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4xhab ich gern gelesen
geschrieben von Genevieve.
Veröffentlicht: 28.07.2026. Rubrik: Unsortiert


Der letzte Anruf

Jedes Jahr am 17. November um Punkt 20:15 Uhr klingelte Annas Handy. Nicht um 20:14 Uhr. Nicht um 20:16 Uhr. Genau um 20:15 Uhr. Und jedes Jahr zeigte das Display denselben Namen: Lena. Ihre Schwester. Seit zwölf Jahren tot. Beim ersten Anruf hatte Anna geglaubt, jemand mache einen grausamen Scherz. Sie hatte gezittert, geweint und schließlich abgenommen. „Hallo?“ Am anderen Ende hatte sie Lenas Stimme gehört – warm, vertraut und lebendig. „Anna… ich habe nur eine Minute.“ Bevor Anna begreifen konnte, was geschah, war die Verbindung nach sechzig Sekunden abgebrochen.
Seitdem geschah es jedes Jahr. Immer eine Minute. Nie länger. Nie kürzer. Anfangs stellte Anna unzählige Fragen. Wo bist du? Warum rufst du an? Kann ich dich sehen?
Doch Lena antwortete nie direkt. Sie sprach über Erinnerungen. Über den Duft von Sommerregen. Über den alten Apfelbaum im Garten ihrer Großeltern. Über das Lied, das beide als Kinder gesungen hatten. Über Dinge, die niemand außer ihnen wissen konnte. Mit jedem Jahr wurde Anna ruhiger. Sie stellte keine Fragen mehr. Sie hörte einfach zu. Diese sechzig Sekunden waren kostbarer als alles andere.

Am Morgen des dreizehnten Jahrestages ging Anna zum Friedhof. Sie stellte frische weiße Lilien auf das Grab. „Heute sehen wir uns wieder“, flüsterte sie. Der Wind bewegte sanft die Blätter der Bäume. Als der Abend kam, saß sie mit einer Tasse Tee auf dem Sofa. 20:14 Uhr. Ihr Herz schlug schneller. 20:15 Uhr. Das Handy klingelte.
Lena. Anna lächelte und nahm sofort ab.
„Hallo.“ „Hallo, kleine Schwester.“ Die Stimme war genauso wie immer. Nur etwas… trauriger. „Alles in Ordnung?“, fragte Anna. Für einen kurzen Moment schwieg Lena. „Heute ist unser letzter Anruf.“ Anna spürte, wie ihr der Atem stockte. „Was meinst du mit letzter?“ „Ich durfte dich all die Jahre begleiten. Aber jetzt musst du ohne mich weitergehen.“ „Nein… bitte nicht.“ „Du hast lange genug in der Vergangenheit gelebt.“ Anna kämpfte gegen die Tränen. „Ich kann dich nicht noch einmal verlieren.“ „Doch“, sagte Lena sanft. „Du hast mich schon vor zwölf Jahren verloren. Du hast nur nie aufgehört, auf mich zu warten.“ Die Worte trafen Anna mitten ins Herz. Sie wusste, dass ihre Schwester recht hatte. Seit dem Unfall hatte sie kaum wirklich gelebt. Keine Reisen. Keine große Liebe. Keine Zukunftspläne.
Immer hatte sie auf den einen Tag im Jahr gewartet. „Ich habe Angst“, flüsterte Anna.
„Ich weiß.“ „Was, wenn ich dich vergesse?“
Lena lachte leise. „Menschen verschwinden nicht, wenn sie sterben. Sie verschwinden erst, wenn niemand mehr ihre Geschichten erzählt.“ Anna schloss die Augen. Eine Träne lief über ihre Wange. „Dann erzähle ich deine Geschichte.“ „Das ist alles, was ich mir wünsche.“ Ein Piepton erklang. Anna sah auf die Uhr. 20:15:58. Noch zwei Sekunden.b„Ich hab dich lieb“, sagte Anna hastig. „Ich dich auch. Lebe jetzt.“b20:16 Uhr. Die Leitung war tot.

Ein Jahr später war der 17. November wieder da. 20:15 Uhr. Das Handy blieb still.
Anna lächelte trotzdem. Sie zog ihren Mantel an und machte sich auf den Weg.
Nicht zum Friedhof. Sondern zu einem kleinen Gemeindehaus. Dort warteten zehn Kinder auf sie. Einmal in der Woche las Anna ihnen Geschichten vor. An diesem Abend schlug sie ein leeres Notizbuch auf.
„Heute“, sagte sie, „erzähle ich euch von meiner großen Schwester Lena.“ Draußen rauschte der Wind durch die Bäume. Für einen kurzen Augenblick hätte Anna schwören können, dass jemand leise lachte.
Nicht traurig. Sondern voller Stolz. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren wartete sie nicht mehr auf einen Anruf. Sie lebte.

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Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Catarina am 28.07.2026:

Liebe Genevieve,
Du hast diese wunderschöne Geschichte wirklich sehr gekonnt geschrieben. Ein wahrer - wenn auch trauriger - Lesegenuss.
Liebe Grüße
Catarina




geschrieben von Andy Loginius am 28.07.2026:

Sehr bewegend, traurig und voller Hoffnung.

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