Veröffentlicht: 21.08.2026. Rubrik: Unsortiert
Das Rauschen der Birken
Das Rauschen der Birken
In einer Galerie steht sie mit einem Glas Sekt neben mir. Sie schaut mich an und sagt: „Wissen Sie, manchmal verwirklichen wir unsere Träume nicht. Der Grund ist die Angst davor, dass etwas schiefgehen könnte, dass wir nicht gut genug sind.
Jetzt erzählt sie mir von damals, als sie sieben Jahre alt war.
Keiner hört ihr zu, keiner versteht sie. Genau deshalb ärgerte sie sich manchmal. Sie wollte einfach nur dasitzen und nichts tun. Nichts müssen und träumen.
Da gab es diesen einen Tag im Sommer. Es war sehr heiß. Sie schlüpfte in ihre roten Riemchen-Sandalen und schmiss die Wohnungstür ins Schloss und rannte los. Tatsächlich befand sich gegenüber ihres Wohnhauses ein kleines Wäldchen. Ein Sehnsuchtsort, so sagten es damals die Erwachsenen. Diesen magischen Ort der Großeltern und Eltern wollte sie endlich ergründen.
Da standen sie, ihre Lieblingsbäume, die Birken. Es war etwas unheimlich. So alleine im Wald. Ob die Bäume ihr etwas zu erzählen hätten, wo sie doch so mächtig und alt da standen, dachte sie damals.
Unzählige Male hatte sie schon versucht, sie zu zeichnen. Viele zerknüllte Papierbögen flogen im hohen Bogen in den Papierkorb.
Vorsichtig setzte sie sich auf eine Bank aus Holz. Der Wind war angenehm warm auf ihrer Haut. Die Blätter der Bäume rauschten. Die Blätter tanzen, so sagte es ihre Mama immer.
Wollten die schon orange/gelb gefärbten Blätter ihr etwas sagen. Sie schloss ihre blauen Augen. Da rief doch jemand ihren Namen? Eine ihr unbekannte Stimme sagte: „Schau dich um, so viele wundervolle Dinge gibt es hier.“ Sei bereit, es zu erkennen. Lass dich durch keinen stören.
Aufgeregt und gespannt lauschte sie dieser Stimme.
Glaube an dich, deine Kraft. Sei nicht traurig, wenn dir nicht immer gleich alles gelingt. Probiere es nochmal, wenn es nötig ist, noch ein weiteres Mal. Vergiss nie: Auf dieser Welt gibt es niemanden, der so ist wie du.
Der Wind trug die unbekannte Stimme fort. Ganz leise hörte sie in der Ferne eine Melodie. „Keiner, wirklich nicht einer, ist wie du.“ Mit geschlossenen Augen atmete sie tief ein und aus. Sie fand eine angenehme Ruhe, Zufriedenheit und Erkenntnis.
Langsam wurde es dunkel. Sie rannte zurück nach Hause. Dort wurde sie mit den Worten „Wir haben dich gesucht“ bereits erwartet.
Erleichtert rannte sie in die Arme ihrer Mama und sagte: „Ich weiß jetzt, keiner ist wie ich.“ An diesem Sommerabend saßen sie noch lange im Garten und hörten das Rauschen des Windes.
Gerade zeigt sie mir eines ihrer neusten Bilder. Es sind Birken.
Ihre blauen Augen strahlen. Sie sagt: „Noch heute gehe ich in den Wald, um Kraft zu tanken.“
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