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geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 03.11.2022. Rubrik: Unsortiert


Die Seele von Sanchi - Teil 2/2

Die Familie Jamodi waren Hindus, wie die meisten Einwohner Sanchis. Das hatte aber Großmutter Charu Jamodi nicht davon abgehalten, dieses religiöse buddhistische Monument in ihre Spiritualität einzubeziehen. Schon in ihren jungen Jahren hatte sie dort unter Anleitung des Yogi Sree Mandeer meditiert. Sie gehörte zu den Menschen, die dort das Erreichen ihres spirituellen Höhepunktes erleben können. Ihren Enkel bereitete sie so vor, dass er seinen eigenen transzendenten Weg dort fand. Er erlangte in den spiralförmigen Gängen des Stupa seine metaphysische Erfüllung. Die Schwingungen mit ihren Klangwellen erfüllten seine Wahrnehmungen und versetzten ihn in Trance. Sundar ruhte dann in sich; er hatte hier seinen inneren Kompass gefunden.

An einem kühlen Wintermorgen kam es nahe dem großen Stupa zu einer denkwürdigen Begegnung. Sein Onkel Shayan hatte ihm am Tag vorher erzählt, dass an diesem Morgen ein ungewöhnlicher Besucher erwartet wurde, streng vertraulich. Es handelte sich dabei um den deutschen Außenminister, der zu einem privaten Besuch anreisen würde, begleitet von seinem indischen Amtskollegen. Die beiden Politiker waren seit früherer gemeinsamer Studienjahren befreundet und pflegten auch später noch privaten Kontakt. So hatte der indische Politiker seinem deutschen Kollegen gegenüber mehrmals von der Anlage in Sanchi geschwärmt. Zusammen mit zwei Bodyguards besuchten sie nun diese und betraten das Areal durch den Haupteingang, direkt zum großen Stupa hinauf. Sundar hatte gerade seine morgendliche Meditation für diesen Tag beendet. Er hatte seinem Onkel versprochen, den Politikern auf jeden Fall aus dem Weg zu gehen. Als die kleine Gruppe im Anmarsch war, befand er sich gerade hinter einer Reihe von Büschen. Von dort konnte er einen Blick auf vier ankommenden Männer werfen. Es war das erste Mal für ihn, dass er einen Europäer real zu Gesicht bekam, und fand, dass der deutsche Minister mit seinem dunklen Haar und der schwarzen Hornbrille fast indisch wirkte; lediglich der Teint war etwas heller.

Genau in diesem Augenblick wurde die morgendliche Stille von einem lauten Kreischen durchbrochen. Eine Horde von den hier zahlreich vorkommenden, wilden Makaken-Affen stürmte auf die vier Personen zu, mit der Absicht, Beute zu machen. Diese bestand bei diesem Übergriff aus der Brille des deutschen Außenministers. Bevor der sich wehren konnte, hatte einer der agressiven Tiere ihm die Brille vom Gesicht gerissen und verschwand damit in Richtung Buschwerk. Hier prallte er auf Sundar und verlor dabei sein Beutestück. Der Junge hob die Brille auf und brachte sie zu ihrem Besitzer zurück. Der war hoch erfreut, bedankte sich herzlich bei Sundar und lächelte ihn freundlich an. Es war ein kurzer, aber intensiver Blickkontakt. Der Junge verbeugte sich höflich. Eine ihm angebotene Belohnung lehnte er ab und ging weiter in Richtung Ausgang.

Einige Jahre nach dieser zufälligen Begegnung erkrankte Sundar. Eine schleichende, unerklärliche Lähmung seiner Beine machten ihm das Gehen zunehmend schwerer, bis er irgendwann gar nicht mehr eigenständig gehen konnte. Eine Katastrophe für ihn und seine Familie. Ärzte und andere Heilkundige in der Region fanden den Ursprung dieser Erkrankung nicht; sie konnten dem Jungen therapeutisch nicht helfen. Da Sundars Vater zu den früheren Opfer der Bhopal-Katastrophe zählte, hatte die Familie Anspruch auf Untersuchung im Rahmen eines medizinischen Monitorings, um gegebenenfalls die Ursache einer Spätfolge der Erkrankung aufgrund des damaligen Unglücks zu erkennen; denn genetische Spätfolgen traten häufig auf. In Sundars Fall konnten die Ärzte im Klinikum Bhopal keinen ursächlichen Zusammenhang feststellen .Der Junge wurde zu weiteren Untersuchungen in die Universitätsklinik in New Delhi überwiesen, eine der besten des Landes. Doch auch hier konnte ihm nicht geholfen werden. Sundar wurde letztendlich ohne genaue Diagnose in seinen Heimatort Sanchi entlassen, wo er weitere Monate verbrachte, ohne dass sich sein Gesundheitszustand verbesserte. Es folgten Wochen der Niedergeschlagenheit. Lediglich Sundars Fähigkeit, sich in tiefe meditative Zustände zu versetzen und seine Hingabe zur Sitar-Musik, halfen ihm, nicht in eine dauerhafte Schwermut zu fallen. Außerdem wollte er sich nicht damit abfinden, für den Rest seines Lebens mit einer solch schweren Beeinträchtigung leben zu müssen. So erwuchs in ihm eines Tages der Gedanke, Hilfe im westlichen Ausland zu suchen. Ihm war klar, ein Unterfangen mit sehr vagen Aussichten.

