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geschrieben von Butterblume.
Veröffentlicht: 06.07.2026. Rubrik: Unsortiert


Literaturcafé

Literaturcafé

Immer wieder versucht eine programmierte KI, sie am Handy zu erreichen. Sie ist genervt und möchte nicht an das blinkende, auf stumm geschaltete Handy gehen. Stirn runzelnd schaut sie nach wenigen Minuten doch auf das Display, ihre Gesichtszüge verändern sich blitzartig. Eine Signalnachricht ihrer besten Freundin mit einem lustigen Smiley.

Nun googelt sie nach dem besagten Literaturcafé, welches am heutigen Tag in ihrer Heimatstadt öffnet, laut Info ihrer Freundin. Sie tippt in ihr Handy. Das sieht doch gut aus, 16.00 Uhr, freue mich. Sekunden später blickt ihr Handy erneut auf: „Dito.“

Als sie später mit dem Rad an diesem heißen Montagnachmittag im grünen Leinenkleid und veganen Barfußschuhen die Innenstadt erreicht, denkt sie: „Oh mein Gott.
Vor dem besagten Szenecafé hat sich eine Menschentraube gebildet. Nein, ausgerechnet jetzt/hier. Zum Glück lösen sich manche Dinge in Luft auf, schneller als man denkt.

Die neue Bushaltestelle davor nimmt sie erst beim Abstellen ihres Drahtesels bewusst wahr.Vorfreude und Neugierde steigen in ihr auf. Beim Betreten des Literaturcafés hat sie ein angenehmes Bauchgefühl. Hier kann man den Stress und die Hektik an der Tür ablegen. Was für ein gemütlicher Ort, eine Oase der Stille. Es duftet nach Rosen, kleine Vasen sind bestückt mit diesen roten Rosen, ihren Lieblingsblumen. Es riecht nach frisch gemahlenem Kaffee, Tee und altem Papier.

Erneut blinkt ihr Handy, die angezeigte Nummer ist zum Glück von ihrer Freundin. Bin in 20 Minuten im Literaturcafé, habe dir viel zu erzählen. Jetzt überlegt sie, ob sie eventuell einen Spamschutz aktivieren sollte.

Ein großer Holztisch aus Lärchenholz in der Mitte des Cafés weckt nun ihre besondere Aufmerksamkeit. „Was für ein Schmuckstück“, sagt sie hörbar laut. Die Bedienung eilt herbei und erklärt ihr einfühlsam: dass dieser Tisch von einem bekannten Schreiner der Region extra für dieses Literaturcafé angefertigt wurde. Ein Hingucker. „Okay, dann nehme ich hier Platz. Lassen Sie mir bitte noch ein bisschen Zeit für eine Bestellung.“

Der Blick auf ein großes Bücherregal beflügelt sie und weckt in ihr eine Lust, sofort in einem neuen Buch zu schmöckern. Des Weiteren liegen viele Zeitungen locker verstreut auf dem polierten Lärchenholz. Dies veranlasst sie, in ihrer schwarzen Umhängetasche nach ihrer Leserille zu suchen.Was steht da geschrieben?

Was geschah am 26. April 1986?
Bedacht liest sie die Überschrift und den Text.

In Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine kam es an diesem Tag zu einem schweren Unfall. Dabei wurden erhebliche Mengen radioaktiver Substanzen freigesetzt, die aufgrund hoher Temperaturen des brennenden Reaktors in große Höhen gelangten und sich mit Wind und Wetter über weite Teile Europas verteilten.

Ihr Herz pocht jetzt sehr schnell, sie versucht, tief einzuatmen und langsam auszuatmen. Schweißperlen laufen ihr über den Rücken.

Der Unfall von Tschernobyl führte in vielen Ländern zur Überarbeitung der Programme zum Schutz der Bevölkerung vor radioaktiver Strahlung. Je nach Auftreten und Stärke des Niederschlags während des Durchzugs der radioaktiven Luftmassen variierte die Kontamination in den betroffenen Gebieten erheblich.

Unbemerkt betritt ihre beste Freundin Paula das Literaturcafé.

