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geschrieben 2019 von Weißehex (Weißehex).
Veröffentlicht: 02.10.2019. Rubrik: Unsortiert


Die Ur-Ur-Ur-Enkelin

Gestern morgen schaltete sich der für um 5.45 Uhr programmierte Radiowecker ein und eine Stimme hauchte mir ins Ohr: "How dare you..." Und dann schlief ich noch einmal ein und hatte einen seltsamen Traum.

Pünktlich zum Herbstanfang wurde es windig und kühl. Galina stand fröstelnd vor der Höhle und dachte darüber nach, wie sie den kommenden Winter überstehen sollten. Wenn es jetzt schon so kalt war, würde der Winter klirrend kalt werden und sie hatte keine Ahnung, wie sie ihre gerade sieben Monate alte Zwillinge in dieser Zeit wärmen sollte. Meinulf, ihr Mann und Vater der Zwillinge, war ihr auch keine große Hilfe bei ihren Überlegungen. „Wir können doch Feuer machen", hatte er nur gesagt. „Was regst du dich auf?"
Als ob man mit den Zwillingen draußen vor dem Feuer einschlafen könnte..... Viel zu gefährlich. Und überhaupt... Nachts sollte das Feuer sowieso nicht brennen. Sie würde für die Zwillinge wohl noch einige warme Kleidungsstücke aus der Wolle der Schafe, die Meinulf im Sommer geschoren hätte, stricken müssen. Galina schüttelte sich. Sie hasste Stricken.