Die einzige ausländische Person, der er jemals persönlich begegnet war, war der damalige Außenminister Deutschlands. Von dem wusste er noch nicht einmal, ob dieser überhaupt noch im Amt war. Durch eine Anfrage bei der deutschen Botschaft in Delhi erfuhr er, dass es vor einiger Zeit aufgrund von politischen Veränderungen einen Wechsel auf diesem Posten gegeben hatte. Zu seinem Glück war der frühere Minister aber weiterhin im politischen Betrieb Berlins aktiv. So konnte er sein Anliegen an diesen formulieren, in der Hoffnung, dass die Erinnerung des Ministers an den sehr flüchtigen Moment in Sanchi noch vorhanden wäre.

Es vergingen Wochen bangen Hoffens. Dann erhielt Sundar einen Brief des deutschen Politikers, in dem dieser ihm schrieb, sich sehr wohl noch an den kurzen Augenblick des Zusammentreffens zu erinnern. Er sagte weiter, dass ihm das Besuchserlebnis dieser mystischen Stätte zutiefst beeindruckt hätte, es bliebe für immer ein unvergessliches Erlebnis. Allerdings konnte er dem Jungen keine konkrete Zusage in dem speziellen Fall machen, würde aber die medizinischen Berichte an ein führendes Berliner Krankenhaus zur Begutachtung weiterreichen.

Wochen später dann die befreiende Nachricht, dass eine Untersuchung in Berlin durchgeführt werden könnte, anhand der man über eine mögliche Therapie befinden würde. So kam es, dass Sundar Jamodi der erste indische Patient wurde, bei dem die Folgen eines Gendefekts, verursacht durch den Chemieunfall in Bhopal, anerkannt wurden, und der daraufhin auf Kosten des US-amerikanischen Verursachers erfolgreich therapiert wurde.

Die Akuttherapie und die anschließenden Reha-Maßnahmen bis zur vollständigen Wiederherstellung des Gesundheitszustandes nahmen mehrere Monate in Anspruch. In dieser Zeit wurde Sundar in die Organisation der Indischen Botschaft in Berlin eingebunden. Der Stab des Kultur-Attachés machte sich dabei die Talente des Jugendlichen zunutze. Dessen Yoga-Kenntnisse wurde eingesetzt, um verschiedene kulturelle Seminare und Kurse durchzuführen. In vielen Ländern West-Europas erlebten zu dieser Zeit asiatische Meditationspraktiken, u. a. Yoga aus Indien und Musik von dort, einen wahren Boom. Und so war es nicht verwunderlich, dass die von der indischen Organisation in Berlin angebotenen Veranstaltungen große Aufmerksamkeit erfuhren.

Anlässlich eines solchen Seminars kam es zu einer denkwürdigen Begegnung. Sundar lernte an diesem Abend einen bekannten deutschen Musiker kennen, der, wie sich herausstellte, eine große Affinität zur indischen Musik hatte; speziell das Spiel auf der Sitar faszinierte diesen. Es handelte sich dabei um den bekannten Musiker Edmond.E., der mit seiner Band ENERGY.E zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Rock-Pop-Performern gehörte. Es dauerte nicht lange, und die beiden fanden sich instrumental zu einer kongenialen musikalischen Einheit zusammen. Der deutsche Gitarren-Virtuose und der jugendliche Meister auf der klassischen Sitar, Sundar Jamodi, kreierten einen einzigartigen Sound-Mix. Auf dieser Basis entstand der von Edmond.E. arrangierte und produzierte Welt-Hit 'Soul of Sanchi', der monatelang die internationalen Charts anführte.

Sundar ließ sich nach Rückkehr in seine Heimat in der Stadt Vidisha nieder, unweit seines Heimatdorfes Sanchi. Hier schloss er sich dem Yogi Sree Mandeer an. In dessen Ashram schuf er mit seinen Studien und dem Spiel auf der Sitar den Rahmen für die musikalische und spirituelle Grundlage des neu gegründeten Medititation-Zentrums, SPIRIT & SOUND. Dieses Institut erlangte innerhalb weniger Jahre einen herausragenden internationalen Ruf. Die Einkünfte aus den Tantiemen als Co-Performer eines Welt-Hits bildeten die Grundlage für die Finanzierung seines Meditationsprojekts.

