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geschrieben von Horst Radmacher.
Veröffentlicht: 12.01.2023. Rubrik: Historisches


Kleopatra kam bis Mittenwald

Der Juli des Jahres 46 v. Chr. war, wenn man den Schriften Ciceros glauben kann, einer der heißesten Sommermonate des antiken Roms seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Für privilegierte Bürger des Reichs sowie deren Gäste kein unlösbares Problem, denn für diese gab es verschiedene Arten der Erfrischung in luftigen Atriumhäusern.

So hatte die ägyptische Herrscherin Kleopatra, Caesars Gast in dessen Villa, seinerzeit dort eine prachtvolle Hofhaltung etabliert, in der sie ihre luxuriösen Bankette veranstaltete; es fehlte an nichts. Dann, als die Hitze schier unerträglich wurde, verlegte sie ihre Feste näher ans Wasser. Die Badelandschaft im Garten der Villa erfrischte nicht mehr genügend und so wurden die Feste ganz auf das Wasser verlegt, auf den nahen Fluss Tiber, auf einen Ponton. Hier wehte mitunter ein lauer Wind vom gegenüberliegenden Ufer des Tibers, da wo sich heute der Stadtteil Trastevere befindet. Und dieser Windhauch brachte nicht nur frische Luft auf die andere Uferseite, sondern mitunter auch undefinierbare Gerüche, teils unangenehm, teils exotisch verlockend. Diese Witterungen kamen aus den Quartieren der gewöhnlichen Leute, den Plebejern, herübergeweht.

So gebildet und wissbegierig die ägyptische Königin auch war, sie hatte keinerlei Kenntnisse vom Leben des gemeinen Volkes; schon gar nicht von denen aus einer Großstadt wie Rom. Kleopatras Heimat war eher von großen Palästen und Tempelanlagen sowie Dörfern der Fellachen entlang des Nilufers geprägt.

Hier in Rom litt sie nicht nur unter der Hitze, sondern zunehmend auch unter Langeweile. Ihr Gastgeber und Geliebter, Julius Caesar, war wieder einmal auf Achse, um aufmüpfige Gallier zur Räson zu bringen. Es war mehr als ein Gerücht, dass dieser umtriebige Feldherr sich nicht nur aufs Militärische beschränkte. Seine Eroberungszüge waren häufig auch auf die Weiblichkeit fremder Länder gerichtet. Und in Rom? Kleopatra allein zu Haus.

Getrieben von solch einer Stimmungslage, begab sich Kleopatra, getarnt durch unscheinbare, einfache Kleidung, neugierig ins Menschengewimmel jenseits des Flusses. Und schon nach kurzer Zeit bereitete ihr der Ausflug großes Vergnügen. Diese Exkursion wird in späteren Chroniken als 'Ambulate de Cleopatra' beschrieben. Doch der kurzweilige Zeitvertreib, ein lustbetontes Schlendern in fremdartiger Umgebung, wurde bald getrübt. Die ortsunkundige Herrscherin inkognita verirrte sich in dem chaotischen Trubel der Altstadt. Obwohl der Landessprache mächtig, war sie bald mit ihrem Latein am Ende, als sie Passanten nach dem Weg fragte. Deren Sprache, eine spezielle Mundart des Vulgärlateins, war ihr fremd.

So war es großes Glück, auf eine Frau mittleren Alters, Gaia Hostilia, zu treffen, die rudimentäre Kenntnisse der ägyptischen sowie der griechischen Sprache besaß. Erworben hatte sie diese als Bedienstete einer römischen Frauenabordnung auf einer Reise auf dem Landweg nach Ägypten. Jetzt in ihrem Haus, einfach aber sauber eingerichtet und mit Wasserversorgung versehen, verbrachten die beiden Frauen einen unterhaltsamen Nachmittag. Ohne Zweifel, die Königin lernte mehr von Hostilia als diese von der königlichen Hoheit. Vor allem von ihrem Beruf als 'Femina Latrina', Klofrau. Als solche war Hostilia für die Fäkalienentsorgung der höheren Damen verantwortlich gewesen; die niederen gingen zur Verrichtung, genau wie die Männer, ins Gebüsch. Und dann der Clou: Für derartige Reisen gab es ein mobiles Klosett auf Rädern, von Pferden gezogen - im Prinzip ein Vorläufer des heutigen Dixi-Klos.

Dieser Erfindung war es dann auch geschuldet, dass Kleopatra eine längere Reise in den Sinn kam; Herr Caesar möge sich ruhig weiter in Gallien amüsieren. Bislang hatte die empfindsame Hoheit vom Nil oft vor längeren Reisen auf dem Landwege zurückgeschreckt, allein aus hygienischen Gründen. Aber so zu reisen, das hätte Stil. Und wenn schon eine Reise, dann nichts wie raus dem stickigen Großstadtgetümmel Roms, hinein in kühlere Gefilde. Der Majordomus im Hause des Cäsaren sollte die Reise organisieren. Der gute Mann kippte fast aus den Sandalen, als er davon erfuhr. Aber Befehl ist Befehl.

