Veröffentlicht: 15.07.2026. Rubrik: Aktionen
Hormoncocktail für zwei
‘Hallo hier wartet Boris auf Dich’. Das Foto des 4 Monate alten Großen-Schweizer-Sennenhund-Mischling-Findlings sprang uns aus der Tierecke der Kronenzeitung förmlich entgegen. ‘Soooooooo süüüüüüüüßßßß’! Irgendwo hab ich mal gelesen, dass sogar beim Anblick von Tierbabys, Oxytozin ausgeschüttet wird. Das erklärt vielleicht auch, dass schon beim 1. Besuch im Tierheim meine anfänglichen Bedenken: ‘das wird aber mal ein großer Hund’, binnen Sekunden wie weggewischt waren.
Bald wurde aus dem süßen Welpen ein stattlicher Rüde, der in seiner Glanzzeit immerhin fast 60 kg auf die Waage brachte. Um sein und natürlich auch mein Gewicht unter Kontrolle zu halten, hatte ich die Idee ihn zu einer meiner Laufrunden mitzunehmen.
Gesagt, getan. Ein warmer Sommer-Sonntag-Nachmittag. Weil es mir bald zu blöd war die Hundeleine beim Laufen in der Hand zu halten, schlang ich das Ding um meinen Bauch um die Arme zum Mitschwingen frei zu haben. Ein herrlicher Tag. Ich schwebte bald im Dopaminrausch.
Wir waren bereits am Rückweg meiner üblichen Laufstrecke und vielleicht hatte ich da auch schon eine kleine Überdosis von dem Rausch intus. Jedenfalls richtete sich meine Aufmerksamkeit nicht mehr auf Boris, sondern nur mehr auf das Auto, das da vor mir im Schritttempo die Straße entlang kam. Der PKW war voll besetzt und augenscheinlich suchten die Fahrzeuginsassen etwas. Mein Körper, noch immer im Flow, lief einfach weiter.
‘Hey ist der Typ hinter dem Lenkrad nicht der gut aussehende Schlagzeuglehrer meines Sohnes? Wer is`n die Frau da neben ihm?’ Neugierig kam ich ganz nah an das Auto heran um etwas besser hineinsehen zu können. Mit einer lässigen Bewegung winkte ich den Insassen zu, während ich versuchte – trotz verschwitztem Aussehen – eine gute Figur zu machen.
Plötzlich hob der Fahrer die Hand. Keine Ahnung, ob er mich grüßen oder warnen wollte, denn im nächsten Moment wusste ich nicht mehr wie mir geschah. Mit einem Riesenradau wurde ich nach vorne gerissen, denn am gegenüberliegenden Gartenzaun keifte der Erzfeind unseres ansonsten gutmütigen Riesenbabys, ein deutscher Schäferhund heraus.
Mein hündischer Laufpartner ließ sich für das Gebell-Duell nicht zweimal bitten und startete los. Schütten Hunde eigentlich auch Dopamin beim Laufen aus?
Als wäre ich eine Puppe, schleifte mich Boris hinterher. Wie ich es schaffte mich halbwegs auf den Beinen zu halten, weiß ich bis heute nicht. Von Null auf Hundert: Dopamin runter, Adrenalin rauf. Ehe ich mich versah, knallte ich in voller Fahrt abrupt gegen den Gartenzaun. Sogar die beiden Hunde verstummten erschrocken. Mit hochrotem Kopf spürte ich nicht nur die Blicke im Auto hinter mir, sondern auch das Cortisol das jetzt hinzukam. Wie peinlich! Umständlich fingerte ich an meinem Bauch herum um die Hundeleine zu lösen in der Hoffnung, das Auto möge endlich verschwinden. Dank Hormoncocktail fing ich - mit Ausnahme meines Egos - zum Glück keine gröberen Kratzer ab.
Der nach dem Laufen übliche Serotoninschub wollte sich zu Hause bei mir allerdings nicht mehr einstellen. Den hatte Boris an diesem Tag ganz für sich allein.
1x



