Veröffentlicht: 20.06.2026. Rubrik: Nachdenkliches
Mein vorletzter Wille
Ich schreibe einen Satz,
einen lauten Appell,
der mit den Worten beginnt:
"Wenn ich nicht mehr kann".
Ich könnte auch schreiben:
"Ich will nicht dass ihr raten müsst"
oder
"Ihr-müsst-kein-schlechtes-Gewissen haben".
Denn,
mein Leben ist endlich.
Viele sagen:
"Ach, das hat doch noch Zeit,"
so wie die Steuererklärung.
Aber der Tod kennt keine Frist,
die man sich im Kalender notieren kann.
Er kommt, wenn er Bock hat,
unangekündigt,
unpassend.
Immer.
Und dann stehen sie da,
die Menschen, die mich lieben,
und sollen entscheiden,
ob ich bleiben soll,
oder gehen darf.
Eine blöde Frage,
in einer blöden Situation,
und sie wissen nicht,
was sie antworten sollen-
was mein Wille wäre.
Wie sollten sie auch?
Ich habe ja nie mit ihnen
darüber gesprochen.
Wann auch?
Sonntagnachmittags,
bei Kaffee und Kuchen?
Bei Omas 80.Geburtstag?
Oder unter dem Weihnachtbaum?
Für mich ist heute der ideale Tag.
Nicht zum Reden,
nicht für Drama,
sondern für Klarheit
und für meine Patientenverfügung.
Im Prinzip nichts anderes
als ein Wahlzettel.
Nur, dass ich keine Partei
und auch keine Person wähle.
Ich wähle "Verantwortung".
Verantwortung,
von der ich meine Lieben entbinde,
indem ich ihnen mitteile:
"Ich lasse euch nicht allein
mit der Frage,
ob ihr mich retten
oder loslassen sollt."
Und ich schreibe,
ganz einfach,
was Sache ist.
Ohne Schnörkel,
ohne "wenn und Aber".
Wenn mein Körper nur noch funktioniert,
weil Maschinen für mich atmen,
und sich daran mit größter Wahrscheinlichkeit
nichts mehr ändern wird,
dann nenne ich das nicht Leben.
Dann nenne ich das
ein medizinisches Missverständnis.
Ein Sterben auf Raten.
Und da sage ich
"Nein".
"Nicht mit mir".
Ja,
dieser Gedanke ist unbequem,
aber noch unbequemer ist,
wenn andere mein Schweigen ausbaden sollen.
Eine Patientenverfügung ist kein Abschied.
Sie ist nur eine klare Ansage.
Ein: "Ich sage"
auch wenn ich nicht mehr sprechen kann.
Ich unterschreibe.
Nicht, weil ich ans Sterben denke,
sondern weil ich an das Leben glaube.
Ein "Ich hab's geregelt",
damit andere nicht zerbrechen müssen,
zwischen Hoffnung und Schuld.
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