Die reiseerfahrene Gaia Hostilia unterbreitete der Königin einen famosen Vorschlag. Sie schilderte ihr in den schönsten Bildern ein Land, in dem es auch in dieser Jahreszeit klimatisch angenehm wäre, und wo es selbst im Sommer Schnee geben würde, nämlich auf den Bergen dort. Über den neuen Handelsweg, die Via Raetia, die von Rom über die Alpen nach Augusta Vindelicum, dem heutigen Augsburg führt, sollte es gehen. Auf dem Weg dorthin kommt man durch eine Gegend voller landschaftlichem Zauber, vor allem für jene verlockend, die aus brütender Hitze kommen. Und das alles auf höchstmöglichem Komfortstandard, inklusive einer mobilen Toilette mit fachlicher Betreuung. Kleopatra war begeistert.

Noch im Spätsommer desselben Jahres brachen sie auf. Die römische 'Femina Latrina' hatte nicht zu viel versprochen; es wurde für die Herrscherin Ägyptens ein unvergessliches Erlebnis. Einige Tagesmärsche vor Augsburg dann ein Stopp nahe der heutigen Stadt Mittenwald. Und hier endet die Geschichte.

Erst Jahrhunderte später, im Jahre 1916 n. Chr., gab es weitere Erkenntnisse. Der Geschichtsforscher Dr. Alois Feuchtwangen entdeckte bei Ausgrabungen im Raum Mittenwald Erstaunliches. So fand er Relikte eines Gefährts, das zu einem toilettenartigen Gerüst rekonstruiert werden konnte. In unmittelbarer Nähe stießen die Forscher auf Überbleibsel eines Lederbeutels mit einigen altägyptischen Münzen darin. Die Prägung der Geldstücke zeigte eindeutig Königin Kleopatra. Diese Fundstücke mussten in Zusammenhang mit den Tonscherben stehen, die direkt neben dem Klo gefunden wurden. Auf denen war der Schriftzug 'Fem... Latr...' gerade noch zu entziffern. Wortfetzen schriftlicher Begleitdokumente zu einer Expedition aus jener Zeit wiesen auf eine Reise Kleopatras von Rom nach Augsburg hin. Dort ist jedoch zu keiner Zeit ein Anhaltspunkt gefunden worden, der einen Aufenthalt der ägyptische Königin in Augsburg belegen könnte. Der Experte für römische Geschichte hatte keinen Zweifel: Kleopatra kam bis Mittenwald.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Horst Radmacher am 12.01.2023:

...der Experte bin ich allein. Die Story ist nicht gedacht, um Nachhilfeunterricht in römischer Geschichte zu erteilen. Natürlich gab es die von mir genannten Orte in heutiger Form 46 v. noch nicht und die Erfindung des Dixi-Klos fand auch eher später statt. Dass Kleopatra in Mittenwald gestorben ist, habe ich nicht behauptet. Vermutlich hätte sie vorher auf dem Rückweg nach Rom die Via Raetia evtl. noch mit einweihen können, sie hatte ja noch ein Weilchen Zeit gehabt. Schön zu erfahren, dass du dir die Mühe machst, Details einer komplett erdachten, unernsten Geschichte akribisch zu überprüfen. Der Begriff 'Ambulate' ist nicht sehr verbreitet und stammt tatsächlich aus dem Latrinischen, vermutet ein Experte. FG Horst




geschrieben von Horst Radmacher am 12.01.2023:

Fragt wer?




geschrieben von Onivido kurt am 13.01.2023:
Kommentar gern gelesen.
Juhu! Anschi schiesst wieder. Er bringt Leben in die Bude. Man merke anschi hat immer Recht. Einwaende zu seiner Sichtweise werden zuerst heiter , dann empoert und zu guter letzt mit Schaum auf den Tasten zurueckgewiesen. Ich lese seine Kommentare sehr gerne. Auch heiter///Onivido




geschrieben von Horst Radmacher am 13.01.2023:

Bringt Leben in die Bude, das trifft zu, Onivido. Die Kommentare zu meiner aktuellen Geschichte klingen vergleichsweise bürgerlich-verhalten, mäßig klugscheißerisch - man könnte fast zur 'Genesung' gratulieren. Mal sehen, was da noch in der Pipeline lauert...




geschrieben von Christelle am 13.01.2023:
Kommentar gern gelesen.
Horst, du bist deinem Stil treu geblieben, eine erfundene Geschichte so zu schreiben, als sei sie tatsächlich passiert. Und dann noch so witzig! In diesem Fall ist es offensichtlicher als sonst, dass es reine Fantasie ist. Hätte A. meine „Hühnergeschichten“ gelesen, wäre ich wahrscheinlich darauf hingewiesen worden, dass Hühner weder sprechen noch lesen können, etc.




