Anlage, die seit vielen Jahren zum UNESCO-Weltkulturgut gehört. Ein Vetter seines Vaters war dort im angeschlossenen Museum beschäftigt und verschaffte dem Jungen auch außerhalb der offiziellen Öffnungszeiten gelegentlich privaten Zutritt zur Anlage. Sundars Rücksichtnahme auf die Würde dieser Stätte konnte er sicher sein.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von Christelle am 14.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Zugegeben, ich kannte die Stupas nicht. Wieder etwas Neues gelernt. An die Nachrichten zur Katastrophe von Bhopal kann ich mich noch gut erinnern. Ich frage mich, ob die Geschichte ansonsten fiktiv ist. Ich habe sie gern gelesen. Kann es sein, dass du Urlaub in Indien gemacht hast?

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