Kurzgeschichten-Stories
Autor
Schreib, wie du willst!
Startseite - Registrieren - Login - Kontakt - Impressum
Menu anzeigenMenu anzeigen
5xhab ich gern gelesen
geschrieben von Butterblume.
Veröffentlicht: 22.05.2026. Rubrik: Unsortiert


Damals mittwochs

Damals mittwochs

Regelmäßig mittwochs brachte der Stadtbus ihre Großeltern und sie
zur Haltestelle am Theater ihrer Heimatstadt.
Dieses besondere Stadttheater wurde im Jahre 1802 eröffnet, erzählte man ihr.
Weiter ging es durch eine lange grüne Parkanlage, eine botanische Vielfalt aus den 1830er/1840er Jahren, bis zur Innenstadt.

Gemeinsam sangen sie das Lied:
Wenn der weiße Flieder wieder blüht ...
Ihre Großeltern sahen sich dabei sehr berührt an und nahmen sie liebevoll in ihre Mitte.

Zurufe, Winken, auch aus der Ferne.
Das Bäcker-/Konditorehepaar, ihre Großeltern, war damals sehr bekannt in dieser historischen Stadt.
„Herr Bäckermeister, wie geht es Ihnen, was machen die Kinder?“

Damals dachte sie: Was für ein Schauspiel.
Heute weiß sie: inszenierte Selbstdarstellung der damaligen Gesellschaft.
Auf der Bühne standen ihre Großeltern und sie.

Ihre Oma flüsterte ihr zu wie eine Souffleuse:
„Gib die feine Hand, mach einen Knicks, steh gerade.
Lächle das Gegenüber freundlich an.“
Sprich nur, wenn du gefragt wirst.
Damals machte sie das so.

Besonders schick wurde sie an diesen besonderen Mittwochnachmittagen gekleidet.
Eine Schneidermeisterin aus dem Bekanntenkreis ihrer Großeltern nähte für sie edle Kleider, Röcke sowie Kostüme aus einem sehr flauschigen, weichen Samt.
Weiße Strumpfhosen, schwarze Lackschuhe.
Die Haare fein gekämmt.
Damals fühlte sie sich wie eine Schauspielerin auf einer großen Bühne.

Manchmal sprach ihr Opa zu laut und machte Witze.
Die fremden Menschen im schicken Gewand lachten herzlich darüber.
Diese Inszenierung gefiel ihrer Oma gar nicht.
In einer fremden Sprache begann ihre Oma dann vornehm zu sprechen.

Heute weiß sie: Es war Sorbisch.
Theatralisch und freundlich verabschiedeten sich ihre Großeltern von den lachenden, fröhlichen Paaren.
Männer nahmen ihre Hüte ab zum Gruß.

Ihre Oma flüsterte ihr zu wie eine Souffleuse:
„Gib die feine Hand, mach einen Knicks, steh gerade.
Lächle das Gegenüber freundlich an.“
Damals machte sie das so.

Der zweite Teil des Schauspiels begann.
Kaffee trinken am Nachmittag im HO-Restaurant in der Albertstraße.
Sie erinnert sich an viele Stufen bis zur großen Flügeltür.
Eine schwarze Tafel versperrte ihnen den Weg.
Ihr Opa las laut vor!
„Bitte warten Sie, Sie werden platziert.“

Damit die Zeit sinnvoll verging, sprach ihr Opa kleine Verse aus berühmten Gedichten.
Im Bäckerstüblein Nacht für Nacht wird Teig für frisches Brot gemacht ...!

Das Theaterstück ging weiter:
Alle im Café kannten ihre Großeltern.
„Herr Bäckermeister, wie geht es Ihnen? Was machen die Kinder?“
Immer wieder wurde sie vorgestellt.

Ihre Oma flüsterte ihr zu wie eine Souffleuse:
„Gib die feine Hand, mach einen Knicks, steh gerade,
sprich nur, wenn du gefragt wirst.
Lächle das Gegenüber freundlich an.“
Damals machte sie das so.

Das Schauspiel wurde von einem Kellner Lehrling unterbrochen.

Bedacht wählten ihre Großeltern die Speisen und Getränke aus.
Sie begannen erneut, in einer ihr damals fremden Sprache vornehm zu sprechen.
Gesprochen wurde leise, der Nachbartisch sollte es nicht hören.

Ein Glasschälchen mit der süßen Schlagsahne wurde bei ihr platziert.
Ihr Opa bekam ein Kännchen Kaffee, dazu eine warme Bockwurst, eine Semmel
und scharfen Bautzner Senf.
Ihre Oma hatte sich erneut für den berühmten sächsischen Kleckskuchen und eine Tasse Blümchenkaffee, entschieden.

„Der Kellner Lehrling beherrscht sein Handwerk“, sagten ihre Großeltern.


Die letzte Szene in diesem Theaterstück.

Ihre Oma flüsterte ihr zu wie eine Souffleuse:
„Lächle das Gegenüber freundlich an,
nimm den Löffel in die feine Hand, sitz gerade, mit vollem Mund spricht man nicht.“
Damals machte sie das so.

Seitdem sind viele Jahrzehnte vergangen.
Das HO-Restaurant gibt es nicht mehr.
Die Erinnerung an die besonderen Mittwochnachmittage aus den Jahren 1970 bis 1980 mit ihren geliebten Großeltern schon.

Damals war es vollkommen.

counter5xhab ich gern gelesen

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

Einen Kommentar schreiben

geschrieben von lüdel am 22.05.2026:


Butterblume, sehr schöne Erinnerungen. 💜💜🧡🧡💜💚💜




geschrieben von Butterblume am 22.05.2026:

Dankeschön liebe lüdel, für deine vielen bunten
Herzen.

Genieße das Leben

Abendliche Grüße
Butterblume




geschrieben von Butterblume am 22.05.2026:

Ich danke euch für die Herzen ❤
Beste Grüße und ein schönes Wochenende
Butterblume🍦

Mehr von Butterblume:

Erlebtes
Kein Mensch muss müssen!
Mit der Bimmelbahn
Schöne Spuren der Vergangenheit
Hört ihr es?