Immer dann, wenn im nördlichen Madhya Pradesh der Name Sundar Jahodi genannt wird, nennt man ihn mit liebevollem Respekt, “Die gute Seele von Sanchi”.

2xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Onivido kurt am 03.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Hola Horst, ich muss zugeben , ich wusste nicht was eine Stupa ist. Man lernt nie aus. Eine auffallend interessante Geschichte. Sehr gut geschrieben. Mir hat sie ausserordentlich gefallen.Saludos///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 04.11.2022:

Hola Onivido, freut mich, dass dich die Geschichte anspricht. Es kommt schon vor, dass ich beim intensiven Schreiben versehentlich eine Hintergrunderklärung auslasse, sorry. Ich weiß jedoch aus früheren Kontakten, dass du sehr detailliert vorgehst, und fehlende Erklärungen in solch einem Fall für dich recherchierst. Saludos, Horst




geschrieben von Christelle am 14.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Horst, hier hört sich alles nach einer wahren Begebenheit an. Ich möchte zu gern wissen, wer der deutsche Außenminister war (S. Gabriel?) und sind tatsächlich Bhopal-Opfer in Deutschland medizinisch behandelt worden? Meine Hochachtung, wenn du dir das ausgedacht hast.




geschrieben von Horst Radmacher am 14.11.2022:

Danke für deinen Beitrag zu dieser Geschichte. Das Chemieunglück und das Heiligtum in Sanchi sind real, alles andere in der Geschichte, wie Personen, Handlung etc. ist rein fiktiv. Diese Erzählung ist im Prinzip das ausformulierte Exposé für einen Roman, den ich nicht mehr schreiben werde. Ich habe festgestellt, dass mir inzwischen die Energie fehlt, einen komplexen Text authentisch und relevant auf ein längeres Format zu ziehen - ab und an eine Kurzgeschichte, dafür reicht es noch. Durch Indien bin ich insgesamt achtmal gereist, das letzte Mal zwei Jahre vor Corona. Schwer, die Faszination für die überbordende Vielfalt der Eindrücke dort zu erklären. Es gibt, glaube ich, nur zwei Optionen: totale Faszination, wie bei mir, oder es völlig abzulehnen, weil fast alle negativen Klischees auch zutreffen. Ich weiß es nicht, ob Opfer aus Bhopal in Deutschland behandelt wurden, falls ja, dann sicher in einem anderen Kontext. Bei der Figur des Außenministers hatte ich Klaus Kinkel vor Augen; jetzt, wo du es sagst, Gabriel wäre auch gegangen, ich brauchte aber einen markanten Brillentyp. Christelle, dein Interesse für diese Erzählung wertschätze ich sehr, danke - fühlt sich gut an!




geschrieben von Christelle am 16.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Es hört sich ein wenig nach Erschöpfung an, lieber Horst, dabei hat dein Exposé das Zeug für einen spannenden Roman. Schade, aber alles hat seine Zeit. Ich kann es verstehen. Aber vielleicht kommt doch noch ein neuer Energieschub, der dich den Roman vollenden lässt. Hat Gabriel nicht auch eine Brille mit markantem Gestell getragen? Du lässt Sundar keinen großen Unterschied im Aussehen von Europäern und Indern feststellen. Bei dieser Aussage habe ich (mein Fehler) weniger an Inder, sondern generell an Asiaten gedacht, deshalb fand ich Gabriel ganz passend.




geschrieben von Horst Radmacher am 16.11.2022:

Danke für deine aufmunternden Worte, Christelle. Der Eindruck, ich stünde unter einem Leidensdruck, wäre zu dramatisch, es ist eher eine gewisse Antriebsschwäche, die mich bremst. Schade zwar, aber ich verspüre zum Glück keinerlei Druck, etwas beweisen zu müssen - ganz ohne Engagement geht's aber auch nicht. Schön zu lesen, dass du mir solch ein Vorhaben zutraust. Zu den Indern: den Inder als solitären Typen gibt es nicht, die Ethnien sind dort zu divers. Asiaten vom chino-malaischen Typus sind weiter östlich zu finden. Die Inder selbst sind im Ursprung persisch-afghanischer Abstammung und unterscheiden sich oft nur durch die Farbe der Haut: im Süden dunkler, je weiter im Norden, um so heller. Etliche wären äußerlich von Südeuropäern kaum zu unterscheiden. Von Deutschen? Na ja, da lasse ich Sundar etwas unpräzise urteilen. Interessant, wie du an Details herangehst, das hat etwas von einer Lektorin. LG Horst




geschrieben von Christelle am 19.11.2022:
Kommentar gern gelesen.
Vielen Dank , Horst, für die Erläuterung der verschiedenen Ethnien. LG

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