Veröffentlicht: 01.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Stufen
Es ist 10 Uhr.
Hakan und Susanne entschuldigen sich zum vierten Mal bei der Handvoll Tumultwilliger im Aufenthaltsbereich vor den Krankenzimmern, dass sie das Frühstück noch nicht gebracht haben.
Medikation gehe vor.
Erst müssen alle dreißig Patienten der Station mit ihren Infusionen, Blutabnahmen, Einläufen und Tabletten versorgt werden. Dazu kommen Fieber- und Blutdruckmessen, die Frage nach dem Stuhlgang und für jeden Einzelnen ein Minimum an verständnisvollen Worten. Und zwar verwechslungsfrei.
Gestern bekam ich von Schwester Irina eine „kleine Klista“. Ich sagte, dass ich glaube, hier liege eine Verwechslung vor. Sie bestand darauf, recht zu haben. Polnische Berufsehre.
Ich dachte noch, sie wird wohl wissen, was sie tut.
10:10 Uhr.
Wilhelm schleicht den Gang entlang und sucht Essbares. Der alte Mann mit den wilden Haaren, der nur ein T-Shirt und eine Feinripp-Unterhose trägt, schiebt seinen Infusionsständer routiniert vor sich her, obwohl er momentan gar nicht angeschlossen ist. Macht der Gewohnheit wahrscheinlich.
Ich denke: Hoppla, Hose vergessen. Passiert den besten Managern. Schwamm drüber.
Irina kommt vorbei und entschuldigt sich nochmals bei mir für den unnötigen Einlauf gestern. Ich sage ihr, dass sie sich keinen Kopf machen soll. Wir hatten schließlich einen schönen Moment der Zweisamkeit, und ich sei froh, dass es sie gibt. Trotzdem ist sie beschämt und gekränkt, weil die Kommunikation nicht funktioniert hat. Polnische Berufsehre.
10:25 Uhr.
Der junge Hakan und Susanne hechten mit dem Frühstückswagen über die Station. Hier flüssig, da breiig, dort Aufbaukost. Nur keine Fehler.
Mein Zimmergenosse Günther hat bereits einen halben Brotlaib mit Wurst und Käse verdrückt, als Susanne bemerkt, dass er eigentlich nur Flüssiges bekommen soll. Viel Spaß bei der angesetzten Magenspiegelung.
Günther fragt nach dem Warum. Sie weiß es nicht genau. Er würde wohl irgendwo in sich hineinbluten, glaubt sie.
Das hört Günther zum ersten Mal. Bis ein Arzt das im Laufe des Tages richtigstellt, ist er ziemlich geknickt.
Ich kann ihn kaum aufheitern.
Hakan ist ein lustiger Vogel. Ein geborener Pfleger, der es versteht, mit kranken Menschen umzugehen. Einer, der Ängste nimmt, eine diplomatische Prise Humor einbringt und anfassbar bleibt.
Ich glaube, dass er hier verheizt wird.
Susanne ist schon einen Schritt weiter. Ihre dunklen Augenringe erzählen mir, dass sie eine engagierte Zukunft aus der Überzeugung heraus, Menschen helfen zu wollen, bereits hinter sich hat. Schätze sie auf Ende dreißig vielleicht.
Kinder in blauen Dresses stolzieren mit durchgedrücktem Rücken über die Station. Hakan flüstert, dass Blau Arzt bedeutet.
Welpen mit großer akademischer Leistung und plötzlich noch größerer Verantwortung.
Die langen Stoffkittel haben sie irgendwann abgelegt. Geblieben ist bei manchen die steife Haltung der Gewissheit. Vielleicht ist sie nur geliehen, bis Erfahrung nachgewachsen ist.
Für die meisten führt die Treppe der Erfahrung später wieder ein gutes Stück nach unten.
Hakan unterrichtet nebenbei noch eine Hilfskraft, die ihm an den Fersen klebt. Nach jedem Patientenkontakt hämmert er unermüdlich Daten in die mobilen Computer auf den Versorgungswagen. Latexhandschuhe und Desinfektionsmittel wechseln sich im Minutentakt auf seinen Händen ab.
Ich wünsche ihm, dass sie abends jemand streichelt. Haut auf Haut. Ganz ohne Hektik.
Auf zehntausend Schritte schätze ich die Bilanz seiner Fitnessuhr, wenn er viele Stunden später nach Hause geht.
Es scheint drei Klone von ihm zu geben, denn er ist ständig überall.
Infusion. Fieber. Blutdruck. Tränen trocknen. Verband wechseln. Essen reichen. Fehlt noch was? Betten beziehen. Dokumentieren. Desinfizieren. Maske auf. Maske ab. Fragen stellen. Letzter Stuhlgang? Wissen teilen. Aufklären. Freundlich sein. Schneller werden. Fehlerfrei bleiben.
"Siddhartha" sei sein Lieblingsbuch.
Ich bin nicht erstaunt.
Ich bin mir inzwischen sicher, dass er hier verheizt wird.
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