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1xhab ich gern gelesen
geschrieben 2020 von Lili Kram (Lili Kram).
Veröffentlicht: 09.12.2020. Rubrik: Unsortiert


Lieber den Elefanten als sein Bein

Lieber den Elefanten als sein Bein
– Wir haben keinen Planeten B --

Auf einmal erkannte Andrea sich in einem Spiegel, als sie auf dem Speicher am Räumen war. Ihre Haare waren zerzaust, und sie hatte einen schmutzigen Strich auf einer Wange. „Das reicht jetzt aber.“, besann sie sich, und machte sich auf zur Leiter nach unten.
Daneben stand die Ausbeute von ihrer Stöberei: Etwas war in ein Leinentuch gewickelt, das sie im obersten Fach des alten Schrankes ganz hinten gefunden hatte. Die zwölfjährige Andrea wollte es noch einmal sehen und wickelte es aus. Es war ein Schmuckkästchen ganz aus Elfenbein mit eisernen Scharnieren. Das kunstvolle Relief darauf zeigte ein edles Einhorn von der Seite, wie es an einem Apfelbaum zu schnüffeln schien. „Wie ist so ein wertvoller Kunstgegenstand denn da oben hin geraten?“, dachte sie.
Das Mädchen lief damit nach unten zu ihrer Mutter im Büro und hielt ihr die Dose hin. „Da ist es ja, das wertvolle Kästchen!“, rief die sportliche Frau aus. „Ich habe es schon vermisst, seit Oma Wilma vor zwei Jahren gestorben ist. Komm, ich erzähle dir seine Geschichte.“ Sie setzten sich an den Tisch, und Andrea erfuhr von der Odyssee der Schatulle. Ihr Großvater Karl war nach dem Krieg für einige Jahre für die europäische Einigung mit Deutschland in Straßburg tätig gewesen. Er hatte es auf dem sonntäglichen Flohmarkt entdeckt. Nachdem er lange mit einem bärtigen Franzosen am Stand verhandelt hatte, hatte er es erstanden. Das wunderschöne Stück war sein Hochzeitsgeschenk an Oma Wilma gewesen. „Jetzt, wo es wieder aufgetaucht ist, kannst du es dir erst mal genauer ansehen, Andrea.“ Hocherfreut lief das Mädchen damit in ihr Zimmer, stellte es auf den Schreibtisch und betrachtete es von allen Seiten.
Wie geheimnisvoll das Einhorn doch war. Andrea las im Internet über den Mythos dieses Fabelwesens. Bis in die frühe Neuzeit waren die Menschen davon überzeugt gewesen, dass das Einhorn oder auch Unicorn tatsächlich existierte. Diesem kostbaren und spirituellen Symbol für Reinheit und Unschuld wurde auf der ganzen Welt in vielen Mythologien nachgesagt, dass es eine magische Schutzwirkung hat und den Tod besiegen kann. Zehnmal mit Gold wurde auf den mittelalterlichen Märkten der einzelne geriffelte, lange und schmale Stoßzahn des Narwals als das angebliche Horn eines Einhorns aufgewogen. Es wurde als Ainkhürn bezeichnet. Zu dieser Zeit kannte niemand die hellen Narwale, die nördlich des Polarkreises in Gruppen leben.
Andrea legte die Schatulle auf ihre Handfläche und betrachtete sie von neuem. „Unglaublich“, dachte sie beeindruckt. Vom Hörensagen kannte sie den Beruf des Elfenbeinschnitzers. „Das werde ich.“, war sie überzeugt, denn wie herrlich wäre es, ihr Leben damit zu verbringen, solche reinen und geheimnisvollen Schmuckstücke zu kreieren.
Als Andrea nach der Schule wieder in ihrem Zimmer war, forschte sie im Internet nach, was dieses cremefarbene Elfenbein überhaupt für ein Material war. Es waren nicht die Knochen von Fabelwesen, wie der Name vermuten ließ, sondern eigentlich Zahnbein in der Form imponierender Stoßzähne von heute lebenden Elefanten oder fossilen Mammuts, ebenso wie Walross, Pottwal, Narwal oder Flusspferd.
Sie las davon, wie bereits die eiszeitlichen Menschen des Neandertalers und des Homo sapiens in Europa die Stoßzähne von Mammuts zu Kunstwerken verarbeitet hatten.