Aus der Nachbarhöhle waren Stimmen zu vernehmen und es dauerte nicht lange, bis Matilda vor der Höhle erschien. „Einen wunderschönen guten Morgen!" rief sie Galina gutgelaunt zu.
„Mal sehen, ob er wirklich gut ist!" rief Galina zurück. „Reichlich windig heute."
Matilda kam näher und Galina bemerkte, dass sich ihr Bauch schon weit vorgewölbt hatte. Sie musste jetzt wohl im siebten Monat sein.
„Möchtest du eine Ziegenmilch?" fragte sie.
Matilda nahm dankend an und einige Minuten später saßen beide Frauen zusammen in der Höhle und schlürften ihre Ziegenmilch.
„Ich finde es immer schön, wenn die Männer für ein paar Tage fort sind und dann mit Vorräten zurückkehren", bemerkte Matilda. „Da haben wir Frauen doch genug Zeit, die Höhle zu säubern und für einen netten Plausch. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das früher mal war, wo man alles selbst einkaufen musste. Diese merkwürdigen Supermärkte!"
Galina schwieg, doch dann fasste sie sich ein Herz. Es rumorte schon länger in ihr.
„Meinst du, unsere Vorfahren haben damals das Richtige getan?"
„Natürlich", antwortete Matilda, die gar nicht die Tragweite der Frage erkannt hatte, unbefangen. „Immerhin ist es gelungen, die Erdwärmung tatsächlich zu stoppen! Dafür kann man doch wohl ein paar kleine Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen."
„Ich weiß nicht, wie ich meine Kinder im Winter wärmen soll", sagte Galina niedergeschlagen und wie auf Kommando fing einer der Zwillinge zu brüllen an.
„Ihr könnt doch Feuer machen. Streichhölzer hat man ja genug. Denk mal an ganz früher, da gab es das noch nicht mal!" Matilda wollte noch mehr sagen, doch auf einmal krümmte sie sich zusammen.
„Was ist?" fragte Galina erschrocken.
„Keine Ahnung." Matilda entspannte sich wieder.
„War das eine Wehe?" Galina war alarmiert.
„Kann sein. Aber eigentlich ist es noch zu früh."
„Wie weit bist du denn?"
„Siebter Monat."
„Verdammt", dachte Galina. Bei einer normalen Geburt zu helfen, hätte sie sich zugetraut. Aber eine Frühgeburt? Und vor allem brauchte ein Frühchen ja fachkundige Betreuung durch eine Kinderkrankenschwester, am besten in einem Krankenhaus in der Frühgeborenenabteilung. Beides hatte ihr kleines Dorf nicht zu bieten.
„Du musst ins Krankenhaus", sagte sie laut.
Matilda lachte. „Ist doch schon wieder vorbei." Doch kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, stöhnte sie auf und krümmte sich erneut zusammen.
Galina stand entschlossen auf. „Ich gehe jetzt zu deiner Mutter und frage sie, ob sie dir ein paar Sachen zusammen packt und ob sie auf die Zwillinge aufpassen kann. Und dann gehen wir zum Bus."
Matilda wollte widersprechen, doch dann überfiel sie eine neue Wehe und sie stöhnte nur auf. War es überhaupt normal, dass die Wehen so früh schon so schnell hintereinander kamen? Bei Galinas Entbindung hatte es stundenlang gedauert, bis sie in diesem Stadium war. Galina wurde noch nervöser, als sie daran dachte. Sie schnappte sich ihre Zwillinge - der eine hörte auf zu schreien, als sie ihn auf den Arm nahm, dafür fing der andere damit an - und trug sie zur Nachbarhöhle hinüber. Matildas Mutter, die dabei war, eine Decke zu stricken, sah sie erstaunt an. „Was ist los?"
„Kannst du auf die Zwillinge aufpassen? Matilda.... Ich glaube, das Kind kommt...."
„Aber es ist doch viel zu früh!"
„Ich weiß.... Deswegen will ich mit ihr ins Krankenhaus. Wir müssen zum Bus."
„Ich glaube, der nächste fährt erst in einer Stunde." Matildas Mutter war kreideweiß geworden. „Früher hatte jeder ein Auto, da kam man schnell ins Krankenhaus...."
„Das weiß ich", Galina beherrschte sich mühsam, „aber das nutzt uns jetzt nichts."
Sie erinnert sich flüchtig an den Beschluss aus ihrer Jugend, dass keiner mehr ein Auto haben sollte. Damals war sie sieben Jahre alt gewesen und hatte es toll gefunden, auf einmal mitten auf der Straße spielen zu dürfen. Keine Gefahr mehr durch fahrende Autos! Und die Busse fuhren um die Stadt herum. Was bedeutete, man musste zwar ziemlich weit zur Bushaltestelle laufen, aber dafür wurde der CO2-Ausstoß weniger. Als Galina acht war, hatte sich „CO2- Fußabdruck" als „Wort des Jahres" etabliert. Und dann ging es immer weiter mit dem Fortschritt. Kein Schultag mehr, an dem nicht über Emissionsfreiheit diskutiert wurde. Der Freitag - ehemals der Tag der Demonstrationen für das Klima, an denen Galinas Ur-Ur-Ur-Großmutter noch teilgenommen hatte - wurde zum „Wir reden über unsere umweltfreundliche Zukunft"-Freitag umfunktioniert und es wurde in der Schule gründlich darüber diskutiert und argumentiert. Und schließlich hatte Galinas Familie - zusammen mit ein paar anderen Familien - beschlossen, den ganz krassen Schnitt zu machen und das Leben zu wagen, wie es früher einmal war und wieder werden sollte - emissionsfrei und klimaneutral. Kein Haus, keine Heizung, keine Autos, keine Handys. Nur dass man ab und zu doch mit dem Bus fahren könne, wurde einstimmig beschlossen. Es könnte ja ein Notfall eintreten. So wie jetzt z. B., wo Matilda anscheinend eine Frühgeburt bevorstand. „Dass auch die Rettungswagen abgeschafft worden sind, war eine Schnapsidee", dachte Galina. Immerhin, im Gesundheitswesen schrieb man durch die vielen Einsparungen endlich schwarze Zahlen.
Galina stürmte zurück In ihre Höhle. Matilda saß zusammengesunken am Tisch und stöhnte leise.
„Wir müssen zum Bus", sagte Galina bestimmt.
„Du meinst, ich soll laufen?" Matilda schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht weit laufen."
„Blödsinn!" Galina zerrte sie unsanft hoch. „Du musst!"
Und während sie Matilda ansah, fiel ihr ein, was die Vorfahren damals vergessen hatten. Dazu hatte sie doch neulich eine Idee gehabt.....
Ein schrilles Geräusch machte sich bemerkbar. Ungeduldig drehte Galina sich um.

Das war nur mein anderer Wecker, der zu läuten begonnen hatte. Ich schrak aus meinem Traum hoch, griff nach dem blöden Ding und schleuderte es weit fort.
„How dare you!" brüllte ich. Meine Protagonistin war so nahe daran gewesen, eine Lösung zu finden....

Ich stand auf und ging zur Arbeit. Was hätte ich auch sonst mit diesem Tag anfangen sollen? (Es war kein Freitag und Schülerin bin ich auch schon lange nicht mehr.)

Kommentare zu dieser Kurzgeschichte

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geschrieben von Christine Todsen am 04.10.2019:
Hoffentlich kommt es in Wirklichkeit nie so weit! Zuerst dachte ich „Bus ja, Rettungswagen nein – unlogisch“, aber offenbar hast Du nicht nur die Extreme beim Klimaschutz, sondern auch die bei den Einsparungen im Gesundheitswesen ironisiert. Schade, dass der Traum endete, bevor die Protagonistin eine Lösung fand ;-)




geschrieben von Weißehex am 07.10.2019:
Dass es unlogisch ist, dachte ich auch und wollte es zunächst umändern, aber Träume sind eigentlich immer unlogisch :) deswegen ließ ich es so.

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