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geschrieben 2018 von Weißehex.
Veröffentlicht: 13.03.2019. Rubrik: Menschliches


Jemand ganz anders

Ilse ist anders als ich. Ganz anders. Wir gingen zusammen in die Grundschule. Sie hatte zwar schlechtere Noten als ich, aber ein wesentlich größeres Selbstbewusstsein. Nie wäre ihr eingefallen, an sich zu zweifeln. Als wir beide in die Pubertät kamen, wurde ich groß und schlank, Ilse dagegen blieb klein und rundlich. Aber nicht nur äußerlich waren wir verschieden. Ich verliebte mich nie, sondern wartete ab, bis sich ein Junge mal in mich verliebte. Ilse dagegen war dauernd verliebt, aber sie fing es immer sehr ungeschickt an. Anstatt sich zu bemühen, den Jungs zu gefallen, erzählte sie erst einmal der ganzen Clique, dass sie sich verliebt hatte. Also wusste es jeder, vermutlich auch der betreffende Junge, und so wurde nie eine wirkliche Liebesgeschichte daraus. Aber Ilse schien mit diesen unerfüllten Lieben zufrieden zu sein. Heute denke ich, damals war sie eine von den Leuten, die unglückliche Liebe glücklicher macht als glückliche. Aber das legte sich irgendwann, spätestens dann, als Ilse ihre große Liebe, Klaus, kennenlernte. So ein verliebtes Paar hatten wir noch nicht gesehen. Es war unmöglich, einen von beiden alleine anzutreffen und falls doch, war jedes zweite Wort "Ilse", wenn Klaus sprach und "Klaus", wenn Ilse sprach.
Es haute mich regelrecht um, als dieses Traumpaar sich dann tatsächlich trennte. Warum, erfuhr ich nicht wirklich, damals war ich nur noch sehr locker mit Ilse befreundet.
Ein Jahr verging und ich traf Klaus irgendwann mal in der Kneipe. Eigentlich hatte ich gar keine Lust, lange mit ihm zu reden, unsichtbar stand da immer noch Ilse neben ihm und das machte ihn uninteressant. Doch er lud mich ein und es wäre wohl unhöflich gewesen, abzulehnen. So saß ich in der Kneipe neben ihm und hörte ihm höflich zu, denn ich selbst hatte nichts zu sagen und musste mir außerdem ständig Fragen nach Ilse verkneifen.
Ich weiß gar nicht mehr, was er alles erzählte. Jedenfalls fragte er mich, ob ich ihn noch einmal wiedersehen wolle. Ich wollte nicht unhöflich sein und sagte ja, obwohl ich keine Lust hatte. Ilse hätte sicher jemanden abblitzen lassen, auf den sie keine Lust hatte. Auch in diesem Fall war sie ganz anders als ich.
Dann traf ich Klaus noch ein paarmal, der ersten Einladung folgten weitere. Schließlich fand ich ihn gar nicht mehr so übel. Er sah ja recht passabel aus und da er ständig redete, musste ich nicht viel zur Unterhaltung beitragen. Das fand ich angenehm. Wir konnten ja schließlich Freunde sein. Und vielleicht irgendwann doch noch mehr.
Doch dann kam der Abend, an dem er mich küssen wollte. Wir waren spazieren gegangen und schauten auf den Fluss, der wieder einmal Hochwasser führte.
"Das letzte Mal war ich mit Ilse hier, als der Fluss Hochwasser hatte", bemerkte Klaus und ich verdrehte innerlich genervt die Augen. Ich wollte gerade etwas sagen, so etwas wie: "Vergiss Ilse doch endlich", doch da umarmte er mich und wollte mich küssen. Völlig verdutzt wich ich zurück. In dem Moment merkte ich, dass Liebe zwischen uns nicht funktionieren würde.
"Klaus, wenn du das willst, das wird nichts mit uns."
Er schwieg völlig verblüfft. Dann fragte er, warum ich denn solange mit ihm herumgezogen war. Wenn ich ihn doch gar nicht möge?
"So ist das ja nicht", beeilte ich mich zu versichern. (Ich bin halt so, ich will nie jemanden kränken.) "Ich mag dich ja. Aber..."
"Aber", äffte er mich nach, noch ehe ich den Satz zu Ende sprechen konnte. "Gib dir keine Mühe, ich habe schon verstanden. Steig ins Auto, ich bringe dich nach Hause. Und dann war es das mit uns."
Auf der Rückfahrt schwieg er beharrlich.
Als wir vor meiner Haustür angekommen waren, entließ er mich mit den Worten: "Ich dachte, ich hätte wieder jemanden wie Ilse gefunden. Aber du hast mich schwer enttäuscht."
Dann fuhr er mit aufheulendem Motor davon und ich wusste, dass ich es verbockt hatte.
Warum war ich denn auch nicht einfach so wie Ilse?

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