Fasziniert war sie von dem geheimnisvollen Löwenmenschen, der ab 1939 bis 2011 in der Stadelhöhle auf der Schwäbischen Alb mit immer neuen kleinen Bruchstücken gefunden worden ist. Es ist eine inzwischen 31 cm hohe Statue aus Mammutelfenbein, die den Körper eines Menschen mit dem Kopf eines Löwen zeigt. Ein Alter von 41.000 bis 35.000 Jahren ist dafür belegt. Bis 2013 ist die Statue kunstvoll aus immer neu gefundenen Teilen zusammengesetzt worden. Sie erlaubt einen tiefen Einblick in die mythischen Phantasien von altsteinzeitlichen Menschen.
Ebenso begeistert war sie von der altsteinzeitlichen Venus von Brassempouy, einer Statuette aus Elfenbein, die im südwestlichen Frankreich gefunden wurde und die für sie sehr aussagekräftig war.
Aber mit wachsender Abscheu erfuhr sie dann, dass heutzutage hauptsächlich Elefanten wider die Gesetze getötet wurden, um ihnen ihre Stoßzähne zu nehmen, die daraus zu derart zarten Kunstwerken verarbeitet wurden.
Andrea wollte sich nicht die Logik des Washingtoner Artenschutzübereinkommens erschließen, dass vor 1947 für ihre Stoßzähne getötete Elefanten legal wären, da das Elfenbein dann antik genannt werden konnte, und dass dieses Tun in späteren Zeiten illegal wäre. Dieses uneindeutige Abkommen förderte trotz seiner guten Absichten bis heute die Wilderei an Elefanten. Im Permafrost in Sibirien aufgefundenes Elfenbein von Mammuts unterlag dagegen zu keinen Zeiten dem Artenschutz und durfte permanent rechtmäßig zu Schmuck oder Kunstwerken weiter verarbeitet werden. Andrea wurde es bei diesem Gedanken etwas schlecht. Es war doch nicht vorstellbar, dass für jedes dieser edlen Kunstwerke majestätische Tiere ihr Leben lassen mussten.
Am darauffolgenden Samstag brachte Andrea das zarte Einhornkästchen zur nächsten WWF-Stelle, damit Stefan Ziegler überprüfen solle, ob das darin verwendete Elfenbein als historisch bezeichnet werden konnte oder ob der Elefant, dem es gehört hatte, illegal gewildert worden war. Fast eine Woche später konnte sie es wieder abholen und wurde gewahr, dass das für das helle Einhornrelief darauf verwendete Elfenbein einem auf kriminelle Weise getöteten Elefanten gehört hatte. Andreas‘ Herz zog sich zusammen. Ihr wurde klar, dass an jeder noch so schönen Schöpfung aus Elfenbein heutzutage ein getötetes geschütztes Tier hing. Diese Bürde wollte Andrea nicht tragen.
Sie ergriff die Schatulle und lief damit in die Küche, wo sie es wortlos ihrer Mutter zurückreichte, die gerade Paprika in Streifen schnitt. Nach dem fragenden und unverständlichen Blick der Frau meinte Andrea erläuternd: „Ein lebender Elefant ist für mich tausendmal mehr wert als das.“, und ihre Mutter nickte verständnisvoll.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von ehemaliges Mitglied am 09.12.2020:

bewegt mich immer wieder, wenn ich vom Leid der gutmütigsten Lebewesen auf diesem Planeten höre. Der Mensch ist da unerreichbar weit weg davon. Wenn ich auf einen Abhang zuging, an dem ein Mensch und ein Elefant in Todesangst hingen, ich aber nur einen durch Hochziehen retten könnte ... der arme, arme Mensch müsste bedauerlicherweise abstürzen ...




geschrieben von Scheper am 09.12.2020:

@RudiRatlos Leider macht man sich mit dem einen Verhalten strafbar, mit dem anderen nicht.




geschrieben von ehemaliges Mitglied am 10.12.2020:

wenn der Elefant nichts verrät, hat's keiner gesehen ...

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