Veröffentlicht: 22.06.2026. Rubrik: Historisches
Wen der Herr liebt ...
„Wen der Herr liebt, den züchtigt er“
steht da, schwarz auf weiß, Hebräer 12, Vers 6,
als wäre Schmerz ein Sakrament
und ein blutiges Gesäß der Beweis für göttliche Nähe.
Früher nickten die Kinder nur, fromm, folgsam,
gehorsam bis ins Knochenmark.
Erwachsene hatten den biblischen Freibrief:
„Schlag zu, es ist zu ihrem Besten.“
Ob der kleine Rudolf das verstanden hatte,
der aus dem Fenster der Schule kletterte,
um sein vergessenes Pausenbrot zu Hause zu holen?
Ein Mädchen verpetzte ihn,
und der Lehrer legte ihn über die Bank.
Mit einem Haselnussknüppel,
zwei Zentimeter dick,
verpasste er ihm fünfzehn Schläge,
mit fünfzehn Gründen,
warum Kinder früher vor Erwachsenen mehr Angst hatten,
als vor jedem Monster unter dem Bett.
Auch zu Hause,
kein Trost. Kein „Was ist passiert?“
Nur ein kaltes: „Du wirst es schon verdient haben.“
Prügel als Pädagogik.
Bis in die 60er Jahre so selbstverständlich
wie Milch im Glas und Gott im Himmel.
Eltern, Lehrer, Lehrherren-
bewaffnet mit Gürtel, Stock und einer lockeren Hand.
Alltag, so wie das in der Ecke stehen, Gesicht zur Wand,
um zu lernen, dass Scham ein Werkzeug ist
und Stille eine Strafe.
Stubenarrest, Kellerarrest.
Erziehung durch Dunkelheit
mit dem Mantra: „Es wird ihnen schon nicht schaden.“
„Wir wollen doch nur ihr Bestes.“
„Wer nicht hören will, muss fühlen.“ Ein Satz, wie ein weiterer Schlag ins Gesicht und Generationen haben ihn geschluckt, bis er ihnen im Hals stecken blieb.
Und heute stehen wir da, sehen zurück, und fragen uns: War das Liebe? War das Erziehung? Oder war es einfach nur Gewalt im Sonntagsgewand?
5x