Paula: Was ist los mit dir, liebste Freundin Natja?
Du bist ja ganz blass.

Natja: „Oh Paula, entschuldige bitte, ich habe dich gar nicht kommen sehen.“

Paula: „So, so.“

Natja, schön, dich zu sehen.

Paula; Gerade hatte ich einen anderen Eindruck. Gefällt es dir hier nicht? Ich finde es großartig hier.
Mal ganz ehrlich, was hat dich so aus der Bahn geworfen?

Natja, diese Überschrift.

Was geschah am 26. April 1986?

Paula, ich verstehe nur Bahnhof.

Natja: Ja, auf einem Bahnhof war ich auch.

Paula, lass mich raten:

Natja, lass uns zuerst etwas zu trinken bestellen.

Die Kellnerin hatte schon darauf gewartet und erreicht freudestrahlend beschwingt im schicken weißen Leinenkleid und mit einem wippenden Pferdeschwanz den Tisch der im Moment einzigen Gäste.
Aufgeregt vor Freude erzählt die Dame, dass heute jeder Gast ein Begrüßungsgetränk gratis bekommt.

Paula: Das ist ja perfekt. Natja, wollen wir Prosecco?

Natja: Logisch!

Paula: Später nehme ich noch einen Kaffee mit Hafermilch.

Natja: Genau das ist eine gute Idee.

Kellnerin: Ich bin gleich wieder bei Ihnen. Übrigens, mein Name ist Mia und mir gehört dieses Lesecafé.

Paula: Herzlichen Glückwunsch, weiterhin viele Café- und Lesegäste.

Mia: Das brauche ich, der Kredit war, sagen wir mal, hoch.

Natja: „Ist eine schöne Sache, eine Lesestube zu eröffnen, wäre auch ein Traum von mir.“

Paula: Natja, erzähl schon, was hat es nun mit dem Jahr 1986 und der Überschrift auf sich?

Natja: Damals bekam ich eine Reise geschenkt, als Teamleiter.

Paula: Ein bisschen kann ich mich erinnern, das waren doch 10 Tage, oder?

Natja: Genau. Beginn war in Berlin Ostbahnhof.

Paula: Da warst du ja kurz nach dem Unglück in Vorort?

Natja: Dies wurde uns so nicht kommuniziert.

Paula: Woran kannst du dich noch erinnern?

Natja: Naja, es waren 10 Tage mit dem Zug.

Städte wie Leningrad, Moskau, Kiew standen auf der Fahrkarte.
Wir erfuhren, dass die Katastrophe unmittelbar zahlreiche Todesopfer forderte. Das Gebiet im Umkreis des Reaktors musste weiträumig evakuiert und zur Sperrzone erklärt werden.

Paula: Und trotzdem seid ihr dort gewesen?

Natja: Wir glaubten der russischen Regierung. Es fuhren Polizeiautos durch die Straßen von Kiew. Sie ordneten an, jeden Abend zu duschen.

Paula: Natja, gerade lese ich folgendes bei Google:

Nach der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 fanden die geplanten Auszeichnungsreisen ab Berlin (oft mit speziellen Freundschaftszügen) in die Sowjetunion zunächst trotzdem statt. Die DDR-Führung um Erich Honecker verharmloste den Super-GAU und versicherte in den ersten Meldungen ab dem 28. April, dass keine Gefahr bestünde.

Natja: Diese Info hier ist auch schockierend.

Die radioaktive Wolke breitete sich auch über weite Teile Europas aus, wobei große Gebiete in der Ukraine, in Weißrussland und Russland besonders stark kontaminiert wurden. In den ersten Wochen nach dem Unfall starben dutzende Menschen an den Folgen der akuten Strahlenkrankheit. Langfristig führte der Unfall zu einem dramatischen Anstieg von Krebserkrankungen.

Paula: Wie geht es dir jetzt nach so vielen Jahren?

Natja: Ich bin froh, noch am Leben zu sein. Dies ist mir gerade bewußt geworden.

Mia: Natja, über diese Geschichte könntest du hier in meinem Literaturcafé einen Vortrag halten.

Natja: Das klingt interessant. Ich möchte mir das Angebot noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

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