geschrieben von Gari Helwer am 13.01.2023:
Kommentar gern gelesen.
Urkomische Geschichte, Horst! Besonders gefallen mir die "römische Frauenabordnung auf ihrem Landweg nach Ägypten", die Tatsache, dass eine Königin manches von einer "Klofrau" lernen könnte und das von PFERDEN gezogene "Dixi-Klo"! Unterhaltsame Lektüre mit Grins-Effekt! Lg ;-)




geschrieben von Onivido kurt am 13.01.2023:
Kommentar gern gelesen.
Applaus bekommt man nur für Kunststücke “ Und anschi hat das Kunstueck fertig gebracht einen humoristischen Text mit einem offensichtlich bizarrem Inhalt ob seiner Wirklichkeitsferne zu bemaengeln. Applaus hat er aber noch nicht erhalten. Das ist unfair.




geschrieben von Horst Radmacher am 14.01.2023:

@ anschi:...das ehrt mich aber, per Zitat in die Kategorie der Asterix-Comics, z.B. 'Asterix und Kleopatra' eingereiht zu werden: 'Die Würfel sind gefallen'.




geschrieben von Horst Radmacher am 14.01.2023:

Das passt gut, Christelle, der Hinweis auf deine 'Hühner-Saga'. Du hattest dabei aber schon etwas mehr Wert auf stimmige Hintergrunddaten gelegt, falls ich es richtig erinnere. Für den vorliegenden Fall würde mich interessieren, ob es nicht eine Studie gibt, die Ausschluss von Humor bei grober Klugscheißerei zum Gegenstand hat. Da wird doch sicher schon jemand darüber nachgedacht haben...




geschrieben von Horst Radmacher am 14.01.2023:

Freut mich zu hören, Gari. Nun sind die Zustände im alten Rom auch sehr ergiebig für humoristische Betrachtungen. LG




geschrieben von Horst Radmacher am 14.01.2023:

...Beifall ist das Brot der Künstler, Onivido, dafür sind sie unterwegs, bis auf diejenigen, die innerlich so gefestigt sind, dass sie ohne auskommen.




geschrieben von Ernst Paul am 14.01.2023:
Kommentar gern gelesen.
Gern schließe mich den Kommentaren von Christelle, Gari und Kurt an. Horst, deine Geschichten zeigen, dass du gut erzählen kannst. Beim Lesen der Kommentare von anschi denke einfach an das Zitat von Artur Schopenhauer: „In Deutschland ist die höchste Form der Anerkennung der Neid“.




geschrieben von Horst Radmacher am 14.01.2023:

Danke für deine Einschätzung, Ernst. Das Zitat möchte ich um einen neurologischen Aspekt erweitern: Dekompensierter Neid führt häufig zu einer Profilneurose. HG




geschrieben von Horst Radmacher am 14.01.2023:

@anschi: Nun ist aber Schluss, das wird mir zu trollig und meine Mitleidslücke ist bestens gefüllt. Deine chronischen Logorrhoe-Attacken sind auch in niedergeschriebener Form lästig. Im Übrigen solltest du nicht abfällig über Hauptschüler reden!!! Gute Besserung.




geschrieben von Onivido kurt am 14.01.2023:
Kommentar gern gelesen.
@ Horst "Nun ist aber Schluss". Schade. Jetzt waere anschi erst richtig in Fahrt gekommen.




geschrieben von Horst Radmacher am 15.01.2023:

Mein Bedauern hält sich in Grenzen, Onivido. Obwohl ich für freie Meinungsäußerung bin, halte ich die Variante, destruktive Kritik als Selbstzweck, für fragwürdig. Nun hat A. selbst den Stecker gezogen und seine Kommentare in meiner Geschichte gelöscht. Für dich als 'Fan' gäbe es noch die Möglichkeit, zu einer seinen beiden Geschichten direkt zu posten. FG




geschrieben von Sandra Z. am 15.01.2023:
Kommentar gern gelesen.
Hallo Horst! Ich bin ein großer Fan von historischen Romanen und finde deine Geschichten immer sehr amüsant und lehrreich. Bist du in dieser Richtung irgendwie "vorbelastet" oder recherchierst du jede Geschichte neu? Wie kommst du auf solche Themen? LG, Sandra




geschrieben von Horst Radmacher am 15.01.2023:

Danke für dein Interesse, Sandra. Es freut mich, dass dir meine Geschichten gefallen. Es gibt diesbezüglich keine berufliche 'Vorbelastung'. Die Faszination des geschriebenen Wortes begleitet mich seit Kindertagen; zunächst als kaum zu bremsenden Vielleser. Irgendwann kam die Lust zu formulieren dazu. Eine brauchbare Allgemeinbildung, intensiv ausgelebtes Fernweh sowie ein Interesse an Geschichte und Kultur bilden den Hintergrund. Dies alles wird spontan mit alltäglichen Eindrücken assoziiert und im günstigen Fall entsteht so eine Geschichte. Dort, wo meine vorhandene Bildung nicht ausreicht, recherchiere ich gelegentlich - dicht unter der Oberfläche. Ich habe in keinem dieser Sujets eine Kernkompetenz, deswegen möge man mir etwaige Ungenauigkeiten nachsehen. HG Horst

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